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André Villas-Boas – vom Fan zum Trainer

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Der Europaleaguetriumph des FC Porto im Jahr 2011 war nicht nur aufgrund des rein portugiesischen Finales ein Spiel für die Rekordbücher, es ist auch ein Meilenstein im Lebenslauf eines der faszinierendsten Trainertalente der Welt.

André Villas-Boas, geboren am 17. Oktober 1977, wurde an diesem 18. Mai 2011 der jüngste Trainer, der jemals einen Europapokal gewinnen konnte. Am 3. April 2011 gewann er mit seiner Mannschaft die portugiesische Liga fünf Spiele vor Ende als der drittjüngste Coach in der Historie, stellte in dieser Spielzeit noch weitere Rekorde auf: – der größte Vorsprung auf den Zweitplatzierten (21 Punkte) – die dritte Mannschaft, die ohne Niederlage blieb (Benfica schaffte dies zweimal in den 70ern) – die meisten aufeinanderfolgenden Siege (16) und – die meisten Spiele ohne Niederlage (36 in allen Wettbewerben)

Neben dem Liga- und Europapokaltitel holte er den Supercup und nationalen Pokal nach Porto und schaffte in seiner Debütsaison beim FC Porto das Triple.

Diese zahlreichen Titel und Rekorde zeigen sich in dem bestätigten Interesse zahlreicher europäischer Topteams an Villas-Boas, neben Chelsea, Inter und Liverpool gilt der junge Portugiese auch als Geheimtipp für die Nachfolge Pep Guardiolas bei Barcelona, welchen er selbst ebenso als große Inspiration und als Vorbild angibt, wie Johan Cruijff und Rinus Michels.

Wie kam André Villas-Boas zum Fußball?

Bereits in jungen Jahren zeigte er theoretisches Interesse am Fußball, er interessierte sich sehr für Statistiken, Taktiken, Innovationen und ganz besonders: den FC Porto. Als der junge Hobbyfußballer im Alter von 16 Jahren erfuhr, dass der damalige Portotrainer Sir Bobby Robson in seiner Siedlung ein Appartement hatte, schrieb er ihm einen Brief.

Doch was Sir Robson erhielt, war kein Fanbrief eines Bewunderers, sondern die Forderung, der Stürmer Domingos Paciência sitze zu oft auf der Bank und verdiene mehr Einsätze. Bobby Robson antwortete auf den in bestechend präzisem Englisch  geschriebenen Brief, dass man doch bitte auch Beweise für seine Argumente hinterlegen sollte.

Die Antwort kam prompt: der 16-jährige André Villas-Boas legte in einem neuen Brief unzählige Statistiken und hypothetische Taktiken bei und beeindruckte Robson dadurch so sehr, dass jener ihm einen Platz beim FC Porto verschaffte – nicht als Jugendspieler, sondern ein Praktikum bei den Jugendtrainern.

Doch nicht nur das war eine Konsequenz dieses Briefwechsels, eine der hypothetischen Taktiken kam sogar zum Einsatz: Andrés Kindheits Idol Paciência spielte, wie von Villas-Boas empfohlen, überraschenderweise von Beginn an im Uefa-Cup-Spiel gegen den SV Werder Bremen und traf nach sieben Minuten – die Spielzeit sollte Paciência als Stammspieler und die folgende Saison als Torschützenkönig beenden.

Dies war der erste Erfolg Villas-Boas seiner Karriere und einer seiner jüngsten Erfolge war ebenfalls gegen Domingos Paciência, denn jener war der Trainer Bragas, als diese im Sommer 2011 im Europaleaguefinale gegen das von Villas-Boas trainierte Porto verloren.

Doch zurück ins Jahr 1994: André Villas-Boas beobachtet die Jugendtraining des FC Porto, wird bald darauf ins Ausbildungszentrum der FA nach Lilleshall geschickt, um seinen Trainerschein zu machen.

Obwohl er deutlich der jüngste ist, besteht er mit Bestnoten und darf beim ehemaligen Verein Robsons, in Ipswich Town, unter George Burley ein Praktikum absolvieren.

Kein Problem für den jungen André, der immer von verschiedenen Ländern und Kulturen geträumt hatte und dank seiner britischstämmigen Großmutter auch fließend Englisch kann. Nach Abschluss seines Praktikums wurde er von George Burley als hochintelligent, diszipliniert, lernwillig und charismatisch beschrieben, dieser Empfehlung verdankte er wohl auch seine Arbeit als Jugendtrainer. Im Alter von 19 Jahren übernahm er die U19 von Porto, in jenem Alter, in welchem er seine eigentlich geplante Ausbildung zum Sportjournalisten hätte beginnen sollen.

Bereits damals war er teilweise jünger als manche seiner Spieler und es sollte nicht das letzte Mal in seiner Karriere sein.

Vom Trainer zum Scout und wieder zurück

Im Alter von 21 Jahren wurde André Villas-Boas ein Platz als Nationaltrainer der britischen Jungferninseln angeboten und er akzeptierte.

Damals wurde er zum jüngsten Nationaltrainer der Welt, doch bereits ein Jahr darauf erklärte er seine Arbeit nach nur zwei Spielen für beendet. Interessant ist hierbei, dass Villas-Boas sich in seiner Zeit bei den britischen Jungferninseln hauptsächlich darum kümmerte, dem Verband eine professionelle Struktur zu geben, was ihm auch gelang.

Der Verband war sogar so unprofessionell, dass sie sich beim Einstellen Villas-Boas‘ nicht über dessen Alter im Klaren waren – dieses kleine Geheimnis deckte jener erst nach seinem Abschied auf, was für leichtes Entsetzen bei seinen ehemaligen Vorgesetzten sorgte.

Der wirkliche Grund für seine Abwanderung war jedoch ein anderer, José Mourinho war 1994 Assistenztrainer Robsons gewesen und ebenso wie der Brite von Villas-Boas‘ Brief sehr beeindruckt gewesen, deshalb meldete er sich als Trainer Portos wieder bei André und bot ihm die Stelle als einer seiner Assistenztrainer an, genauer gesagt als Chef der Scouting- und Taktikabteilung.

Trotz seines fast märchenhaften Aufstieges und seiner herausragenden Fachkompetenz war Villas-Boas in der Fachwelt weitgehend unbekannt, diesen Umstand nutzte Mourinho für sich aus.

Villas-Boas analysierte die Gegner Portos nicht nur bei deren Fußballspielen, sondern auch beim Training, in die er sich verkleidet hineinschlich.

Als Mourinho zu Chelsea und Inter Mailand ging, folgte ihm Villas-Boas. Doch nicht nur beim Trainer war er beliebt („er ist meine Augen und Ohren“), auch unter den Spielern genoss er hohes Ansehen, neben seiner eloquenten und freundlichen Art waren es sicherlich auch seine Gegner-CDs, die ihn so populär machten.

José Mourinho erhielt zu Beginn der Woche eine Kurzanalyse zum nächsten Gegner von Villas-Boas, woraufhin Mourinho die Grundphilosophie für das nächste Spiel vorgab.

Villas-Boas würde daraufhin in den kommenden vier Tagen einen Scouting Report und Zusammenschnitte sämtlicher gegnerischer Spieler erstellen.

Letztere bekam jeder Spieler als DVD gebrannt und darin waren Hinweise enthalten, worauf man besonders achten soll und wie man gegen den jeweiligen Gegenspieler am effektivsten angreifen und verteidigen kann.

Der Scouting Report für Mourinho bestand aus einer Analyse der

  1. offensiven Organisation
  2. offensiven Aktionen im Umschaltmoment nach Ballgewinnen
  3. defensiven Organisation
  4. defensiven Aktionen im Umschaltmoment nach Ballverlust
  5. offensiven Organisation bei Standards
  6. defensiven Organisation bei Standards
  7. grundlegenden Spielzüge im Angriff
  8. sonstigen Faktoren, die das Spiel beeinflussen könnten, wie zum Beispiel die Bankspieler, das Ein- und Auswechselverhalten, Alternativsysteme und Zahl der Verletzten

Bei jedem Punkt gab es einen oder mehrere Ratschläge von Villas-Boas, wie man dagegen am besten vorgehen könne (im Rahmen der von Mourinho vorgegebenen Philosophie) und mit welchen Spielern dies am effektivsten umzusetzen wäre.

Laut Experten gilt Villas-Boas als einer der Hauptfaktoren der Erfolge Mourinhos, doch trotz dieser erfolgsgekrönten Symbiose und seiner Beförderung zum Co-Trainer in der Saison 2008/09 wechselte er im Oktober 2009 zum sieglosen Tabellenletzten Portugals, Académica de Coimbra, wo er Rogério Gonçalves als Trainer nachfolgte.

Er sicherte den Nichtabstieg und er veränderte das Spiel der Mannschaft schnell und effektiv. Sein Team spielte einen schönen und offensiven Fußball, unter seiner Regie sogar ein  positives Torverhältnis und man hatte am Ende der Meisterschaft 10 Punkte und 5 Plätze Vorsprung auf einen Abstiegsplatz.

fußballtaktische AnalyseAndré Villas-Boas ließ im 4-3-3 spielen und neben der Torhüterrotation -der junge Rui Nereu wurde von Ricardo abgelöst und danach wurde wieder rotiert, nach Fixierung des Klassenerhalts kam der dritte Torhüter in den letzten zwei Spielen zum Einsatz- gab es einige weitere Besonderheiten in diesem Team.

Das zentrale Mittelfeld bestand aus drei unterschiedlichen Spielertypen, die jedoch alle defensiv sehr diszipliniert waren.

Während Coelho ein moderner Abräumer ist, der Bälle kurz und einfach von hinten herausspielt, sind Cris und Tiero eher Organisatoren und Strategen.

Tiero sich bewegte sich eher im Zentrum und durch glänzte durch fulminante Weitschüsse.

Cris hingegen ist ein typischer Box-to-Box-midfielder ist, er hilft den Außenverteidigern auf Außen und sorgt im Strafraum mit seiner Kopfballstärke für Gefahr.

Die Außenverteidiger Pedrinho und Emidio Rafael agierten sehr offensiv, sind jedoch für Außenverteidiger recht groß gewachsen und sorgten neben den körperlich robusten Orlando und Berger für eine sichere Viererkette.

João Ribeiro spielte einen inversen Winger und Sougou nutzte seine Schnelligkeit, um aus der Tiefe zu kommen – beide waren weitgehend von Defensivaufgaben befreit, doch aufgrund dessen agierte Éder für einen Mittelstürmer sehr defensiv, half hinten mit und attackierte die gegnerische Defensive aggressiv. Bis zu Villas-Boas‘ Ernennung zum Trainer war der junge Brasilianer noch ohne Einsatz gewesen, unter ihm blühte er auf und verdrängte frühere Stammspieler wie Lito und Vouho auf die Bank.

Nicht nur der souveräne Klassenerhalt sorgten für das Interesse von größeren Vereinen, auch die Fähigkeiten Villas-Boas in K.O.-Phasen zeigten Wirkung, erst im Halbfinale des Ligapokals scheiterte man knapp durch ein spätes Gegentor von Mariano González gegen den FC Porto.

Von den Medien mit Lob überschüttet, galt Villas-Boas als der wahrscheinlichste Nachfolgekandidat Carlos Carvalhals als Trainer von Sporting Lissabon, doch als Jesualdo Ferreira den FC Porto verließ, waren die Weichen für eine weitere märchenhafte Anekdote in der Biographie Villas-Boas‘ gestellt.

Die Rückkehr zum FC Porto

Bereits bei seiner ersten Pressekonferenz als offizieller Trainer Portos wurden Vergleiche mit José Mourinho gezogen, welchen sich André Villas-Boas aber verwehrte. So beschrieb er sich selbst eher als einen Klon Bobby Robsons, als Mourinhos, denn er habe „eine englische Vorfahre, eine große Nase, liebe Wein“, wie er zu Protokoll gab.

Die Saison begann gut, zwar schied man mit etwas Pech aus dem Ligapokal aus, aber man konnte den Supercup gegen Benfica für sich entscheiden.

Auch in der Liga gewann man die ersten Spiele und konnte sich mit sieben Siegen in den ersten neun Spielen schnell von Benfica abheben. So wurde das Aufeinandertreffen der Teams, welche zu diesem Zeitpunkt beide weit über dem üblichen Punkteschnitt eines portugiesischen Meisters, flugs von den Medien zum vorentscheidenden Endspiel um die Meisterschaft entschieden.

Villas-Boas sollte die Portoanhänger nicht enttäuschen, das Spiel wurde in Meistermanier mit 5:0 gewonnen und in der Pressekonferenz danach erklärte der junge Portotrainer kokett, wie sein verdutzter Gegenüber hatte spielen lassen wollen, wie seine Mannschaft das ausgenutzt hatte und wo die taktischen Schwächen des Gegners liegen. Harter Tobak für den Benficatrainer Jorge Jesus – es sollte nicht das letzte Mal in dieser Saison sein.

Auch das Rückspiel konnte Porto für sich entscheiden und konnte die Meisterschaft sogar auswärts in Benficas Estádio da Luz fix machen, eine Demütigung für den Verein mit der höchsten Mitgliederzahl der Welt.

Nachdem man im Pokal 2:0 gewonnen hatte, witterte man Lunte und Rache an Villas-Boas, doch im Rückspiel gewann Porto mit 3:1 in Lissabon und wahrte seine Triplechancen.

Als Benfica in der Europaleague Gefahr lief, im Finale wieder auf Porto zu treffen, protestierten Benfica-Fans vor dem Rückspiel gegen Braga, man solle doch bitte verlieren, da man keine Chance gegen die Mannschaft von Villas-Boas habe.

Gesagt, getan und Porto besiegte in einem untypisch langweiligen Spiel den SC Braga.

fußballtaktische AnalyseVillas-Boas, der seinen Vertrag bereits im Dezember um ein Jahr verlängert hatte, holte so sein erstes Triple und das zweite für Porto nach der 2003/04er-Saison unter José Mourinho. Zwar war die Zahl ihrer wichtigen Trophäen gleich, doch Villas-Boas holte mehr Punkte, mehr Spiele zu Null, erzielte mehr Tore und beendete die Saison ohne Niederlage, seine Mannschaft gab in 30 Spielen nur dreimal Punkte ab.

Villas-Boas ließ die ganze Saison über in einem 4-3-3 spielen, Top-Stürmer Falcao und Hulk sorgten für die Kraft und Effektivität im Strafraum, Varela auf links sorgte für die nötige Breite. Unterstützt wurden sie von den offensiven Außenverteidigern und abgesichert durch ein sehr zweikampfstarkes Dreieck in der Defensive, vor welchem der Taktgeber Moutinho und der dynamische Allrounder Guárin agierten – der Trainer war seiner Philosophie treu geblieben und hatte damit Erfolg.

Bereits im Mai gab es Gerüchte um einen Wechsel zu Inter Mailand, doch André Villas-Boas schwor seinem Verein Treue und Loyalität. Umso überraschender war es, als er seine Ausstiegsklausel zog, seine Kündigung per Fax übermittelte und 15 Millionen € an den FC Porto überwies – per Anwalt. Unpersönlich und taktlos, wie ihm sowohl Portos Präsident als auch die Fans vorwerfen. Landesweite Beschimpfungen waren die Folge, der Wechsel zu Chelsea sorgte für Unmut – ist Villas-Boas doch „nur“ ein neuer Mourinho?

Wofür steht Villas-Boas und was unterscheidet ihn von Mourinho?

Ähnlich wie Mourinho stellt Villas-Boas seine Spieler in den Vordergrund, orientiert sich an ihren Wünschen, lässt alle zu Einsätzen kommen und arbeitet flexibel. Auch in Bezug auf Presseattacken und Temperament sind Ähnlichkeiten festzustellen (bspw. ist Villas-Boas kein Unschuldiger bei der Affäre um Anders Frisk), doch der ehemalige Assistent wirkt trotz seines roten Schopfes deutlich gemäßigter als Mourinho, seine Eleganz ist nur in Bezug auf Kleidung der von Mourinho gleichwertig, in seinem öffentlichen Verhalten hat Villas-Boas eindeutig weniger Ecken und Kanten als sein Lehrmeister.

Ebenfalls lassen sich Unterschiede bei der Mannschaftsführung feststellen, beide opfern sich zwar völlig für ihre Mannschaft auf, doch Villas-Boas hat einen freundschaftlicheren Umgang, seine Spieler sind nicht nur Ratgeber, sondern dürfen auch mitentscheiden.

Die Aussagen Villas-Boas, „bei einem Trainer, der sich wie ein Diktator verhält, können Fußballspieler ihre Talente nicht nutzen“ und „für mich ist der Fußball keine One-Man-Show, ich orientiere mich an der Philosophie des Vereins und den Wünschen der Spieler“ wurden in portugiesischen Medien als indirekte Kritik an Mourinho ausgelegt. Ob die beiden deshalb vor ein paar Monaten den Kontakt zueinander abgebrochen haben?

Laut Villas-Boas sei dies nicht so, sie verstehen sich angeblich noch sehr gut, hätten jedoch keine Zeit mehr für einander. Auch insistiert Villas-Boas darauf, dass José Mourinho in seinen Augen der beste Trainer aller Zeiten ist – eine Antwort von Mourinho gab es jedoch nie.

Zwar halten beide ihr Privatleben wie auch ihre Trainings unter Verschluss vor der Öffentlichkeit, doch zumindest eines weiß man: während José Mourinho eher taktische Spielzüge einübt, setzt Villas-Boas auf moderne Übungen, die das Spiel mit Ball in den Vordergrund rücken und so dynamisch wie möglich sein sollen, um gleichzeitig die Koordination zu schulen.

Generell scheint Villas-Boas seinen Kollegen (exkl. Jorge Jesus) sehr großen Respekt entgegen zu bringen, neben Mourinho und Sir Bobby Robson richtete er seinen Dank auch an den Barcelonatrainer Pep Guardiola, den er als große Inspiration sieht: der offensive Fußball Guardiolas sei Vorbild für sämtliche Mannschaften der Welt, so Villas-Boas – eine weitere Kritik an Mourinho?

Mit dem Lob für Villas-Boas Spielweise muss man jedoch abwarten, auch José Mourinho ließ bei Uniao de Leiria und Porto einen spektakulären Offensivfußball spielen, wurde im Laufe seiner Karriere jedoch immer mehr ein Verfechter des Ergebnisfußballs. Aussagen Villas-Boas‘ wie „wir würden lieber sterben, als unsere Art zu spielen zu ändern“ sind trotz des Lobs des Präsidenten Portos, Pinto da Costa, der sagte, dies sei das beste Porto aller Zeiten, mit Vorsicht zu genießen.

Zehn bis fünfzehn Jahre würde seine Karriere im Fußballbusiness dauern, so Villas-Boas. Wer würde es ihm verübeln, wenn er seine Art zu spielen opfern würde? Es ist nicht mehr die Frage, ob Villas-Boas den modernen Fußball revolutionieren wird, es ist eher die Frage, wie und wie lange.

Denn André möchte sein Leben noch genießen, eine Motorradtour um die Welt und eine Karriere als Sportjournalist warten noch auf ihn, doch wie so oft in seiner Karriere könnte eine märchenhafte Geschichte seine Pläne über den Haufen werfen – und dann wollen wir hoffen, dass er seinem eleganten Ideal treu bleibt, es würde nur zu gut passen: ein junger Knabe, ein Nachfahre eines englischen Grafen und eines Barons, wird zum König der Drachen und dann der Duke von Chelsea. Ein Märchen wie einst Schneewittchen.

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Louis van Gaal: Der Missverstandene

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Kein anderer Trainer war in der letzten Zeit Thema ähnlich heftiger Debatten wie der Niederländer Louis van Gaal.

Wie in anderen Ländern war auch sein Aufenthalt in Deutschland ein kleines Spektakel und selbst für Bayern-Verhältnisse die Amtszeit des Holländers turbulent.

Auf den Fast-Rausschmiss im Herbst 2009 folgten Traumfußball und das Fast-Triple sowie eine chaotische Folgesaison. Ganz unabhängig davon, wie man zu Louis van Gaal steht: Er ist ein besonderer und polarisierender Trainer. Doch wie wurde van Gaal zu dem, was er heute ist? Und wie ist er überhaupt? Oder: Wer ist er überhaupt?

Der Weg zum Trainer

Der Weg zum Trainer begann für van Gaal, geboren am 8. August 1951 in Amsterdam, bereits im Kindesalter, als er sich nicht auf Autogrammjagd begab, sondern lieber auf die Arbeit des Trainers achtete. 1971 wechselte van Gaal  in die zweite Mannschaft von Ajax Amsterdam, wo er es allerdings nicht weiter brachte als auf die Ersatzbank des A-Teams, was am damals überragenden Johan Cruyff lag.

Genau das ist aber auch das Besondere an van Gaal. Auch wenn er einen Profihintergrund vorweisen kann, so ist sein Werdegang doch nicht der eines typischen Trainers. Er ist nicht der, der sich als Aktiver Lorbeeren verdiente, nicht der Branchenfremde, der aus einer anderen Sportart kommt, nicht der langjährige Co-Trainer, der sich irgendwann emanzipierte, aber auch nicht der, der sich kontinuierlich steigerte, nachdem er entweder im Jugendbereich oder in unteren Klassen begonnen hatte. Van Gaals Weg ist eine Mischung aus all diesen Facetten.

Während seinen weiteren Profistationen bei Royal Antwerpen, Telstar, Sparta Rotterdam und AZ Alkmaar hatte van Gaal einen Nebenjob. Er arbeitete als Sportlehrer an der Don-Bosco-Berufsschule als Teilzeitkraft, wo er es mit Kindern aus verschiedensten Schichten zu tun hatte. Hier konnte er für seine Trainerlaufbahn Erfahrungen sammeln – und genau hier liegt wohl auch der Grund, warum van Gaal später am liebsten mit jungen Spielern arbeiten wollte und konnte.

Doch bereits der Spieler van Gaal dachte wie ein Trainer. Nachdem sich erste Engagements als Co-Trainer zerschlugen, hörte er den Ruf seines ersten Profiklubs, Ajax, wo er Trainer der A-Jugend sowie der zweiten Mannschaft wurde. Erst jetzt – als er eine Vollanstellung erhielt – gab er seine Stelle an der Don-Bosco-Schule nach elf Jahren auf.

In den folgenden Jahren von 1988 bis 1991 wurde er zum Assistenten Spitz Kohns, mit dem er laut eigener Aussage „phantastisch“ zusammenarbeitete, pausierte ein Jahr für das Erlangen des Trainerscheins und wurde danach Co-Trainer vom neuen Ajax-Coach Leo Beenhakker. Mittlerweile hatte er aber höhere Ziele: Einen Posten als Cheftrainer. Er bewarb sich bei anderen Vereinen, wurde jedoch vom Ajax-Vorstand zum Warten auf das Erbe Beenhakkers überzeugt. In der folgenden Spielzeit – 1991/92 – wechselte dieser dann nach wenigen Wochen zu Real Madrid – und der Weg für van Gaal war frei.

Tulpen aus Amsterdam

Er arbeitete an allen Fronten des Vereins in organisatorischen wie strukturellen Angelegenheiten, leitete Veränderungen in der Aufstellung und Taktik ein und bastelte ebenfalls an der Kaderzusammenstellung. Das ist die wohl wichtigste Eigenheit des Louis van Gaal: Kontrolle. Und damit hatte auch der Großteil seiner Konflikte mit Vorständen zu tun.

Dieses Verlangen nach absoluter Kontrolle kann als Stärke und Schwäche gesehen werden. Von Vorständen Vorständen, aber auch von Medien wird es häufig als Ignoranz, Sturheit, Arroganz oder – wie es Uli Hoeneß nannte – „Beratungsresistenz“ gedeutet. Dabei steht van Gaal doch mit seinem Trainer- und Betreuer-Stab in enger Kommunikation, fordert nach eigener Aussage sogar Ratschläge. Kommunikation bezeichnet er desweiteren als den zentralen Baustein sowohl des Fußballspiels an sich als auch seiner (Trainer-)Philosophie.

Allerdings bezieht sich das Kommunizieren nur auf seinen Stab und die Spieler, vom Vorstand lässt er sich höchst ungern in seine Arbeit reinreden. Allerdings sucht er in diesem Kontext generell das Gespräch eher selten – sicherlich ein weiterer Schwachpunkt van Gaals.

Zwar kommuniziert er mit den Spielern häufig, doch die Spieler suchen von sich aus das Gespräch mit dem Trainer selten. Ob dies an der Einstellung und dem Rollenverständnis seitens der Spieler liegt oder an van Gaal, sei dahingestellt. Es zeigt aber, dass van Gaal fast ausschließlich mit seinem Kader, unter seinen Bedingungen, unter seiner großen Kontrolle und mit von ihm „anerkannten“ Spielern funktioniert.

Dann funktioniert es allerdings richtig gut. Bereits in seiner ersten Saison bei Ajax – 91/92 – gewann van Gaal mit dem Team den Supercup. Nach und nach trug die Mannschaft immer mehr seine Handschrift und es stellten sich Erfolge ein. In sechs Jahren bei Ajax holte man außerdem noch dreimal die Meisterschaft, einmal den Pokal, dreimal den niederländischen Supercup, einmal den UEFA-Supercup.

Ajax: Prototyp des van Gaal-Fußballs

Die Krönung erfuhr die große Ajax-Mannschaft der 90er, als man 1995 die Champions League und den Weltpokal holen konnte. Es war die Wiedergeburt des Ajax-Mythos der 70er mit einem Fußball, wie er selten schöner gespielt wurde und einer Taktik, die Europa komplett dominierte.

Taktik und Stil kann man als ballbesitz-orientierten und dominanten, offensiven Fußball charakterisieren. Dies sieht für van Gaal selbst so aus:

„Dominant zu spielen bedeutet mehr Torchancen zu kreieren als die gegnerische Mannschaft. (…) Ich verbinde den Begriff  ´dominant´ mit offensivem Fußball und Pressing in der Hälfte des Gegners.“

Diese Dominanz erfüllten van Gaals Jungstars in ihrer besten Zeit perfekt. Man spielte ein flexibles 3-3-1-3-System. Doch nicht nur das System war beeindruckend, sondern auch die Art, in der es gespielt wurde. In ein auf Dominanz und Ballbesitz ausgelegtes Spiel mit festen Positionen wurden Rochaden und Spielerverschiebungen eingewebt, es wimmelte von Kurzpass-Stafetten, Doppelpässen, „Kaatsers“ (klatschengelassene Bälle) und Spielverlagerungen.

Essentiell dafür waren die flexiblen Mittelfeldspieler. Dazu gehörte Frank Rijkaard – ein Hybrid aus Innenverteidiger und Sechser, Antreiber, spielmachender Libero vor der Abwehr und Staubsauger in einem, der im Offensivspiel in Libero-Manier nach vorn stieß und dort häufig für den finalen Pass zuständig war. Ebenfalls sehr polyvalent war der große Torjäger – die vertikal sehr bewegliche Schattenspitze Jari Litmanen, die ebenso defensivstark war wie die zentralen Mittelfeldspieler Davids und Seedorf. Ihre Ballverteilung und das Initiieren der Ballzirkulation sowie Läufe aus der Tiefe in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr machten sie zu den zentralen Akteuren des Spiels mit den wohl meisten Aufgaben.

Ein weiterer Eckpfeiler für den Erfolg der extrem jungen Mannschaft (nur 2 Spieler aus der Start-11 des CL-Endspiels waren älter als 25 Jahre) war die besondere Beziehung zu van Gaal. Es waren von ihm selbst geformte Spieler, die ihm bedingungslos folgten, lernbereit waren sowie individuell auf Topniveau agierten.

In dieser Zeit finden sich auch viele Beispiele dafür, dass van Gaal nicht nur den Fußballer sieht, sondern auch den gesamten Menschen und seine Persönlichkeit, weshalb er beispielsweise alle Geburtstage der Spielerfrauen kennt. In den Niederlanden gilt er noch heute als einer der Verfechter des „Prinzips des ganzheitlichen Menschen bzw. Fußballers“. So unterstützte van Gaal – den auch der Tod seiner ersten Frau Fernanda enger mit dem Team zusammengeschweißt hatte – Patrick Kluivert, der einen Autounfall mit Todesfolge verursacht hatte, indem er ihn regelmäßig besuchte und an ihm festhielt.

Ebenso handhabte er es bei Finidi George, nachdem dessen Bruder in Nigeria ermordet worden war. Und als Torwart Edwin van der Sar wegen seines Spielstils – heute durch moderne Antizipationskeeper wie Manuel Neuer oder Victor Valdes vertreten – von den Medien verspottet wurde, stärkte van Gaal ihm öffentlich den Rücken und konterte die Kritik.

Misserfolg und Renovation als Verbandsfunktionär

Die folgenden drei Jahre nach Ajax, welche van Gaal beim FC Barcelona verbrachte, waren nicht unbedingt die erfolgreichsten, obwohl man zweimal die Meisterschaft, einmal den Pokal und den UEFA-Supercup gewann. Seine Spielidee war zwar durch die achtjährige Amtszeit von Johan Cruyff bereits zu großen Teilen im Verein implementiert, aber van Gaal kam mit seiner Direktheit nicht mit dem spanischen Lebensgefühl zurecht.

Folglich fand van Gaal nicht den richtigen Zugang zu seinem Team. Kritikern zufolge verliert van Gaal bisweilen das komplette Team aus den Augen, da er sich zu sehr mit den einzelnen Spielern befasse. In der Tat kümmert sich van Gaal um einen individuellen Zugang zu jedem, lässt von Experten Spielerprofile erstellen, arbeitet nach einem Menschenbild-Schema von Leo van der Burg und führt mit potentiellen Neuzugängen Gespräche in deren vertrauter Umgebung. Hierin liegt die Gefahr, dass die Gleichheit der Spieler leidet. Einige Spieler fühlen sich dann in erhöhtem Ausmaße vernachlässigt.

Sein Vertrauen in junge Spieler zeigte sich auch in Barcelona, als er aus der Jugend heutige Top-Spieler wie Xavi, Iniesta, Victor Valdes und Puyol ins Team integrierte. Doch nach dem Ende seiner Amtszeit folgten für den Verein wie für van Gaal schlechtere Zeiten. Sowohl bei der niederländischen Nationalmannschaft als auch bei seiner zweiten Amtszeit in Katalonien sowie seiner Tätigkeit als Technischer Direktor bei Ajax lief vieles schief und der Erfolg blieb komplett aus.

Dafür konnte er beim KNVB einiges bewegen, als er mit dem Masterplan „die systematische, ineinander greifende Arbeit aller Altersklassen im niederländischen Fußball“ einführte, die allen Kindern eine Basisförderung und in einem zweiten Schritt eine Ausbildung zum Profi ermöglichen sollte.

Dazu gehören auch weitere Aspekte wie die Einführung bestimmter Projekte, die Erstellung von Richtlinien für Jugendtrainer (Spaß vor Sieg, Straßenfußball), die Installation neuer Leistungszentren und Stützpunkte und die Erweiterung und Modernisierung des Hauptmomente-Modells, welches die Phasen des Spiels beschreibt, sowie des TIC-Modells (Technik, Spielintelligenz, Kommunikation), welches die Elemente des Spiel beschreibt:

AZ: “Den Totaalvoetbal in die Moderne übertragen”

Nach einjähriger Schaffenspause setzte bei van Gaal dann der Aufwärtstrend ein, als er zu AZ Alkmaar zurückkehrte. Auf die Vorarbeit von Co Adriaanse aufbauend, schaffte es van Gaal auch eine übernommene Gruppe zu führen, von seinen Vorstellungen zu überzeugen und mit seiner Arbeit zu beeindrucken.

Noch heute schwärmt sowohl der Niederländer von seiner damaligen Truppe, von der Offenheit und den Festen und  Mannschaftsabenden, die man zusammen verbrachte, als auch seine Spieler von seiner Arbeitsweise, seiner menschlichen Nähe und den genauen Erklärungen, die er bezüglich Vorbereitung, Aufstellung, Trainingsmethoden und Perspektiven gab.

Nachdem man in den ersten beiden Jahren jeweils knapp den Meistertitel und im zweiten Jahr den Pokal verpasst hatte, geriet die dritte Spielzeit zur absoluten Enttäuschung. Führungsspieler waren verletzt, die Mannschaft nicht eingespielt. Dazu kam das unprofessionelle Verhalten einiger Spieler sowie Pech und Unvermögen beim Torabschluss. Man rutschte auf den elften Platz ab – und van Gaal trat zurück, da er glaubte, sein Team nicht mehr erreichen zu können.

Nur dank eines Aufstandes seitens der Spieler ließ er sich umstimmen – das war der Wendepunkt für seine Mannschaft. 2007/2008 war nicht mehr zu retten, aber in der folgenden Saison erklomm van Gaal mit seiner Mannschaft den Gipfel – ein historischer und dabei doch höchst-souveräner Meistertitel für AZ.

Nominell war es im Meisterjahr ein 4-4-1-1-System, welches aber vor allem von seiner Flexibilität lebte. Nahm man bei gegnerischem Ballbesitz eine breite 4-4-2-Rautenformation ein, mit der man den Gegner diagonal auf die Außen lenken wollte, so war doch das System im Angriffsspiel deutlich fluider und nur extrem schwer in eine Zahlenkombination zu fassen: Es lag zwischen einem 4-4-1-1, einem 4-3-3, einem schiefen 4-3-3 und einem 4-3-1-2.

Das Spiel lebte von Flexibilität und war vor allem in der Offensive schwer in eine Zahlenkombination zu fassen. Zwar war der Ballbesitz-Stil von van Gaal noch klar erkennbar, aber es wurde nun auch mehr Wert auf Umschalt-Aktionen bei Ballgewinn gelegt.

Zentrales Organ des Spiels war auch bei AZ das Mittelfeld um den eher absichernden und aufbauenden Kapitän Schaars, den vertikal spielenden Spielmacher de Zeeuw, der mit dem nach innen ziehenden David Mendes da Silva und dem in einer sehr freien Rolle als hängende Spitze operierenden El-Hamdaoui kombinierte sowie Positionen tauschte, und dem intelligenten und polyvalenten Martens. Weil so viel Bewegung und Fluss im Spiel war, jubelte der Guardian, van Gaal habe den Totaalvoetbal in die Moderne übertragen.

FC Bayern: Achterbahnfahrt der Gefühle

Mit so viel Lob ging es dann weiter zu einem Spitzenklub – dem FC Bayern. Bereits die Pressekonferenz anlässlich des ersten Arbeitstages wurde legendär: „Mia san mia, wir sind wir – und ich bin ich“. „Ich bin ich“ oder das enorm wichtige „Der Geist ist stärker als der Körper“ als Leitsätze seiner Philosophie. Passend dazu seine Selbstcharakterisierung: „Selbstbewusst, arrogant, dominant, ehrlich, arbeitsam, innovativ, aber auch warm und familiär.“ Das Innovative stellte van Gaal auch sogleich unter Beweis.

Er setzte auf einen EDV-Guru, Kameras und digitale Vermessungen an den Trainingsplätzen mit Analyse-Tools (wie etwa dem beim Konditionstraining assistierenden LPM-System), auf einen Psychologen und das regelmäßige Ausfüllen von Fragebögen durch die Spieler.

Diesen konnte er durch seine systematische Trainingsarbeit imponieren. Neben (Endlos)-Passformen enthält das Repertoire seiner Trainingspraktiken vor allem immer wieder leicht variierende Übungen nach dem Muster „Piggy in the Middle“ und Trainingsspiele mit provokativen Regeln. So werden die Zielsetzungen in die Übungen eingewebt, die dann allesamt mit Ball durchgeführt werden können.

In dieser Rückrunde spielte die Mannschaft begeisternden Fußball und konnte dank erfolgreicher Aufholjagd noch die Meisterschaft feiern. Der ballbesitzorientierte, flüssige, aber exakt auf die Spieler abgestimmte und systematische Stil erwies sich für die Bundesliga als zu gut. Auch in der Champions League war man zum ersten Mal seit Jahren wieder erfolgreich. Mit etwas Glück und einigen starken Spielen wurde das Finale erreicht, aber aufgrund der Niederlage das historische Triple verpasst.

Durch den Erfolg wurde ein „Feierbiest“ geboren und mit ihm eine legendäre Rede auf dem Münchner Rathausbalkon. Der Erfolg machte aus van Gaal einen Medienliebling und aus seinen Bayern ein Gesprächsthema und sogar einen Sympathieträger. Doch der Erfolg blendete  – große Veränderungen gab es zur neuen Saison nicht.

Es kam, wie es kommen musste. Eine schlechte Vorbereitung sowie Formkrisen durch die WM, eine riesige Verletzungsmisere, ein schlechter Saisonstart und extremer psychologischer Druck waren schließlich die Gründe für eine letztlich enttäuschende Spielzeit. Dazu kamen die stetigen Querelen zwischen van Gaal und Präsident Hoeneß. Dies gipfelte letztlich in van Gaals Entlassung.

Schon während jener schwachen zweiten Saison wurde vor allem die fehlende Flexibilität van Gaals kritisiert, da er sich zu sehr auf Ballbesitz festlege und ausrechenbar spielen lasse. Allerdings ist dieser Ballbesitz dem FC Bayern oftmals aufgezwungen, da die meisten Gegner – vor allem in der Allianz-Arena – sich auf das Verteidigen konzentrieren und auf ein Remis spielen. Desweiteren nahm van Gaal sehr wohl gewisse Änderungen vor – immer kleine, aber immer wichtige.

Sportliche Philosophie

Im Zusammenhang mit dieser Kritik geriet auch die Vokabel Positionsspiel unter medialen Beschuss. Bevor  man das Positionsspiel kritisiert, sollte man diesen zentralen Bestandteil der Fußballphilosophie van Gaals jedoch genauer erkunden:

So definiert van Gaal Positionsspiel:

„Im Spiel kommt es darauf an, dass wir durch unser Positionsspiel den Aufbau von hinten her sicherstellen, das Mittelfeld überbrücken und uns viele hochkarätige Torchancen erarbeiten. (…). Dabei ist (…) entscheidend, dass die Räume optimal genutzt werden und dass die Pässe und Annahmen technisch sauber ausgeführt werden“

Positionsspiel bezeichnet also die optimale Ausnutzung des Raumes durch die ständige Besetzung der Positionen – wobei nur wichtig ist, dass die Position besetzt ist, aber nicht, wer sie besetzt –, aus welchen die Spieler kombinieren, um eine formierte Defensive knacken zu können. Dafür teilt van Gaal das Spielfeld in 18 Rechtecke ein, in denen die Spieler operieren.

Im Positionsspiel soll der vertikale Pass normalerweise nur erfolgen, wenn eine hohe Erfolgsrate besteht, ansonsten wird der Ball horizontal gespielt. Man versucht dabei, immer weiter aufzurücken. Um dieses Ziel zu erreichen, den Gegner nach hinten zu drücken und den eigenen Spielschwerpunkt nach vorn zu verlagern, haben die Außenverteidiger eine wichtige Rolle. Deren Bedeutung bei van Gaal  hat sich durch die Änderungen im modernen Fußball im Laufe der Zeit vom rein defensiven „Killer“ zum offensiv wertvollen Schlüsselspieler am radikalsten geändert. Mit einem Wechselpass können sie freigespielt werden, um dann nach vorne zu stoßen, womit der Spielschwerpunkt automatisch nach vorne geschoben wird.

Dann verlagert man weiter, bis sich Lücken oder Räume öffnen, in welche der risikoreiche Pass gespielt werden kann. Entweder einzelne Spieler reißen diese Lücken (Spiel breit halten, Gegenspieler auf sich ziehen, Gegenspieler wegziehen) oder durch die schnelle Ballzirkulation kommt der Ball an einen Ort, wo die Gegner eine Unterzahl haben und damit keine Präsenz. Mental und physisch ist dieses Spiel recht kraftschonend, während der Gegner, der gegen die Zirkulation immer wieder verschieben muss, in beiden Bereichen ermüdet. So kann er sein Spiel nicht über 90 Minuten durchhalten, was nach einiger Zeit zu einer höheren Erfolgsrate der Verlagerungen führt. Dieses geduldige Zermürbungsspiel bedeutet für van Gaal, den Gegner „kaputt zu spielen“.

Darauf zielt der zweite große Kritikpunkt an der Philosophie ab – ein zu starres Positionshalten:

„Positionswechsel sind nicht die Lösung, um eine kompakte Verteidigung auszuspielen. (…) Ich finde, dass ein Spieler von einer bestimmten Position aus operieren muss. Diese Position ist nicht an bestimmte Linien gebunden. In dieser Position geht es um einen Raum, den ein Spieler bespielen muss und kann. (…) Er muss aus dieser Position Raum schaffen für die Mitspieler, aber im richtigen Moment den Raum auch wieder zumachen.”

Wichtig ist es, den Raum auf dem Feld zu kontrollieren und über ihn zu herrschen, ihn zu kreieren, zu füllen, zu schließen, zu lenken und zu verschieben, worauf die abgestimmten Bewegungen und Abläufe innerhalb des Teams herauslaufen. Das ganze System ist hochkomplex, ausgeklügelt, aber auch sensibel und daher störanfällig. Dennoch ist es effektiv,  aber bedarf eben einer guten Vorbereitung sowie Verständnisses und Fitness – vor allem in geistiger Hinsicht.

Es geht immer darum, dass der Spieler Raum schafft. Er darf aber seine Position verlassen, um eine Überzahl zu kreieren, den eigenen Raum zu öffnen oder Gegner abzuziehen. Dies sind aber Spielerverschiebungen, die zur Rolle und Funktion der Spieler ebenso dazugehören wie zur gesamttaktischen Strategie.

Wirkliche Positionswechsel sind dann effektiver, wenn Raum geschaffen werden kann, wofür aber zunächst die gegnerische Verteidigung durch das Positionsspiel aufgebrochen werden muss, um den Positionswechseln die gewünschte Effektivität zu verleihen. Gegen einen ungeordneten Gegner ist dies viel effektiver als gegen einen kompakten Gegner.

Missverstandenes Genie

Doch der Misserfolg war nicht der einzige Grund für van Gaals Scheitern in München: Die Schwächen Louis van Gaals wurden ausgerechnet beim FCB, zu dem er und seine Philosophie ansonsten gut passten, besonders aufgedeckt. Ein Trainer, der vollste Kontrolle anstrebt, der wenig mit seinen Vorgesetzen spricht, der unter seinen Bedingungen arbeiten will und der mit ganz bestimmten Regeln, Normen und Werten eine gewisse Eigenwilligkeit besitzt, wird es an der Säbener Straße schwer haben.

Am 10. April 2011 war das Kapitel Louis van Gaal beim FC Bayern endgültig Geschichte – weniger als ein Jahr zuvor war er noch der Heilsbringer und König von Bayern gewesen, und damit drängt sich ein Vergleich ganz besonders auf – mit König Ludwig II. von Bayern.

Jener Märchenkönig, Monarch von 1864 bis 1886, war wie van Gaal ein eigenwilliger Charakter mit sehr speziellen (Wert-)Vorstellungen und einigen diskutablen Entscheidungen, der auch wenig mit seinen unmittelbaren Vorgesetzten kommunizierte. Beide wollten unfehlbar sein, aber beide waren es nicht, beide strebten vollste Kontrolle für sich an, was ihnen letztlich zum Verhängnis wurde, beide waren vorher zu Heilsbringern verklärt worden.

Diese Verklärung ist heute bezüglich Ludwig II. wieder zu beobachten, der als Märchenkönig gefeiert wird. In der Tat besitzen seine visionären Bauprojekte in vielerlei Hinsicht einen extremen Stellenwert. Wie Ludwig imposante Schlösser bauen ließ, die nie komplett fertiggestellt wurden, wollte van Gaal beim FC Bayern eine Mannschaft im Geiste des totalen Fußballes aufbauen. Wie Ludwig die Idee des Mittelalters mithilfe modernster Technik ins 19. Jahrhundert übertragen wollte, versuchte van Gaal, mit ähnlichen Mitteln, jenen Geist, der die Ajax-Teams der 70er- und 90er-Jahre prägte, an den modernen Fußball anzupassen.

Ludwig II. und Louis van Gaal hatten ein politisches bzw. ein sportliches Konzept, ein sehr gutes Konzept, das aber auf viele – vor allem zum Ende ihrer Amtszeit – nicht so wirkte. Doch für die entsprechende Situation und die Umstände (angespannte und verzwickte politische Lage bzw. von vielen komplizierten Störfaktoren beeinflusste Saison 2010/11) konnten beide noch einiges herausholen. So  entfaltete das Konzept des bayerischen Monarchen erst Jahre später seine volle Wirkung – die sich als nachhaltig herausstellenden Bauten zog Ludwig dem Tagesgeschäft der damaligen Wirklichkeit vor, während van Gaal scheinbar mehr an Grundlagenarbeit und langfristigem Erfolg interessiert war als an kurzfristigem – und so hofft wohl jeder Bayern-Fan, dass die Arbeit von van Gaal in nächster Zeit noch seine nachhaltige Wirkung zeigen wird.

Sicherlich gibt es auch Unterschiede zwischen Ludwig II. und Louis van Gaal, doch die Gemeinsamkeiten sind erstaunlich. Beide waren sie bayerischer König einer mal langen, mal kurzen Epoche, van Gaal reiht sich praktisch in eine Reihe ein: König Ludwig IV. von Bayern – ein missverstandenes, aber nicht unfehlbares Genie.

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Felix Magath: Vom Zauberer zum Quäler

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Von “Super-Felix” zu “Quälix”: Kein Trainer ist ähnlich umstritten wie Felix Magath. Wie wurde aus dem schludrigen Talent einer der disziplinfanatischten Trainer der Bundesliga und wie sieht seine Spielphilosphie aus? Ein Porträt des aktuellen Coach des VfL Wolfsburg.

„Fantastico gol, forza Magath!“, tönt es aus den Kehlen der Laziofans. Auch 30 Jahre nach seinem Husarenstück wird er von allen Italienern, die nicht Fan der alten Dame sind, gefeiert. Nicht nur in Italien ist er bis heute ein Held, ebenso beim HSV und Fußballdeutschland. Es war der 25. Mai 1983, als er sich unsterblich machte.

Jener Magath, der zerbrechlich wirkte, ein sensibler Zauberer mit schwerer Vergangenheit und lockeren Füßen, sein linker Fuß sogar Gold wert. Eben jener linker Fuß, mit dem er sich in der 8. Minute in den Olymp schoss, als er im Olympiastadion in Athen den großen Dino Zoff und seine alte Dame abschoss.

Am Tag zuvor stand er noch in Trainingshose bei der Platzbesichtigung, während Michel Platini im Anzug siegessicher herumstolzierte, am Abend davor musste er noch den Zimmerservice bitten, seine Bettwäsche aufgrund des Angstschweißes zu wechseln.

Wider Erwarten war der Goliath aus Italien gefallen und Magath in einem berauschenden Fest von Medien, Kollegen und Fans zu einem griechischen Gott erhoben. Gut möglich, dass er sich auch heute noch auf diesem Thron wähnt.

Wie ein Träumer sich auf dem Fußballfeld verwirklichte

Wolfgang Magath, geboren im Jahr 1953, ein Sommerkind Ende Juni, war von Beginn an der Sohn von Unerwünschten. Seine Mutter eine ausgewanderte Ostpreußin, aufgrund ihres Dialektes in der Nachbarschaft bekannt, hatte ihn unehelich mit einem US-amerikanischen Soldaten gezeugt, der bald darauf das Land verlassen musste. Klein-Wolfgang blieb ohne Vaterfigur und hatte auch keinen Kontakt zu seinem Vater bis er 15 Jahre alt war. Für Magath bis heute der Grund, wieso er „in den Fußball abdriftete“. Seine Mutter arbeitete schwer und hatte kaum Zeit für ihn, Magath schwänzte die Schule, war unterwegs in Wäldern, aber auch Bolzplätzen und dem grünen Rasen, schulte lieber seine Beine als sein Gehirn. Obwohl Magath bis heute seine Nachlässigkeit bedauert, gab ihm erst dieses Fehlen einer Vaterfigur seine Karriere, seine Erfolge und Wohlstand.

Beim Heimweg von seiner katholischen Schule träumte Magath vor sich her. Der Quäler von heute war in seinen jungen Jahren ein sensibler Knabe, der auf dem Weg zum Bus gerne von Olympiasiegen in Leichtathletik träumte und statt der Goldmedaille öfters dem Schulbus hinterher sprinten musste.

Im Alter von sieben kam er zum VfR Nilkheim, dessen größter Erfolg bis heute ist, dass sie Magath vier Jahre halten konnten, ehe seine Mutter Helene ihn beim TV 1860 Aschaffenburg anmeldete.

Der Jugendtrainer Alexander Petschner erkannte sein Talent früh und förderte ihn, der junge Magath sah in ihm eine Vaterfigur, die er bis dato nie hatte.

Richtig zu tun bekam er es mit Petschner aber erst 1965, als er mit den älteren Spielern mit nach Frankreich auf ein Turnier wollte, was seine Mutter dazu brachte, bei Petschner anzuklingeln und ihn um Erlaubnis zu fragen.

Petschner ließ sich nicht zweimal bitten und nahm nicht nur damals den jungen Wolfgang unter seine Fittiche, auch auf Petschners Betreiben nahm Magath Briefkontakt mit seinem Vater in Puerto Rico auf.

Nach mehreren vergeblichen Probetrainings beim FSV Frankfurt, bei der Eintracht und bei den Kickers aus Offenbach wechselte Magath zum größeren Stadtrivalen Viktoria Aschaffenburg, doch Petschner glaubte weiterhin an eine große Karriere „seines“ Felix, doch forcierte ebenfalls dessen schulische Ausbildung, die jener zur Überraschung seiner Mutter mit dem Abitur beendete.

1974 war es dann fußballerisch soweit: Beraten von seinem ehemaligen Jugendtrainer unterschrieb Wolfgang, der sich nun in Anlehnung an seinen leiblichen Vater Felix nannte, einen Vertrag in der zweiten Liga beim 1. FC Saarbrücken – aus dem kleinen Maggi, einem „Aschaffenburger Lausbub“, wurde nun doch noch ein Profifußballer. 

Rascher Aufstieg und Titel

Sofort wurde Felix Magath Stammspieler und bereits in der Folgesaison stieg er mit dem 1. FC Saarbrücken auf. Mit 17 Saisontoren und zahlreichen Vorlagen war dies hauptsächlich sein Verdienst.

Obwohl der junge Magath, ganz im Gegensatz zu heute, sich nur schwer von alten Bekannten verabschieden konnte, wechselte er zum HSV und verließ den Verein, der ihm den Einstieg ins Profigeschäft ermöglicht hatte.

Trotz harter Kritik Ernst Happels an seiner Person („ein Klosterschüler, zu weich für dieses Geschäft“) wechselte Magath an die Alster und die Entscheidung sollte sich als goldrichtig erweisen – zehn Jahre Vereinstreue, europäische wie nationale Titel und Heldenstatus sollten der Lohn für Magaths Mut werden.

Doch nicht nur der sportliche Bereich sollte für Magath prägend werden, auch die Funktionäre und Verantwortlichen des HSV sollten Magaths Welt- und Selbstbild bis heute prägen.

Dr. Peter Krohn, Präsident und später Generalmanager, war ebenso wie der spätere Manager Günther Netzer ein Visionär in den wirtschaftlichen Bereichen eines Fußballvereines. Für die damalige Zeit gab es eine noch nie dagewesene Welle an Einsparungen, modifizierten Verträgen, Gehaltsobergrenzen und ähnlichem, was auch dem Teammanager Magath sehr wichtig sein würde.

Aber viel stärker beeinflussten seine Trainer ihn. Zuerst hatte er mit Kuno Klötzer einen knorrigen Schleifer der alten Schule als Trainer. Auf ihn folgte der ehemalige HSV-Torhüter Arkoc Özcan, welcher von Branko Zebec und später von der österreichischen Trainerlegende Ernst Happel beerbt wurde. Erfolg hatte nur einer von ihnen nicht, das war Arkoc Özcan – er war zu weich, zu nett, ihm fehlte die Autorität, die Zebec und Happel mitbringen sollten.

Schnell begriff der sensible Magath die Mechanismen der Profiwelt und kapselte sich privat immer mehr ab, doch dem Einfluss dieser Personalentscheidungen kann er sich bis heute nicht entziehen.

Als junger Spieler konfrontiert mit der Entlassung eines ehemaligen verdienten Spielers, orientierte er sich als Trainer deutlich an Zebec und Happel. Nach Vorbild dieser beiden sollte er einer werden, der die physischen und psychischen Grenzen seiner Spieler auslotet, sie beleidigt, Lob selten ausspricht und Strafrunden für kleine Fehler  verhängt; allerdings ohne die feinen Öffnungen der Menschlichkeit, wie es die beiden und insbesondere Happel taten, außerdem war er trotz seiner Erfolge nie ein taktischer Vorreiter, wie es seine beiden Vorbilder waren. Und auch als Spieler war seine Karriere von Rückschlägen begleitet.

Neben den großen Titeln (Europameister, zweifacher Vizeweltmeister, dreimaliger deutscher Meister und zweimaliger Europapokalsieger) musste Felix Magath auch schwere Verletzungen hinnehmen.

Im Alter von 25 Jahren erkrankte Magath an Hepatitis und war längere Zeit bettlägerig. In seinem Frust war seine einzige Ablenkung die Schachweltmeisterschaft zwischen Viktor Kortschnoi und Anatoliy Karpov, welche ihn für längere Zeit in den Bann zog. Auch nach Auskurieren seiner Krankheit verfolgte er internationale Schachspiele, zog erste Schlüsse für fußballtaktische Theorien daraus und ließ sich trotz Zeitmangels in der Schachabteilung des HSV einschreiben.

Die Hepatitis sorgte für eine kurzzeitige Abschwächung der Farbpigmente Magaths, ein Jahr lang sah er sich selbst nicht mehr wirklich ähnlich.

Ein weiterer schwerer Schicksalsschlag traf ihn 1986. Als er einen Mitspieler beim Training treten wollte, zog er sich einen Knorpelschaden im Knie zu und nach der Fußball-WM 1986 beendete er seine großartige Karriere.

Vom Rasenschach übers Management ins Trainergeschäft

Kurz danach bekam Felix Magath das Angebot des HSV den Posten des Managers zu übernehmen, welches er umgehend annahm. Trotz eines DFB-Pokal-Sieges im Jahr 1987 konnte er sich nicht lange halten und Kritiker bemerkten zynisch, dass Magaths größte Errungenschaften beim HSV die hochmodernen Atari-Computer für die Schachabteilung waren. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass der HSV seitdem keinen Titel mehr gewann, Magath schon.

Im Jahr 1988 übernahm er dann 1. FC Saarbrücken, abermals einen seiner ehemaligen Vereine, ging jedoch nach Differenzen mit der Vereinsführung im folgenden Jahr zum KFC Uerdingen, wo er nach eineinhalb Jahren entlassen wurde.

Magath bemerkte, dass er in diesem Geschäft nicht erfolgreich werden würde, aber von seinem geliebten Fußball konnte er sich nicht lösen. Völlig überraschend nahm er eine Karriere als Spielertrainer beim FC Bremerhaven in der Verbandsliga an, daneben arbeitete er in einem bürgerlichen Beruf.

Auf Anhieb wurde er Meister, doch seine Spieler jammerten über seine Trainingsmethoden („50 Runden im Powertempo, Diagonalläufe Eckfahne-Eckfahne. Nicht selten kam der Krankenwagen“) und 1993 wanderte er zum HSV als Betreuer der zweiten Mannschaft ab, Benno Möhlmann beförderte ihn kurz darauf zu seinem Assistenztrainer.

1995/96 wurde Felix Magath nun Trainer des HSV und feierte den Einzug ins UEFA-Cup-Achtelfinale in der Folgesaison, doch ungeachtet dieses Erfolges wurde er aufgrund zahlreicher Konflikte innerhalb der Mannschaft im Mai 1997 entlassen.

Seine fehlende Kommunikation mit den Spielern sollte ihm danach noch oft im Weg stehen, doch seine harten Trainingsmethoden sorgten dafür, dass viele abstiegsbedrohte Vereine seine Dienste in Anspruch nahmen.

Oft zitiert ist der Ausspruch des Norwegers Fjørtoft: „Ob Felix Magath die Titanic gerettet hätte, weiß ich nicht. Aber die Überlebenden wären topfit gewesen.“

Bis ins neue Jahrtausend zeigte sich ein deutliches Muster in der Trainerkarriere Magaths: kam er zu einem großen Verein, ging aufgrund der Medien und den Spielern alles in die Brüche, kam er zu einem kleinen Verein, so würde sich dieser aus dem Abstiegssumpf erheben (oder aufsteigen, wie es der 1. FC Nürnberg tat), nur um sich im Folgejahr dort wiederzufinden.

Als Feuerwehrmann der Liga gebrandmarkt, ging Felix Magath 2001 zum VfB Stuttgart, die in akuter Abstiegsnot waren. Der Klassenerhalt wurde gesichert und Felix Magath ging in die kritische zweite Saison, die er dank der herausragenden Jugendarbeit des VfB erfolgreich bestreiten konnte und in der folgenden Saison übernahm er zusätzlich noch die Aufgaben des Managers von Rolf Rüssmann.

Einige Transfers später wurde Magath zu einem Helden, als seine Mannschaft sich 2003 die Vizemeisterschaft hinter dem großen FC Bayern sichern konnte und die „jungen Wilden“ mit Offensivfußball in die Champions League einzogen.

Im Jahr 2004 konnte man Magaths Handschrift deutlich sehen: Spieler wie Kuranyi, Heldt, Hleb, Soldo, Lahm, Hildebrand und Hinkel waren eindeutig Magath zuzuschreiben, der sie geholt und gefördert hatte.

Trotz großspuriger Ankündigungen wie „Ich gehe erst, wenn ich den FC Bayern vom Thron gestoßen habe“ verließ Felix Magath seine jungen Wilden und wechselte zum Branchenprimus aus München.

Bereits im ersten Jahr wurde Magath Doublesieger mit dem „besten FCB-Kader aller Zeiten“, wie Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer vor der Saison verkündet hatten.

Mit Frings und Robert Kovac verließen zwei Stammspieler den Verein, Sebastian Deisler hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen und Mehmet Scholls Karriere neigte sich immer mehr dem Ende zu, doch der FC Bayern schaffte auch nächstes Jahr souverän das Double.

Felix Magath ließ dafür ein ähnliches System wie in Stuttgart spielen. Der Raum wurde oft mit weiten Bällen überbrückt, die Sagnol auf Makaay und Ballack schlug. Ein Erfolgsrezept in der Liga, doch trotz des Starensembles konnte Magath auf diese Art und Weise international keine Erfolge verbuchen. Die Kritik an seiner Person wuchs und nach dem Abgang Ballacks und weiteren Personalproblemen im Folgejahr wurde Magath entlassen.

Viele der Profis ließen kein gutes Haar an Magath, insbesondere Mark Van Bommel schimpfte über den Trainer („Taktik? Welche Taktik?“), doch auch der sonst so introvertierte Sebastian Deisler echauffierte sich über „Quälix“: „ Er misstraute den Spielern. Er schürte Angst, damit sie sich den Arsch aufrissen.

Für einen Trainer, der in Zeiträumen von ein bis zwei Jahren denkt, ist das, was Magath gemacht hat, vollkommen richtig. Ein Spieler, der fünf oder zehn Jahre dabei sein will, kann darunter leiden.“

Mit einem verletzten Stolz verließ der erste Doubleverteidiger der Bundesliga den FC Bayern und heuerte völlig unerwartet bei der grauen Maus VfL Wolfsburg an.

Mit Geld vom VW-Konzern führte er den VfL bereits im ersten Jahr zu einer UEFA-Cupteilnahme und in der folgenden Saison gab es seine persönliche Rache am FC Bayern.

Der Wundersturm Grafite und Dzeko besiegte ersatzgeschwächte Bayern mit 5:1 und kurz vor Ende wechselte Magath noch seinen Ersatztorhüter ein, um ihm „Spielpraxis zu verschaffen“. Vor dem letzten Spieltag gab Magath sein Meisterinterview – auf dem Münchener Rathausbalkon.

Die Wolfsburgmannschaft, die in diesem Jahr Meister wurde, war wie keine Mannschaft davor oder danach von Magath geprägt worden.

Acht der elf nominellen Stammspieler wurden unter seiner Ägide geholt, auch die anderen drei wurden maßgeblich von ihm gefördert. 55 Millionen Euro gab er aus, über 30 neue Spieler kamen in die Golfstadt.

Das Spiel war ein hochdynamisches Spiel, welches auf Umschaltmomenten basierte und in welchem das Zentrum, ähnlich wie im Schach, eine wichtige Rolle spielte. Das System war das von Magath bevorzugte 4-4-2 mit Raute, denn Magath war und ist einer der großen Verfechter eines zentral-offensiven Spielmachers.

Doch nicht nur auf dem Platz zeigte sich Magaths Würgegriff, der Trainer, Sportdirektor und Nachwuchskoordinator in Personalunion war, auch daneben wurden die Spieler von ihm maßgeblich beeinflusst.

Die hohe Spielerzahl im Kader sorgte für viel Konkurrenz und Probleme im zwischenmenschlichen Bereich. Ein Beispiel hierfür ist die Schlägerei zwischen der exzentrischen Diva Zvijezdan Misimovic und dem Ersatzspieler Rodrigo Alvim. Eine weitere Anekdote ist der Kollaps des Starstürmers Grafite im Trainingslager in Thun an einem heißen Julitag 2008.

Magath versprach einen trainingsfreien Tag, doch am Nachmittag mussten die Spieler des VfL den Berg Niesen hochlaufen – und Grafite kollabierte nach zweieinhalb Stunden Dauerlauf.

Solche Geschichten und Trainingsmethoden sind es, die eine Aufholjagd in der Rückrunde von Platz 9 auf Platz 1 ermöglichten, doch es verwundert nicht, dass nur wenige Spieler dem Meistertrainer nachweinten.

Auch ist es nicht überraschend, dass sich der VW-Konzern weigerte, das Gehaltsangebot des hochverschuldeten FC Schalke 04 zu überbieten und aufgrund dessen übernahm Felix Magath den FC Schalke 04.

In Augen des Schalke-Präsidenten Tönnies war Magath die einzige Möglichkeit für Schalke, sich wirtschaftlich zu konsolidieren ohne an sportlicher Stärke zu verlieren. Felix Magath bekam neben seinem Trainermanager-Job auch einen Posten im Vorstand und konnte deswegen Transfers ohne Bewilligung des Vorstandes durchführen.

Zahlreiche Spieler kamen und gingen, die meisten für kleines Geld und bald maß Schalkes Kader eine stattliche Zahl.

Kritiker äußerten bereits damals ihre Bedenken an Magaths Führungsstil, aber trotz Konflikten mit den Fans und einzelnen Spielern (wie etwa Albert Streit, den er suspendierte und der noch nach der Ära Magaths auf der Gehaltsliste Schalkes stand) konnte der sportliche Erfolg Magaths seine Gegner verstummen lassen.

Der FC Schalke wurde überraschend Vizemeister, obwohl man das gesamte Jahr über mit einer sehr tiefstehenden Abwehr spielte. Das Spiel nach vorne bestand großteils aus individuellen Aktionen und hohen Bällen, welche von Kuranyi und Co. verwertet wurden.

Der größte Erfolg Magaths in diesem Jahr war jedoch nicht der zweite Platz, sondern das Hochziehen junger unbekannter Spieler, wie Moritz, Schmitz und in der zweiten Saisonhälfte Matip.

Überraschend, aber in gewisser Weise doch zu erwarten war die folgende zwei Transferperioden Magaths: mit Rafinha, Bordon, Kuranyi, Westermann und Rakitic (im Winter 2010) verließen fünf Stammspieler den Verein und dazu gesellten sich mit Zambrano und Sanchez wichtige Ergänzungsspieler.

Gekauft wurde eine hohe Zahl an Spielern, von denen manche erfolgreich (Raúl, Papadopoulos, Kluge), einige weder Fisch noch Fleisch (Jurado, Uchida, Huntelaar, Metzelder, Sarpei, Escudero, Annan) und der Großteil absolute Flopps waren(Deac, Plestan, Hoogland, Avelar, Pliatsikas, Hao, Baumjohann, Charisteas, Karimi).

Diese schwache Transferphase und das destruktive Spiel Schalkes zeigten sich perfekt in ihrer Saison – in der Liga, wo man selbst agieren musste, konnte man kaum punkten und schwebte akut in Abstiegsgefahr, im DFB-Pokal und in der Champions League jedoch konnte man bis ins Finale respektive Halbfinale kommen. Letzteres jedoch ohne Felix Magath.

Magath hatte die Fans gegen sich gebracht durch die Transfers von Karimi und Charisteas, welche in Anbetracht des großen Kaders und der Verbindichkeiten fast wie Hohn wirkten.

Der Versuch sich über die soziale Plattform Facebook den Fans anzunähern, schien Erfolg zu haben, doch nach einer öffentlichen Schlammschlacht mit Clemens Tönnies wurde Magath entlassen und durch Ralf Rangnick ersetzt.

Magath pochte auf eine hohe Abfindung bei Entlassung, aber diese 15 Millionen konnte und wollte der FC Schalke nicht zahlen. Gerüchte, die Magath Veruntreuung bei Transfers unterstellten, kamen gelegen, doch völlig überraschend zog Magath seine Ansprüche zurück.

Tags darauf veröffentlichte der VfL Wolfsburg eine Pressemitteilung, wonach Magath wieder zu den Wölfen zurückkehrte – wie könnte es anders sein, denn als Feuerwehrmann. Und wie könnte es anders sein, als dass Felix Magath den drohenden Abstieg noch abwenden konnte.

Ob sich das alte zwei-Jahres-Schema seiner Karriere wieder bewahrheiten wird?

Magaths Fußballphilosophie, Schach und hartes Training

Eine zentrale Theorie erfolgreichen Schachspielens ist, dass man das Zentrum beherrschen muss, um das Spiel zu gewinnen. Im Zentrum hat man bis zuletzt mehr Alternativen um anzugreifen. Je nach Situation kann man auf die Außen ausweichen und man hat bis zum entscheidenden Zug den König geschützt.

Felix Magath, der aufgrund einer Niederlage gegen den fünfjährigen Sohn seines Schachtrainers Gisbert Jacoby zeitweise mit dem Spielen aufhörte, predigt dies auch im Fußball.

Seiner Meinung nach bestehen beide Spiele aus ähnlichen Grundkomponenten, nämlich Kraft, Raum und Zeit, wobei im Schach das Fehlerpotenzial aufgrund menschlicher Schwächen von elf auf eins reduziert wird.

Ähnlich wie im Schach sollen Fußballer zwei bis drei Züge vorausdenken und sich selbst um Taktik kümmern. Jeder Spieler sollte selbst sehen, welcher nächste Zug der beste ist.

Ganz nach Vorbild sowjetischer Eishockeytrainer empfiehlt deshalb Magath seinen Spielern das aktive Schachspielen. Was Magath jedoch nicht wusste: Gisbert Jacobys Sohn, der ihn besiegte, galt als großes Fußballtalent und schaffte es sogar in die zweite Bundesliga. Dies soll jedoch keine Entschuldigung für Magaths Leistungen im Schach sein, er unterlag bspw. René Gralla, einem Schachmeister, sehr bald aufgrund eines Anfängerfehlers – es scheint, Van Bommel hatte mit seiner Kritik „Was für eine Taktik?“ recht …

… Doch hier stellt sich die Frage, ob Magath überhaupt an fußballspezifischer Taktik interessiert ist. Trotz seiner Äußerungen zur Systematik des Schaches, versucht er den Fußball möglichst einfach zu machen und stellt Hierarchie, Motivation und Trainingsarbeit über die Taktik.

Beim FC Schalke gab es für Superstar Raúl keine taktischen Vorgaben, da er „dies selbst am besten wisse“ und die Mannschaftshierarchie seine Freirolle aufgrund seiner Karriere akzeptieren würde. Dies war auch bei Horst Heldt und Krassimir Balakov beim VfB Stuttgart der Fall – die Hierarchie bestimmt die Taktik, nicht umgekehrt.

Im Bereich Motivation und Trainingsarbeit, welche zusammen mit der Pressearbeit unter den Aspekt der „Personalführung“ fallen, vertritt Magath sehr autoritäre Thesen, welche an Branko Zebec und Ernst Happel orientiert sind.

Die Medien sind in seinen Augen der Gegenpol zum Trainer, welcher die Mannschaft zu einer kompakten Einheit machen will. Sie pushen das Ego der Spieler und sabotieren die Arbeit des Trainers durch inkompetente Kritik und Eigeninteresse. Magaths Ziel ist dem entgegenzuwirken, einerseits durch starke Kritik an den Spielern und Bestrafen der Medien bei – in seinen Augen – Fehlverhalten.

Magaths Höchststrafe ist das Schweigen. Journalisten und Reporter, die keine Antworten bekommen, sind ebenso hilflos wie Fußballer, die kein Feedback und keine Hilfestellung bekommen. Letztlich sind beide von Magath abhängig und auf ihn angewiesen, exakt diesen Umstand nutzt er, um seine Autorität aufzubauen.

Die Grundvoraussetzung für ein solches Verhalten den Spielern gegenüber ist eine hohe Anzahl an Spielern im Kader, insbesondere an jungen Spielern, die hungrig sind und ihr Ego eher dem Erfolg unterordnen. Ein Kader mit einer hohen Zahl an jungen Spielern und verschiedenen Persönlichkeiten besitzt viel mehr Heterogenität und die Leitwölfe können Rebellionen gegen den Trainer nur schwer organisieren, was Magath nach seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt und Werder Bremen lernte.

Als Endkonsequenz seiner Fußballphilosophie und seiner Anschauungsweise des modernen Profis („sie suchen die Schuld immer bei anderen, sie sind überbezahlt und leben ihren Traum, dafür haben sie sich auch 24 Stunden am Tag in den Dienst des Vereines zu stellen“)  steht das Training.

Das Lieblingszitat von „Saddam“, wie er auch benannt wurde, ist: „Qualität kommt von Qual.“

Harte Konditionseinheiten mit Medizinbällen und der „Hügel der Leiden“, eine Erfindung Magaths, sollen nicht nur den körperlichen Stahl für die Roharbeit seiner Fußballer geben, sie sollen auch psychologische Barrieren knacken.

Kritik dafür bekam er unter anderem von den medizinischen Abteilungen der Vereine, auf die er fast schon prinzipiell keine Rücksicht nimmt. Spieler, die nicht gänzlich fit sind, werden unter Schmerzmitteln zum Spielen gezwungen.

In Anbetracht dessen könnte man sagen, was Christoph Daum mit Glasscherben und feurigen Kohlen Beginn der 90er bewirkte, erreicht Felix Magath mit permanentem Überschreiten der Schmerzgrenze,  permanenter Druck als Motivation für ein effektives Training.

Die Motivation für Erfolge ist jedoch neben Titeln jedoch eine andere, nämlich das Feindbild, welches Magath selbst für seine Spieler darstellt. Die Härte, welche Magath als Jugendlicher und Spieler abging, verlangt er von seinen Spielern.

Aussagen wie „ich bin der liebste Mensch, den es gibt“ und „ich bin immer nur Diener des Vereins“ wirken in Anbetracht dessen wie blanker Hohn.

Obwohl er menschlich und im Schachspiel noch auf dem Niveau der 80er festsitzt, so kann man ihm neben seiner Erfolge eines zu Gute halten: Seine Ausbildung hat er nachgemacht, Magath studierte nebenbei einige Semester Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, wobei aufgrund seiner Vita die Frage gestellt werden muss, ob er nicht manche Kurse schleifen ließ.

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Peter Hyballa – Der Vorzeigeschüler

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Ein Porträt des jüngsten Profitrainers Deutschlands, der als riesiges Trainertalent gilt und der es geschafft hat, sich schon in jungen Jahren in der Fachwelt einen Namen zu machen.

Peter Hyballa hatte sich nach der Saison 2009/10 schon auf den Gang aufs Arbeitsamt eingestellt. Doch drei Tage, nachdem sein geplantes Engagement bei RW Essen wegen der Insolvenz des Traditionsvereins gescheitert war, gab es den ersten SMS-Kontakt mit Alemannia Aachens Sportchef Erik Meijer. Wenig später schon unterzeichneten beide ein zweijähriges Arbeitspapier.

Während der Studentenzeit nimmt die Trainerkarriere Fahrt auf

Und so wurde Peter Hyballa zur Saison 2010/11 mit 34 Jahren zum damals jüngsten Cheftrainer im deutschen Profifußball ernannt. Doch bis zu diesem Moment hatte Hyballa schon einen langen Weg als Trainer hinter sich gebracht, welcher im folgenden nachgezeichnet werden soll.

Der Theologensohn Hyballa begann seine Trainerkarriere bei seinem Heimatverein Borussia Bocholt, wo er die F-Jugend betreute, nachdem er seine Spielerkarriere aufgrund von zahlreichen Verletzungen früh an den Nagel hängen musste. Gleichzeitig machte er den C-Trainerschein, sodass er nach seinem Umzug nach Münster parallel zum Sportstudium die B-Jugend des SC Preußen Münster trainieren durfte. Ebenfalls in seiner Studentenzeit betätigte sich Hyballa als Autor zahlreicher Artikel für den Philippka Sportverlag, der die bekannte DFB-Trainerzeitschrift fussballtraining herausbringt.

Schon im Studentenalter betrachtete Hyballa viele Trainingsprinzipien des deutschen Profifußballs äußerst kritisch. In einem Artikeln bemängelt er das mangelhafte Aufwärmen der Profispieler vor Meisterschaftsspielen, in einem anderen stellt er der deutschen Leserschaft die niederländische Laufschule als Alternative zum deutschen Konditionstraining vor. Ohnehin schon mit einer besonderen Beziehung zu unserem Nachbarland ausgestattet, stammte seine Mutter doch aus Rotterdam, schaute er auch in fußballerischer Hinsicht schon in jungen Jahren über den deutschen Tellerrand hinaus.

Doch auch als Autor beschäftigt sich Hyballa intensiv mit dem Heimatland seiner Mutter: Seine Magisterarbeit an der Uni beschäftigt sich ebenso wie ein knapp zehn Jahre später veröffentlichtes Buch mit dem Thema „Mythos niederländischer Nachwuchsfußball“. Das 240-seitige Werk befasst sich umfassend mit dem niederländischen Erfolgskonzept, das unseren Nachbarn die wohl höchste Quote an internationalen Spitzenspielern weltweit beschert.

Wechsel nach Bielefeld und ein Abenteuer

Auch Hyballas Trainerkarriere schritt weiter voran: 2001 wechselt Hyballa nicht ohne Nebengeräusche zur U19 des ostwestfälischen Rivalen Arminia Bielefeld. Doch in Bielefeld wollte sich der Erfolg nicht wirklich einstellen, sodass Hyballa schon nach einem Jahr entlassen wurde. Zur Überraschung vieler übernahm Hyballa zur Folgesaison 2002/03 die Ramblers Windhoek, einen Erstligisten in Namibia. Der Kontakt nach Namibia war schon zu seiner Studentenzeit entstanden, als Hyballa neben seiner eigenen Trainertätigkeit auch in der Trainerausbildung tätig war. Mit dem Wunsch, solche Fortbildungen auch in Namibia durchzuführen, wurde er in Münster von namibischen Funktionären kontaktiert, sodass Hyballa immer wieder nach Afrika flog und die dortigen Trainer fortbildete.

Und als nun das Angebot folgte, die Ramblers zu übernehmen, zögerte Hyballa nicht lange, sondern setzte sich nach eigenen Aussagen „gleich in den nächsten Flieger“. Doch auch in Namibia hielt es Hyballa nicht sonderlich lange aus, sodass er nach erneut einem Jahr wieder in Deutschland anheuerte, und zwar um die Junioren des VfL Wolfsburg zu übernehmen. Von 2004 an trainierte Hyballa drei Jahre lang U17 und U19 der Grün-Weißen. In dieser Zeit erreichte er 2007 das DFB-Pokalfinale der Junioren, in dem man sich jedoch dem TSV 1860 München geschlagen geben musste.

Im Anschluss an das verlorene Finale wechselte Hyballa erneut den Verein. Es zog ihn zurück in den Westen, wo er zur Saison 2007/08 die A-Junioren von Borussia Dortmund übernahm. Erneut blieb Hyballa insgesamt drei Jahre in Dortmund. Im Jahr 2009 erreichte er abermals das Finale des DFB-Pokals, und wieder zog seine Mannschaft den Kürzeren. Dieses Mal musste sich die Borussia im Elfmeterschießen dem SC Freiburg geschlagen geben. Im selben Jahr wurde das Finale zur deutschen Meisterschaft erreicht, hier traf man auf den von Thomas Tuchel betreuten 1. FSV Mainz 05. Und auch hier reichte es für Hyballa und seine Truppe nur zur Silbermedaille.

2010 sah Hyballa sich dann bereit für den Seniorenfußball. Im April unterschrieb er einen Zwei-Jahres-Vertrag bei Rot-Weiß Essen, nachdem er zuvor auch unter anderem mit seinem Ex-Klub Preußen Münster verhandelt hatte. Doch noch vor seinem ersten Arbeitstag wurde das Arbeitspapier in Essen wieder aufgelöst, nachdem der Verein die Insolvenz eingeleitet hatte. So nutzte Erik Meijer die Gunst der Stunde, um Hyballa in die 2. Bundesliga zur Alemannia zu lotsen.

Das erste Jahr als Profitrainer

In seinem ersten Jahr als Cheftrainer im deutschen Profifußball erlebte Hyballa eine durchwachsene Spielzeit. Aachen spielte teilweise mitreißenden Angriffsfußball, teilweise konnten die Spieler die komplexen Vorgaben des Trainers noch nicht voll umsetzen. Glanzlichter setzte die junge Mannschaft – das Durchschnittsalter der Startelf lag phasenweise unter 23 Jahren – vor allem im Pokalwettbewerb. In der 2. Runde traf Hyballa auf seinen Widersacher aus Jugendtrainerzeiten, Thomas Tuchel. Ihm gelang die persönliche Revanche durch einen Überraschungserfolg am heimischen Tivoli, wo die Aachener den Höhenflug der Mainzer Mannschaft brutal stoppte und sie mit einer 1:2-Niederlage auf den Heimweg schickte.

Im Achtelfinale traf man erneut auf einen Bundesligisten, und erneut konnte die Alemannia für eine Überraschung sorgen, indem man gegen die Eintracht aus Frankfurt im Elfmeterschießen die Oberhand behielt. Für die Viertelfinalbegegnung wurde der Alemannia Branchenprimus Bayern München zugelost. Die noch von Louis van Gaal trainierte Mannschaft ließ dem Zweitligisten beim ungleichen Aufeinandertreffen keine Chance, und so musste Hyballa mit seiner Mannschaft nach einer deutlichen 0:4-Niederlage Abschied vom Pokalwettbewerb nehmen. Doch trotz dieser ernüchternden Pleite konnte die Pokalsaison Aachens als voller Erfolg verbucht werden: Zuerst, und vor allem, konnte man in Fußballdeutschland wieder positiv auf sich aufmerksam machen. Außerdem konnte die durch den Stadionausbau nicht auf Rosen gebettete Alemannia die zusätzlichen Pokaleinnahmen gut gebrauchen. Und zuletzt sorgten gerade die Erfolge im Pokal dafür, dass die durchschnittlich verlaufene Saison sich nicht allzu negativ auf die Stimmung im Verein niederschlug, weil durch den Überraschungssiege gegen Mainz und Frankfurt viel positive Stimmung im und um den Klub entstanden war.

Ständige Präsenz in der Fachwelt

Der Werdegang Hyballas war mit Ausnahme seiner einjährigen Tätigkeit in Namibia nicht außergewöhnlich für ein Trainertalent: Trainerscheine in jungen Jahren, schneller Aufstieg als Jugendtrainer, noch vor dem 30. Geburtstag Trainer in einem Nachwuchsleistungszentrum. Zwar konnte Hyballa mit seinen Jugendmannschaften keine großartigen Erfolge feiern, doch die Art und Weise, wie seine Mannschaften agierten und seine außergewöhnliche Trainingsarbeit machten ihn immer wieder für bessere Jobs interessant. Zudem fällt auf, wie breit Hyballa seine Aktivitäten im Fußball angelegt hat: Trainer, Redakteur bei der bedeutendsten Trainerzeitschrift Deutschlands, Buchautor, Trainerausbilder. Er zeigte ständige Präsenz in der Fußballszene, erläutert immer wieder seine Philosophie – wie mit der gerade laufenden Serie in der Zeitschrift fussballtraining – und schafft es so, in der Fachwelt als kompetenter, innovativer, ehrgeiziger und hochmotivierter Trainer wahrgenommen zu werden.

Doch auch mit noch so vielen Artikeln in Fachzeitschriften und Buchveröffentlichungen wäre Hyballa nicht dort wo er heute ist, wenn er nicht ein herausragender Trainer wäre. Seine Mannschaften zeigen mitreißenden, offensiven und aggressiven Fußball. Der Gegner darf nicht ruhig aufbauen, sondern wird direkt attackiert. Bei Ballgewinn schauen seine Spieler immer zuerst in die Tiefe, schnelle Torabschlüsse und Tempofußball gehören zu Hyballas Philosophie. Auf Grundlage der niederländischen Spielphilosophie entwickelte Hyballa seine eigene Idee dahin, dass er wesentlich mehr Wert auf Risikopässe und schnelles Umschalten nach Ballgewinn setzt, als es beispielsweise der FC Barcelona tut oder der FC Bayern unter Louis van Gaal tat. So kombiniert Hyballa niederländisch geprägtes Positions- und Kombinationsspiel mit dem Tempo- und Konterfußball, der uns vor allem in der englischen Premier League in Reinform begegnet. Gepaart mit dem aggressiven Pressing entsteht ein riskanter, attraktiver und offensiver Spielstil, der perfekt zu Alemannia Aachen und der dort propagierten Mentalität passt.

Innovative Trainingsarbeit als Markenzeichen

Auch die Trainingsarbeit geht Hyballa so offensiv an wie die Meisterschaftsspiele. In Aachen hat er alle Laufeinheiten ohne Ball abgeschafft. Die Kondition wird bei ihm nach niederländischem Vorbild vor allem in Spielformen trainiert. Doch nicht nur dafür werden bei Hyballa Spielformen benötigt. Mit allerlei Einschränkungen und Provokationsregeln erreicht er beinahe sämtliche Trainingsschwerpunkte spielnah und komplex. Die Spieler sollen selbst Lösungen suchen, die Einschränkungen und Regeln sollen ihnen nur einen Schubs in die richtige Richtung geben. Hyballa sagt zu seiner Trainingsarbeit:

„Wir haben die Idee, beim Training möglichst viel das Spiel zu kopieren. Das kannst du nicht mit Gymnastik, mit Waldläufen, die wir übrigens ganz abgeschafft haben, mit Hütchen-Läufen oder besonders viel Krafttraining. Wir machen fast alles in Spielform. Der Ball ist manchmal wirklich der größte Feind eines Spielers.“

Ein weiteres Merkmal seiner Trainingseinheiten sind komplexe Endlos-Passformen, bei denen zumeist mehrere Spieler starten, aber nur einer den Ball bekommt. Für den spontanen Beobachter sehen diese Übungen sehr chaotisch aus, mit der Zeit erkennt man aber das Muster hinter dem Durcheinander und kann nur staunen, wie schnell und präzise die vorgegebenen Pass- und Laufwege von den Spielern ausgeführt werden.

Eine Kostprobe solcher Passformen stellt der Onlineauftritt der Zeitschrift fussballtraining als Ergänzung zum Artikel in der Printausgabe zur Verfügung.

Besondere Motivationskünste und absolute Leidenschaft

Neben der Trainingsarbeit muss unbedingt Hyballas absolute Motivation für den Job erwähnt werden. Anders wäre es wohl auch nicht möglich, dass jemand ohne Profierfahrung schon mit 34 Jahren einen Zweitligisten trainiert. Dabei betont Hyballa immer wieder, dass ihm diese Karriere nicht geschenkt wurde, sondern das Ergebnis von Akribie und dem Willen zur Weiterentwicklung ist: „Ich musste mich für den nächsten Trainerschritt immer gegen die Türen werfen. Viele Exprofis bekommen gleich nach Karriereende die Tür aufgehalten: Hier haste nen Trainer- oder Managerjob, bitteschön. Wenn ich leiser wäre, wäre ich wohl nicht mit 34 jüngster Profitrainer in Deutschland geworden.“

Aus diesem Zitat wird auch deutlich, dass Hyballa selten ein Blatt vor den Mund nimmt. Selbstbewusst und extrovertiert, so wird er beschrieben. Dabei stellt er sich stets vor seine Mannschaft und versucht so, Druck von ihr zu nehmen. Doch in der Kabine kommt noch eine ganz andere Seite an ihm zum Vorschein. Dort ist er nach eigener Aussage auch ruhig, im Einzelgespräch fürsorglich und sogar väterlich. Von seinen Spielern fordert er explizit Mitdenken und Hinterfragen, er wolle „gute, selbstbewusste Jungs haben und keine Ja-Sager.“

In der Kabine blüht Hyballa förmlich auf, das bestätigt auch sein derzeitiger Chef, Erik Meijer: „Seine Ansprachen sind dermaßen emotional. Ich habe Spieler aus der Kabine weinen gehen sehen, ich habe Spieler aus der Kabine glühen gehen sehen, er erreicht sie im tiefsten Innern ihrer Seele.“

Diese Eigenschaft unterscheidet Hyballa höchstwahrscheinlich von den meisten anderen Jugendtrainern in den Nachwuchsleistungszentren, die davon träumen auch eines Tages im Profifußball zu trainieren. Es reicht heutzutage nicht mehr, nur Fachmann oder nur Motivator zu sein. Durch seine lange Zeit in den verschiedenen Nachwuchsmannschaften ist Hyballa als Trainer trotz seiner jungen Jahre schon sehr erfahren. Wie viele Trainerneulinge arbeitet er am liebsten mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern, die er noch formen kann. Doch in Zukunft muss er zeigen, dass er in der Lage ist, eine Profimannschaft gezielt weiterzuentwickeln und auf eine neue Ebene zu bringen, gleichzeitig aber auch den kurzfristigen Erfolg zu sichern.

Sein erstes Jahr in Aachen hätte schlechter laufen können. Das Erreichen des Viertelfinals im DFB-Pokal war ein erstes Ausrufezeichen, es könnten noch viele weitere folgen. Fest steht, dass die Alemannia in Peter Hyballa eines der größten deutschen Trainertalente unter Vertrag hat, das mit seiner Art Fußball spielen zu lassen eine Bereicherung für den deutschen Profifußball darstellt und in Zukunft noch für einige Furore sorgen dürfte.

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José Mourinho – der Mann mit den zwei Gesichtern

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Als Selbstdarsteller, Lügner und gar Fußballfeind verschrien, von seinen Fans jedoch immer verteidigt. José Mourinho ist nicht nur der polarisierendste Coach, er ist auch der populärste.

1,8 Millionen Fans hat er auf Facebook, sechsmal so viel wie Felix Magath, viermal so viel wie Borussia Dortmund. Doch woher kommt diese unheimliche Popularität und Medienpräsenz?

Die Anfänge des José Mourinhos

Bereits als Kind war José Mourinho sehr beliebt: intelligent, zielstrebig und ein Mädchenschwarm. Doch Josés Interesse galt jeher dem Fußball, hauptsächlich aufgrund seines Vaters Félix, der Torhüter in der ersten Liga war und auch die Farben Portugals verteidigen durfte.

Woche für Woche folgte Mourinho jr. dem Senior, um ihn bei seinen Spielen zu unterstützen. Zu Auswärtsspielen trampte der Knirps mit Truckern. Da die damaligen Löhne nicht für eine gesamte Familie ausreichten, mussten die Mourinhos immer etwas von ihrem Vermögen zehren, welches 1974 gen Null ging, als das faschistische Regime gestürzt wurde und die Karten im Land neu verteilt wurden. Nur eines ihrer Grundstücke ging nicht in die Hände anderer über und auch auf den Wohlstand von Josés Mutter Maria konnte man nicht mehr zählen. Auch ihr Bruder, jener Architekt, der unter anderem das Stadion „Estádio do Bonfim“ in Mourinhos Heimatstadt Setúbal entworfen hatte, litt unter Armut.

Als Felix Mourinho ins Trainerbusiness wechselte, zeigte sich das große Talent seines Sohnes, der mithilfe von Statistiken und Beobachtungen des Trainings den nächsten Gegner für seinen Vater analysierte. Doch nicht nur das, er war auch Spieler unter seinem Vater bei Rio Ave. José war somit, entgegen vieler anderslautender Behauptungen, ein Profifußballer; er hatte die Jugendakademie von Belenenses durchlaufen und spielte in seiner Karriere bei Rio Ave, bei Belenenses und Sesimbra. Seine Karriere ließ er bei einem Konzernverein in den unteren Ligen ausklingen, für einen Stammplatz in den Profiligen sollte es nie reichen.

Auch schulisch folgte Mourinho niemals den Wünschen seiner Mutter. Er schrieb sich zwar auf ein kaufmännisches College ein, doch bereits am ersten Tag verließ er die Schule und studierte fortan Sportwissenschaften an der technischen Universität Lissabons. Während seines Studiums übernahm er für sein Praktikum den Sportunterricht an verschiedensten Schulen und schaffte seinen Abschluss nach 5 Jahren mit herausragenden Noten. Doch sein Traum, ein Fußballtrainer zu werden, war noch nicht erloschen. Mourinho besuchte zahlreiche fußballbezogene Kurse und begann bereits damals, seinen jetzigen Stil theoretisch zu definieren.

Die wahre Geburtsstunde des Trainers José Mourinho war jedoch an Heiligabend 1982 – während des Weihnachtsessens bekam sein Vater die telefonische Auskunft, dass er entlassen sei und Mourinho schwor sich an jenem Abend, dass er nie entlassen werden würde. Bis heute ist ihm das gelungen.

Vom Übersetzer zum Trainer

Mourinho, ähnlich wie sein späterer Mentor Louis Van Gaal, legte seinen Job als Sportlehrer beiseite und übernahm eine Jugendmannschaft bei Vitória de Setúbal, bald darauf wurde er Assistenztrainer bei Estrela de Amadora.

Nach Auseinandersetzungen mit Jesualdo Ferreira, ehemaliger Lehrer Mourinhos an der technischen Hochschule in Lissabon, wechselte Mourinho zu Ovarense, welchen er ebenfalls bald verließ. Im Jahre 1992 wurde Bobby Robson Trainer von Sporting Lissabon und suchte nach einem Übersetzer, der gute Englischkenntnisse besaß, die Stadt kannte und außerdem ein hohes fußballerisches Fachwissen benötigte – Mourinho sah sich selbst als die Idealbesetzung, bewarb sich und erhielt die Stelle.

Als Robson nach einer Niederlage gegen Casino Salzburg im UEFA-Cup trotz Spitzenposition in der portugiesischen Liga im Dezember 1993 entlassen wurde und beim FC Porto Trainer wurde, nahm er Mourinho mit.

Die Zeit bei Porto war sehr erfolgreich, der kriselnde Verein mit geringen Zuschauerzahlen gewann 1993 den portugiesischen Pokal (im Finale gegen Sporting) und wurde daraufhin zweimal Meister. Robson übertrug Mourinho in dieser Zeit mehr Aufgaben, der Übersetzer war nun die rechte Hand des Trainers. Er gab dem Trainer Beratung, den Spielern Motivationsreden und trainierte mit ihnen die Defensive, Robson übte die offensiven Spielzüge mit der Mannschaft ein – eine Aufteilung, wie es im American Football üblich ist.

Im Jahr 1996 wurde Robson Trainer des FC Barcelona und er nahm Mourinho, offiziell noch immer Übersetzer, mit. Es zeigte sich ein anderes Talent Mourinhos: in wenigen Monaten lernte er perfektes Katalanisch und machte sich bei Spielern und Fans des FC Barcelona sehr beliebt. Robson übertrug ihm weitere Aufgaben, unter anderem das Abhalten von Pressekonferenzen, das Planen von Trainings und die taktische Vorbereitung auf den nächsten Gegner.

Die Spielzeit 1996/97 verlief sehr erfolgreich, man wurde Vizemeister und gewann den spanischen Pokal, den spanischen Supercup und den Pokal der Pokalsieger. Luis Enrique sieht die damalige Mannschaft sogar als gleichwertig zum heutigen Barçateam und glaubt, man hätte damals auch die Champions League gewonnen. Diese großen Erfolge wurden mit einer spektakulären Spielweise erreicht und als Bobby Robson zum Sportdirektor befördert wurde, erhielt auch Mourinho seine Würdigung, als er offiziell Assistenztrainer wurde und an der Seite von Louis Van Gaal arbeiten durfte.

Abermals übernahm Mourinho das Training der defensiven Organisation, während sich Van Gaal um die Offensive kümmerte und der FC Barcelona wurde in den beiden folgenden Jahren Meister.

Van Gaal erkannte Mourinhos Talent und förderte ihn. Bei kleineren Pokalen wie dem Copa Catalunya, den man 2000 gewann, fungierte Mourinho als Trainer, Van Gaal als sein Assistent. Mourinho übernahm auch die zweite Mannschaft Barcelonas und arbeitete dort bis zu seinem Wechsel zu Benfica Lissabon im September 2000.

Mourinhos Anfangsjahre

Die Zeit bei Benfica fing im sportlichen Bereich gut an für Mourinho, doch es sollte verschiedene Streitigkeiten mit dem Präsidium geben. Der Präsident Benficas, João Vale e Azevedo, wollte ihm als Assistenztrainer Jesualdo Ferreira zur Seite stellen, was Mourinho aufgrund persönlicher Differenzen entschieden ablehnte und den ehemaligen Benfica-Verteidiger Carlos Mozer einstellte – einen Ex-Spieler zum Assistenztrainer zu ernennen, wurde fortan Tradition bei Mourinho.

Nach wenigen Wochen bot ihm Bobby Robson erneut eine Stelle als sein Assistenztrainer mit Aussicht auf seine Nachfolge bei Newcastle an, doch Mourinho lehnte ab, da er nicht glaubte, Robson würde in zwei Jahren für Mourinho Platz machen. Bis Dezember blieb Mourinho Trainer Benficas. Seine Kündigung kam nach einem Zwist mit dem neuen Präsidenten Manuel Vilarinho, der eine vorzeitige Vertragsverlängerung Mourinhos ablehnte. Das Gesuch nach einem neuen Vertrag war Mourinhos Antwort auf Gerüchte, dass der neue Präsident den ehemaligen Spieler Toni als neuen Coach installieren wollte – daraufhin trat Mourinho zurück und Jahre später bereute Vilarinho seine Entscheidung öffentlich.

Aufgrund des Mangels an Angeboten als Cheftrainer wechselte Mourinho im April 2001 zur grauen Maus der portugiesischen Liga, União de Leiria. In der Folgesaison führte er die Mannschaft aus dem unteren Tabellendrittel zu ihrer bis dato besten Vereinsplatzierung, als er mit einem flexiblen 4-4-2-System und Offensivfußball nach Vorbild Robsons und Van Gaals Tabellenfünfter wurde. Bereits im Sommer meldeten Vereine ihr Interesse an, doch bis nach der Winterpause der Saison 2001/02 blieb er Leiria treu, dann wechselte er zum FC Porto als Nachfolger Octávio Machados.

Mourinhos Aufstieg

Mit elf Siegen und zwei Unentschieden aus den letzten 15 Spielen wurde man noch Dritter und Mourinho durfte sich erstmals auf dem Transfermarkt beweisen – mit Nuno Valente, Derlei, Paulo Ferreira und Maniche kamen vier neue Stammspieler, die ersten beiden von Mourinhos ehemaligem Verein Leiria. Unter Mourinho modernisierte sich vieles beim FC Porto, die Webseite wurde aufgefrischt und mit vielen Berichten gefüllt, auch zur Trainingsgestaltung Mourinhos. Die Spielweise wurde dynamischer, Mourinho ließ mit einem sehr aggressiven Pressing und einer hohen Abwehrlinie spielen, was in einer Rekordsaison mündete – 86 Punkte (27 Siege und fünf Unentschieden bei insgesamt 34 Spielen) bedeuteten unglaubliche elf Punkte Vorsprung auf Benfica Lissabon, Mourinhos erster Trainerstation. In Pokalbewerben konnte man ebenfalls Erfolge feiern, der portugiesische Pokal und der UEFA-Cup wanderten nach Porto und machten das Triple perfekt.

Im folgenden Jahr gewann man den portugiesischen Supercup, verlor den europäischen jedoch gegen den AC Mailand. In der portugiesischen Liga knüpfte man an die letztjährigen Erfolge an, verlor nur einmal und wurde bereits fünf Runden vor Schluss Meister.

Das Rautensystem von Mourinho funktionierte hervorragend, mit Deco als Spielmacher, einem klassischen Sturmduo und zwei Box-to-Box-Mittelfeldspielern vor einem klassischen Sechser beherrschte man das Zentrum. Die ausdauernden und aggressiven Außenverteidiger beackerten die Seiten und sorgten für Unterstützung im Angriffsspiel. Die Flexibilität, das schnelle Umschalten und die hervorragende Abseitsfalle sorgten bei den portugiesischen Teams für Verzweiflung und auch international hatten die meisten Teams Probleme mit diesem System, einzig Real Madrid in der Gruppenphase konnte Porto eine Niederlage auf europäischen Gefilden zufügen.

Der Traum vom Triple wurde durch eine Pokalfinalniederlage gegen Benfica zerstört, doch nach zwei Defensivschlachten gegen Deportivo La Coruna gewann man mit einem Offensivspektakel mit 3:0 gegen den AS Monaco. Im Anschluss an diesen Erfolg machte Mourinho keinen Hehl daraus, nun einen anderen Verein übernehmen zu wollen und im Sommer gab es viele Angebote. Als aussichtsreichster Kandidat galt der FC Liverpool, zu dem sich Mourinho begeistert geäußert hatte, doch sie boten ihren Job Rafael Benítez an und Mourinho ging zu Chelsea, über welchen er sich zuvor noch sehr kritisch geäußert hatte.

Vom Provinztrainer zum Auserwählten

In seiner ersten Pressekonferenz bei Chelsea sorgte Mourinho für großes Aufsehen, als er sich als „etwas Besonderes“ bezeichnete und von den Medien zu seinem – bis heute populärsten – Spitznamen „The Special One“ kam. Mit Steve Clarkes Beförderung zum Assistenztrainer als Ergänzung zu seinem Trainerstab begann der Startschuss für zahlreiche, von Mourinho eingeleitete, Veränderungen im Verein. Chelsea-Eigentümer Roman Abramovich ließ Mourinho fast 100 Millionen € ausgeben und bekam bald den Lohn dafür – die erste Meisterschaft seit 50 Jahren und ein Sieg im Ligapokal gegen den FC Liverpool.

In der Folgesaison konnte man Mourinhos Handschrift am stärksten erkennen, als weitere Neuzugänge geholt wurden und die Mannschaft ein kompaktes Gebilde war, welches mit einer ausgeklügelten Taktik, hoher Körperkraft und individueller Stärke schwer zu besiegen war.

Essien und Lampard würden die Mitte übernehmen, Angriffe inszenieren und – insbesondere Lampard – oftmals selbst abschließen. Drogba erzielte zahlreiche Tore, öffnete Räume und an schlechten Tagen des Mittelfeldzentrums würden man eine Art Kick’n’Rush-Fußball mit weiten Bällen auf den körperlich starken Ivorer spielen. Joe Cole und Robben spielten zumeist als klassische Flügelstürmer, tauschten aber in den Spielen öfters die Flügel, um Löcher in die Abwehr zu reißen. Hinten würde Makélélé vor der Abwehr absichern und als Staubsauger fungieren, während R. Carvalho und Terry sich in der Innenverteidigung zwei beinharte Verteidiger rein auf die Defensivarbeit beschränkten. Flankiert wurden sie von einem defensiven und einem offensiven Außenverteidiger. Im Tor stand der tschechische Nationaltorhüter Petr Čech, den Mourinho aus Stade Rennes geholt hatte und der in der Saison 2004/05 zahlreiche Rekorde aufstellte, u.a. 1025 Minuten in Folge ohne Gegentor und die wenigsten Gegentore in einer Saison, nämlich 13 in 35 Spielen.

In der Saison 2005/06 konnte man den Community Shield und eine weitere Meisterschaft holen. Mourinhos wie Abramovichs großes Ziel, die Champions League, verpasste man aber bereits im Achtelfinale. Trotz Abwanderungsgerüchten um Mourinho, hauptsächlich aufgrund Abramovichs großer Freundschaft zu Sportdirektor Arnesen und seinem persönlichen Berater de Visser, wurde die Mannschaft mit Shevchenko, Ballack und Ashley Cole um drei weitere Weltklassespieler verstärkt.

Um von den Gerüchten um seine Person abzulenken, inszenierte Mourinho medial eine Kampagne, die er als „Jagd nach dem Quadruple“ bezeichnete. Sein Vorhaben war es in dieser Saison alle Titel zu gewinnen, doch trotz des FA- und Carling-Cup-Sieges scheiterte man spektakulär und mit viel Spott, als man in der Liga von Manchester United auf Platz 2 verwiesen wurde und in der Champions League dem FC Liverpool unterlag. Am 20. September 2007 verließ Mourinho Chelsea überraschend und nahm sich seine Auszeit vom Trainerjob. Erst im Sommer 2008 bekam er eine neue Trainerstelle: bei Inter Mailand.

Der Messias des Calcio

Von Beginn an konnte man Parallelen zu seiner Zeit bei Chelsea erkennen. Als neuen Assistenztrainer ernannte er Giuseppe Baresi, wie Steve Clarke ehemaliger Spieler des Vereins und vor der Beförderung Jugendtrainer. Auch hier sorgte seine Debütpressekonferenz für Aufsehen, als er in fließendem Italienisch vorstellig wurde und behauptete, er hätte die Sprache in drei Wochen gelernt.

Mit Mancini, Muntari und Quaresma wurden drei Spieler verpflichtet, die ihm eine Systemstellung zu einem 4-3-3 ermöglichen sollten, doch Mancini und Quaresma floppten. Mourinho wechselte auf eine 4-3-1-2-Taktik, welche  an seiner Portozeit orientiert war.

Ibrahimovic war der Freigeist im Sturm, der junge Balotelli kam über die Außen und wurde vom offensivstarken Maicon und von Zanetti unterstützt. Stankovic fungierte als defensivstarker Spielmacher, das Eigengewächs Santon und der Neuzugang Muntari sorgten für die Dynamik auf der linken Seite. Córdoba und Samuel bildeten mit Cambiasso das defensive Dreieck vor Julio Cesar. Die Mannschaft spielte einen sicheren Fußball aus der Defensive heraus und verließ sich hauptsächlich auf Starstürmer Ibrahimovic, national konnte man mit dem Supercup und dem Scudetto Erfolge feiern, doch in der Champions League schied man früh aus.

Mourinho baute seine Mannschaft abermals um, namhafte Spieler wanderten ab, welche Mourinho durch passendere Spieler ersetzte. Chefscout André Villas-Boas verließ seinen Trainerstab. Mit Thiago Motta und Diego Milito kamen aus Genoa zwei neue Stammspieler, im Winter stieß mit Pandev noch einer dazu. Wichtigere Verpflichtungen waren jedoch eher auf Zufall gegründet. Barcelona suchte nach einem neuen Stürmer, da Eto’o Probleme mit Trainer Pep Guardiola nachgesagt wurden und tauschte 70 Millionen € und den Kameruner für Zlatan Ibrahimovic. Wesley Sneijder wurde bei Real Madrid regelrecht hinaus geekelt und wurde für nur 15 Millionen € eine Stütze im Team von Mourinho. Auch der neue Abwehrchef Lúcio kam aufgrund von Problemen mit dem neuen Bayerntrainer Louis Van Gaal.

Zu Beginn der 2009/10-Saison blieb er seinem System aus dem Vorjahr weitgehend treu, als im Winter Pandev kam, wurde das System zu einem 4-2-3-1 umgestellt.

Wesley Sneijder genoss wie Diego Milito alle Freiheiten, während Pandev und Eto’o defensiv mithalfen. Maicon hatte eine Paradesaison, ebenso wie Zanetti und Cambiasso, die ihren x-ten Frühling erlebten. Diese Mannschaft war defensiv extrem stark aufgestellt und hatte in der Offensive hervorragende Individualisten. Nach einem holprigen Start (Niederlage im Supercoppa gegen die Roma) wurde Inter immer stärker, besiegte im Mailänder Derby den AC Mailand mit 4:0 und qualifizierte sich etwas überraschend für das CL-Viertelfinale, nachdem man Mourinhos Ex-Team Chelsea ausgeschaltet hatte.

Man schaltete ZSKA Moskau im Viertelfinale aus und traf im Halbfinale auf den FC Barcelona. In einer beispiellosen Vorstellung konnte man den großen Favoriten im Hinspiel mit 3:1 besiegen und nach einer roten Karte für Motta zu Beginn des Rückspiels wurde die Welt Zeuge eines Defensivfeuerwerks Mourinhos. Das ursprüngliche 4-5-1 wurde zu einem 4-1-3-1-0 umgewandelt und die Katalanen konnten trotz zahlenmäßiger und spielerischer (über 80% Ballbesitz) Überlegenheit nur ein Tor erzielen.

Die Abwehrreihe stand extrem tief und die Außenverteidiger platzierten sich an den Ecken des Sechzehnmeterraumes. Ziel dieser Taktik war es, die Außen aufzugeben, um das Zentrum dicht zu machen, was hervorragend gelang – das 0:1 bezeichnete Mourinho als die schönste Niederlage seines Lebens. Nach dem Schlusspfiff feierte der ehemalige Angestellte des FC Barcelona seinen Sieg frenetisch und zog sich den Unmut der Fußballwelt zu, welche seine Mannschaft als  „Antifußball“, „unwürdig“ und „nur auf Zerstörung aus“ bezeichnete.

Mit dem Erfolg im italienischen Pokal und einem neuerlichen Scudetto war das Triple perfekt und Mourinho trat auf dem Höhepunkt ab, als er nach dem CL-Sieg gegen seinen ehemaligen Lehrmeister Louis Van Gaal seinen Abgang zu Real Madrid verkündete. Die Bilder der weinenden Interisti und seiner Spieler (u.a. Marco Materazzi) gingen um die Welt – nicht nur für die Medien war er „The Special One“.

Ein besonderer Trainer für einen besonderen Verein

Wie in seinen vorhergehenden Vereinen war die Ernennung eines ehemaligen Spielers zum Assistenztrainer eine der ersten Amtshandlungen Mourinhos. Aitor Karanka wurde die Ehre zuteil und ironischerweise war jener wie Steve Clarke bei Chelsea und Giuseppe Baresi bei Inter ein ehemaliger Innenverteidiger. Reals Shoppingtour des Vorjahres wurde unter Mourinho nicht fortgesetzt, es kamen hauptsächliche Spieler mit viel Potenzial für kleines Geld.

Lange Zeit führend in der Primera Division schien es, dass Mourinho seinem persönlichen Intimfeind und Reals Erzfeind Barcelona einen Strich durch die Rechnung machen könnte, doch im ersten Clásico der Saison unterlag man im Camp Nou mit 0:5, was Ehrenpräsident Alfredo di Stefano dazu veranlasste, dieses Spiel als schlimmste Niederlage der Vereinsgeschichte zu deklarieren. José Mourinho ließ sich trotz medialer Kritik nicht aus seinem Konzept bringen, blieb Barcelona auf den Fersen, qualifizierte sich in der Champions League überzeigend für die KO-Phase und schaffte es zum erst zweiten Mal seit dem letzten CL-Sieg ins CL-Viertelfinale, wo man die Tottenham Hotspurs ausschaltete und im Halbfinale auf den FC Barcelona traf.

Da im Copa del Rey-Finale ebenfalls beide Teams standen und das Rückspiel in der Liga günstig lag, durfte sich ganz Spanien über vier Clásicos in drei Wochen freuen, welche Mourinho sehr defensiv begann. Das 1:1 im Santiago-Bernabeu war das Ende der Meisterschaftsträume für Real, doch das Copa-del-Rey-Finale konnte man in der Verlängerung knapp für sich entscheiden. Der Sieg im Copa-del-Rey-Finale zeigt eines deutlich: Mourinhos Matchplan war spielentscheidend.

Der Matchplan basierte auf drei Phasen:

  • erste Halbzeit: Zerstören des Spiels von Barcelona im Mittelfeld, wenn möglich das erste Tor erzielen
  • zweite Halbzeit: tiefstehen und kontern.
  • Verlängerung: Das Tiefstehen sorgte dafür, dass die Spieler Reals in der Verlängerung mehr Ausdauer hatten und wieder das aggressive Mittelfeldpressing nutzen konnten.

Das Ziel und die Umsetzung seiner Taktik war sehr komplex, er versuchte auch Messi und Xavi voneinander und von Iniesta zu isolieren, um den Spielfluss der Katalanen zu zerstören, was in der ersten Halbzeit gelang. In der zweiten Halbzeit musste Pep Guardiola nun sein erfolgreiches System ändern, um mit Mourinho in eine Patt-Stellung zu kommen, doch trotzdem bekam Real kein Gegentor und gewann letztlich in der Verlängerung. Dieser Matchplan führte zum Sieg und wurde chronologisch leicht abgeändert und angepasst an die Begebenheiten des CL-Hinspiels auch im nächsten Spiel gegen die Katalanen genutzt. Einzig die rote Karte, so nach Meinung Mourinhos, verhinderte einen neuerlichen Sieg Reals.

Doch trotz seiner Kritik an der Schauspielerei der Spieler des FC Barcelona, am Schiedsrichter und der UEFA hatten die Medien ein anderes Opfer gefunden – Mourinho selbst. Die Kritik an ihm war ähnlich wie vor einem Jahr, seine Mannschaft spiele destruktiven Fußball, der dem Fußball schade.

Dazu sei angemerkt, dass Mourinho in dieser Saison ein offensives 4-3-3 spielen ließ und mehr Tore als der Erzrivale aus Barcelona erzielte (102 zu 95).

Khedira als box-to-box-player und Xabi Alonso als deeplying-playmaker sorgte für den Spielaufbau und das Grundgerüst dieser großartigen Mannschaft. In der Offensive beackerte Di María die rechte Seite und wurde von Sergio Ramos unterstützt, das Prunkstück war jedoch die linke Seite. Der offensive Marcelo, unter Mourinho erst zum Stammspieler geworden, sorgte mit Cristiano Ronaldo und Mesut Özil für andauernde Gefahr über die linke Seite. Nach der Verletzung Higuains spielten Adebayor und Benzema abwechselnd als Sturmspitze, abhängig vom Gegner. Die Portugiesen Ricardo Carvalho und Pepé bildeten die Innenverteidigung vor Welttorhüter und Kapitän Iker Casillas.

Im Frühjahr wurden Gerüchte laut, Mourinho wollte Real aufgrund Sportdirektor Valdano und den kritischen Medien verlassen, doch Präsident Florentino Pérez dementierte dies. Die Gerüchte erübrigten sich, als Valdano im Sommer entlassen wurde und Zinédine Zidane dessen Nachfolger wurde und mit Nuri Şahin, Hamit Altintop und José Callejón ging man den Weg preiswerter und systemkompatibler Neuverpflichtungen weiter. Für die Zukunft wurde das Riesentalent und Innenverteidiger Raphaël Varane geholt.

Was macht Mourinho so besonders?

José Mourinho gilt als einer der komplettesten Fußballtrainer der Welt. Er machte aus unbekannten Spielern Stars, brachte sie zu konstant starken Leistungen und gewann Titel um Titel. Seine größten Stärken liegen jedoch im Bereich der Mannschaftsführung und Motivation, er verbindet moderne Managementstile und Motivationstheorien, um aus seiner Mannschaft das Maximum zu holen. Loyalität und Ehrlichkeit machen ihn bei seinen Spielern beliebt, außerdem stellt er sich bei jeder Möglichkeit demonstrativ vor sie, sei es beim Vorstand, vor den eigenen Fans oder den Medien. Systematisch nimmt Mourinho die Verantwortung auf sich, stärkt seinen Spielern den Rücken und lenkt die mediale Aufmerksamkeit auf sich. Mourinhos Psychospielchen und über die Presse geführten Auseinandersetzungen sind bereits legendär. Nicht umsonst sagte Everton-Coach David Moyes: “Mourinho hat den Trainerjob sexy gemacht” und zahlreiche Fans stimmen ihm zu – Mourinhos Auftreten weicht von sämtlichen Trainer ab, er ist kantig und provokativ, stellt seine Eloquenz immer in den Dienst der Mannschaft.

Trotz wiederholter Kritik aufgrund Unsportlichkeit zieht Mourinho sämtliche Register:
Bei Inter Mailand ließ er im Winter seine Mannschaft nach der Halbzeitpause solange in der Kabine, bis die Gegner bereits froren. Bei Chelsea beleidigte er Arsené Wenger als Voyeur, bei Real Madrid seinen Vorgänger Pellegrini und seinen Sportdirektor Valdano. Nach der Niederlage gegen den FC Barcelona unterstellte er der UEFA und den Schiedsrichtern Parteilichkeit und Betrug – ein Skandal; doch über die schlechte Leistung seiner Mannschaft redete niemand mehr.

José Mourinhos legt Woche für Woche, in jeder Pressekonferenz, eine Show hin. Pro Monat gibt es über 20 Artikel mit direktem oder indirektem Bezug auf Mourinho im Onlineportal des Guardian – auch Jahre nach seinem Abschied aus London. Seine Spieler danken ihm für diesen Schutz. Sie sind weitgehend aus der Schusslinie der Medien und können sich auf das nächste Spiel konzentrieren. Auch dafür lieben ihn seine Spieler. Materazzi und Drogba weinten um ihn, Ballack und Khedira nennen ihn den besten Trainer der Welt und für Ricardo Carvalho ist es eine fußballerische Liebesgeschichte. Der Verteidiger folgte seinem Landsmann bereits zu drei Vereinen.

Mourinho profitiert ebenfalls von dieser „Alle-gegen-uns“-Stimmung, die er entfacht. Er nutzt sie geschickt, um seinen Spielern eine Siegermentalität zu verpassen, eine Motivation, um jedes Spiel gewinnen zu wollen. Ihnen wird eingeredet, dass man nie nur gegen den nächsten Gegner spielt, sondern immer gegen die ganze Welt, die nur auf einen Ausrutscher wartet. Für seine Spieler wandert Mourinho demonstrativ durchs Feuer, seine Spieler folgen ihm auf dem Platz, sie gewinnen mit ihrer überlegenen Mentalität und Psyche – nicht umsonst sind Mourinho-Teams zumeist die einzigen, die überlegenen Mannschaften wie Barcelona Paroli bieten können. Mourinho:  ”Im Fußball hat der Trainer eine einzigartige Rolle, hier ist er der beste Psychologe.“

Sein Selbstbewusstsein ist jedoch nicht nur gespielt, tatsächlich ist er sehr von sich überzeugt. Laut Mourinho könnte nur George Clooney ihn selbst in einer Verfilmung seines Lebens adäquat verkörpern. Als Nationaltrainer zu arbeiten lehnt er ab, das sei zu langweilig und zu einfach. Über seine Streitereien mit anderen Vereinen sagt er: „auch Jesus wurde nicht von allen geliebt.“

Nicht nur im Presseverhalten ist er ein Vorreiter, auch taktisch gilt er als eine Koryphäe. Seine Mannschaften spielen seit seiner Chelsea-Zeit sehr ähnlich, mit einer massierten und sattelfesten Defensive, die Umschaltmomente und die Unordnung der Gegner dynamisch nutzt. Jedes Spiel wird exakt vorbereitet, seine Spieler bekommen DVDs mit Gegneranalysen, exakte taktische Vorgaben und detaillierte Planung des Trainings. Dicke Ordner zu jedem Team der Welt kann man bei Mourinho finden, alle werden sie Woche für Woche umgesetzt, um seiner Mannschaft die größtmögliche Chance für Triumphe zu bieten; seine Defensivschlachten gegen Barcelona wird kaum ein Fußballfan je vergessen.

Im Training konzentriert er sich zumeist auf den taktischen und den psychologischen Aspekt des Spiels, viel Spiel mit Ball, Unterzahlspiele und Pressingformen sorgen für das Grundgerüst Mourinhos Arbeit. ”Wenn jeder einzelne Spieler klare Anweisungen bekommt, was er zu tun hat, ist in seinem Kopf gar kein Platz mehr für andere Gedanken. Die Taktik, das System, die Gegenspieler, die Spielzüge, das ist das Thema. Alles andere ist total unwichtig”, sagt DFB-Sportpsychologe Werner Mickler und man könnte glauben, es spricht Mourinho aus ihm – dessen Erfolge geben dieser Meinung Recht. 16 Titel in zehn Jahren, zwei CL-Siege und der Ruf als weltbester Trainer eilen ihm voraus.

Neun Jahre lang war er in Liga-Heimspielen unbesiegt, erst 2011 konnte ihn wieder jemand besiegen, nachdem Mourinho noch mit Porto zuletzt gegen Beira-Mar verlor. Trainer wie Prandelli, Ranieri, Wenger, Ferguson, Benitez und viele andere scheiterten über all diese Jahre. 150 Spiele, 125 Siege und 25 Unentschieden lang war man unbesiegt, die erste Niederlage gegen Beira-Mar war zu neunt. Die zweite Niederlage setzte es Sporting de Gijón, als jene in der 90sten Minute mit ihrem ersten Torschuss den Siegtreffer erzielten – zuvor war Real ein reguläres Tor aberkannt worden. Nach dem Spiel klopfte es an der Tür und Mourinho gratulierte seinem Gegenüber Manuel Preciado zu diesem Sieg.

Eine sportliche Geste eines unfairen Sportsmannes.

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Jürgen Klopp – Der Menschenfänger

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Emotional, authentisch und sympathisch. Das ist Jürgen Klopp, Meistertrainer der Überraschungsmannschaft aus Dortmund, die heute Abend um 20.30 Uhr gegen den Hamburger SV die Bundesligasaison 2011/12 eröffnen wird. Zum Start in die neue Spielzeit gibt es nun ein Porträt des aktuell gefragtesten deutschen Fußballlehrers.

Wie der Vater so der Sohn

Wie bei jeder Fußballerkarriere beginnt auch die Geschichte des Jürgen Klopp zunächst mit einem sportbegeisterten und auch durchaus begabten Kind. Und wie man es so häufig hört, war auch bei Jürgen Klopp sein Vater Norbert Klopp ausschlaggebend für seine Begeisterung für den Sport. Die Faszination beschränkte sich bei Klopp lange Zeit nicht nur auf das runde Leder, vielmehr brachte ihm sein Vater sämtliche Sportarten bei. Besonders begabt war Klopp nach verschiedenen Aussagen im Tennis, doch der junge Jürgen entschied sich irgendwann gegen den Einzelsport und für den Mannschaftssport Fußball.

Seinem Vater hatte Klopp seinen enormen Ehrgeiz zu verdanken. Erbarmungslos sei er gewesen im Wettbewerb gegen ihn, sagte Klopp einmal. Eine Anekdote erzählt, wie der Vater den Sohn im Tennis mit 6:0, 6:0 besiegte. Daraufhin beschwerte sich Jürgen lautstark: „Meinst du, mir macht das Spaß so?“ Vater Norbert konterte: „Meinst du, mir macht das Spaß?“

Jürgen Klopp sagte einmal, er habe zuerst eine riesige Wut auf seinen Vater entwickelt, die sich dann schließlich zu einem unbändigem Siegeswillen entwickelt habe. Auch als er längst gegen Gleichaltrige antrat, bewahrte sich Jürgen diesen Siegeswillen, der ihn als Spieler viel weiter brachte als es seine fußballerischen Fähigkeiten normalerweise zugelassen hätten.

Der lange Weg nach Mainz

Der am 16. Juni 1967 geborene Klopp trat im Jahre 1972 seinem ersten Verein bei, dem SV Glatten. Dem Amateurverein hielt er insgesamt 11 Jahre, bis 1983, die Treue. Dann wechselte er zum TuS Ergenzingen, wo er seine restlichen drei Jahre als Jugendspieler sowie sein erstes Halbjahr als Seniorenspieler verbrachte. Schon im Juli 1986, in seinem ersten Jahr bei den Herren, hatte Klopp auf sich aufmerksam gemacht, als er in einem Freundschaftsspiel gegen Eintracht Frankfurt den Ehrentreffer zum 1:9 erzielte und eine herausragende Leistung zeigte.

Daraufhin stand er in den Notizbüchern der großen Frankfurter Eintracht. Im Winter jedoch wechselte er zunächst zum 1. FC Pforzheim. Der Oberligist überreichte den Verantwortlichen der TuS die ausgehandelte Ablösesumme von 12.000 DM bar in einer Autobahnraststätte.

Zur Saison 1987/88 wechselte Klopp dann schließlich zur Eintracht, jedoch „nur“ in die Reservemannschaft. Der große Durchbruch blieb Klopp auch in Frankfurt verwährt, sodass er nach einem Jahr erneut den Verein wechselte und bei Viktoria Sindlingen anheuerte. Nach erneut einer Spielzeit schloss sich der trotz seiner zahlreichen Wechsel erst 22-Jährige Jürgen Rot-Weiss Frankfurt an. In der Spielzeit 1989/90 erreichte er mit diesen die Aufstiegsrelegation für die 2. Liga. Doch statt den Frankfurtern stieg ein anderer Verein in die zweithöchste Spielklasse auf, der 1. FSV Mainz 05. Obwohl mit dem eigenen Verein nicht erfolgreich, gelang Klopp der persönliche Aufstieg durch einen Wechsel zum vorherigen Konkurrenten, sodass er ab der Saison 1990/91 für die Mainzer stürmte.

In den elf Jahren als Spieler für den Fußballsportverein bestritt Klopp insgesamt 340 Pflichtspiele, dazu erzielte er in der 2. Liga 52 Tore für die 05er.  In beiden Kategorien war er Rekordhalter, als Rekordspieler wurde er von Torhüter Dimo Wache abgelöst, Rekordtorschütze ist inzwischen Sven Demandt mit 55 Toren.

Die Einführung der Raumdeckung

Entscheidend geprägt wurde Klopp wie der gesamte Verein von einem heute fast gänzlich vergessenen Trainer: Wolfgang Frank. Dieser kam in der Saison 1995/96 nach acht Spielen, aus denen die Mainzer einen einzigen Punkt geholt hatten und ein Torverhältnis von 0:14 vorweisen konnten. Er führte als erster in Deutschland die Raumdeckung ein und verschaffte den 05ern dadurch einen riesigen Wettbewerbsvorteil. Mainz wurde zum besten Rückrundenteam, schaffte schlussendlich den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt und war in der Abschlusstabelle auf dem 11. Tabellenrang zu finden.

In der Folgesaison war der Abstiegskandidat Mainz 05 urplötzlich zum Aufstiegskandidaten geworden. Am Ende der Saison stand der 4. Tabellenplatz, sodass der Aufstieg denkbar knapp verpasst wurde. In den Folgejahren war der FSV zwar nicht mehr direkt am Aufstiegsrennen beteiligt, doch zumindest war man auch nicht mehr der Abstiegskandidat von früher.

Als die 05er in der Saison 2000/01 erneut tief im Tabellenkeller feststeckten, wurde der damals verletzte Klopp an Fastnacht als Nachfolger für den entlassenen Eckhard Krautzun berufen. Mit dieser sehr ungewöhnlichen Aktion bewies der damals noch ehrenamtlich arbeitende Manager Christian Heidel großen Mut, im Nachhinein aber auch eine große Voraussicht. Klopps Team legte einen beeindruckenden Schlussspurt hin und schaffte schließlich den Klassenerhalt.

Aufstiegsdramen und Abschiedstränen

In den folgenden Jahren schwang sich der FSV unter Klopp zu unvermuteten Höchstleistungen auf, doch selbst 64 Punkte reichten in der Saison 2001/02 nicht zum Bundesligaaufstieg. Im Folgejahr war es noch knapper, am Ende fehlte ein Tor gegenüber der Frankfurter Eintracht zum Aufstieg. Dennoch sammelten die mutig auftretenden Mainzer bundesweit Sympathien, gerade auch durch die bitteren Erfahrungen im Aufstiegskampf.

In der Saison 2003/04 sollte es dann endlich mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga klappen. Wieder war es denkbar eng, erst am letzten Spieltag konnten die 05er Alemannia Aachen überholen und den lang ersehnten Aufstieg feiern.

In der Bundesliga angekommen galten die Mainzer sofort als Abstiegskandidat, doch in den ersten beiden Jahren konnte der Verein einen jeweils überzeugenden elften Rang vorweisen. Zur dritten Erstligasaison 2006/07 hatte der FSV namhafte Abgänge zu verkraften und trotz einer großen Aufholjagd in der Rückrunde stand am Ende der bittere Gang in die Zweitklassigkeit. Schon zu Beginn der neuen Saison 2007/08 gab es Gerüchte, dass Klopp seinen Vertrag in Mainz nicht verlängern wolle. Schließlich verkündete Kloppo „seinen“ Fans, dass er bei Nichtaufstieg den Verein endgültig verlasse. Trotz einer überzeugenden Hinrunde wurde der Aufstieg, erneut äußerst knapp verpasst, sodass Jürgen Klopp nach insgesamt 18 Jahren als Spieler und Trainer die Domstadt verließ, um Borussia Dortmund zu trainieren. Circa 15.000 Fans bereiteten ihrem Idol einen unvergesslichen Abschied, bei dem sich der Trainer tränenreich von seinen Freunden und Fans verabschiedete.

Klopp und der BVB – Neu verliebt

Mit der ersten Pressekonferenz in Dortmund hatten Fans wie Verantwortliche gleich das Gefühl, in dem authentischen Klopp genau den richtigen Trainertypen in Zeiten von Sparzwängen und Konsolidierung verpflichtet zu haben. Ganz im Gegensatz zum Hamburger SV, wo der Aufsichtsrat den Vorschlag des damaligen Vorstandsvorsitzen Bernd Hoffmann, Klopp als neuen Cheftrainer zu installieren, aufgrund seines „äußeren Erscheinungsbilds“ verwarf. In Dortmund dagegen machte man sich nichts aus dem „Acht-Tage-Bart“, den langen Haaren und dem emotionalen Auftreten Klopps, mit seinem Äußeren passte Klopp vielmehr sehr gut nach Westfalen.

In der ersten Saison unter Klopp erreichten die Borussen einen ordentlichen 6. Tabellenplatz, der jedoch nicht zur Teilnahme an der Europa League berechtigte. Dennoch überzeugte die mit dem „Kinderriegel“ (bezogen auf die Innenverteidigung, bestehend aus den beiden damals 19-Jährigen Mats Hummels und Neven Subotić) agierende Mannschaft durch ihren erfrischenden Fußball und vor allem durch ihre große Laufbereitschaft. Klopp versuchte anfangs, die allgemeine Laufleistung durch Belohnungen zu steigern. So versprach er dem Team bei insgesamt 120 zurückgelegten Kilometern einen trainingsfreien Tag als Belohnung.

In Klopps zweiten Jahr stürmten seine Spieler auf den fünften Tabellenrang vor, nachdem man sich lange Zeit durchaus berechtigte Hoffnungen auf einen Champions-League-Startplatz machen durfte. Im Vergleich zur Vorsaison hatte sich das Team stark weiterentwickelt, vor allem im Spiel gegen den Ball agierten die Dortmunder nun reifer. Kritiker warfen der Borussia jedoch vor, nach dem Ballgewinn keine Idee zu haben, was mit dem Ball anzufangen sei. Und tatsächlich hatte sich Klopp in seinen ersten beiden Jahren anscheinend vordergründig um die Verbesserung der Defensivleistung gekümmert.

Gerade durch die Einführung eines neuen Defensivkonzepts, dass das heute so BVB-typische Gegenpressing direkt nach Ballverlust vorsah, konnte Klopp seine Mannschaft entscheidend stabilisieren. Doch durch die häufig zu leichtfertigen Ballverluste war man zu schnell wieder defensiv gefordert, sodass am Ende der Saison trotz eigentlich überzeugender Defensivleistungen unbefriedigende 42 Gegentore standen.

Für Klopp war vor der Saison 2010/11 klar, dass diese hohe Anzahl an Gegentoren relativ wenig mit der tatsächlichen Defensivleistung zutun hatten. Stattdessen beschloss er, die Vorbereitung vor allem dafür zu nutzen, neben der schon obligatorischen außergewöhnlichen Fitness vor allem auf das Ballbesitzspiel zu legen.

Und so entwickelte das Trainerteam Spielideen, Strategien zum effektiven Aufbauspiel und verpasste dem BVB ein Offensivkonzept, welches perfekt zur aggressiven Ballrückgewinnungsstrategie passen sollte: Schnelles vertikales Spiel nach Ballgewinn in Mittelfeld oder Angriff, ruhiger Spielaufbau über die Innenverteidiger sowie Sahin gegen tief stehende Gegner. Gerade das vertikale Spiel perfektionierte die Borussia in der abgelaufenen Spielzeit, die offensive Dreierreihe im 4-2-3-1-System tat sich hier entscheidend hervor, schob sehr weit in die Mitte und schaffte hier Anspielstationen für die Aufbauspieler, sodass die im Laufe der Saison immer kompakter spielenden Gegner in den meisten Fällen ausgehebelt werden konnten. Eine detaillierte Analyse der Taktik des BVB in der abgelaufenen Spielzeit liefert Tim Hill auf seinem Blog.

In der Hinrunde war das Offensivspiel der Dortmunder geprägt durch den Japaner Kagawa. Dieser agierte aus dem zentralen offensiven Mittelfeld extrem torgefährlich, stieß immer wieder in die Spitze vor und überzeugte generell vor allem durch sien Spiel ohne Ball, das die gegnerische Defensive in Bewegung hielt und so immer wieder Lücken für die Mitspieler schuf.

Durch die Verletzung Kagawas war Klopp gezwungen sein System zur Rückrunde umzustellen. In den meisten Partien beorderte er den überzeugenden Youngster Götze auf die Spielmacherposition und brachte dafür Błaszczykowski auf der rechten Seite. Götze interpretierte die Position im offensiven Mittelfeld mehr wie ein klassischer Spielmacher, er war Dreh- und Angelpunkt des Offensivspiels und setzte seine Mitspieler gekonnt in Szene.

Der Pole „Kuba“ spielte ebenfalls anders auf rechts als Götze in der Hinrunde, er war mehr ein klassischer Flügelspieler, nutzte immer wieder seine Schnelligkeit um auf rechts durchzubrechen und Flanken in die Mitte zu schlagen. Dafür spielte Piszczek häufig etwas zentraler und nicht mehr so sehr an der Außenlinie wie normalerweise üblich für Außenverteidiger. Weil Götze anders als Kagawa seltener in die Spitze stieß war es Kevin Großkreutz, der von links immer wieder in den Strafraum lief um die jetzt häufigeren Flanken gemeinsam mit Barrios zu verwerten.

Mit der verbesserten Spielweise dominierte der BVB die gesamte Spielzeit klar. Die extrem junge Mannschaft, in der nur Torhüter Weidenfeller älter als 26 Jahre war, setzte sich schnell von der Konkurrenz ab und ließ sich auch durch die verbalen Attacken aus München nicht verunsichern. Die offiziell nie als Ziel ausgegebene Meisterschaft konnte schließlich schon am 32. Spieltag gefeiert werden, am Ende der Saison standen für die Borussia 75 Punkte bei lediglich 22 Gegentoren.

Die Beziehung zwischen Borussia Dortmund und Jürgen Klopp, sie wurde zu einer Liebesgeschichte. Nach 18 Jahren in Mainz wäre es als unwahrscheinlich einzustufen gewesen, dass Klopp schon nach drei Jahren in Dortmund sagen würde, er habe sich „neu verliebt“. Diese emotionale Verbindung zu seinen Vereinen, ist die größte Stärke Klopps, der sich dadurch extrem angreifbar und damit auch menschlich zeigt, und genau dadurch an Stärke gewinnt. Ein BVB ohne Klopp, scheint schon jetzt ähnlich unvorstellbar wie 2008 ein Mainz ohne seinen Kloppo, doch auch in Dortmund wird der Fanliebling nicht ewig die Seitenlinie entlang toben.

Eine besondere Beziehung

Die Entwicklung der Mannschaft ist jedoch nicht Klopp allein, sondern dem gesamten Trainerstab als Erfolg zuzuschreiben. Dabei sticht  ein Mann heraus, der Klopp schon seine gesamte Trainerkarriere begleitet: Željko Buvač. Zusammen mit Klopp spielte er beim FSV, gemeinsam lenkten sie das Geschehen auf dem Rasen. Zwei Seelenverwandte, die sich versprachen, den jeweils anderen mitzunehmen, sollte einer von ihnen eines Tages Profitrainer werden. Früher als gedacht wurde Klopp dann bekanntlich Cheftrainer in Mainz, und umgehend löste er sein Versprechen ein. In der Folgezeit blieb Buvač stets der Schattenmann, der Analytiker im Hintergrund. Ihm kommt wohl eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Spielphilosophie Klopps zu. Auf dem Trainingsplatz agieren Chef- und Co-Trainer gleichberechtigt, der Bosnier unterbricht häufig und erklärt den Spielern taktische Fehler, während Klopp eher aus der Beobachterrolle agiert.

Zudem stand noch bis 2004 Buvačs Name auf den Spielberichtsbögen, da Klopp bis dahin lediglich die A-Lizenz besessen hatte. Co-Trainer Buvač hat sich in all den Jahren niemals in die Öffentlichkeit gedrängt, er lehnt Interviewanfragen höflich ab. Er fühlt sich ganz anscheinend wohl in seiner Rolle jenseits des öffentlichen Interesses, doch mitten im Profifußball.

Die wenigen Aussagen über Klopps Rechte Hand sind durchweg positiv, in Mainz bedauerte man seinen Weggang zwar, hatte jedoch nie auf einen Verbleib bei einem Weggang Klopps gehofft. Doch jeder seiner Wegbegleiter schwärmt von Buvač, laut Klopp der „Fleisch gewordener Fußballsachverstand und Meister aller Trainingsformen“. Ein ausführliches Porträt widmete das Internetportal Spox dem zweifachen Familienvater.

Der Menschenfänger

Will man verstehen, warum der limitierte Fußballer Klopp zu einem derart erfolgreichen und gefragten Trainer geworden ist, gelangt man früher oder später zwangsläufig zu seinem Umgang mit den Menschen in seiner Umgebung. Für Klopp sind gute und vertrauensvolle Beziehungen zu den Mitarbeitern des Vereins – und damit sind ausdrücklich nicht nur die Spieler gemeint – die Grundlage seiner Arbeitsweise.

Er kann sich fürchterlich aufregen, wenn einer seine Spieler respektlos gegenüber einem Mitarbeiter der Geschäftsstelle auftritt, er selbst sagte einmal, dass er in Mainz „mit allen Spielern bis zur U17 per Du“ sei. Auch außerhalb seines natürlichen Aufgabenfeldes war und ist der Cheftrainer immer wieder aktiv. Zu Mainzer Zeiten war Klopp „Mädchen für alles“, er kümmerte sich um Ausweichplätze im Winter und war bei Sponsorengesprächen häufig anwesend. Auch in Dortmund ruft er am Ende des Tages häufig noch einen zögernden Sponsor an und überzeugt diesen von einem Engagement beim BVB.

Zudem interessiert sich Klopp bemerkenswert intensiv für die Amateur- und Jugendmannschaften des Vereins, beobachtet samstags häufig Spiele der Junioren und schaut auch hin und wieder in der Kabine vorbei. Dadurch gibt er den Jugendspielern das Gefühl gesehen und beachtet zu werden. Zudem lebt er die Verzahnung von Jugend und Profis vor, lässt herausragende Spieler mittrainieren und zeigt ihnen damit eine realistische Perspektive im Verein auf.

Im Umgang mit der Mannschaft ist Klopp autoritärer als gemeinhin angenommen. Seine wohl größte Fähigkeit ist es, mit dem verschiedenen Persönlichkeiten unterschiedlich umzugehen. So bekommt ein Mohamed Zidan eine andere Behandlung als bspw. ein Sebastian Kehl. Klopp schafft es augenscheinlich gut, den einzelnen Typen gerecht zu werden, er findet meist den richtigen Ton im Umgang mit den Spielern und weckt in den Spielern dieselbe Motivation und Begeisterung für ihren Beruf, die auch ihn antreibt.

Treffend beschrieben wurde Klopps Art der Menschenführung wohl von BVB-Geschäftsführer Watzke, als er sagte: „So einen Menschenfänger habe ich noch nicht kennen gelernt.“

Klopp und die Medien

Neben der sozialen Kompetenz zeichnet Klopp aus, dass er sich zu einem wahren Medienprofi entwickelt hat. Seine natürliche Art kam schon immer gut in der Öffentlichkeit an, ebenso seine häufig ungezügelten Emotionen. In ganz Deutschland bekannt wurde Klopp durch seine Tätigkeit als „TV-Bundestrainer“ beim ZDF. Für das Zweite analysierte er gemeinsam mit Johannes B. Kerner und Urs Meier zunächst den Confederations Cup 2005 und im Jahr darauf die WM 2006 in Deutschland.

In den Sendungen vor und nach den Spielen sowie in den Halbzeitpausen verblüffte er die Zuschauer mit kurzen Taktik- und Fehleranalysen. Am elektronischen „Taktik-Tisch“ veranschaulichte er Fehler im Aufbauspiel der Argentinier oder das unzureichende Defensivverhalten der Schweden. Die besondere Stärke seiner Analysen lag in der allgemeinen Verständlichkeit. Ganz Deutschland war von der Aufmachung begeistert, sodass Klopp auch die Spiele der EM 2008 analysierte und anschließend die WM 2010 auf RTL gemeinsam mit Günther Jauch. Seit 2006 ist Klopp damit bundesweit als Taktikexperte anerkannt, was für einen aufstrebenden Trainer nur hilfreich sein kann.

Die Sendungen mit Klopp erhielten 2006 und 2010 den Deutschen Fernsehpreis, zudem wurde er 2007, 2009 und 2011 mit dem alle zwei Jahre vergebenen HERBERT-Award als „Bester Sportexperte“ ausgezeichnet.

Doch seine Tätigkeit rund um die Nationalmannschaft hatte nicht nur positive Seiten. Als Klopp mit Mainz in der Saison nach der Heim-WM tief im Abstiegskampf steckte, musste er deutschlandweit gehässige Kommentare gerade auch aus den Medien ertragen.

Doch insgesamt ist die Beziehung zwischen Klopp und den Medien eine Win-Win-Situation, Klopp liefert den Zeitungen und dem Fernsehen interessantes und teils auch sehr amüsantes Material, im Gegenzug ist die Berichterstattung über Klopp und seine Arbeitsweise fast durchgehend positiv. Besonders seine gehaltvollen und ausführlichen Antworten machen ihn zu einem gefragt Interviewpartner der Print- und Onlinemedien,

Fazit

Auch durch seine kluge Nutzung der Medien ist Klopp heute der wohl beliebteste Trainer Deutschlands. Sein Umgang mit Spielern, Mitarbeitern und Fans ist in dieser Form wohl einmalig, schon nach drei Jahren ist er aus Dortmund nicht mehr wegzudenken. Doch auch taktisch hat Klopp in Dortmund sein Meisterstück abgeliefert und eine Mannschaft aufgebaut, die – sollte sie zu großen Teilen zusammenbleiben – den Bayern über einen langen Zeitraum ernsthaft Konkurrenz machen kann.

Aus Klopps Zeit in Dortmund lässt sich noch eine wichtige Erkenntnis gewinnen: Gibt man einem wirklich guten Fußballlehrer die Zeit, ein Team aus jungen, formbaren Spielern über einen Zeitraum von mehreren Jahren ohne größeren Druck von außen zu entwickeln, kann mitunter eine Mannschaft wie die derzeitige des BVB entstehen, die trotz finanziellen Nachteilen gegenüber den anderen Spitzenvereinen sportlich konkurrenzfähig ist und die bei Zusammenbleiben der Schlüsselspieler dauerhaft um die Meisterschaft mitspielen kann.

So wird auch in der kommenden Saison mit dem BVB im Meisterschaftsrennen zu rechnen sein, gespannt sein darf man auf das Auftreten der jungen Mannschaft in der Champions-League.

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Robin Dutt – Von der Bezirksliga in die Champions League

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Robin Dutt fing seine Trainerkarriere in der Verbandsliga Baden-Württembergs an. Rund 15 Jahre später steht er bald bei Champions League-Spielen am Rand. Das Porträt eines Aufsteigers.

Anfänge einer Karriere

Noch vor rund 15 Jahren war die Profiwelt des Fußballs eine unzugängliche Parallelwelt. Nahezu alle Trainer und Manager, die den Spielfeldrand der Bundesliga bevölkerten, waren ehemalige Profispieler. Quereinsteiger gab es in diesem abgeschotteten Geschäft kaum. Heutzutage hat sich der Fußball für Spezialisten geöffnet, und so sind gerade die Scouting-Abteilungen der Ligen voll mit Leuten, die nie als Profis gespielt haben.

Auf der Trainerposition ist das immer noch eine Ausnahme, auch zwanzig Jahre nach Arrigo Sacchis (Erfolgstrainer des AC Milan Ende der 80er/Anfang der 90er) Ausspruch: „Ein guter Trainer muss kein guter Spieler gewesen sein – genauso wenig wie ein guter Jockey ein Pferd gewesen sein muss.“ Eine der großen Ausnahmen in dieser Hinsicht ist Robin Dutt, der in seiner aktiven Zeit nie weiter als in die Verbandsliga kam. Trotzdem war Fußball immer die größte Leidenschaft des jungen Industriekaufmannes. Obwohl seine fußballerischen Fähigkeiten stark limitiert waren, hatte er immer den Wunsch, sein Hobby zum Beruf zu machen.

Seine Karriere begann unscheinbar: Nachdem der Sohn indischer Einwanderer in jungen Jahren von Köln nach Baden-Württemberg zog, tingelte er dort als Stürmer in Jugend- und Amateurmannschaften von Kleinstadtverein zu Kleinstadtverein. Er selbst sagt im Nachhinein, dass ihm die Schnelligkeit fehlte, um als Stürmer für höhere Weihen bestellt zu sein. Seine Defizite in diesem Bereich musste er ausgleichen, indem er mehr auf seine Positionierung achtete. Er entwickelte als Aktiver eine vergleichsweise hohe Spielintelligenz, um trotz seiner körperlichen Nachteile in den höheren Amateurklassen mithalten zu können.

Schon damals achtete er auf die taktischen Details innerhalb eines Spiels. Kein Wunder also, dass der Wechsel vom Feldspieler zum Trainer nahezu nahtlos verlief. Im Alter von 33 fing er als Spielertrainer beim TSG Leonberg an. Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn wurde er Coach des TSF Ditzingen, bei dem er schnell vom Betreuer der Nachwuchsmannschaft zum Cheftrainer des Oberliga-Teams aufstieg  (wer mehr über diese Zeit erfahren möchte, dem sei der Kommentar von unserem User Stepi ans Herz gelegt).

Die südwestdeutsche Trainergilde

Eine Spielerkarriere in der Bezirks- und Verbandsliga und ein Posten bei einem wenig ambitionierten Oberligisten – das klingt nicht gerade nach einem idealen Start für eine Trainerkarriere. Robin Dutt zeichnete sich jedoch immer durch extremen Fleiß aus. Für ihn war klar, dass er eines Tages sein Hobby zum Beruf machen wollte. Dementsprechend arbeitete er immer ein bisschen mehr als seine Kollegen. Seine Freizeit neben dem Beruf widmete er ganz dem Trainerjob. Er las viele Fachzeitschriften und versuchte, aktuelle Trends in sein Training mitaufzunehmen.

Seine Laufbahn wäre jedoch ohne gehörige Portion Glück nicht möglich gewesen. Robin Dutt war schlicht und ergreifend in vielen Situationen zur rechten Zeit am rechten Fleck. Es beginnt damit, dass Baden-Württemberg Ende der 90er der beste Ausgangspunkt für eine beginnende Trainerkarriere war: Während im Rest von Fußballdeutschland Begriffe wie Viererkette, Raumdeckung und 4-4-2 selbst noch zum Ende des 20. Jahrhunderts kritisch beäugt wurden, war die Fußballszene im Schwabenlande weiter. Beim Württembergischen Fußballverband wurde das ballorientierte Verteidigen schon in den 80er Jahren von Helmut Groß eingeführt und später von Ralf Rangnick übernommen. Die anderen süddeutschen Fußballverbände folgten in den 90er Jahren diesem Vorbild. Nicht umsonst haben viele der heutigen Top-Trainer im süddeutschen Raum ihr Handwerk gelernt – vom erwähnten Ralf Rangnick über Thomas Tuchel bis hin zu Joachim Löw.

Seine Herkunft verschaffte Dutt nicht nur eine sehr gute Ausbildung, sie versorgte ihn zudem mit wichtigen Kontakten. Seinen A-Trainerschein machte er zusammen mit einem gewissen Marcus Sorg, heute Cheftrainer des SC Freiburg. Die beiden freundeten sich an, und als Sorg 2001 das Cheftraineramt beim damaligen Drittligisten Stuttgarter Kickers übernahm, legte er bei den Verantwortlichen ein gutes Wort für den aufstrebenden Robin Dutt ein. So wurde dieser 2002 Trainer der Reservemannschaft der Kickers.

Marcus Sorg blieb nicht lange in Stuttgart. Anfang 2003 wurde er entlassen und von Rainer Adrion abgelöst, der heute die deutsche U21-Nationalmannschaft betreut. Als auch dieser jedoch nach nur einem halbem Jahr im Oktober 2003 entlassen wurde, war die große Stunde des Robin Dutt gekommen: Er bekam seinen ersten Cheftrainerposten bei einer Profimannschaft.

Seine Zeit bei den Stuttgarter Kickers

Seine Aufgabe bei den Stuttgarter Kickers war keine leichte: Vor der Saison als Aufstiegsaspirant gehandelt, war nach einem misslungen Saisonstart keine Rede mehr von der Rückkehr in die Zweitklassigkeit. Zu jener Zeit hatte der frühere Bundesligist wie so viele Traditionsvereine mit finanziellen Problemen zu kämpfen und konnte sich nur durch den Verkauf der Namensrechte am Stadion vor der Insolvenz retten. Er war daher in den kommenden Jahren darauf angewiesen, junge Talente aufzubauen anstatt namhafte Spieler für teures Geld zu verpflichten.

Für Robin Dutt ging trotz der schwierigen Bedingungen ein Traum in Erfüllung: Er hatte es ins Profigeschäft des Fußballs geschafft. Nun galt es zu beweisen, dass seine bisherigen Erfolge nicht nur daher rührten, dass er zur rechten Zeit am rechten Ort war. Er stürzte sich akribisch in seine Arbeit und war besonders an einer Verbesserung des Scoutings und der Trainingsmethoden interessiert.

Nicht nur die sportliche Situation stellte ihn zu dieser Zeit vor eine Herausforderung: Er begann kurz nach Beginn seiner Tätigkeit in Stuttgart die Ausbildung zum Profitrainer an der Hennes-Weisweiler-Akademie. Die dauernden Reisen vom Neckar nach Köln und zurück setzten dem jungen Trainer zu. Dennoch meisterte er beide Aufgaben und schaffte den Abschluss im Juni 2005 sogar als Jahrgangsbester mit einer Note von 1,4. Die Kurse absolvierte er übrigens zusammen mit Jürgen Klopp, mit dem ihn seitdem eine professionelle Freundschaft verbindet.

Trotz der Doppelbelastung und der finanziellen Engpässe stabilisierten sich die Kickers unter Dutt im Tabellenmittelfeld der Regionalliga Süd. Nach drei höhepunktarmen Spielzeiten im Nirgendwo der Tabelle wurde die Saison 2006/2007 zur erfolgreichsten für die Kickers seit Jahren. Zum ersten Mal seit Dutts Ankunft musste der Verein keine Lizenzauflagen erfüllen – ein finanzieller Erfolg, der sich auf den sportlichen Bereich übertrug. Besonders der Achtungserfolg im DFB-Pokal, als man in der ersten Runde den Bundesligisten Hamburger SV mit 4:3 nach Verlängerung besiegte, katapultierte den Coach in das nationale Rampenlicht.

Der Wechsel zum SC Freiburg

Nach seinen feinen Trainerleistungen in dieser Saison war er nicht nur im Blickfeld der Medien, sondern auch im Gespräch bei einigen höherklassigen Vereinen. Bekannt wurde vor allem das Interesse von Bundesligist Hannover 96, die einen Nachfolger für den gefeuerten Peter Neururer suchten, sich letztendlich aber für Dieter Hecking entschieden. Ernst wurde es im März, als der damalige Zweitligist SC Freiburg für die neue Saison einen Nachfolger für den ewigen Volker Finke suchte. Nachdem er sich das Angebot einige Tage durch den Kopf gehen ließ und auch ernsthaft in Betracht zog, den eingeschlagenen Weg bei den Stuttgarter Kickers weiterzugehen, nahm er schließlich an.

Die Idylle, die den SC Freiburg ansonsten zu einem der ruhigsten Profivereine Deutschlands machte, wurde durch diesen Trainertausch erschüttert. Es entwickelte sich schnell eine Initiative, die den Verbleib von Volker Finke forderte. Die Aktion „Wir sind Finke“ fand vor Saisonschluss besonderen Zulauf, als der SC Freiburg nach guten Leistungen in den letzten Wochen der Finke-Herrschaft den Aufstieg nur knapp verpasste. Trotz einiger kritischer Stimmen auch innerhalb des Vorstandes standen die Breisgauer zu ihrer Entscheidung und so trat Dutt seine neue Aufgabe zur Saison 2007/2008 an.

Gerade die Besetzung der neuen Posten wurde zum Drahtseilakt: Zu viele neue Mitarbeiter wäre ein Affront gegen den bei den Fans beliebten alten Trainer – zu wenig neue Mitarbeiter ein Zeichen von Schwäche. Er wählte den Mittelweg: Zum einen wollte er eine größtmögliche personelle Kontinuität erreichen und beförderte unter anderem Damir Burić, der bereits unter Volker Finke arbeitete, zum Co-Trainer. Andererseits zeigte er seine Loyalität zu ehemaligen Weggefährten und legte ein gutes Wort für ehemalige Kollegen ein, so zum Beispiel für seinen Förderer aus Kickers-Tagen, Marcus Sorg, der im Sommer 2008 Trainer der Amateure wurde.

Mit dem SC Freiburg übernahm Dutt erneut einen Verein, der in einem personellen  Umbruch stand. Er musste wie schon bei den Stuttgarter Kickers sich nicht nur als Übungsleiter, sondern auch in der Kaderzusammenstellung hervortun. Im Sommer verließen bereits viele Spieler den Verein, es kamen ebenso viele neue hinzu. In der Winterpause ging der Umbruch weiter und es kam unter anderem Mo Idrissou zu den Freiburgern.

In dieser Spielzeit waren die Anforderungen an den Trainer enorm. Auf der einen Seite stand eine nicht so kleine Gruppe Fans, die den neuen Trainer kritisch beäugten und am liebsten Finke wieder im Amt gesehen hätten. Auf der anderen Seite erhöhte Dutt selber die Erwartungen, als er den Aufstieg eigenmächtig als Saisonziel ausgab. Obwohl der Vorstand einen Mittelfeldplatz ausrief und damit dem Trainer den Druck von den Schultern nehmen wollte, war Dutt der Meinung, dass nach dem vierten Platz der letzten Saison eine bessere Platzierung und damit der Aufstieg das Ziel sein müsse. Damit machte er sich gerade bei den Vereinsverantwortlichen keine Freunde.

Diesen Anfangsschwierigkeiten zum Trotz schaffte der SC Freiburg in der ersten Saison einen respektablen fünften Platz. Den Aufstieg verpasste man aufgrund einer Niederlagenserie zu Beginn der Rückrunde. Außerhalb des Platzes beruhigte er die Anhänger mit seiner unaufgeregten, sachlichen Art und machte Volker Finke schnell vergessen. Aber auch fußballerisch war die erste Saison wichtig für Robin Dutt, der hier das Fundament für die kommenden Erfolge legte.  Er impfte den Spielern eine Taktik ein, die nicht mit den Prinzipien von Volker Finke brach, sondern dessen Spielidee auf eine neue Stufe hob. Er installierte einen ballbesitzorientierten Fußball in einem 4-2-3-1 System, das auf Kurzpassspiel, die volle Ausnutzung der Breite des Platzes und viele Positionswechsel setzte.

Das verflixt gute zweite Jahr

Die Spielidee seines ersten Jahres in Freiburg entwickelte er in der zweiten Saison konsequent weiter. Robin Dutt implantierte nun modernste taktische Ideen in sein Spiel: In der Offensive spielte der SC Freiburg mit einer Dauerrochade, die vier offensiven Akteure tauschten immer wieder die Positionen. Einen etatmäßigen Stürmer gab es dabei nicht, vielmehr verschob sich situationsbedingt ein Akteur der Offensivreihe in die Spitze. Die Dauerrochade war möglich, weil Robin Dutt auf mehrere torgefährliche Offensivspieler zurückgreifen konnte: Idrissou war im zweiten Jahr zwar der herausragende Torschütze mit 13 Treffern, andere Spieler wie Bechmann und Jäger trugen sich aber ebenfalls mit sieben Toren in die Trefferliste ein. Die Freiburger waren mit ihrem variablen System nicht von einem Torjäger abhängig.

Die Vermischung der Aufgaben eines offensiven Mittelfeldspielers und eines Stürmers wurde sonst nur bei Manchester United betrieben, mit Akteuren wie Rooney und Christiano Ronaldo. „Sagen Sie nicht, wir spielen wie Manchester United. Sonst heißt es gleich, der ist größenwahnsinnig“, wies Robin Dutt die Vergleiche von sich. Dennoch bewies Dutt mit dieser taktischen Maßnahme sein Gespür für internationale Taktiktrends.

Auffällig war auch, wie oft die Freiburger den Weg über die Außen suchten. Das Team nutzte damit geschickt aus, dass die Freiburger den kürzesten, aber auch breitesten Platz aller Profimannschaften in Deutschland bespielen. Seine Taktik war damit auf die Platzverhältnisse im Breisgaustadion abgestimmt.

Mit hohen Ballbesitzzahlen und vielen kurzen Pässen dominierte man die zweite Liga. Der SC Freiburg stürmte schnell an die Tabellenspitze und gab den Platz an der Sonne nur noch selten her. Am 31. Spieltag der Saison 2008/2009 konnten sie mit einem 5:2-Auswärtssieg den Aufstieg und die Zweitligameisterschaft perfekt machen – Robin Dutt war angekommen in der obersten deutschen Spielklasse. Beeindruckend war besonders die Dominanz, mit der der Aufstieg erzielt wurde: In der Rückrunde war der Aufstieg zu kaum einer Zeit ernsthaft gefährdet. Am Ende hatte man ein Torverhältnis von 60:36 und fünf Punkte Vorsprung auf den zweitplatzierten FSV Mainz 05.

Harte Zeit in der ersten Liga

Nach dem Aufstieg folgte eine harte Saison für den SC Freiburg: Wirtschaftlich stand man zusammen mit Mitaufsteiger Mainz am Schlusslicht der Tabelle, der direkte Wiederabstieg wurde von vielen Experten prophezeit. Der Kader konnte daher nur punktuell verstärkt werden, dafür blieben bis auf Daniel Schwaab (Wechsel zu Bayer Leverkusen) alle Leistungsträger.

Dutt lernte eine neue Facette des Trainerberufs kennen: Zum ersten Mal in seiner Karriere kämpfte er vom ersten Spieltag an gegen den Abstieg. Nach einer durchschnittlichen Hinrunde stand sein Klub mit 18 Punkten auf einem akzeptablen 13. Rang. In Erinnerung blieb jedoch nicht die passable Platzierung, sondern vor allem die deutlichen Heimniederlagen gegen Bayer Leverkusen (0:5) und Werder Bremen (0:6).

Robin Dutt fasste die erste Zeit in der obersten Liga passend im Gespräch mit der offiziellen Internetpräsenz des SC Freiburg treffend zusammen: „Wir haben in der Anfangsphase versucht, die gleichen Ballbesitzzahlen zu erreichen, wie in der Zweiten Liga. Dafür sind wir bestraft worden, Leverkusen oder Bremen haben sich bedankt, und uns die Tore eingeschenkt. Da mussten wir erst einmal sehen, dass wir uns defensiv besser organisieren.”

Robin Dutt zog seine Schlüsse aus den teilweise desolaten Auftritten und stellte sein System um. Spätestens ab der Rückrunde spielte der SC Freiburg in einem eindeutigen 4-1-4-1 System. Nach und nach veränderte sich die Spielweise des SC Freiburg, weg vom Kurzpassspiel hin zu schnellem Umschalten. Die vielen Positionswechsel und die Ausnutzung der ganzen Breite blieben aber bestehen.

Neu in diesem System waren vor allem die Rollen zweier Spieler: Auf der einen Seite stand der in der Winterpause für eine Rekordablöse von 1,6 Millionen nach Freiburg  gekommene Cisse, der einzige Sturmspitze wurde. Der SC Freiburg hatte nun eine feste Anspielstation vorne, die Bälle halten, ablegen und im Zweifelsfall alleine den Weg zum Tor suchen konnte. Cisse sollte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten als großer Glücksgriff erweisen. Seine sechs Treffer in der Rückrunde trugen zum Nichtabstieg bei – sein wahres Potenzial sollte er jedoch erst in der kommenden Saison abrufen.

Die zweite wichtige Personalie war Julian Schuster. Er spielte bereits einige Zeit bei den Freiburgern, ehe  Robin Dutt seinem Schützling mehr Verantwortung übertrug. Im 4-1-4-1 System übernahm er die wichtige Rolle zwischen den beiden Viererketten und sollte dafür sorgen, dass niemand diesen Raum ausnutzt. Noch interessanter als seine Defensivaufgaben war seine Rolle im Spielaufbau der Freiburger. Hier ließ sich Robin Dutt erneut von internationalen Top-Klubs inspirieren und implantierte als erster Bundesligatrainer den so genannten „Libero vor der Abwehr“ in sein Spiel.

Im Spielaufbau fiel Schuster aus der Mittelfeldzentrale zwischen die beiden Innenverteidiger zurück. Hierdurch rückten diese auf die Außenverteidigerposition, wodurch die Außenverteidiger wiederum mit nach vorne rücken konnten. Aus der Viererkette wurde im Spielaufbau so eine Dreierkette. Im Falle eines Ballverlustes kamen die Außenverteidiger schnell wieder zurück, um die alte 4-1-4-1 Ordnung herzustellen. Dass Dutt und Schuster bereits zuvor mit dieser Idee kokettierten, war zu erkennen – deutlich wurde sie erst zu Teilen in der Rückrunde der Saison 2009/2010.

Die zweite Bundesligasaison und der Wechsel zu Bayer

Die Freiburger Spielidee verlangte viel Flexibilität von den Spielern und musste lange eintrainiert werden. Es ist keine Überraschung, dass das 4-1-4-1 System in der Rückrunde noch nicht hundertprozentig harmonierte. Dennoch war eine Steigerung zur Hinrunde zu sehen, da die hohen Niederlagen ausblieben und man sogar die großen Bayern am Rande einer Niederlage hatte. Am Ende erreichte die Mannschaft mit 35 Punkten bereits einen Spieltag vor Saisonschluss den Nichtabstieg.

Dutts komplexes System mit den vielen Positionsrochaden sollte in der darauffolgenden Saison dem SC Freiburg zu ungeahnten Erfolgen führen: Vor der Saison erneut als Abstiegskandidat gehandelt, konnten die Breisgauer am Ende der Hinrunde gar von einem Europa League-Rang träumen. Die zwei Eckpfeiler der Mannschaft, Julian Schuster und Cisse, befanden sich in ausgezeichneter Form und sorgten dafür, dass man sich schon früh in der Saison vom Abstiegskampf verabschieden konnte. Erfolgreich sein und schön spielen – Dutts Prämisse wurde in der Hinrunde 20010/2011 voll erfüllt.

Die Rückrunde der Saison verlief nicht mehr so glanzvoll, so dass am Ende der neunte Rang heraussprang. Gründe für das schwache Abschneiden in der zweiten Saisonhälfte waren einerseits Verletzungen – besonders Julian Schuster konnte nach einer Zwangspause nicht mehr an seine alten Leistungen anknüpfen. Als man sich nach einigen unglücklichen Niederlagen zu Beginn des Jahres im Tabellenniemandsland wiederfand, schlich sich zudem ein kleiner Schlendrian in die Mannschaft ein.

In dieser Phase der Saison machte die Bundesliga besonders außerhalb des Platzes auf sich aufmerksam: Das Trainerkarussell drehte sich in hoher Geschwindigkeit. Am Ende öffneten die zahlreichen Wechsel innerhalb der Liga eine Tür für Robin Dutt: Bayer Leverkusen bot ihm eine Stelle als Cheftrainer an. Nach reiflicher Überlegung nahm er die Chance wahr.

Ausblick auf seine Zeit in Leverkusen

Robin Dutt war angekommen – von der Verbandsliga hat er es in nur 15 Jahren in die Champions League geschafft. In der Bundesliga ist sein Werdegang herausragend, weil er nie Teil der Bundesligamaschinerie war. Er hat es durch harte Arbeit und eine nicht zu leugnende Portion Glück geschafft, als Quereinsteiger Trainer eines Topklubs der Liga zu werden.

Taktisch war Robin Dutt immer ein Verfechter von anspruchsvollem Kurzpassspiel. Erfolg ist kein Selbstzweck, wichtig ist die Frage, wie dieser Erfolg erzielt werden kann. Durch seine Vorliebe für das schöne Spiel zeigt sich seine Liebe zum Fußball, die ihn vom TSF Ditzingen bis hin zu Bayer Leverkusen führte. Auf der anderen Seite ist eine schöne Spielweise auch ein Garant dafür, bei den Fans beliebt zu sein – ein nicht unwesentlicher Faktor, wenn man bedenkt, dass Robin Dutt als Außenstehender zu Beginn seiner Karriere bei seinen Stationen nicht viele Fürsprecher fand.

Mit seinem neuen Verein Bayer Leverkusen hat er nach wenigen Spieltagen bereits eine ganze Handvoll Probleme. Als neutraler Beobachter sollte man jedoch verstehen, dass Dutts Idee vom Fußball eine gewisse Zeit braucht, bis sie bei einem Verein hundertprozentig funktionieren kann – ballbesitzorientierter Fußball ist immer schwerer zu vermitteln als eine Kontertaktik aus einer sattelfesten Defensive. Die Fans sollten ihm Zeit geben, seine Idee vom Spiel zu entwickeln. Schon jetzt zeigt sich, dass taktisch und spielerisch eine große Leverkusener Mannschaft entstehen kann, siehe die großartige erste Halbzeit gegen Dynamo Dresden im Pokal.

Die anderen Probleme, die er teilweise selbst geschaffen hat, lassen sich mit einem Blick auf seine Biographie erklären. So rief er in Leverkusen das Saisonziel Meisterschaft aus und machte sich (wie schon zu seiner Anfangszeit in Freiburg) damit nicht nur Freunde. Diese Aussagen sind jedoch für ihn nur konsequent: Stagnation oder gar Rückschritt waren nie ein Bestandteil seines Aufstieges von unten nach ganz oben. Auf einen zweiten Platz kann bei ihm nur der Erste folgen, das war und ist Teil seiner eigenen Motivation.

Neu ist für ihn auch die Situation, eine Mannschaft zu übernehmen, die nicht in einem Umbruch steckt. Bei den Stuttgarter Kickers übernahm er einen Verein am finanziellen Ende, beim SC Freiburg beerbte er einen Vorgänger, der über 16 Jahre im Amt war. Bayer Leverkusen hingegen hat einen gefestigten Kader und war in der Vorsaison sehr erfolgreich – hier wird zunächst nicht seine Fähigkeit in der Kaderzusammenstellung, sondern seine Kompetenz als Übungsleiter im Vordergrund stehen.

Dass Robin Dutt taktisch zu den besten Trainern der Liga zählt, unterstrich seine hochmoderne und flexible Spielweise in Freiburg. Die Schwierigkeit in Leverkusen ist es, zu akzeptieren, dass das sportliche Prinzip in der Öffentlichkeit anders gewichtet wird. Während er im beschaulichen Breisgau einen Spieler, der nicht in das taktische Konzept passte, ohne großen Aufschrei auf die Bank setzen konnte, gestaltet sich das gerade im Fall Ballack als schwierig. Seine Aussage, man könne Rolfes und Ballack nicht zusammen aufstellen, macht sportlich Sinn – sie nimmt allerdings zu wenig Rücksicht auf die öffentliche Debatte, die sich längst von sportlichen Kriterien gelöst hat.

Robin Dutt stand früher als gedacht in Leverkusen am Pranger. Es ist eine wichtige Station für ihn, denn jetzt hat er die einmalige Chance zu zeigen, ob er zu den besten Trainern der Bundesliga gehört. Wenn er scheitert, wäre es der erste echte Rückschlag in einer Karriere, die bisher nur den Weg nach oben kannte. Die nächsten Wochen werden eine harte Probe für den Quereinsteiger.

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Thomas Tuchel – alles andere als bequem

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Er wird als das wohl größte Trainertalent Deutschlands gehandelt und gilt als prominentester Vertreter der „Generation Nachwuchsleistungszentrum“. Innerhalb von zwei Jahren etablierte er sich im Profigeschäft. In diesen zwei Jahren verschaffte er sich in der Branche einen enormen Respekt, eckte aber mit seiner direkten und emotionalen Art immer wieder bei Fans, Medien und Kollegen an, was dafür sorgte, dass er sich schon viele Vorwürfe gefallen lassen musste.

Mangelnde Aufopferung für den Job wird er jedoch niemals zu hören bekommen, denn Thomas Tuchel ist ein akribischer Arbeiter, obwohl er nach einem verletzungsbedingten frühen Ende der Spielerkarriere erst davon überzeugt werden musste, überhaupt im Fußballgeschäft weiterzuarbeiten.

Doch wie hat er es geschafft, mit Mitte Dreißig Trainer eines ambitionierten und entwicklungsfähigen Bundesligisten zu werden, zahlreiche Achtungserfolge zu feiern und seinen Namen auf die Wunschzettel der deutschen Topvereine zu bekommen? Wie wurde er das, was er jetzt ist, nämlich das deutsche Trainertalent schlechthin?

Tuchels Weg zum Profitrainer

Am 29. August 1973 in Krumbach (Bayern) geboren, ging Tuchel als Juniorenspieler zunächst den ganz gewöhnlichen Weg eines talentierten Spielers: Mit vierzehn Jahren wechselte er von seinem Heimatverein, dem TSV Krumbach, zum nicht allzu weit entfernten FC Augsburg. Dort spielte er insgesamt vier Saisons bis zum Ende seiner Jugendzeit. Im Anschluss wechselte er zu den gerade aus der 1. Bundesliga abgestiegenen Stuttgarter Kickers, wo er allerdings in zwei Saisons nur acht Spiele bestritt, sodass er im Sommer 1994 dem Ruf des Jungtainers Ralf Rangnick, damals Trainer beim Regionalligisten SSV Ulm, folgte.

Unter Rangnick absolvierte Tuchel, der sich selbst als „unbequemen“ Spieler beschreibt, insgesamt 69 Spiele (3 Tore), jedoch über einen Zeitraum von insgesamt vier Saisons. Endgültig vorbei mit der Spielerkarriere war es für den schon damals auffällig am Trainerdasein interessierten Tuchel schon im Alter von 24 Jahren, als ihn eine Knieverletzung zur Aufgabe der Karriere zwang.

Im Anschluss zeigte Tuchel zunächst keinerlei Ambitionen, weiter im Fußballgeschäft tätig zu sein. Stattdessen absolvierte er ein BWL-Studium und kellnerte nebenbei in einer Kneipe. Über diese Zeit sagt er im Rückblick: „Am Anfang war es aber nicht einfach, weil ich über meinen eigenen Schatten springen musste. Zuvor war ich es als Fußballer gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Nach einigen Wochen wurde mir jedoch bewusst, dass der Kellner-Job das Beste war, was mir passieren konnte. Ich habe die Zeit sehr genossen und Anerkennung von Leuten gefunden, die gar nicht wussten, dass ich irgendwann einmal ganz gut Fußball gespielt habe.“

Tuchel gewann zunehmend Abstand vom Fußball. Dennoch konnte ihn sein inzwischen beim VfB Stuttgart tätiger Ex-Trainer Rangnick überzeugen parallel zum Studium als Trainer beim VfB zu hospitieren, was dann schließlich zur Trainertätigkeit Tuchels in der U14 der Schwaben führte. Nach insgesamt vier Jahren in U14 und U15 rückte Tuchel als Co-Trainer in die U19 auf, mit der er in der Saison 2004/05 Deutscher A-Jugendmeister wurde. Als seinen größten Mentor zur VfB-Zeit nennt Tuchel nicht wie man vermuten könnte Ralf Rangnick, sondern Hermann Badstuber, den inzwischen verstorbene Vater von Bayern-Profi Holger. Tuchel beschreibt den langjährigen Trainer Badstuber wie folgt: „Ich kenne bis heute kaum einen Trainer, der so viel Fachwissen in sich vereint, gleichzeitig aber so viel Querdenken zulässt, sich ständig hinterfragt, fleißig arbeitet und dabei bescheiden geblieben ist. Er hat mich fachlich und menschlich sehr, sehr geprägt.“

Nach dem Gewinn des Meistertitels wechselte Tuchel zum ersten Mal als Trainer den Verein, um bei seinem Ex-Klub FC Augsburg als U19-Trainer sowie Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums zu fungieren. Während dieser Zeit absolviert Tuchel die Ausbildung des DFB zum Fußball-Lehrer, welche er letzten Endes mit einer Durchschnittsnote von 1,4 abschließt, womit er zu den Jahrgangsbesten gehört. 2007 übernahm Tuchel die Augsburger U23 in der Landesliga, was jedoch nicht wirklich seinen Ansprüchen entsprochen haben dürfte und so wechselte Tuchel 2008 erneut den Verein und wurde beim 1. FSV Mainz 05  Trainer in der U19. Gleich in seiner ersten Saison hinterließ Tuchels Mannschaft mit dem völlig überraschenden Gewinn der Deutschen Meisterschaft einen imposanten Eindruck.

Dieser Erfolg machte wiederum andere Vereine auf Tuchel aufmerksam und er wäre wohl nur allzu gerne in den Trainerstab Rangnicks in Hoffenheim gewechselt, um den letzten Schritt in seiner eigenen Entwicklung zu gehen. Doch Manager Heidel überredete ihn zum Bleiben, mit dem Hinweis, dass sie seine hervorragende Arbeit sehr wohl registriert hätten und er in Mainz keine schlechten Zukunftsperspektiven habe. So blieb Tuchel in Mainz und sein ganz großer Auftritt kam wesentlich früher als geplant: Noch vor dem ersten Spieltag der Saison 2009/10 feuerten die Verantwortlichen aufgrund schwerwiegender interner Unstimmigkeiten Aufstiegstrainer Jörn Andersen und beförderten Tuchel vier Tage vor dem Bundesligastart zum Erstligatrainer.

In seiner ersten Saison übertraf Tuchel, der mit einem von Heidel und Andersen zusammengestellten Kader arbeiten musste, sämtliche Erwartungen. Er erreichte einen, mit dem mit einem sehr kleinen Budget ausgestatteten Aufsteiger, sensationellen 9. Tabellenplatz. Dieser Erfolg wurde vor allem durch eine eindrucksvolle Heimstärke erreicht.

Den absoluten Höhepunkt der Saison erlebten die Fans dabei bereits am 3. Spieltag, als der Branchenprimus aus München von einem überraschend aggressivem Gastgeber mit 2:1 geschlagen wurde. Es folgten weitere Siege gegen stärker eingeschätzte Gegner, aber auch schlechtere Phasen, die jedoch für einen unerfahrenen Aufsteiger nicht ungewöhnlich sind.

Doch noch wichtiger als die Ergebnisse war den Verantwortlichen das im Vergleich zu Andersen völlig veränderte Auftreten der Mannschaft: Tuchel führte das von Vor-Vorgänger Klopp eingeführte aggressive Pressing wieder ein, forcierte das schnelle Spiel in die Spitze und den schnellen Torabschluss, legte aber zunächst besonders Wert auf eine geordnete Defensive. Schon nach den ersten Spielen rieben sich viele Experten verwundert die Augen, mit wie viel Mut und Kreativität Tuchels Mannen agierten und so für einige Überraschungen sorgten.

Nicht nur, dass Mainz für einen Aufsteiger unerhört mutig spielte, auch außerhalb des Platzes trat allen voran Jungtrainer Tuchel sehr selbstbewusst auf und prägte Begriffe wie „Matchplan“ oder „Gegenpressing“. Er gab mehrere sehr interessante Interviews, in denen er seine Vorstellungen vom Fußball erklärte und so auch unter den Experten zunehmend Anerkennung fand. Dennoch drängte er sich zu keinem Zeitpunkt bewusst in die Öffentlichkeit. So lehnte er beispielsweise nach dem Sieg gegen den FC Bayern eine Einladung ins Sportstudio ab und schickte stattdessen seinen Torhüter Heinz Müller vor.

Spiel- und Trainingsphilosophie

Spricht Thomas Tuchel über seine Spielauffassung, spricht er immer auch vom FC Barcelona. Jedoch schwärmt er nicht wie so viele von einem Messi, Xavi oder Iniesta, sondern vielmehr von der Demut und Bescheidenheit dieser Stars. Zum Beispiel sagte er kurz nach Amtsantritt über den CL-Sieger von 2009: „Ich bin der Meinung, dass es die herausragende Leistung von Barcelona in der vergangenen Saison war, mit welcher Hingabe und Leidenschaft nach einem Ballverlust in der gegnerischen Hälfte die komplette Mannschaft sofort versucht hat, den Ball zurückzuerobern.“ Dieses Zitat verrät eine Menge über die eigene Spielauffassung. Merkmal jeder Mannschaft unter Tuchels Leitung ist das aggressive Gegenpressing nach Ballverlust, bevorzugt schon in der gegnerischen Hälfte.

In seiner ersten Saison bei den Profis ließ Tuchel nach Ballgewinn schnell in die Spitze spielen, Schlüsselspieler war in der Hinserie Andreas Ivanschitz, der immer wieder Vorbereiter und Vollstrecker der Mainzer Hochgeschwindigkeitsangriffe war.

Anders als viele andere Trainer benötigt Tuchel anscheinend keine lange Zeit für die Vermittlung seiner Prinzipien. Stattdessen zeichnete Tuchel in seiner ersten Saison als Profitrainer vielmehr die Fähigkeit aus, einer führungslosen Aufstiegsmannschaft neues Leben einzuhauchen und bei nur vier Tagen Vorbereitung dem Favoriten aus Leverkusen einen Punkt abzunehmen.

Auch wenn Tuchels Trainingsphilosophie die eines Konzepttrainers ist, wäre es unfair, Tuchel gänzlich als solchen zu charakterisieren. Thomas Tuchel vereint ganz verschiedene besondere Fähigkeiten in sich, neben dem ganz eindeutig vom Jugendfußball geprägten Ausbildungsgedanken zeichnen ihn seine Motivationsreden sowie sein besonderer Umgang mit den Spielern aus. Von den Mainzer Verantwortlichen wird seit etwa einem Jahr kommuniziert, dass man sich zu dem primären Ausbildungsverein in Deutschland entwickeln wolle. Inzwischen wird der Begriff „Ausbildungsverein“ sogar mit Stolz getragen, da doch damit die hohe Ausbildungsqualität insgesamt und die guten Chancen für junge Spieler, sich bei den Profis durchzusetzen, suggeriert wird.

Nichtsdestotrotz wäre es vorschnell, Tuchel als Trainer nur für diese Altersstufe abzustempeln. Wie er gerade die Älteren im Mainzer Kader, und das waren in den letzten beiden Saisons mehr als allgemein wahrgenommen, kontinuierlich verbesserte und vor allem taktisch weiterentwickelte, geht häufig unter. Jedoch kann sich Tuchel aufgrund seiner Vergangenheit im Jugendfußball verständlicherweise sehr gut mit dem von Mainz-Manager Heidel verkündeten Ziel, „die Topadresse für Talente von 18 bis 23 zu werden“, identifizieren.

2010/11: Es geht noch höher

Zur Saison 2010/11 wurde der Kader durch Heidel und Tuchel grundlegend verändert. Wie schon in den Jahren zuvor schaffte es Heidel einige hochkarätige Neuzugänge zu präsentieren, auch wenn die meisten nur per Leihvertrag verpflichtet werden konnten. Die Mannschaft wurde vor der Saison als talentiert eingestuft, jedoch sahen die meisten Mainz nach dem guten ersten Jahr eher im Abstiegskampf. Dennoch wurde durchaus registriert, dass Mainz eine leistungsstarke Mannschaft zusammengestellt hatte und so traute etwa der „Kicker“ den 05ern „zeitweise Überraschungen“ zu.

Der Verlauf der vergangenen Spielzeit dürfte bekannt sein: Mainz startete mit einer sensationellen Serie von sieben Siegen in Folge, was die Einstellung des Bundesliga-Startrekordes bedeutete. Plötzlich stand Mainz im Fokus, hierbei wurde vor allem die Arbeit Tuchels genau unter die Lupe genommen und analysiert. Auch im weiteren Verlauf der Saison stand der FSV stärker als gewöhnlich im Blickpunkt, letztlich zogen aber Jürgen Klopps Dortmunder im weiteren Saisonverlauf die größte Beachtung auf sich, sodass Tuchel trotz eines fünften Platzes einigermaßen ruhig weiterarbeiten konnte.

Wie schon im Vorjahr präsentierten sich die Mainzer äußerst flexibel. Zu Beginn der Saison wechselte Tuchel immer wieder – abhängig vom Gegner – die Formation und Ausrichtung, sodass sich der Gegner kaum auf die 05er einstellen konnte. Einzige Gemeinsamkeit in allen Spielen war das aggressive Spiel ohne Ball. Selbst in München attackierten die Mainzer den Gegner extrem weit vorne und verunsicherten so die auf einen tiefstehenden Gegner eingestellten Bayern.

Nach der Anfangsphase, in der Tuchel verschiedene Systeme ausprobierte, legte er sich mehr oder weniger auf ein recht unübliches 4-3-1-2-System fest. Die größte Schwäche dieses Systems ist gleichzeitig seine größte Stärke: Vier zentrale Mittelfeldspieler können zur Spielkontrolle sowie für Überzahl in Ballnähe extrem hilfreich sein, doch diese Konzentration auf die Zentrale bedingt eine chronische Unterzahl gegen Viererketten auf dem Flügel, da normalerweise kaum Druck auf die Außenverteidiger ausgeübt werden kann.

Die Mainzer Mittelfeldspieler schafften es jedoch, neben der Mitte auch den Flügel zu bearbeiten und zwar indem der jeweilige defensive Mittelfeldspieler im Sprint den gegnerischen Außenverteidiger im Ballbesitz attackierte, sodass dieser den zur Verfügung stehenden Raum nicht nutzen konnte. Der offensive Mittelfeldspieler, häufig Lewis Holtby, hatte die Aufgabe, die beiden gegnerischen Sechser anzulaufen und ihnen keine Sekunde Ruhe zu gönnen, was nur mit einer enormen Laufleistung zu schaffen war. In der abgebildeten Grafik des oben erwähnten Spiels gegen Bayern München sind die genannten Punkte noch einmal abgebildet.

Die Formationen beim Mainzer Sieg in München

Darin liegt wohl eine weitere große Stärke Tuchels: durch personelle und taktische Änderungen auf die Taktik des Gegners zu reagieren. Tuchels Mannschaft war vor allem in der zweiten Halbzeit erfolgreich und dort besonders häufig in der letzten Viertelstunde, was zuerst auf eine gute Kondition schließen lässt und außerdem auf gute Auswechslungen. Generell fällt auf, dass Tuchel nicht immer mit den elf stärksten Spielern beginnt, so blieb Schürrle zu Beginn der Saison häufig lange auf der Bank, im Saisonverlauf fand sich auch der zunächst als unverzichtbar eingestufte Holtby immer häufiger nicht in der Startelf.

Dadurch dass der Kader in der Offensive sehr breit aufgestellt war, konnte man immer wieder rotieren und starke, frische Spieler von der Bank bringen. Das Problem einer solchen Philosophie liegt darin, dass muss man es schaffen muss, auch die Auswechselspieler bei Laune zu halten, was Tuchel in der vergangenen Saison eindrucksvoll gelang. Verschiedene Spieler berichteten, dass Tuchel ihnen das Gefühl gab „gebraucht zu werden“. Viele Trainer fordern einen breit aufgestellten Kader, scheitern dann aber an den unzufriedenen Spielern. Bei Mainz war dieses Phänomen in der abgelaufenen Saison nicht zu beobachten, wobei dies auch an dem außerordentlichen Saisonverlauf liegen könnte.

Sollten in der kommenden Saison einige Tiefen zu durchstehen sein, wird sich zeigen, ob es Tuchel weiterhin schafft die Laune im Kader hochzuhalten. Auch wird sich zeigen, wie er mit möglicher Kritik der Medien zurecht kommt. Schon in den zurückliegenden erfolgreichen zwei Jahren legte er sich mehrfach mit Medienvertretern an und machte sich durch seine Art nicht nur Freunde in der Fußballwelt.

Doch egal, wie man zum Auftreten Tuchels steht, niemand kann bestreiten, dass er eindrucksvoll in seine Profikarriere als Trainer gestartet ist. Neben einer flexiblen und am Gegner orientierten Taktik fällt Tuchel durch seine moderne Trainingsgestaltung auf. Gerade in der Trainingsarbeit probiert der Fußball-Lehrer immer wieder neue Sachen aus, ist ein erklärter Gegner von sturem Konditionstraining und lässt stattdessen in „komplexen Spielformen“ üben.

Tuchel spricht davon, seine Spieler „bewusst zu überfordern“, damit sie es dann im Spiel einfacher haben. Bei ihm wird das Gehirn mittrainiert. Die teilweise sehr komplizierten Spielformen sollen den Spielern auf lange Sicht helfen, komplexe Spielsituationen besser zu lösen. Häufig lässt Tuchel Übungen trainieren, bei denen in verschiedenen Feldern verschiedene Regeln gelten. Dies verlangt eine enorme Flexibilität der Spieler, aber auch eine hohe Aufmerksamkeit der Trainer. Tuchel erläutert, dass er bei manchen Übungen den gesamten Trainerstab als Schiedsrichter benötige, jeder sei dann bspw. für die Überwachung eines Feldes zuständig.

Ständige Weiterbildung

Die wohl größte Qualität Tuchels ist trotz seiner herausragenden fachlichen Kenntnisse seine ständige Bereitschaft zur eigenen Weiterbildung und –entwicklung, sowie das ständige Hinterfragen seiner Arbeitsweise. Seine Trainingsprinzipien stellt er tagtäglich auf den Prüfstand, er tauscht sich mit Kollegen und Experten aus, so nutzt er z.B. das Wissen des Gehirnforschers Professor Schöllhorn für die Trainingsplanung. Dieser empfahl, nicht wie häufig üblich in Trainingsblöcken zu trainieren, sondern kontinuierlich alles.

Tuchel ist sich nicht zu schade, bei Kollegen hinzuschauen und gewisse Inhalte oder Prinzipien zu übernehmen. Jedoch hinterfragt er auch diese äußerst kritisch und modifiziert sie, falls notwendig. Er vermischt verschiedene Ideen und Stile und passt sie seiner eigenen Philosophie an.

Im psychologischen Bereich nennt Tuchel immer wieder den FC Barcelona als Vorbild. Eben nicht wegen ihres Erfolgs, sondern weil man dort trotz der herausragenden Erfolge bescheiden und ehrgeizig geblieben ist. Auch macht man dort nicht den Fehler, sich auszuruhen und die eigene Arbeit nicht mehr zu hinterfragen. Genau diese Mentalität schätzt Tuchel.

Wollte man Tuchels Arbeitsweise mit einem Satz beschreiben, es könnte folgender sein: „Wer aufhört sich zu verbessern, hat aufgehört gut zu sein.“

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Vicente del Bosque – der Bescheidene

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Ein Trainerporträt des Europameister-Coaches Vicente del Bosque.

Es ist der Morgen des 28. Juni 2012, der Tag des zweiten EM-Halbfinals zwischen Deutschland und Italien. Am Vorabend hat Titelverteidiger Spanien in einem Kraftakt im Elfmeterschießen die Portugiesen geschlagen und ist damit ins Finale vorgerückt. Doch in ganz Europa schreiben die Zeitungen nur über den langweiligen spanischen Spielstil. Trainer Vicente del Bosque ist der Buhmann.

Drei Tage später, 1. Juli 2012, gegen 23 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit: Im Endspiel haben die Spanier sich nach einem furiosen 4:0 über Deutschland-Bezwinger Italien zum „Tricampeon“ gekrönt und die Zeitungen schwärmen von ihrem Spielstil, sprechen gar von einer Sternstunde. Trainer Vicente del Bosque ist der große, visionäre Baumeister mit dem richtigen Fingerspitzengefühl für seine  vielen Stars.

In der heutigen Welt ist es vielleicht nicht ungewöhnlich, dass sich die Meinungen so schnell und so rasant verändern. Auch Vicente del Bosque kennt dies aus eigener Erfahrung nur zu gut. Schon oft schwankte sein Status als Trainer zwischen gefeiertem Held und verklemmtem Alten. Manchmal befand man ihn sogar trotz großen Erfolges als nicht gut genug.

Der Vater und Real Madrid prägen das Leben

Schon in frühester Kindheit spielt der am 23. Dezember 1950 in Salamanca geborene del  Bosque gerne Fußball – und das in der Jugendabteilung von Real Madrid. Neben den Königlichen ist Vater Fermón („ritterlich, aufrecht und frei von Falschheit“) die prägende Persönlichkeit in seinem Leben.

Ganz zusammen passen diese beiden Einflüsse nicht. Auf der einen Seite der Madrider Nobelklub, der immer vom spanischen Diktator Franco, einem regelmäßigen Besucher des Santiago Bernabeu, unterstützt wurde. Auf der anderen Seite Fermón del Bosque, wie so viele in der Familie ein Bahnbeamter, der im spanischen Bürgerkrieg als Linker aber ausgerechnet gegen genau jenes Franco-Regime gekämpft hat. Vicente del Bosque vereint beides – eine Fähigkeit, die er nicht zum Einzige Mal zeigt, die ihn später noch prägen wird.

Anfang der 70er-Jahre gelingt es dem arbeitsamen Mittelfeldspieler, sich nach mehreren Ausleihen an kleinere Klubs wie Castellón und Córdoba bei den Madrilenen einen Stammplatz zu erkämpfen. Für insgesamt weitere elf Jahre wird del Bosque den ruhigen, fleißigen und bescheidenen Arbeiter im Hintergrund geben, der für die offensiven Stars wie Netzer oder Santillana das Klavier trägt und ihnen den Rücken freihält.

Groß auffällig wird er nie, doch wichtig er ist für seine Mannschaft und seine Kollegen zu jeder Zeit. Für die fünf Meisterschaften und vier Pokalsiege, die er als Spieler mit Real Madrid gewinnt, werden oftmals andere gefeiert. Doch immerhin: Neun nationale Titel, elf Jahre bei Real Madrid, 18 Länderspiele für die spanische Nationalelf, darunter ein EM-Einsatz 1980 gegen Belgien, sind eine absolut sehenswerte wie zufriedenstellende Bilanz.

1984 also beendet del Bosque seine aktive Karriere und steigt gleich bei Real Madrid in die Nachwuchsabteilung ein – nicht als Jugendtrainer, sondern schon als Jugend-Koordinator. Es gibt eine gewisse Wertschätzung für die Vereinstreue sowie die fachliche Kompetenz del Bosques, der mit seiner neuen Rolle rundum zufrieden ist. Doch seine Wertschätzung wird ihm gewissermaßen zum Verhängnis – immer, wenn der Schleudersitz der Profi-Mannschaft wieder einmal frei wird, muss del Bosque als Interimslösung übernehmen – wie 1994, wie 1996 und wie 1999. Wirklich angenehm ist ihm das nicht – zu wenig Sicherheit, zu viel medialer Rummel und Aufmerksamkeit.

Vicente del Bosque und die Galaktischen

Bei jenem dritten Engagement, allerdings, gewinnt der eigentliche Lückenfüller im Jahr 2000 die Champions League und bekommt daraufhin von Präsident Florentino Pérez einen längerfristigen Vertrag für den Posten des Cheftrainers angeboten. Vielleicht willigt del Bosque auch deshalb ein, weil das Arbeitspapier eine Klausel enthält, die bei Erfolglosigkeit einen unmittelbaren Wechsel zurück in seine angestammte Aufgabe als Jugend-Koordinator vorsieht.

Doch von Erfolglosigkeit ist weit und breit nichts zu sehen: In seinen nicht einmal vier Jahren als Chef-Trainer der Madrilenen ist del Bosque mit dem Gewinn von zwei Champions-League-Titeln, zwei spanischen Meisterschaften, je einem nationalen wie internationalen Supercup sowie des Weltpokals weit erfolgreicher als irgendein anderer Real-Coach in der Ära der Galaktischen.

Dies kommt natürlich nicht von ungefähr, denn del Bosque versteht es hervorragend, die vielen wild zusammengekauften Weltstars und Individualisten so gut wie nur möglich in ein Gesamtkonzept einzugliedern. Es gelingt ihm, die ihm vorgesetzten Stars allesamt in die Mannschaft zu bringen, diese aber dennoch im Gleichgewicht zu halten und einen taktischen Kompromiss zu finden. Für das quasi aufgezwungene Personal liefert dieser Kompromiss das noch bestmögliche System.

Ein einfühlsamer Improvisationskünstler ist del Bosque nebenbei nicht nur im taktischen Sinne, sondern auch als Coach, der mit Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis seine Stars führt, mit diesen gut zurecht kommt und zwischen den bisweilen schwierigen sowie glamourösen Persönlichkeiten eine Harmonie aufbauen und halten kann. „Mein Beitrag war es, eine gewisse Einfachheit beizubehalten, diese ganze Welt des Marketings zu entdramatisieren“, sagt er heute rückblickend.

Real Madrids taktische Formation im Champions-League-Finale 2000 gegen Valencia (3:0)

Beim ersten europäischen Triumph 2000 ist eine Dreierkette der Schlüssel, da die weiten Vorstöße von Roberto Carlos dadurch sowohl für diesen einfacher möglich sind als auch besser abgesichert werden. Nach zwei derben Pleiten in der Zwischenrunde gegen die Bayern wirft del Bosque die Viererkette über Bord – der offensive Carlos und der ebenfalls sehr vorwärtsverteidigende Hierro hinterlassen für die Bayern riesige Lücken. Auch ein Hybrid aus 3-5-2 und 4-3-1-2 mit Geremi, der als nomineller rechter Halbspieler die Viererkette situativ verstärken soll, bringt nicht den erwünschten Erfolg. So entscheidet sich del Bosque für das klassische 3-4-1-2 – mit Absicherung für Roberto Carlos, aber ohne Hierro, der häufig nur noch auf der Bank sitzt. Auf der rechten Seite muss Michel Salgado deutlich defensiver spielen als Roberto Carlos, weil für McManaman nur noch ein Platz in der Zentrale bleibt und dieser dann schon auf die Außen rochiert. Sein Partner, Weltstar und Kapitän Redondo, bekommt in der Zentrale somit viel Raum um sich zu entfalten, ist dennoch abgesichert und kann leicht mit Raúl kombinieren. Durch die Bewegung um ihn herum kann dieser auch auf der Zehn seine Qualitäten zeigen, wodurch den beiden recht klassischen Endstürmern Morientes und Anelka beiden ein Platz in der ersten Elf zusätzlich zu Raúl eingeräumt werden kann.

Durch das Aufrücken eines der drei zentralen Verteidiger – meistens erfüllt diese Aufgabe Helguera oder Hierro, wenn er spielte – kann die Formation auch zu einem 4-3-1-2-artigen System umgewandelt werden.

Real Madrids taktische Formation im Champions-League-Finale 2002 gegen Leverkusen (2:1)

Dieses System wird man auch beim Titelgewinn zwei Jahre später verwenden, auch wenn man die Raute diesmal in ganz anderer Ausführung, nämlich eher als 4-1-3-2 interpretiert. Mittlerweile sind mit Luis Figo und Zidane zwei neue Stars zur Offensive der Madrilenen hinzugekommen. Eine Dreierkette wäre Ressourcenverschwendung, da sie die freien Plätze in der Offensive verknappen würde, und so wählt del Bosque eine Viererkette, in welcher die offensiven Ausflüge Roberto Carlos´ durch eine defensivere Spielweise von Salgado sowie einen zerstörenden Sechser aufgefangen werden. Dieser Sechser ist Claude Makélélé, ein wenig kreativer, aber offensiv wie defensiv enorm verlässlicher Mittelfeldspieler, der als Wellenbrecher vor der Abwehr agieren und durch seine Wendigkeit sowie Spielintelligenz den großen Raum hinter der Offensive zulaufen kann.

Mit Figo und Solari werden die Halbpositionen der Raute durch recht offensive Spieler besetzt, was allerdings funktioniert, weil beide über eine gute Technik, Spielintelligenz und ein gutes Verständnis für die Absicherung verfügen. Somit arbeiten sie auch Spielmacher Zinedine Zidane zu, dessen Verpflichtung Raúl eine Ebene nach vorne verschiebt – der ewige Madrilene wird in der Spielgestaltung entlastet und kann sich verstärkt auf den Bereich in der Nähe des Strafraumes konzentrieren. Weil Anelka nicht mehr bei den Madrilenen spielt, muss neben Raúl nur noch Morientes in die Mannschaft gebracht werden, während Zidane in einem 4-3-1-2 am besten auf der Zehn spielen kann. Außerdem hat Raúl als hängende Spitze den primären Kreativspieler mit Zidane erneut (wie 2000 mit Redondo) hinter sich und nicht neben sich, wenn Raúl auf der Zehn und Zidane halblinks gespielt hätte.

Erst die enorm moderne Leverkusener Mannschaft in ihrem beweglichen und asymmetrischen 4-1-4-1 ohne echten Stürmer kann das in Kauf genommene Provisorium eines Systems ausnutzen – und dennoch im Finale 2002 nicht gewinnen.

Zur kommenden Saison wird unter großem Medienrummel der WM-Star und –Torschützenkönig Ronaldo verpflichtet – ein weiterer großer Name, der in der Startaufstellung spielen muss. Schon in der Vorsaison hat del Bosque neben dem 4-1-3-2 auch ein 4-2-3-1 spielen lassen, das durch einen zweiten Spieler vor der Abwehr für mehr defensive Sicherheit sorgt. Morientes und Solari müssen nun für Ronaldo und den zusätzlichen Sechser weichen.

Hinter Ronaldo bilden Figo auf rechts, Raúl im Zentrum als hängende Spitze und Zidane eingerückt auf links die Dreierreihe. Diese Aufteilung hat sich in der Vorsaison bewährt, nachdem Zidane in der zentral-offensiven Position mit Problemen zu kämpfen hatte. Im 4-2-3-1 habe er nur einen anstelle von zwei Stürmern vor sich gehabt, wie es in den klassischen 4-3-1-2- und 3-4-1-2-Systemen in seiner Juventus-Zeit gewesen war, so Zidane später. Mit dem Wechsel auf die linke Seite kommt del Bosque den Wünschen seines Stars nach. Nun wird der nach vorne ziehende Raúl für den nach innen ziehenden Zidane zur gewünschten zweiten Anspielstation neben Ronaldo, obwohl sich die Formation effektiv nicht verändert hat – nur der Standpunkt.

Real Madrids bevorzugte taktische Formation in der Saison 2002/03

Nach der Verpflichtung von Ronaldo führt del Bosque nicht nur die doppelte Mittelfeld-Absicherung als Standard ein, sondern forciert auch eine deutliche Asymmetrie im System, dessen Schwerpunkt nun auf der linken Seite liegt. Mit dem eingerückten Zidane, dem leicht abkippenden Ronaldo sowie dem vorstoßenden Roberto Carlos auf dieser dominanten Seite können immer wieder Überzahlen kreiert und Spielzüge durch den Halbraum gestartet werden. In diesem Raum wird die individuelle Klasse einiger Akteure gebündelt und ihre Qualitäten feinfühlig aufeinander abgestimmt, während dahinter auf der Sechs Makélélé oder der junge Esteban Cambiasso absichern.

Als Gegengewicht zum abenteuerlustigen Roberto Carlos muss Rechtsverteidiger Michel Salgado noch etwas vorsichtiger spielen und die starke linke Seite absichern. Dadurch besteht aber die Gefahr, dass der ohnehin auf der schwächeren Seite spielende Luis Figo isoliert werden würde. Doch del Bosque lässt Figo in einer breiten Rolle spielen, der immer wieder von der Konzentration des Gegners auf die linke Madrider Seite zum Beispiel nach Seitenverlagerungen profitieren soll. Um den Raum zwischen dem breiten Figo und dem tiefen Salgado zu schießen, spielt der halbrechte Sechser – für gewöhnlich Flavio Conceicao – etwas offensiver und rochiert auf die rechte Seite, um die dort sowie im Halbraum entstehenden Löcher zuzulaufen. Insgesamt entsteht erneut eine starke, fluid und kreativ spielende Mannschaft, die del Bosque aus den vielen Offensivindividualisten formen kann – auch wenn es erneut ein Drahtseilakt ist.

Im Sommer 2003 reißt das Drahtseil abrupt und es kommt zum Ende der Beziehung zwischen del Bosque und Real Madrid. Das Aus im Halbfinale der Champions League kann durch einige mitreißende Auftritte und den Gewinn der spanischen Meisterschaft scheinbar nicht bei Präsident Pérez “wiedergutgemacht” werden. Noch in der Meisternacht wird del Bosque zum Dank von seinem Amt entbunden, was Pérez damit begründet, dass man einen Trainer brauche, „dessen Profil besser zu unserem Image passt.“

Die Art und Weise, wie del Bosque nach weit über 30 Jahren aus „seinem“ Verein entfernt wird, hinterlässt tiefe Narben: „Der Bruch hat sich angefühlt, als wäre er mit einem Bruder passiert.“ Immer wieder übt er ungewöhnlich harsche öffentliche Kritik an der Vereinsführung und ist gar so verbittert, dass er jegliche Ehrungen seitens Real Madrid für seine Dienste bisher kategorisch abgelehnt hat.

Selección mit weißer Weste zu zwei Titeln geführt

Nach einer einjährigen Pause und einem ebenfalls einjährigen, wenig erfolgreichen Intermezzo bei Besiktas Istanbul (liegt dies vielleicht darin, dass dies die einzige Station del Bosques ohne wirkliche Stars ist?) nimmt sich del Bosque erneut eine Auszeit, die mehrere Jahre dauert, ehe er mit aufgeladenem Akku im Juli 2008 die spanische Nationalmannschaft von Luis Aragonés übernimmt, der sich mit dem Gewinn der Europameisterschaft aus seinem Amt verabschiedet. Insofern übernimmt del Bosque keine leichte Aufgabe.

Spaniens taktische Formation im Confed-Cup-Halbfinale 2009 gegen die USA (0:2)

„Was nicht kaputt ist, muss nicht repariert werden“, meint del Bosque, lässt sein erfolgreiches Team ohne die wirklich großen Veränderungen einfach weiter spielen und die Dinge laufen. Anfangs mit Erfolg, denn die Spanier eilen von Sieg zu Sieg und stellen Rekorde für ihre Serien auf. Doch dann kommt der Confederations-Cup 2009, die Generalprobe für die Weltmeisterschaft, welche man unbedingt gewinnen will – im Halbfinale scheiden die Spanier verdient gegen den Außenseiter USA mit einem überraschenden 0:2 aus.

Del Bosque meint nun, dass er etwas verändern muss. Die seit der Aragonés-Zeit gespielte Formation – je nach Personal ein 4-1-3-2 oder ein 4-1-4-1 – scheint ihm nicht mehr stabil genug. Alleine kann Xabi Alonso die Räume vor der Abwehr nicht abdecken in diesem Spiel, während der hochstehend zockende  Charlie Davis, der sich in einer Zwischenposition aus zentralem und äußerem Angreifer befindet, durch seine gefährlichen Diagonalläufe Sergio Ramos bindet und Spanien die Breite im Spiel nimmt. Um mehr defensive Sicherheit und mehr Befreiung für Ramos zu erreichen, führt del Bosque einen zweiten Sechser ein.

Spanien im WM-Finale 2010 gegen die Niederlande (1:0 n.V.)

Es dauert nicht lange bis ein junger Mann sich aufmacht, diesen Posten perfekt auszuführen – der Aufstieg Sergio Busquets passt del Bosque haargenau in sein Konzept. Ein spielintelligenter Sechser, der hinter offensiven Künstlern aufräumt ohne spielerisch abzufallen – del Bosque erkennt im neuesten „Produkt“ der berühmten „La Masia“-Ausbildung eine moderne Version von sich selbst. Bis zur Weltmeisterschaft ist das neue System eingeübt und zeigt sich dort auch funktionstüchtig. Nach der Auftaktniederlage gegen die Schweiz folgt nur noch ein einziges Gegentor auf dem Weg zum Titelgewinn. Auf der anderen Seite der Medaille, allerdings, entsteht dadurch offensiv ein Problem, das sich in den zahlreichen 1:0-Siegen manifestiert und auch zwei Jahre später ein großer Gesprächspunkt sein wird.

Innerhalb dieser Zeitspanne – zwischen Welt- und Europameisterschaft – testet del Bosque fast schon wild und nimmt in den Freundschaftsspielen auch einige sehr schwache Ergebnisse in Kauf: 1:4 gegen Argentinien, 0:4 gegen Portugal, 1:2 gegen Italien. Das Ausprobieren reicht von einem enorm fluiden 4-2-4-0 über ein enges 4-2-3-1 mit Fábregas als Zehner bis hin zu klassischen 4-3-3- und 4-4-2-Systemen. In den WM-Qualifikationsspielen wird dieses Experimentieren allerdings nur in erheblich geringerem Umfang durchgeführt, so dass man in der eher schwachen Gruppe ohne Punktverlust Erster wird, und am Ende setzt del Bosque dann wieder auf das Bewährte: Ein 4-3-3 mit seinen vier Spielmachern Busquets, Xabi Alonso, Xavi und Iniesta.

Bei der WM spielten in der Offensive neben Iniesta zusätzlich mit Villa und Torres zwei Stürmer oder Villa sowie ein etwas breiterer Spieler, meistens Pedro. Zur Europameisterschaft ist dann Villa verletzt, wohingegen David Silva durch eine starke Entwicklung bei del Bosque inzwischen absolut gesetzt ist. Um den Posten des einzigen Stürmers streiten sich Torres und Fábregas. Die offensiven Probleme des Systems del Bosque sind aber dieselben geblieben, wenngleich Jordi Alba als Linksverteidiger wie ein Segen wirkt.

Durch gleich vier Spielmacher wird der Ballbesitz in verstärktem Maße provoziert. Unproduktive Passstafetten und eine Redundanz im Spiel sind die Folge – die vielen Zirkulationsstationen in der Tiefe spielen den Ball ewig hin und her, ohne nach vorne zu kommen. Die Spielmacher stehen sich gegenseitig im Weg und füllen die Rolle des jeweils anderen bereits aus, so dass man effektiv einen Spieler zu viel hat, der ohne wirkliche Funktion ist und an anderer Stelle fehlt. Diese Stelle ist meistens das letzte Drittel, in welchem man nicht genug Präsenz entwickeln kann und in welches man zu selten hineinspielt, da sich alle Spielmacher in der Tiefe des Raumes ballen, dort aber beschneiden.

Zusammengenommen ergeben der zurück verlagerte Spielschwerpunkt sowie die verringerte Stärke im Angriff ein langsames, teilweise schleppendes und zu stark auf den Ballbesitz fokussiertes Offensivspiel. Ohne genügend Zug zum Tor und Durchschlagskraft wird es von den Zuschauern zu Recht als nicht attraktiv empfunden.

Spaniens taktische Formation im EM-Finale 2012 gegen Italien (4:0)

So geht das fast das gesamte Turnier hindurch. In der Vorrunde kann das 4:0 gegen das irische Fallobst noch beschwichtigen, doch spätestens mit der Art und Weise des Halbfinal-Sieges gegen Portugal sind alle Zweifler, Kritiker und Skeptiker wieder da. Vicente del Bosque scheint seine Gabe verloren zu haben, alle zur Verfügung stehenden Individualisten unter einen Hut zu bringen, denn aus der Mannschaft heraus nehmen kann er keinen seiner vier Spielmacher.

Doch so sehr Öffentlichkeit und Taktikblogs del Bosque auch für seine Aufstellung und Taktik kritisieren, übersehen sie dabei vielleicht, dass del Bosque eigentlich schon die ganze Zeit auf seine typische Art und Weise die Starspieler, die er spielen lassen muss, so gut wie möglich einsetzt. Für jene Spieler lässt del Bosque im Großen und Ganzen die beste Taktik praktizieren. Dass diese Taktik in der Theorie bei weitem nicht alles aus dem gesamten Kader herausholt, fällt diesmal – beispielsweise im Gegensatz zu seiner Zeit bei Real Madrid – nur besonders auf.

Es gibt wenige Optionen für del Bosque – und so nimmt er dann die offensiven Nachteile seines erzwungenen Systems in Kauf und kann sich wenigstens über die so entstehenden defensiven Vorteile freuen. Sein System sorgt für erhöhte defensive Stabilität, da durch die vermehrte Ballsicherheit Ballverluste minimiert werden, in fast allen Situationen verhältnismäßig viele Spieler hinter dem Ball sind und man generell die Räume im Mittelfeld und vor der Abwehr stärker besetzt und folglich auch stärker verengt als andere Teams. Mit nur einem Gegentreffer im gesamten Turnier werden die Spanier ihre eigene Bestmarke noch einmal unterbieten und wie schon 2008 und 2010 auch 2012 ohne Gegentor in den K.O.-Spielen den Titel gewinnen. Zum zweiten Mal führt del Bosque seine Mannschaft mit weißer Weste zum Fußball-Thron.

Hätte es das fast schon furiose Finale gegen Italien nicht gegeben, hätte diese weiße Weste allerdings wohl nur faktisch, keinesfalls aber im übertragenen, moralischen Sinne existiert. Doch mit dem 4:0 gegen „das neue Italien“ schießt sich Spanien in den Fußball-Olymp und zeigt den Zuschauern endlich, was sie sehen wollen. Einige kleine Anpassungen des eigenen Systems an die Besonderheiten der italienischen Rautenformation genügen zu einer entfesselten Vorstellung. In Wahrheit ist del Bosque von seinem Prinzip aber kaum abgerückt.

Was zeichnet Vicente del Bosque aus?

Das Besondere an del Bosque ist, dass er es hervorragend versteht, eine Balance zwischen Stars und System herzustellen und für die zur Verfügung stehenden Akteure das bestmögliche System kreiert. Er ist kein innovativer Trainer, der in jahrelanger Arbeit die gesamte Mannschaft austauscht, um seinen Plan vom Fußball zu verwirklichen. Vielmehr gelingt es ihm, alle vorgesetzten Starspieler unter einen Hut und in eine funktionierende Taktik zu bringen, auch wenn diese Spieler zunächst kaum zusammen zu passen scheinen.

In seiner Spielerkarriere musste er eine Brücke zwischen der Identität seines Vereines und seiner familiären Ausrichtung schlagen. Als Trainer von Real Madrid musste er alle vorhandenen Starspieler irgendwie in die Mannschaft quetschen, aber das System dennoch funktionstüchtig halten und gleichzeitig Streitereien zwischen den großen Namen verhindern.

Auch als spanischer Nationaltrainer hatte er aufgrund der hohen Erwartungen durchaus einiges zu verlieren und dabei eine schwere Aufgabe. So musste er taktische und offensive Nachteile in Kauf nehmen, um keinen der vier tiefen Spielmacher aus der Mannschaft nehmen zu müssen. Er schaffte es letztlich wieder, den Kompromiss zum Erfolg zu führen.

Schließlich gelang es del Bosque, auch zwischen den Spielern der rivalisierenden Lager aus Barcelona und Madrid jene Harmonie wieder herzustellen, die durch so manchen „Clásico“ beschädigt worden war. Die einstigen Freunde Casillas und Xavi sollen zerstritten gewesen sein, während Ramos und Piqué sich angeblich weigerten, zusammen in der Innenverteidigung zu spielen. Diese Situation konnte del Bosque entschärfen.

Vicente del Bosque ist kein Taktikfuchs und auch kein moderner Innovator. Man sollte ihn aber auch nicht auf den Menschenversteher reduzieren, der für Harmonie unter Starspielern sorgt und sie bei Laune hält. Sein taktisches Improvisationstalent und seine taktische Flexibilität im Zusammenführen einer Unzahl von Topspielern in ein Kompromiss-System verdienen ebenfalls hohe Anerkennung.

Vincent del Bosque ist ein großer Mann, den seine Bescheidenheit prägt. Er weiß, seine eigene Persönlichkeit im Hintergrund zu halten und sich kompromissbereit einer Sache zu verschreiben. Taktisch wie zwischenmenschlich und auch im öffentlichen Auftreten beherrscht er es in Perfektion, den Mittelweg zwischen Extremen zu finden. Dass der spanische Nationalheld in einer schlichten Etagenwohnung eines Madrider Neubaugebietes lebt, steht symbolisch für das, was ihn als Trainer auszeichnet.

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Ernst Happel, Grantler & Genie

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„Bei der Manndeckung hast du elf Esel auf dem Platz stehen!“


Ernst Happel war nicht nur ein Mann der großen Taktiken, sondern auch der kauzigen Worte. Dementsprechend gehen seine Errungenschaften noch über die Vielzahl an Titel hinaus, die er sammelte, denn er war schlichtweg eine der großen Persönlichkeiten des Fußballs sowie einer seiner größten Vordenker.

„Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag.“

Der Spieler Happel

Ernst Franz Herrmann Happel war ein hervorragender Spieler: als Stopper (Happel spielte links, rechts war Max Merkel, zumeist noch in einem 2-3-5) begeisterte er bei Rapid Wien die Massen. Bereits mit 17 Jahren erhielt er während der Kriegszeit seinen ersten Einsatz bei der Kampfmannschaft, nach seinem Einsatz als Soldat in Russland wurde er nach dem Krieg zum Stamm- und Führungsspieler.

Rapid Wien 1951, welche später ein südamerikanisches 2-3-5/3-2-2-3 adaptierte sowie modern und mit Abseitsfalle spielte

Obwohl er als Verteidiger spielte, war er zumeist der auffälligste Spieler auf dem Platz, welcher durch seine hervorragendes Ballgefühl, seine Spielintelligenz und seine spektakulären Einlagen beeindruckte.

„Als ich mit 13 in den Verein bin kommen, war ich links wie rechts technisch schon perfekt. Als Bub’ ist man ins Stadion gegangen, hat sich was abgeschaut, und kaum war man wieder draußen, hat man versucht, es nachzumachen, mit einem Tennisball, einer Konservendose. So ging das. Heute? Die Jugendtrainer üben mit den Buben fünf Viertelstunden, davon eine Stunde ohne Ball. Laufen, laufen, aber keiner zeigt den Jungen, was sie machen sollen mit dem Ball.“

Gelegentlich fing er lange Bälle des Gegners mit dem Hintern ab, spielte locker lässig als letzter Mann auf Abseits oder rückte in die Offensive auf. Rapid Wien war zu jener Zeit eine der taktisch und technisch besten Mannschaften Europas, sie tourten auch öfters durch Südamerika, wo sich Happel einiges abschauen konnte.

„Aber was hab’ ich von einem Wuttke, der nur mit dem Ball spielt, und ohne Ball kommt nichts.“

1951 wurde Rapid – mit Neuverpflichtung Gerhard Hanappi im Mittelfeld und der brasilianischen Variante des 2-3-5/3-2-2-3 – Meister mit einer unglaublichen Statistik. In 24 Spielen erzielten sie 133 Tore und erhielten 40 Gegentore bei nur einer Niederlage.

Auch in der Folgesaison wurden sie Meister und fingen sich die wenigsten Gegentore ein. Dennoch war die Saison 1950/51 etwas Besonderes, weil man auch international Erfolge feiern konnte, nämlich den Gewinn des – nur in diesem Jahr gespielten – Zentropacups, dem geplanten Nachfolger des Mitropacups (Vorläufer des UEFA-Cups). Happel erzielte auch das entscheidende 3:2 im Finale.

„Man muss dem Gegner seinen Stil aufzwingen und darf ihn nicht zur Ruhe kommen lassen.“

Seine Torgefahr bewies er auch auf andere Art und Weise: In der österreichischen Nationalmannschaft erzielte er ein Eigentor beim Stand 14:0, weil ihm das Spiel zu langweilig wurde. Dennoch war er eine der Stützen jener Mannschaft, die 1954 Dritter wurde.

“Was bist du? Der Tiger von Glasgow, der Panther von Budapest? Du bist des Oaschloch von Hütteldorf.” – Happel zu Torhüter Walter Zeman nach dem Eigentor

Seine größte Stunde dürfte er aber 1956 gefeiert haben. Nach zwei Jahren in Paris kehrte er wieder zu Rapid zurück und traf im Pokal der Landesmeister auf Real Madrid. Im Hinspiel in Madrid verloren sie noch klar, doch in Wien erzielte Happel drei Tore und Rapid gewann 3:1. Wegen des Fehlens der Auswärtstorregel gab es aber ein Entscheidungsspiel in Madrid, welches Rapid verlor.

„Den Gegner in dessen Hälfte zurückdrängen, ihn festnageln, am Aufbau behindern”, und als Krönung: “Zerschlagen, was noch gar nicht entstand; sich dann selber entwickeln.“

Weitere große Triumphe blieben Happel verwehrt, seine Karriere beendete er 1959. Ein Jahr nahm war er noch an der Weltmeisterschaft teil, bei der er vor einem Spiel „fensterlte“.

Anfänge als Trainer

Nach zwei überaus erfolgreichen Jahren als Sektionsleiter von Rapid Wien, in welchem die Österreicher sogar das Halbfinale des Landesmeisterpokals erreichten, wechselte er als Trainer zu ADO Den Haag nach Holland. Sechs Jahre sollten es werden, in welchen Happel seine ersten Trainererfahrungen sammelte.

„Im Fußball ist er ein Unbelehrbarer, weil ihm keiner mehr was vormachen kann. Einmal kann der Zufall auch dem einfältigsten Trainer zu irgendeinem Siegspott verhelfen. Aber der Happel räumte überall ab. Das ist Können. Mit Ado Den Haag gewann er Hollands Fußballpokal, mit einer Mannschaft, die der Jupp Derwall zum Schweinehüten geschickt hätte.“ – Max Merkel

Aus dieser Zeit stammt die Anekdote der Dose auf der Latte – Happel schoss sie herunter, seine Spieler schafften es nicht. Ob diese Anekdote stimmt, ob die Geschichte erst Jahre später beim HSV passierte (so abgeändert, dass es auch Beckenbauer schaffte) oder ob Happel dies öfter tat, lässt sich nicht nachvollziehen. Diese Legendenbildung ist aber auch eines der Merkmale von Ernst Happel – wo er auch war, gab es unglaubwürdige Geschichten, absurd klingende Mythen und allerlei schwärmende Spieler.

„Das Spieljahr beginnt mit einem Vorbereitungslager, ideal sind sechs Wochen. Zwei Wochen davon finden intern statt, ohne Außenwelteinflüsse. Dreimal am Tag ist Training. Das wird koordiniert mit fünf bis sechs Spielen. In diesen zwei Wochen kommt es auf die Schleiferei an. Später ist dann alles mehr spielerisch.“

Bei ADO entwickelte er seine Mannschaft in diesen sechs Jahren kontinuierlich. Der ehemalige Abstiegskandidat war ein gefürchteter Gegner, welcher durch seine enorme konditionelle Stärke vielen anderen Mannschaften voraus war.

„Am Ende ließen wir nur noch die Köpfe hängen und fragten uns, welchen Fuchs von Trainer haben die?“ - Günter Netzer nach einem Spiel gegen Feyenoord und deren Abseitsfalle

Feyenoords Mannschaft überzeugte mit Abseitsfalle, Pressing, 4-3-3 (mit verkapptem Libero Israel) und ungeheurer Spielstärke

Allerdings implementierten sie auch ein neues 4-3-3-System sowie ein aggressives Pressing, welches somit als eines der ersten bestätigten organisierten Pressing-Systeme Europas (neben Maslovs und Lobanovskiys Mannschaften in der Sowjetunion) in die Taktikgeschichte einging. Es sprang sogar ein Cup-Sieg heraus, welcher letztlich zu Happels Wechsel nach Rotterdam führte.

Erfolge auf internationaler Bühne

Dort heuerte er bei Topteam Feyenoord an. Bereits im ersten Jahr gewannen sie Meistertitel und siegten sogar in Landesmeister- und Weltpokal. In den folgenden Jahren wurden sie noch einmal Erster, mussten sich aber zwei Mal Rinus Michels‘ Ajax geschlagen geben. Happel ging auf eigenen Entschluss nach Spanien.

„Wir haben so viel erlebt, ich muss aufhören. Mit zu viel Siegen geht die Disziplin zurück. Wir werden zu sehr Freunde. Man leidet und weint, man lacht und gewinnt zusammen. Und das darf nicht zu lang dauern.“ – Ernst Happel zu seinem Abgang von Feyenoord

Bei Betis Sevilla schaffte er den Aufstieg in die erste Liga und qualifizierte sich mit seiner Mannschaft im Folgejahr für den UEFA-Pokal, doch auch in Andalusien blieb er nicht lange. Er wechselte nach Belgien zum FC Brügge, wo er in drei Jahren drei Mal Meister wurde, einmal sogar das Double holen konnte, aber zweimal im Finale scheiterte. Das erste Mal noch im UEFA-Cup, zwei Jahre später gegen Liverpools legendäre 78er-Mannschaft, welche bereits zwei Jahre zuvor Brügge besiegten.

„”Hopp hopp, komm’, komm’, Bewegung Bewegung!” hallt es unvermittelt über die Trainingsplätze in Ochsenzoll fordernd. Dann ein langgezogenes, krächzendes “Mach’ ma’ Teeempo!”, das der kurz zuvor noch wie schläfrig im jungen Gras herumstochernde Coach in ein Übungsspiel schleudert. Es kickt die Stammelf gegen die Reservisten, und die Reservisten haben den Ball. Für Ernst Happel genau die Situation, nun seine “Erste” zum Angriff zu peitschen. Und aus dem Stand heraus gerät das ganze Team urplötzlich in Jagdfieber, wird der Partner gehetzt.“ – Hans-Joachim Noack im Spiegel

Im Sommer 1978 übernahm er die niederländische Nationalelf, mit welcher er bis ins Finale der Weltmeisterschaft kam. Rob Rensenbrink traf in der 89. Minute den Pfosten, in der Verlängerung verloren die Niederländer letztlich – und dennoch ist Ernst Happel in seinem Heimatland Österreich bis heute der „Wödmasta“.

„In Utrecht streckten Zuschauer Messer durch das Sperrgitter. Ich sah gleich, daß die meinen Pelz nicht erreichten und blieb sitzen. Ruhe entschärft die größte Totalität.“

Nach der Weltmeisterschaft wechselte er zu Standard Lüttich, wo er in zwei Jahren einmal den Cup holte,und schließlich landete er beim Hamburger SV.

Der Mythos Ernst Happel entsteht

Ließ er beim HSV wieder die Cola- oder womöglich gar eine Bierdose von der Latte schießen? Zumindest laut Manfred Kaltz machte er das. Tut aber auch wenig zur Sache, denn es war die Art und Weise, wie sich Ernst Happel präsentierte und welche Erfolge er holte.

zwei zentrale Mittelfeldspieler (Jansen und Poortvliet) als Außenverteidiger, ein Außenverteidiger (und zentraler Mittelfeldspieler, wie wohl alle damals) Krol als aufrückender Libero, Flügelstürmer Rep statt des fehlenden Cruijffs im Sturmzentrum: Polyvalenz und Spielstärke an allen Ecken und Enden

In der Ära nach Schleifer Branko Zebec baute Happel auf dem hervorragenden taktischen Grundgerüst auf, verfeinerte es und baute eine der besten Mannschaften Europas. Gegen IFK Göteborg verloren sie 1981 knapp das UEFA-Cup-Finale, zwei Jahre später bezwangen sie überraschend Juventus Turin – eine ganz eigene Geschichte, die wir noch erläutern werden.

„Er wurde ja immer als knurrender Hund hingestellt, aber er war genau das Gegenteil. Nur ein Beispiel: Wir konnten Sonntagmorgen die Kinder mit zum Training nehmen. Happel liebte Kinder, er war verrückt nach ihnen und die Kinder liebten ihn. Er war ein lebensfroher Mensch, Fußballfachmann, einfach ein guter Typ.“ – Horst Hrubesch über seinen ehemaligen Trainer

Noch heute ist dies der große Erfolg in der Geschichte der Hamburger. Felix Magath traf mit einem wunderbaren Linksschuss, die Anzugmänner der Turiner verloren somit gegen Hamburgs „einfache Kerle“ und ihren immer grantigen Trainer Happel. Bis 1987 blieb er bei den Rothosen, holte noch einen DFB-Pokal und diente auch als Berater von Nationaltrainer Franz Beckenbauer.

„Vor dem Endspiel im Europapokal 1983 gegen Juventus Turin hat er einen Spaziergang auf einem Golfplatz anberaumt. Jakobs, Kaltz, Magath und ich waren dabei. Es sollte geklärt werden: Platini in Manndeckung nehmen, ja oder nein? Wir haben das Für und Wider abgewogen. Wir waren der Meinung, dass es nicht Not tut und Happel sagte: ,Gut, dann bleiben wir dabei, spielen wir keine Manndeckung’. Hat ja ganz gut geklappt.“ – Horst Hrubesch im Interview mit welt.de

Er verschwand nach Österreich, übernahm dort Swarovski Tirol und wurde später sogar Nationaltrainer seines Heimatlands. Seine Erkrankung an Lungenkrebs zeigte sich aber schon deutlich, Kritiker sprachen davon, dass man Ernst Happel beim Sterben auf der Trainerbank zusah. Vier Tage vor einem Länderspiel gegen Deutschland starb er und einer der Größten hörte mit nur 67 Jahren viel zu früh zu existieren auf.

„Nach der letzten Analyse hat mir der Doktor aus Wien einen Brief geschrieben, darin stand, es kann bösartig sein. Von dem Brief habe ich nur eineinhalb Zeilen gelesen, dann habe ich ihn wieder in die Tasch”n reingehaut und mir gedacht: Rutscht mir den Buckel runter. Hab ich an Krebs, na dann hab ich an Krebs. Ich kann’s nicht ändern.“

Was war so besonders an Ernst Happel?

Womöglich die schwerste Frage, weil ihre Antwort so vielschichtig und schwierig zu ergründen ist. Günther Netzer sprach einst davon, dass Happel der „menschlichste aller Schleifer“ sei. Dabei war Happel weder ein Schleifer noch ein „Grantler“. Im Gegenteil – Happels authoritäres Gehabe war nur Show, für die Medien und für die Spieler.

„Können Sie sich vorstellen, dass er anordnet, Aerobic zu machen? Zwei Frauen hat er engagiert, uns ins Studio beordert und wir mussten das den Damen nachmachen. Das war neu, faszinierend und passte perfekt als Ergänzung zum normalen Training. Happel hat immer über den Tellerrand geguckt, fragen Sie Günter Netzer.“ – Horst Hrubesch

die Hamburger spielten mit dem verkappten und aufrückenden Libero Hieronymus, mit der personifizierten Bananenflanke Manni Kaltz auf rechts, einer Asymmetrie und Spielgestalter Magath, welcher die gegnerische zona libera nutzte, um den Siegtreffer zu erzielen

Anders als Felix Magath, welcher die Angst seiner Spielern nutzt, verlangte Happel nur Respekt. Doch diesen Respekt brachte er auch seinen Spielern gegenüber; etwas, was mit der Angst nicht möglich ist. Happel stand somit auf einer Stufe mit seinen Spielern, sah sie als ebenbürtig an und ließ sie auch untereinander diskutieren. Die entstandenen Lösungsansätze nutzte er dann zur eigenen Entscheidungsfindung. Ein Konzept, welches mündige Spieler förderte, ohne sie zu fordern.

„Wenn der Spieler nicht den Ball beherrscht, sondern der Ball beherrscht den Spieler, dann ist es vorbei.“

Es ist zwar kein partizipativer Führungstil oder ein demokratischer, unterscheidet sich aber doch von einer autokratischen Führungsart, welche von Branko Zebec oder heute noch von Felix Magath genutzt wird. Ernst Happel nutzte sein Charisma und seine natürliche Autorität, um seine Spieler von sich zu überzeugen und zu beeindrucken. Seine unbestrittene Kompetenz tat ihr übriges.

„Wenn ich mit ihm als Spieler gesprochen habe, vermittelte er nie den Eindruck, er sei der Boss und ich sein Untergebener. Es war ein Gespräch unter Gleichen. Er hatte immer versucht, seine Idee zu vermitteln. Wer eine bessere hatte, der musste sie belegen, dann wurde die genommen.“ – Horst Hrubesch

Am ehesten könnte man ihn diesbezüglich mit Ottmar Hitzfeld vergleichen, wobei Happel seiner Zeit in puncto Professionalität auf dem Trainingsplatz deutlich voraus war, weswegen das Image des Schleifers entstand – Pünktlichkeit, Disziplin, Teamwork waren seine Schlagwörter, die er prinzipiell durchsetzte.

„Was die Spieler wollen, interessiert mich nicht. Man muss in erster Linie Mensch sein. Man kann hart auftreten, ohne Brutalität, aber menschlich. Die Spieler müssen Respekt haben. Ein Spieler kann nur Respekt haben, wenn er überzeugt ist, dass der Trainer ein Fachmann ist und die Materie beherrscht, sonst lachen die Spieler den Trainer aus.“

Allerdings ist es falsch, wenn man ihn nur auf sein Training, seine konditionsstarken Mannschaften und sein Charisma reduziert. Happel konnte alles. Er spielte mit den Medien, hatte immer die Aufmerksamkeit auf sich und hatte in gewisser Weise die Ausstrahlung eines Mourinho ohne dessen antipathischen Züge in die Öffentlichkeit zu tragen – stattdessen schwieg er oder gab seine legendären Kurzantworten. Desweiteren beschäftigte er sich laut eigener Aussage mit moderner Trainingsmethodik, überlegte sich psychologische Tricks und war taktisch wohl der Beste seines Fachs.

„Man muss alle Voraussetzungen mitbringen, die den Fußball betreffen. Erstens einmal der konditionelle Aufbau von die Spieler, zweitens das taktische Vermögen, man muss immer bei der Zeit sein, es ändert sich innerhalb von drei, vier, fünf Jahren, da kommt meistens ein neues System oder neue Varianten. Es ist natürlich nicht gesagt, dass man das anpassen muss, man muss das Spielermaterial dafür auch haben.“

Die Abseitsfalle, welche Rapid in den Fünfzigern aus Südamerika nach Europa brachte, installierte er in all seinen Mannschaften. Ebenso ließ er schon mit Raumdeckung spielen und wandelte das vereinzelte Pressing oder leichte kollektive Aufrücken in ein organisiertes Pressing um, welches zumeist als Angriffspressing mit einem 4-3-3 gespielt wurde. Dieses 4-3-3 hat sich übrigens Rinus Michels abgeschaut, der bis dahin eher den Weg des 4-4-2 nach Lobanovskiy gegangen war. Dieser hatte nicht nur einen Flügelstürmer des 4-2-4 zurückgezogen, wie Brasilien mit Zagallo 1958, sondern beide.

Happel hingegen pfiff darauf, er zog nicht die Außen zurück, sondern einen der Mittelstürmer und hatte somit zwei Flügelstürmer, drei zentrale Akteure und einen Mittelstürmer – zu jener Zeit eine Revolution, wobei Happel wie Lobanovskiy ja auch mit 4-5-1-ähnlichen Systemen zu experimentieren wusste.

„Happel hat ihn nur ziemlich häufig geflachst. Er sagte zu mir mal: ,Zauberer, ich lass’ den Netzer nachher mit trainieren. Aber ihr spielt ihn nicht ein Mal an’. Haben wir gemacht. Netzer ging nach 15 Minuten auf mich los: ‘Horst, das ist doch auf deinen Mist gewachsen?!’ Happel hat sich totgelacht.“ – Horst Hrubesch

Außerdem konnte er sich hervorragend an die spezifischen Umstände eines Gegners oder eines Spiels anpassen. Über Juventus sprach er 1983 vor dem Finale von einer „großen Mannschaft mit kleinen Schwächen“, gegen Celtic im Finale 1970 ließ er ein aggressiveres Pressing mit Mannfokus auf Johnstone spielen, welcher außerdem im Abwehrpressing gedoppelt wurde. Moulijn sollte sogar Pässe Hays auf Johnstone versperren, auch andere Spieler wurden zum richtigen Zustellen von Passwegen instruiert – es dürfte wohl die erste dokumentierte organisierte Nutzung der Deckungsschatten sein.

„Ich bin für offensiven Fußball, von hinten raus, daß ist das totale Spiel. Bei einem starken Gegner muß man jedoch auch zunächst defensiv spielen und dann schnelle Konterangriffe führen. Immer muß der Gegner früh angegriffen werden, alles zusammen nenne ich Pressing.“

Happel trainierte übrigens auch so, wie es später Volker Finke „erfinden“ sollte: Entdeckungslernen statt rezeptivem Lernen im Training. Darum waren seine Mannschaftsansprachen auch so kurz (á la “Geh‘ ma raus. Und’s Pressing ned vergess’n“), weil seine Spieler schon vom Training her genau wussten, wie sie sich auf dem Platz zu verhalten hatten. Große Ansprachen waren dabei nicht nötig, denn die Bewegung auf dem Feld war vorherbestimmt und kein Zufallsprodukt. Die wunderbare Arbeit gegen den Ball  entstand in den Stunden, Wochen und Monaten auf dem Trainingsplatz, nicht an der Taktiktafel oder dem Reißbrett.

„Happel konnte jedem Spieler erklären, was er von ihm wollte. Nicht mit Worten, gesprochen hat er ja nicht. Seine Übungseinheiten waren so, dass es den Spielern in Fleisch und Blut über ging.“ – Max Merkel

Ob Medien, Psychologie, Trainingslehre, Taktik oder Philosophie – Ernst Happel war ein Visionär, ein Theoretiker und Praktiker, ein Romantiker und ein Pragmatiker. Dazu war er auch so einfach und simpel, dass er für die nach Komplexität schreienden Experten schlichtweg paradox wurde; und er ist es bis heute.

„Wunder gibt es keine, höchstens Merkwürdigkeiten. Bei der letzten Weltmeisterschaft in Argentinien trainierte ich die Holländer. Kurz vor dem Turnier spielten wir gegen Österreich. Da haben wir mit dem verdickten Mittelfeld operiert, wie es die Mannschaft vor meiner Zeit getan hatte. Fünf Mann im Mittelfeld, nur einer in der Sturmspitze. Wir siegten 1:0. Später im WM-Turnier spielten wir wieder gegen die Österreicher, aber nun mit meinem Pressing, drei Sturmspitzen. Die Österreicher dachten noch an Hollands alte Masche und griffen selber an. Wir hatten viel Platz und siegten 5:1.“

Unter diesem Link findet ihr übrigens einen kleinen Nachruf von RM zu Ernst Happel sowie über seine Symbolträchtigkeit für den österreichischen Fußball.

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Rinus Michels – Der General

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„Es ist eine Kunst für sich eine Startformation zu entwerfen, die Balance zwischen kreativen Spielern und denen mit zerstörerischen Kräften zu finden, und zwischen Verteidigung, Aufbau und Angriff – ohne dabei die Qualität des Gegners und die spezifischen Zwänge eines jeden Spiels zu vergessen.“ – Rinus Michels

Portrait: Rinus Michels

In der Fußballgeschichte gibt es zahlreiche erfolgreiche Mannschaften, die lange in Erinnerung geblieben sind. Oft wurden diese Mannschaften von großen Trainern geformt. Jeder Trainer schreibt dabei seine eigene Geschichte. Der Erfolg von Rinus Michels sticht besonders hervor, denn der Niederländer wurde zu einer der zentralen Personen im europäischen Fußball.

Michels formte nicht nur irgendeine erfolgreiche Mannschaft, er baute das berühmte Ajax-Team der 60er und 70er Jahre auf, er „erfand“ 1974 mit der holländischen Nationalelf den Totaalvoetbal, den totalen Fußball, und wurde 1988 Europameister. Dazu legte Rinus Michels zusammen mit seinem Schützling Johan Cruyff die Basis des heutigen Fußballs beim FC Barcelona.

Der junge Rinus und das englische Ajax

Marinus Jacobus Hendricus Michels wurde am 9. Februar 1928 in Amsterdam einige hundert Meter vom Olympiastadion entfernt geboren. Der kleine Rinus war ständig am kicken und durfte, auch zur Freude seines Vaters, im Alter von 12 Jahren der Jugendabteilung von Ajax Amsterdam beitreten. Joop Köhler, ein Funktionär von Ajax, hatte das Talent auf den Straßen von Amsterdam spielen sehen und, ohne es zu wissen, eine der wichtigsten Persönlichkeiten im zukünftigen europäischen Fußball entdeckt. 1946 war es für den Amsterdamer Jungen so weit, Rinus Michels lief erstmals für die A-Mannschaft von Ajax auf. Er war zwar nicht der Spieler mit der besten Technik, aber ein gefährlicher Angreifer und bekannt für seinen Arbeitseifer und auch als Spaßmacher.

Auf der Weltkarte des Fußballs waren die Holländer bisher nicht aufgefallen, taktisch hatte man sogar das WM-System lange Zeit verschlafen. Die teilweise Professionalisierung des Fußballs in den 50ern war ein erster Schritt um den holländischen Fußball aus der Bedeutungslosigkeit zu holen. Dazu wirkten die Rivalitäten zwischen Clubs aus den verschiedenen Städten wie ein Katalysator für die Entwicklung in den 60er Jahren.

Ajax Amsterdam hatte seine erste Hochphase in den 1930er Jahren, als unter Jack Reynolds fünf Meisterschaften gefeiert werden konnten. In den 50er und Anfang der 60er Jahre hatten vor allem Vereine aus Eindhoven, Tilburg und Rotterdam die Nase vorne, auch wenn unter dem Österreicher Karl Humenberger 1957 und dem Engländer Vic Buckingham 1960 Meisterschaften gewonnen werden konnten.

Englische Trainer hatten einen großen Einfluss auf den Verein und damit auch auf Rinus Michels. Acht Trainer hatten diese Nationalität, und einige brachten es auf mehr als eine Amtszeit. Besonders Jack Reynolds war prägend für den Verein, insgesamt dreimal war Reynolds zwischen 1915 und 1947 Trainer bei Ajax. Dazu gesellten sich, bis Michels den Posten übernahm, ein Ire, ein Schotte, ein Ungar, zwei Österreicher und tatsächlich auch zwei Niederländer (die aber nur im Krieg von ´41 bis ´42 etwas zusagen hatten).

Durch Jack Reynolds und Vic Bukingham wurde Rinus Michels schon als Spieler das Flügelspiel und Angriffsfußball eingeimpft. Reynolds legte Wert auf die technischen Fähigkeiten der Spieler und dazu auch den Grundstein für eine Jugendausbildung bei Ajax.

122 Liga-Tore schoss Michels in seiner aktiven Karriere bis 1958 für Ajax, mit denen er 1947 und 1957 niederländischer Meister wurde; ´57 in der gerade erst gegründeten Eredivisie. In der Nationalmannschaft durfte Michels nur fünfmal Auflaufen, ohne dabei ein Tor zu erzielen.

Nach dem Ende der Spielerkarriere aufgrund einer Rückenverletzung, studierte Michels Sportwissenschaften und ließ sich zum Masseur und Krankengymnasten ausbilden. Neben seiner Arbeit an einer Schule für taubstumme Kinder, durchlief er die gerade erst eingeführte Trainerausbildung beim niederländischen Fußballverband und trainierte bis 1964 die Amateure von JOS Amsterdam. Nach einem Jahr beim AFC Amsterdam trat Rinus Michels bei Ajax Amsterdam seinen ersten Trainerjob bei einer Profimannschaft an.

Mit Ajax an die Spitze

Der Trainer Rinus Michels übernahm seinen Heimatclub Anfang 1965 und verhinderte zunächst den drohenden Abstieg. So wie einst Jack Reynolds mehr als nur die Aufstellung festlegte, hatte auch Michels einige Baustellen erkannt. Besonders im taktischen Bereich und bei der Disziplin sah der Trainer Handlungsbedarf: „Die Situation ist die: Wir müssen bei null anfangen. Gewiss ist ein gutes Spielerkontingent vorhanden, aber was Disziplin und Taktik angeht, liegt manches im Argen.“

Michels kümmerte sich darum, dass seine Spieler Vollprofis werden konnten, um sich ganz auf das Training und die Spiele konzentrieren zu können. Dazu konnte er taktisch und strukturell auf die von Reynolds und Buckingham gelegten Grundlagen aufbauen: vom erstgenannten die Jugendabteilung und das Flügelspiel, vom direkten Vorgänger die Idee vom ballbesitzorientierten Fußball. Die beiden Engländer hatten im Angriff bzw. im Ballbesitz die beste Art der Verteidigung gesehen.

Der damalige Ajax-Präsident Jaap van Prag, und die Investoren Wim und Freek van der Meijden und Maup Caransa, waren ein weiterer Glücksfall für den Verein, denn sie trieben Geld für den Kader auf. So wurde Johan Cruyff der zweite Vollprofi in Holland, nach Piet Keizer.

Der Europapokal war in den ersten Jahren unter Rinus Michels ein auf und ab. Liverpool wurde 1966 mit 5:1 und 2:2 geschlagen. Dem folgte aber das Ausscheiden gegen Dukla Prag, welches der damalige Kapitän Frits Soetekouw, der zum 1:2 ins eigene Tor getroffen hatte, damit bezahlte, dass er seinen Namen prompt auf der Transferliste lesen durfte und nie wieder für Ajax spielte.

Michels sortierte in den ersten Jahren immer wieder Spieler aus (auch Nationalspieler), die den Ansprüchen im Europapokal nicht gewachsen waren und baute um Cruyff, die schon etwas älteren Angreifer Piet Keizer, Sjaak Swart und die Verteidiger Wim Suurbier und Barry Hulshoff eine neue Mannschaft auf.

Ein weiterer wichtiger Spieler war Velibor Vasovic, der schon mit Partisan Belgrad 1966 das Landesmeisterfinale gegen Real Madrid verloren hatte. Er war erfahren und selbstbewusst, und sollte neben Verteidiger Barry Hulshoff als offensiver Libero spielen. Verpflichtet wurde der Jugoslawe aber auch wegen seiner Siegermentalität: „Ich war der beste Fußballer des ehemaligen Jugoslawiens und brachte viel Erfahrung mit. [...] Wenn man das Trikot überstreift und die Schuhe schnürt, muss man gewinnen, sonst sollte man lieber zu Hause bleiben und Fernsehen gucken. Mit dieser Einstellung konnte ich den holländischen Fußballern sehr helfen, weil sie nicht von Natur aus so waren.“

Zunächst wurde das System auf ein 4-2-4 umgestellt, diese Formation war durch die Brasilianer schon 1958 populär gemacht worden und Ajax hatte mit Piet Keizer, Johan Cruyff, Sjaak Swart und Henk Groot eine formidable Angriffsreihe.

Disziplin und Motivation

War er als Spieler zwar ein harter Arbeiter aber auch ein Scherzkeks gewesen, so verdiente sich Michels als Trainer den Ruf eines Disziplinfanatikers und das natürlich mit Absicht. Er hatte nämlich das Problem, noch so manchen Spieler des Teams aus seiner aktiven Zeit zu kennen. Also entschied er sich die Zügel besonders stramm anzuziehen. Dabei schreckte der General, wie er auch genannt wurde, nicht vor radikalen Entscheidungen zurück.

Den Spitznamen verdankte Michels, nach eigener Aussage, auch der Tatsache, dass er anfangs wenig mit den Spielern diskutierte, weil sie im Taktischen nicht reif genug waren. Später habe er dann mehr mit seinen Führungsspielern geredet.

Die Härte war für Michels ein notwendiger Schritt die Distanz zur Mannschaft zu halten. Es funktionierte für ihn einfach am besten. Neben dem Platz war er umgänglich und freundlich zu seinen Spielern, beim Training oder im Stadion waren Spieler nur Nummern, die kommandiert und beleidigt wurden.

Sogar sein Co-Trainer bei Ajax Bobby Haarms fühlte sich wie von einem Tierdompteur behandelt. Und Toni Schumacher sagte über ihn: „Michels war ein knochenharter Kerl, abgrundtief gehasst und geachtet zugleich. … Das Training war eine einzige Quälerei: Gymnastik, Laufen bis zur Erschöpfung, ‚angefeuert’ durch beleidigende Bemerkungen wie ‚Kriecher’, ‚Flaschen’, ‚Idioten’, ‚Dilettanten’. Meine Freunde Pierre Littbarski und Klaus Allofs waren zutiefst gekränkt, glühend vor Wut, fühlten sich wie Sklaven behandelt. Es drohte ein regelrechter Aufstand. … Rinus Michels konnte nie nett sein; wie kein anderer konnte er seinen Spielern auch noch den letzten Rest an Humor austreiben, sie erniedrigen.“

Es war nicht ungewöhnlich, dass Spieler demontiert wurden, die in einem Spiel enttäuscht hatten. Gleichzeitig brachte er anderen ein enormes Vertrauen entgegen und stärkte sie auf mentaler Ebene. Ruud Krol erinnerte sich, wie Michels ihm sagte, „Vergiss van Duivenbode: Du bist besser“, und fügte selber an: „Wenn ein Trainer den Linksverteidiger der Nationalmannschaft verkauft und dich auf seine Position stellt, erlebst du eine Explosion des Selbstbewusstseins.“

Ajax Amsterdam im Landesmeisterfinale 1969

Ajax Amsterdam im Landesmeisterfinale 1969

Im ersten Versuch im Finale des Europapokals der Landesmeister scheiterte Ajax am AC Mailand. Zu beginn spielte Cruyff noch neben Groot und Pronk im Mittelfeld, schob sich aber immer weiter nach vorne. Nach dem frühen Rückstand durch Prati (7.) verlor Ajax die Linie und musste sich am Ende mit 4:1 geschlagen geben.

Die Idee des 4-2-4 war, dass ein Verteidiger ins Mittelfeld stoßen konnte, um dort als dritter Spieler Unterzahlsituationen zu verhindern. Der Offensivdrang der Verteidiger, für den Ajax berühmt werden sollte, war schon klar zu erkennen und auch Positionswechsel in der Offensivreihe gab es schon. Nur war Ajax nicht kompakt und presste nicht im Kollektiv, so entstand ein Bruch zwischen Abwehr und Angriff im 4-2-4 und Milan konnte das Mittelfeld leicht überbrücken.

Die schmerzhafte und verdiente Niederlage gegen den AC Mailand sollte Ajax stärken. Die Spieler hatten nun ein großes Finale bestritten und erkannt, dass sie noch nicht gut genug waren. Sie mussten noch lernen in einem Spiel die Taktik anpassen zu können. „Es heißt, dass man manchmal ein Finale verlieren muss, um ein Finale zu gewinnen, und das ist wahr“, bemerkte Hulshoff später. Für Michels gab es aber noch zwei weitere Spiele, die ihm zeigten was noch verändert werden musste.

Das größte Ärgernis der Finalniederlage von ´69 war, dass der holländische Doublegewinner Feyenoord Rotterdam unter Ernst Happel im nächsten Jahr im Landesmeisterpokal antreten durfte und ihn auch noch gewann. Ajax musste im Messe-Pokal spielen. Dort verloren sie mit 3:0 gegen Arsenal in Highbury und wenig später spielten sie 3:3 gegen Feyenoord.

Happel hatte ein Team mit geringerer kreativer Qualität als Ajax aber dafür mit einer geschlossenen Taktik zur Verfügung. Sie spielten 4-3-3 (1970 übrigens mit Theo van Duivenbode den Michels abgeschoben hatte), waren zweikampfstark, diszipliniert und hatten eine enorme Moral. Ajax wurde wieder im Mittelfeld geschlagen und Michels stellte auf 4-3-3 um, in dem er zunächst Johan Cruyff ins Mittelfeld zurückzog.

Den Unterschied zwischen den beiden Taktikern von Ajax und Feyenoord erklärte Theo van Duivenbode, der nacheinander unter beiden trainiert hatte: „Michels war ein Experte darin, die Taktik vor dem Spiel zu planen und die Spieler physisch und mental vorzubereiten, aber Happel sezierte das Spiel. … Er [Happel] las das Spiel so schnell, dass er nach wenigen Minuten von der Bank eingreifen konnte.“

Das Mittelfeld war nicht Michels’ einziges Problem. Nach den Serienmeisterschaften von 1966 bis 1968 wurde es mit dem Titel 1970 schwerer die zunehmend defensiv agierenden Gegner zu bezwingen. Als Lösung bekamen die Verteidiger bei Ajax die Anweisung sich am Spielaufbau und an Angriffen zu beteiligen. Um nicht die Abwehr zu entblößen, mussten nun im Gegenzug die offensiveren Spieler mehr für die Defensive tun; ging ein Verteidiger nach vorne musste ein anderer Spieler absichern. Daraus entwickelten sich die Positionswechsel, die heute immer mit dem totalen Fußball in Verbindung gebracht werden und die zunächst strikt auf die vertikalen Linien bezogen wurden. Die Außenverteidiger gingen nach vorne und wurden von ihren Vorderleuten abgesichert. Vasovic war weiterhin der Libero, der den Gegner Abseits stellte, sich ins Mittelfeld schob und damit ein 3-4-3 System erzeugte. Michels hatte mit seiner Mannschaft einen Stil entwickelt bei dem anscheinend jeder Spieler auf jeder Position spielen konnte.

Ajax Amsterdam im Landesmeisterfinale 1971

Im zweiten Anlauf klappte es mit dem Landesmeistertitel, diesmal im 4-3-3

Triumph in Europa

1971 bekam Ajax gegen Panathinaikos Athen die nächste Chance auf Europas Krone. Bei Amsterdam spielte Neeskens, 19 Jahre alt, rechts in der Verteidigung und beteiligte sich, wie auch Suurbier am Offensivspiel. Keizer und Cruyff waren die wenigen Spieler, die sich auch horizontal auf dem Feld verschoben. Cruyff, weil ihm eigentlich alles erlaubt war, er ließ sich links wie rechts blicken und spielte auch im Mittelfeld. Keizer verschob gerne nach links wenn Cruyff seine Position verließ. Die vakante Mittelstürmerposition konnte van Dijk dann besetzen.

Was sich in den zwei Jahren seit dem verlorenen Finale gegen Milan geändert hatte, war aber vor allem das Pressing und Überzahl im Mittelfeld. Die ganze Mannschaft spielte wesentlich kompakter, ging die Gegenspieler früh an um den Ball zu erobern, und auch die Stürmer arbeiteten in der eigenen Hälfte in der Verteidigung mit.

Neeskens war später im Mittelfeld bei Ajax und Oranje der Schlüssel für das Pressing. Er verfolgte den gegnerischen Spielmacher oft tief in dessen Hälfte und die Abwehr rückte einfach nach. Es war ein natürlicher Prozess, wie bei den Positionswechseln in der Offensive.

Es gibt aber auch eine andere Begründung für die hohe Abwehrlinie, die der Brasilianer Marinho Peres von Johan Cruyff später bei Barcelona erklärt bekam: „Die holländischen Spieler wollten den Raum reduzieren und alle in ein enges Band bringen. Die ganze Logik der Abseitsfalle besteht darin, das Spiel einzuengen. Das war völlig neu für mich. In Brasilien dachten die Leute man könne den Ball einfach über die Abwehr spielen, irgendwer stößt durch und hebelt die Abseitsfalle aus, aber so funktioniert das nicht, weil du keine Zeit [am Ball] hast.“

Blankenburg und Haan kamen im Finale 1971 nach der Pause für Rijnders und Swart. Haan sorgte kurz von Schluss für den 2:0 Endstand, nachdem van Dijk schon in der fünften Minute die Führung erzielt hatte. Michels hatte eine Gruppe mit Talenten und Künstlern zu hart arbeitenden Gewinnern gemacht und mit Ajax Amsterdam den ersten Europapokal gewonnen, nach sechs Jahren Entwicklung seiner Mannschaft. Sjaak Swart sagte Jahrzehnte später: „Wir waren alle Sieger. Wir haben nicht versucht, Künstler zu sein.“

Neuanfang in Barcelona

Nach diesem Triumph suchte Rinus Michels die Veränderung und wechselte zum FC Barcelona. Der spanische Traditionsverein hat wie Ajax eine englische Vergangenheit. Zwei Gründungsmitglieder waren Engländer und im Vereinswappen findet sich das Kreuz von St. Georg, der in England und Katalonien als Schutzpatron verehrt wird.

Der FC Barcelona stand sportlich bisher im Schatten von Real Madrid. Ironischerweise übernahm Michels den Posten als Cheftrainer vom selben Mann wie sechs Jahre zuvor bei Ajax: Vic Buckingham, der ´71 noch die Copa del Rey gewonnen hatte. Barças Titelsammlung war noch recht dünn und besonders in den 60er Jahren lief es nicht. Dazu hatte die Mannschaft bis zu Buckinghams Einstellung 1969 elf Trainer gesehen seit der letzte Meistertrainer Helenio Herrera 1960 den Verein verlassen hatte.

Dreimal wurde in Europa bis 1966 der Messe Pokal gewonnen. Trotzdem musste sich Barça nach den erfolgreichen 50er Jahren regelmäßig hinter Real Madrid einordnen. Auch ganz große Spieler, wie Kubala, Kocsis und Czibor, konnten den größten europäischen Pokal nicht gewinnen. Der Verein sah sich zu Sparmaßnahmen genötigt, darum enthielt der Kader 1971 einige selbstgezogene Talente (was Michels sicher zusagte).

Formation: FC Barcelona 1974

Die Formation des FC Barcelona beim 5:0 gegen Real Madrid 1974

Vom neuen Trainer wurde nun nicht weniger erwartet, als eine Spielweise zu etablieren wie sie von Ajax Amsterdam bekannt war: offensiv und dominant. Das 4-3-3 einzuführen war kein Problem, weil Barcelona schon vorher mit Flügelstürmern spielte. Schwieriger war es gerade in der Offensive das richtige Personal zu finden. Michels konzentrierte sich zunächst auf die Verteidigung und schaffte es mit seiner Mannschaft in den ersten drei Spielzeiten jeweils die wenigsten Gegentore in der Liga zu kassieren.

Probleme hatte Michels eher mit der taktischen Disziplin einiger Spieler, die gerne mehr machten als ihre Basisaufgaben zu erfüllen und damit die Balance in der Mannschaft gefährdeten. Die spanische Mentalität unterscheidet sich in diesem Punkt einfach von der holländischen und das ungleich höhere Medieninteresse in Spanien wirkte verstärkend, in dem es einen größeren Druck auf die individuelle, für die Öffentlichkeit sichtbare Leistung aufbaut und mannschaftsdienliches Spiel oft unterschätzt.

In den ersten beiden Jahren unter Michels erreichte Barcelona den dritten und den zweiten Platz in der Liga und hatte dabei vor allem Probleme Tore zu schießen. Der Trainer hatte zwar früh auch den schnellen Spielaufbau mit schnellem Nachrücken und Pressing ins Training aufgenommen und immer wieder üben lassen um die Fehleranfälligkeit einer hoch stehenden Abwehr auszumerzen. Es fehlte im Angriff aber die individuelle Klasse, die bei Ajax noch im Überfluss vorhanden gewesen war.

Dies änderte sich im Sommer 1973 als Johan Cruyff sich zum FC Barcelona transferieren ließ. Dem Wechsel ging in Amsterdam angeblich ein Streit ums Kapitänsamt voraus, dessen genaue Umstände hier nicht von großer Bedeutung sind. Cruyffs Schwiegervater hatte den Millionendeal mit Barça eingefädelt, nur der niederländische Verband verweigerte zunächst seine Zustimmung und Barcelona musste in den ersten sechs Ligaspielen auf den Erlöser warten.

Cruyff war das fehlende Puzzlestück im Angriff der Katalanen, er schlug sofort ein und führte Barcelona zum nationalen Titel. Dabei erhöhte die Mannschaft die Torausbeute von 41 Toren in der Vorsaison auf 75 Treffer, ohne wesentlich mehr Gegentore hinnehmen zu müssen. Ein weiterer Höhepunkt der Saison 73/74 war ein 5:0 Sieg im Auswärtsspiel bei Real Madrid.

Nach der Weltmeisterschaft in Deutschland folge auch Johan Neeskens Michels nach Barcelona, wo er bis 1979 spielte (Cruyff erklärte ´78 seinen ersten Rücktritt) und im letzten Jahr auch den Europapokal der Pokalsieger gewann. Michels dagegen ging nach der verpassten Titelverteidigung 1975 in Richtung Amsterdam, kehrte aber nur ein Jahr später zurück. In den letzten beiden Spielzeiten in Barcelona erreichte er jeweils den Vizetitel und gewann 1978 noch die Copa del Rey. Danach machte Michels bis 1980, wie er es selber bezeichnete, „bezahlten Urlaub“ in Amerika bei den Los Angeles Aztecs.

Der Bondscoach

Vier Mal war Rinus Michels Nationaltrainer seines Heimatlandes. Der am wenigsten erfolgreiche Abschnitt umfasste drei Spiele im Jahr 1984. Danach blieb Michels bis 1986 technischer Direktor beim Verband, während Leo Beenhakker der Trainerposten übernahm.

Aber der Reihe nach: Die Niederländer, bzw. der königliche niederländische Fußballbund KNVB ging mit dem Posten des Bondscoach zuweilen etwas, sagen wir mal, unorthodox um. Es war durchaus nicht ungewöhnlich einen Trainer zu haben, der dann pünktlich zu einem Turnier von einem großen Namen ersetzt wurde. Ernst Happel und Jan Zwartkruis lieferten sich ein seltsames Wechselspiel vor der WM 1978, ehe Happel für das Turnier übernahm. Und auch Michels Vorgänger Frantisek Fadrhonc wurde nach überstandener Qualifikation pünktlich zum Turnier zum Co-Trainer degradiert. Die Erklärung für diese kurzen Anstellungen liegt darin, dass Michels, wie auch Happel, an Vereine gebunden waren und in der Regel auch kein großes Interesse an einem langfristigen Job als Nationaltrainer hatten. Es kam aber auch vor, dass Trainer von Spielern gestürzt wurden.

Formation: Holland 1974

Hollands Stammelf bei der WM ´74

Holland erlangt weltweite Anerkennung…

Als Michels das Amt des Bondscoach erstmals übernahm hatten die Niederlande international bisher keine Bäume ausgerissen. Für eine EM hatte man sich noch nie qualifiziert und an einer WM hatte Holland letztmals vor dem zweiten Weltkrieg teilgenommen. Dagegen stand, dass Feyenoord und Ajax von 1970 bis ´73 alle Titel im Landesmeisterwettbewerb gewonnen hatten. Michels hatte zur WM ´74 also sein altes Team wieder am Start, das unter Stefan Kovacs zweimal den Europapokal verteidigt hatte und dabei von Kovacs’ weniger harten Mannschaftsführung profitierte.

Ein paar Veränderungen waren aber notwendig. Die Ajax Mannschaft hatte sich weiterentwickelt und nicht alle Spieler standen zur Verfügung. Die nicht verfügbaren Ausländer und die Holländer, die aus persönlichen Gründen die WM absagten, ersetzte Michels vor allem durch Spieler von Feyenoord. Wim van Hanegem und Wim Jansen gingen ins Mittelfeld und Arie Haan musste den Posten des Liberos neben Innenverteidiger Wim Rijsbergen übernehmen. Dazu kam Rob Rensenbrink aus Anderlecht, der Piet Keizer auf die Ersatzbank verdrängte, und im Tor wurde tollkühn auf Jan Jongbloed gesetzt. Der hatte sein bisher einziges Länderspiel 1962 bestritten und verloren. Er war aber dafür bekannt mit dem Ball am Fuß etwas anfangen zu können und Michels brauchte einen Torwart der hinter einer hoch stehenden Defensive den Libero geben konnte.

Für Michels war es vor allem wichtig, dass seine Spieler hinter dem taktisch riskanten Kurs standen, denn er wollte nicht nur den dominanten Fußball von Ajax spielen lassen, sondern auch aggressives Angriffspressing (jagen in der gegnerischen Hälfte). Zunächst testet die Nationalelf gegen Amateurteams, die natürlich tief in der eigenen Hälfte standen und somit zum Pressing einluden. Es war wichtig immer wieder über dieses System zu reden, um es zu verbessern und die richtige Abstimmung zu finden.

Michels sagte zu seinen Spielern vor der WM, dass die Entscheidung für diesen dominanten und aggressiven Stil die schwierigste Entscheidung sei. Die Spieler müssten es auf dem Feld umsetzten und auf einzelne Spieler könne keine Rücksicht genommen werden. Dafür sei diese Art Fußball zu spielen aber auch etwas für echte Liebhaber.

Das erste Testspiel vor der WM gegen Österreich ging schief und das 1:1, einschließlich  nachfolgender Kritik in den Medien, war die Bewährungsprobe für die Mannschaft. Ein 4:1 Sieg gegen Argentinien bestärkte Michels aber darin an seiner Strategie festzuhalten.

Das Turnierformat bestand aus zwei Gruppenphasen, denen sich das Finale direkt anschloss. In der Vorrunde gab es zwei Siege und ein unterhaltsames 0:0 gegen Schweden. Und in der zweiten Gruppenphase wurde Argentinien mit 4:0 aus dem Parkstadion in Gelsenkirchen geschossen. Dann folgte ein 2:0 gegen die DDR und das, nach Aussage Ruud Krols, vielleicht beste Spiel der Holländer bei diesem Turnier gegen Brasilien.

Auch wenn dieses Spiel Bestandteil der Gruppenphase war, hatte es dennoch den Charakter eines Halbfinals, in dem beide Teams um den ersten Platz und die Finalteilnahme spielten (wie beim anderen „Halbfinale“ zwischen der Bundesrepublik und Polen). Im ersten Durchgang hatte Holland in der einen oder anderen Szene noch Glück, ließ die Brasilianer aber immer wieder ins Abseits laufen. Das frustrierte den Titelverteidiger, der zu ein paar harten Fouls griff. Holland verschob sich komplett über das ganze Feld, alle Spieler machten den Raum eng in der Verteidigung und wenn nicht auf Abseits gespielt wurde, fand man alle Holländer in ihrer Spielhälfte. Bei Ballbesitz schob das ganze Team nach vorne. Neeskens und Cruyff sorgten für die Tore in der zweiten Halbzeit.

… und scheitert auf der Ziellinie

Auch im Finale gegen den Gastgeber lief zunächst alles nach Plan. Schon in der zweiten Minute traf Neeskens per Elfmeter zur Führung, die Deutschen hatten zu diesem Zeitpunkt noch nicht eine Ballberührung.

Doch was ein optimaler Start in ein Finale sein sollte, wird heute von einigen ehemaligen Spielern als Ausgangspunkt der Niederlage betrachtet. Johnny Rep sagt in David Winners Oranje brilliant: „Für uns war es nicht gut, in der ersten Minute ein Tor zu machen. Wir haben angefangen, die Deutschen lächerlich zu machen. Wir haben es nicht bewusst getan, aber wir haben es trotzdem gemacht. Den Ball hin und her gepasst. Und dabei haben wir vergessen, das zweite Tor zu schießen.“

Dafür wurden die Holländer bestraft. In der 25. Minute glich Paul Breitner aus, ebenfalls per Foulelfmeter, und Gerd Müller erzielte noch vor der Pause die Führung für den Europameister. Danach bissen sich Cruyff, Rep und Co. die Zähne an Sepp Maier aus.

Der Spielverlauf warf einige Diskussionen auf, denn auf beiden Seiten kam es zu fragwürdigen oder knappen Entscheidungen des Schiedsrichters. Die pikantesten Schlagzeilen machten aber eine angebliche Nacktparty im Hotelpool der Holländer (noch vor dem Brasilien-Spiel). Die Veröffentlichung dieser Affäre durch die Bild Zeitung wurde lange Zeit als eine Erklärung für die Niederlage im Finale herangezogen. Von einem stundenlangen nächtlichen Telefonat Cruyffs mit seiner Ehefrau war die Rede. Was davon der Wahrheit entspricht ist bei unzähligen und teilweise unterschiedlichen Aussagen nicht nachzuvollziehen. Michels war aber zumindest so verärgert, dass er sich weigerte auf Pressekonferenzen Deutsch zu sprechen.

Das Verhalten der holländischen Spieler im Trainingslager bei der WM entspricht überhaupt nicht dem Ruf des Bondscoach ein harter Hund zu sein. Aber Michels war schon in der Vorbereitung zum Turnier für ein paar Tage nach Spanien gereist um den FC Barcelona zu betreuen. Die Leitung des Teams hatte er auch in die Hände seiner Führungsspieler gelegt, besonders von Johan Cruyff der schon als junger Spieler ein Trainer auf dem Feld gewesen war. Michels hatte die alte Ajax Truppe als mündige Gruppe von Spielern in Erinnerung, die sich in vielen Belangen selber coachte. Ohne den öffentlichen Eklat in der Bild Zeitung wäre auch kein Zweifel an der Disziplin der Truppe aufgekommen. (Die deutschen Spieler wagten beim gleichen Turnier den Aufstand weil sie wie Schuljungen behandelt wurden.)

Der Schmerz dieser Niederlage beschäftigte die Holländer wahrscheinlich länger als sie es zugeben wollten. Auch Aussagen, wie die von Johan Cruyff, „Es gibt keine höhere Auszeichnung, als für seinen Stil gelobt zu werden“, können nicht über die ständig wiederaufkeimenden selbstzerstörerischen Kräfte der niederländischen Nationalmannschaft hinwegtäuschen. Andererseits brachte erst das WM Turnier, mit seiner internationalen Fernsehpräsenz, dem Totaalvoetbal die fast grenzenlose Bewunderung, die noch heute anhält.

Beim EM-Endrundenturnier 1976 scheiterte Holland im Halbfinale an der Tschechoslowakei, weil es sich wahrscheinlich schon im Finale gegen die Deutschen wähnte. 1978 erreichte die Niederlande unter Ernst Happel erneut das WM Finale und unterlag Argentinien. Von 1982 bis 86 nahmen sie an allen drei großen Turnieren nicht teil und auch in den 90ern bremsten interne Querelen Oranje immer wieder aus. Aber Michels zweites Turnier als sportlicher Leiter und eine neue Spielergeneration brachten den lange ersehnten Erfolg.

Der Erfolg mit van Basten, Gullit und van Breukelen

Nach dem schon erwähnten kurzen Intermezzo auf der holländischen Trainerbank 1984, kehrte Rinus Michels 1986 endgültig zur Nationalmannschaft zurück. Die Zeit des totalen Fußball war zwar vorbei, doch Mitte bis Ende der 80er stand eine neue Generation talentierter Fußballer bereit. Der PSV Eindhoven hatte 1988 den Landesmeisterpokal gewonnen und Ajax im selben Jahr das Finale des Pokalsiegerwettbewerbs erreicht, ´87 hatten sie den sogar gewonnen. Das Fußballjahr 1988 war also orange.

Michels konnte, im Vergleich zur WM ´74, nicht auf einen Stamm bauen, den er selber schon einmal im Verein trainiert hatte. Dafür hatte er einige der besten Fußballer der 80er Jahre zur Verfügung und viele dieser Spieler kannten sich von Ajax oder PSV.

Im Angriff Marco van Basten und Ruud Gullit, beide spielten seit 1987 beim AC Mailand. Das Mittelfeld bildeten, von rechts nach links, Gerald Vanenburg, Jan Wouters, Arnold Mühren und Erwin Koeman. Mühren hatte 1974, mit 23 Jahren, als Teil des Kaders kein Spiel bei der WM gemacht, wurde 14 Jahre später aber von Rinus Michels wieder für ein Turnier berufen. Vanenburg nahm gerne zentrale Positionen ein und verstärkte so das Mittelfeldzentrum mit Gullit.

Wenn Vanenburg den Flügel frei gab, versuchte Berry van Aerle von der Position des rechten Verteidigers nach vorne zu stoßen, um für Gefahr vom Flügel zu sorgen. Auf der anderen Seite spielte Adri van Tiggelen etwas zurückhaltender, weil Erwin Koeman mehr über die Außenbahn kam.

Erwins jüngerer Bruder Ronald Koeman und Frank Rijkaard bildeten das Duo in der Innenverteidigung: Ronald Koeman als Libero und Frank Rijkaard als Mischung aus Innenverteidiger und 6er vor der Abwehr. Im Tor stand Hans van Breukelen. Schaut man die Abwehrkette an, dann beinhaltete sie einen offensiven Außenverteidiger, einen gelernten Mittelfeldspieler und zwei Liberos, neben Koeman war auch van Tiggelen im Verein oft Innenverteidiger oder Libero.

Rijkaard interpretierte seine Rolle offensiv und auch Ronald Koeman war ein aktiver Part im Spielaufbau. Dieser Offensivdrang von drei der vier Verteidiger musste ab und an auch mal von Jan Wouters abgesichert werden.

Im Angriff war Marco van Basten ein Fixpunkt. Nur im ersten Gruppenspiel gegen die Sowjetunion spielten John van ’t Schip und John Bosman für Erwin Koeman und van Basten. Die Partie war auch die einzige Niederlage und der Grund warum man als Zweitplatzierter der Gruppe im Halbfinale auf Deutschland traf.

Holland im EM Finale 1988

Im EM Finale 1988 spielte Holland ein 4-4-1-1

Michels ließ nicht mehr im 4-3-3 spielen, sondern verzichtete auf die hoch spielenden Flügelstürmer. Cruyff spielte in den 70ern das, was man heute als false 9 bezeichnet. In der Offensive blieb die Position des Mittelstürmers auch mal frei, um dann dynamisch besetzt zu werden. Defensiv standen meist mindestens zwei Stürmer vor dem Mittelfeld.

Die neue holländische Mannschaft spielte Kompakter im Mittelfeld. Van Basten aber blieb vorne. Gullit zog sich manchmal sogar bis zur Abwehr zurück, dann stand er wieder neben seinem Sturmpartner. Vanenburg rückte nach innen. So wurden im Mittelfeld die Anspielstationen für den Gegner zugestellt. Dazu agierte die Abwehr weiterhin hoch und verengte den Raum.

Zwei fragwürdige Elfmeter in der zweiten Halbzeit und ein Tor von van Basten besiegelten die deutsche Niederlage im Halbfinale. Für die Holländer war der Sieg in diesem hitzigen Spiel eine Erlösung nach der Schmach im WM Finale ´74.

Im Finale von München siegten die Holländer mit 2:0 gegen die Sowjetunion. Gullit stand bei seinem Kopfballtor völlig frei und van Basten schoss das Tor des Turniers, nach einer Flanke von Mühren, die er aus spitzem Winkel direkt im Tor versenkte.

Trotz des Erfolges, über den sich natürlich die ganze Nation freute, war das 88er Team wesentlich pragmatischer als die Vorbilder aus dem Jahrzehnt zuvor. Gegen England und Irland in der Vorrunde war man im Glück gewesen und wäre fast ausgeschieden. Taktisch wurde geradliniger gespielt, mit van Basten als Stoßstürmer. Natürlich hatte diese Mannschaft eine Reihe kreativer Spieler und eine Achse mit Koeman, Rijkaard und Gullit, die keinen Vergleich zu scheuen braucht. Außerdem belegten van Basten, Gullit und Rijkaard die ersten drei Plätze zur Wahl von Europas Fußballer des Jahres (Ballon d´Or). Aber ein Fußballfeuerwerk hatten die Holländer selten geboten. Michels hatte wieder ein Team von Gewinnern geformt.

Oranje 90 & 92

Wie wichtig der Zusammenhalt in einer Gruppe für den Erfolg sein kann zeigt die Weltmeisterschaft in Italien als das Team unter Leo Beenhakker intern nicht harmonierte und sich aus dem Turnier verabschieden musste. Michels hatte zur WM den Vorsitz in der Trainerfindungskommission inne und wählte Beenhakker und nicht Cruyff, der Wunschkandidat einiger Spieler war. Dem neuen Bondscoach wurde die Aufgabe mit dem Berater Michels im Nacken auch nicht leichter gemacht.

Rinus Michels beschrieb die Situation selbst etwas anders. Die Grüppchenbildung und mangelnder Respekt in der Mannschaft hatte auch er erkannt. Doch behauptet er, dass er bewusst als Feindbild für die Mannschaft herhalten musste. Den psychologischen Effekt den Beenhakker damit erreichen wollte, konnte Michels sogar nachvollziehen. Die Leistung stimmte nicht und Michels Anwesenheit beim Training schien den Mangel an Loyalität zum Trainer bei einigen Spieler zu verstärken, so dass sich Beenhakker dazu gezwungen sah die Mannschaft zusammen zufalten um die Bindung zu Michels und der EM ´88 zu lösen. Der holländische Kader wuchs nie zu einer Mannschaft zusammen und im Spiel gegen Deutschland schied Holland aus.

Zur EM ´92 ließ sich Michels noch einmal überreden die Mannschaft zu betreuen. Wieder trafen die Holländer auf Deutschland, diesmal in der Gruppenphase, und siegten mit 3:1. Neu im Team waren Spieler wie Dennis Bergkamp, Bryan Roy, Rob Witchge und Frank de Boer. Im Halbfinale war aber im Elfmeterschießen Schluss gegen die Überraschungsauswahl aus Dänemark, die im Finale auch Deutschland besiegen konnte.

Teambuilding Teil 1: Taktik

Auf dem totalen Fußball, den Ajax unter Michels entwickelte und mit dem die holländische Nationalelf bei der WM ´74 die ganze Welt verzauberte, begründet sich Michels Ruf als taktischer Visionär. Die Grundlagen seines Denkens sollen hier beschreiben werden, zunächst mit dem Blick auf die Taktik.

Alle Mannschaften von Rinus Michels haben eine starke zentrale Achse. Bei der WM in Deutschland wurde sie von Arie Haan, Johan Neeskens und Johan Cruyff gebildet, bei der EM 14 Jahre später von Ronald Koeman, Frank Rijkaard, Ruud Gullit und Marco van Basten. Der Rest des Teams wurde wie die Fassade eines Wolkenkratzers um diese Achse herum aufgebaut.

Dabei darf diese Achse, zu der man genau genommen auch den von Michels immer als spielstark geforderten Torwart zählen muss, nicht als statisches Konstrukt verstanden werden. Cruyff ließ sich nicht auf einer Position festnageln und Neeskens hatte zu viel Energie um nur aus dem zentralen Mittelfeld zu agieren. Auch Rijkaard und Koeman konnte man nicht in der Abwehr anbinden, aber das wollte Michels auch nie. Verließ ein Spieler in der Offensive seine Position, dann schuf dies Platz für einen anderen Spieler. Freigewordene Positionen mussten also neu besetzt werden und mit der daraus resultierenden Bewegung wurden die Gegner oft überfordert.

Michels benötigte für diesen Stil vor allem Mittelfeldspieler mit der Fähigkeit Räume in der Vertikale zu besetzen, sei es als Absicherung für einen stürmenden Verteidiger oder um in die Spitze nachzurücken. „Total Football bedeutet, dass ein Angreifer in der Verteidigung spielen kann – er kann es, mehr nicht.“, erklärt Hulshoff, „Die Mannschaft ist stärker, wenn die Spieler auf ihrer angestammten Position spielen, deshalb ist jeder Positionswechsel nur vorübergehend, und man kehrt möglichst schnell auf die alte Position zurück.“ Daraus ergaben sich ständige Positionswechsel der Spieler, die sich wieder in die Grundpositionen verschoben sobald sich eine Spielsituation wieder auflöste. Jeder Spieler hatte in seiner Mannschaft seine Basisaufgaben zu erfüllen, auch wenn er im totalen Fußball die Freiheit hatte mehr zu machen. Wurden die Basisaufgaben und die Absicherung vernachlässigt, entstand ein Ungleichgewicht und die Mannschaftsbalance wurde gestört.

Die Abwehr bestand bei Rinus Michels aus mindestens zwei offensiven Spielern, die auf den Außenbahnen Druck erzeugen konnten. Besonders gerne nutzte Michels auch den Libero dafür im Mittelfeld Überzahl zu erzeugen. Dazu wurde situativ die Abseitsfalle genutzt. Es ging aber nicht nur darum einen Spieler abseits zu stellen, sondern auch durch das Aufrücken der Verteidigung Überzahl in Ballnähe zu erzeugen und den Raum für den Gegner eng zu machen.

Am 4-3-3 hielt Rinus Michels nicht fanatisch fest. Mitte und Ende der 80er war er der Meinung die Entwicklung im internationalen Fußball würde auch in Holland den Formationswechsel zum 4-4-2 notwendig machen. Mit dieser Meinung positionierte er sich gegen Cruyff, der in Holland nur van Basten mit den Fähigkeiten für ein 2-Stürmer-System ausgestattet sah. Bei der EM ´88 war es dann ein 4-4-2 ohne Flügelstürmer, aber mit einer hängenden Spitze, die Holland zum Titel führte.

Teambuilding Teil 2: Psychologie

Fußballmannschaften werden nicht nur durch eine Taktik zusammengehalten, das wusste auch Rinus Michels. Für ihn stand die psychologische Bildung einer Mannschaft auf der gleichen Ebene wie die teamtaktischen Prozesse.

Ziele, Harmonie und Absprachen

Um eine Mannschaft aufbauen zu können, braucht es zunächst einmal ein gemeinsames Ziel. Das allgemeine Ziel „schön Fußballspielen“ ist für eine Mannschaft zu wenig. Ziele müssen konkret formuliert werden, erreichbar sein und von den Teammitgliedern gemeinsam angestrebt werden.

Die Weltmeisterschaft 1974 ist hier ein gutes Beispiel, weil Michels seine Mannschaft damals fragte ob sie den dominanten Pressingfußball spielen wolle. Daraus resultierte eine gemeinschaftliche Entscheidung, nicht nur erfolgreich sein zu wollen, sondern auch wie der Erfolg erreicht werden sollte.

Ein wichtiger Punkt für einen Trainer ist die Harmonie in seinem Team, aber auch im ganzen Verein. Michels musste unzählige kleine und große Konflikte mit Spielern, Funktionären und der Presse austragen. Innerhalb eines Teams darf es aber keine Störfeuer geben, auch wenn es immer zu kleinen Unzufriedenheiten kommt. Der Trainer hat die Aufgabe seine Mannschaft und das Umfeld genau zu beobachten und Eskalationen zu verhindern.

Gerade die niederländische Nationalelf war oft ein Bandherd. Neben den mündigen, manchmal auch aufmüpfigen Spielern gab es Funktionäre, die sich gerne im Licht der Elftal sonnen wollten und die damit Michels Autorität untergruben. Dazu kam die Presse mit der Michels umgehen musste. Er war hier auch Pragmatiker und versuchte ab und an den Zusammenhalt in der Mannschaft mit äußeren Feindbildern zu stärken.

Vor der EM in Deutschland wollte Michels zunächst nicht Nationaltrainer werden. Erst nachdem Leo Beenhakker den Posten mangels Rückendeckung vom Verband räumte um zu Real Madrid zu gehen, wechselte Michels vom Posten des Technischen Direktors auf die Trainerbank. Trotzdem gab es immer wieder Konflikte mit Funktionären, die zum Teil auch über die Presse ausgetragen wurden. Während des Turniers sollten dann laut Michels täglich Gespräche über die Mannschaft zwischen dem Bondscoach und dem Vorsitzenden Jaques Hogewoning stattfinden. Michels löste dieses Problem der versuchten Einmischung in dem er als einzigen freien Termin das Gespräch zum Frühstück um 8 Uhr anbot. Zu mehr als einem dieser Gespräche ist es dann nicht gekommen.

Für ein gutes Mannschaftsgefüge sind dazu Verhaltensregeln unerlässlich. Dabei geht es in erster Linie nicht darum wer bei Tisch als erster von der Suppe nehmen darf, sondern, dass Absprachen verlässlich eingehalten werden und wie mit Kritik umgegangen wird. Michels’ Umgang mit den Spielern war auf dem Trainingsplatz zum Teil sehr hart, förderte bei Ajax aber die Kritikkultur. Es wurde normal völlig frei über taktische Ideen und Probleme zu sprechen, diese Freiheit Kritik zu äußern befruchtete das kreative Klima innerhalb der Mannschaft.

Geplante Konflikte

Das Konfliktmodel fand bei Michels Anwendung, wenn es innerhalb der Mannschaft zu harmonisch zuging. Bei Ajax Amsterdam wurde vor Spielen regelmäßig gemeinsam ein Film gesehen. Wenn in der Mannschaft die Spannung nachließ, dann wählte das Filmkomitee einen Kriegsfilm, waren die Spieler übermotiviert, eine Komödie. Ein Filmkomitee ist natürlich noch keine Umsetzung eines Konfliktmodels, zeigt aber die Bedeutung der richtigen mentalen Einstellung vor einem Spiel. Michels provozierte in der Kabine auch gerne Diskussionen mit Führungsspielern um die Spannung zu erhöhen. Im Training steuerte der Trainer die Stimmung in der Mannschaft in dem er zum Beispiel seine Co-Trainer absichtlich eine Fehlentscheidung im Trainingsspiel pfeifen ließ. Die Emotionen kochten hoch und die Spannung erhöhte sich.

Dieses Vorgehen ist nichts für jeden Trainer. Michels war mit seinem autoritären Stil dafür besser geeignet als ein Trainer, der nahe an seinen Spielern dran ist. Am wichtigsten ist es für einen Trainer nicht die Glaubwürdigkeit vor seinen Spielern zu verlieren. Michels war immer als Fußballfachmann geachtet, manchmal wegen seiner Methoden auch gehasst. Der entscheidende Punkt war, dass er sich nicht verstellte um seine Spieler zu erreichen.

Wie wichtig Rinus Michels das Teambuilding auf taktischer und psychologischer Ebene war zeigt sein Buch Teamcoaching – Der weg zum Erfolg durch Teambuilding, in dem er die Aufgaben eines Trainers und seine persönlichen Erfahrungen beschreibt.

Rinus Michels in Deutschland

Nach seinem Abstecher in die amerikanische Liga, kehrte Rinus Michels im November 1980 nach Europa zurück und heuerte beim 1. FC Köln an. Seine Bilanz war durchwachsen. In der Liga wurden die Kölner zunächst nur achter. Dafür schlugen sie im UEFA Pokal in der zweiten Runde den FC Barcelona, nach einer 0:1 Hinspielniederlage, im Camp Nou mit 4:0. Michels schrieb später, er habe seinen Spielern vorausgesagt, dass die Spieler von Barcelona ihre Basisaufgaben vernachlässigen würden, wenn Köln in Führung ginge. Endstation in Europa war erst im Halbfinale der spätere Titelträger Ipswich Town.

1982 wurden die Kölner Vizemeister (hinter dem Hamburger SV von Ernst Happel) auch weil der Verfechter des Offensivfußballs mal wieder die Abwehr mit den wenigsten Gegentoren formte. Dazu konnte er auf Tony Woodcock, Pierre Littbarski und die Neuzugänge Klaus Aloffs und Klaus Fischer im Sturm setzen. Ein Jahr später wurde der 1.FC Köln nur fünfter in der Bundesliga, der Höhepunkt der Saison war das Pokalfinale im Müngersdorfer Stadion gegen den Lokalrivalen Fortuna Köln. Die Kölner lieferten eine schwache Partie, gewannen aber dank Pierre Littbarski mit 1:0.

Seinen zweiten Abstecher in die Bundesliga wagte Rinus Michels 1988 mit einem Engagement beim amtierenden UEFA Cup Sieger Bayer 04 Leverkusen. Bayer belegte am Ende Platz 9 und Michels wurde bereits im April ´89 entlassen.

Wie gut sich Michels mit einigen Stars verstand, zeigt das Zitat von Harald Schumacher im Abschnitt über die Disziplin. Littbarski sagte über Michels, er sei für Individualisten tödlich. Und Michels fasste seine Probleme in Deutschland folgendermaßen zusammen: „In Köln bin ich an den Stars gescheitert. In Leverkusen daran, dass keine Stars da sind. Die Spieler hier sind viel zu brav für das Fußballgeschäft. Die Mannschaft ist einfach nur Mittelmaß.“

Als weiteren Grund für das Scheitern in Leverkusen gibt Michels zu taktische Fehler gemacht zu haben. Er habe dem Wunsch des Managements nachgegeben und versucht offensiven Fußball nach holländischem Vorbild spielen zu lassen, obwohl das Spielermaterial nicht zu dieser Strategie gepasst habe. Das Resultat war eine verunsicherte Mannschaft, die taktisch überfordert war und nicht ihren Stärken entsprechend eingesetzt wurde.

Der Jahrhunderttrainer

Die Bedeutung von Rinus Michels für den Fußball in seinem Heimatland und für den Fußball in Europa ist schwer mit anderen Trainern zu vergleichen. Fachlich zählt er zu den besten Trainern aller Zeiten. Was ihn von den großen Kollegen seiner Zeit abhebt, sind die Mannschaften um Johan Cruyff. Die Entwicklung von Ajax Amsterdam zur europäischen Großmacht und die Erfindung des totalen Fußballs, der dank des Mythos um die Elftal bei der WM ´74 die ganze Welt in seinen Bann zog. Über Jahrzehnte war diese Nationalelf der Maßstab für den schönen, fast perfekten Fußball. Viele waren ähnlich erfolgreich. Einige spielten genauso schön, um dann früh zu scheitern.

Die FIFA zeichnete Rinus Michels 1999 als Trainer des Jahrhunderts aus und der niederländische Fußballverband vergibt jährlich den Rinus Michels Award in mehreren Kategorien an Trainer und Nachwuchszentren. Dass Michels in seiner Karriere kein bequemer Trainer war wurde in diesem Artikel nicht unterschlagen, denn es war Voraussetzung für seinen Erfolg. Disziplin und harte Arbeit sind die Grundlage für jeden der etwas Großes erreichen will.

Zum fünfzigsten Jahrestag der Einführung des Profifußballs in den Niederlanden 2004, wurde Rinus Michels als bester Trainer in dieser Epoche ausgezeichnet. Bei diesem Anlass sagte er:

 „Ich bin besonders froh über die Tatsache, dass ich dazu beitragen konnte die niederländische Art des Fußballspielens auf der ganzen Welt berühmt zu machen. Wenn ich ein Hund wäre, würde ich mit dem Schwanz wedeln.“

Am 3. März 2005 starb Rinus Michels weniger Wochen nach einer Herzoperation im belgischen Aalst. Michels’ größter Schüler Johan Cruyff hatte am Ende doch Recht: „Es gibt keine höhere Auszeichnung, als für seinen Stil gelobt zu werden.“

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Josep Guardiola i Sala, der moderne Visionär

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Pep Guardiola wird in der kommenden Saison der Trainer des FC Bayern München. Wer ist dieser Mann? Was zeichnet ihn aus? Ein Porträt.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien im Original am 30. April 2012, kurz nachdem Pep Guardiola seinen Abschied vom FC Barcelona bekannt gab. Da Pep Guardiola ab der kommenden Saison den FC Bayern München trainieren wird, haben wir ihn auf die Startseite gestellt.

Kindheit – und der Weg zum FC Barcelona

Aufgewachsen in Katalonien und am 18. Jänner 1971 in Santpedor geboren, war Josep Guardiola immer etwas Besonderes. Seine Eltern sind sehr bescheiden, seine Großväter lernte er nie kennen. Jener mütterlicherseits versteckte sich in der Nachkriegszeit vor dem Franco-Regime. Eine Gemeinsamkeit mit seinem politischen Großvater ist bis heute seine größte Stärke: Leidenschaft, die teilweise in Besessenheit ausartet.

Mit seinen Freunden spielte er ununterbrochen Fußball und galt auf und neben dem Platz als Anführer. Allerdings blühte er abseits des Freundeskreises und dem Fußballplatz nur selten auf. Er war ein ruhiger und sehr introvertierter Junge, eine weitere Gemeinsamkeit mit seinem älteren Ich. Bei einem dieser Spiele des Gimnàstic de Manresa entdeckte ihn Jorge Naval, ein Scout des großen FC Barcelona. Der ehemalige Schiedsrichter bezeichnete seine Spielweise als “jene eines Engels” und wollte das “Wunder” unbedingt in die Cantera der Katalanen holen.

Jaume Oliver, der damalige Headscout, scheiterte jedoch an Peps Mutter. Ihrer Meinung nach war der elfjährige Engel noch zu jung, um ihr „weggenommen“ zu werden. Dieses Gefühl sollte sie allerdings zwei Jahre später durchleben, als Guardiola dem Ruf Barcelonas folgte und in die vereinseigene Akademie wechselte. La Masia, damals noch nicht ganz so legendär wie heute, bot ihm eine Möglichkeit, die es zuhause nicht gab: Sobald er aufstand, hatte der fußballbesessene Junge den Fußballplatz vor sich.

Schmächtig, unauffällig, schwach und: genial. Diese Attribute verpassten ihm seine Jugendtrainer allesamt. Einst soll ihn Johan Cruijff persönlich spielen gesehen haben, damals noch als Halbspieler oder gar gänzlich auf der rechten Außenbahn. Die Ursache dahinter war, dass er mit seinem Passspiel die Stürmer auf die Flügel schicken könnte, in einem Spiel mit meist nur neun Spielern ein taktisches Mittel früherer Zeiten. Die Position eines rein zentralen Spielers gab es nicht, der Trainer des ersten Teams, Cruijff, forderte die Jugendtrainer zu einer taktischen Anpassung. Als „pivote“, eine Position als spielmachender Sechser, sollte er fortan das Kommando übernehmen.

Verbal tat er es ohnehin. Die mangelnde Athletik machte er mit Führungsstärke, Kommunikation und Handlungsschnelligkeit weg. Im B- oder C-Team Barcelonas sollte er dennoch nicht spielen. Er war körperlich nicht ausgereift genug, um gegen die teilweise extrem ruppig agierenden Gegner anzutreten und blieb bis zu seinem 18. Lebensjahr im “Juvenil A”-Team. Direkt von dort aus sollte Cruijff ihn rekrutieren. Bereits mit siebzehn Jahren kam er in einem Freundschaftsspiel zum Einsatz, zwei Jahre später folgte das Pflichtspieldebüt für den schlaksigen Katalanen. Sein Jurastudium schmiss er hin, das Schicksal bot ihm eine größere Möglichkeit.

Der Spieler Josep Guardiola

Im Jahr 1990 verließ Luis Milla, der bisherige Pivote, den Verein. Zu hohe Ablöseforderungen hatten Cruijff dazu gebracht, sich bei Carles Rexach nach einem internen Ersatz zu erkundigen. Josep Guardiola spielte fortan im B-Team und erhielt einige Einsätze im Dreamteam des niederländischen Startrainers. Als Guillermo Amor gesperrt war, rückte Pep Guardiola als Pivote in die Mannschaft, also exakt auf jene Position, die Cruijff als Vorgabe an die Jugendtrainer erst geschaffen hatte. Im Interview sagte Guardiola vor seinem Debüt noch, er könne als „Nummer Vier oder Nummer Sechs“ spielen, als tiefer Spielmacher vor einer Dreierkette oder gar als Halbspieler vor einer Viererkette.

das Dreamteam mit Pep Guardiola als Spieler im Jahre 1992

In dieser Rolle als der spielgestalterische der Halbspieler sollte er im Finale der Champions League 1992 stehen. Im Wembley-Stadion bezwangen die Katalanen Sampdoria Genua nach einem Treffer Koemans, der im 3-4-3 als nomineller Sechser agierte. Es sollte eine Ansage des Angriffsfußballs sein, der Start in ein neues Zeitalter mit Spielern, deren Fähigkeiten im Kopf und in ihrer Technik liegen, nicht in ihrer Athletik. Spielern wie Pep Guardiola.

Dieser Aufwind sollte allerdings nicht lange währen. Im Laufe des Jahrzehnts gab es einige weitere Mannschaften, welche mit den Blaugrana dem Ideal des totalen Fußballs nacheiferten, allen voran der AC Mailand in der Post-Sacchi-Ära sowie Ajax‘ Jungspunde in den Händen des Kindergärtners Louis van Gaal. Für Cruijff sollte der CL-Pokal sein letzter sein, im Finale 1994 verloren sie gegen den übermächtigen AC Mailand. Nach vier Titeln in der Liga in Folge begann das schleichende Ende. Zwischen 1994 und 1996 feierte das Dreamteam keine Erfolge mehr, Vizepräsident Joan Gaspart entband Cruijff seines Amtes.

Für Guardiola ein Schlag ins Gesicht. “Der beste Trainer, den er je hatte” wurde von einem anderen Trainerstar ersetzt, Sir Bobby Robson. Sie gewannen alle Titel abgesehen von der Liga und Luis Enrique sollte fast fünfzehn Jahre später das Starensemble um sich selbst, Guardiola und Ronaldo als “beste Barcelona-Mannschaft aller Zeiten” bezeichnen. Über 100 Tore hatten sie erzielt, lediglich die bisweilen anfällige Defensive war die Ursache für die zwei Punkte Rückstand auf Meister Real Madrid.

Dennoch näherte sich das Ende Guardiolas beim FC Barcelona. Der Kapitän und Leitwolf fühlte sich nicht genug von der Vereinsführung wertgeschätzt, welche den Spielern aus der eigenen Jugend weniger zahlte. Sie spekulierten darauf, dass sie den Verein nicht verlassen und im Gegensatz von den teuer eingekauften Neuzugängen spielerisch profitieren würden. Das Bosman-Urteil sowie die Aufhebung der Ausländerbeschränkung verschob jedoch die Kräfteverhältnisse. Nachdem Guardiola im Jahre 1998 einen Dreijahresvertrag unterschrieb, gab er vorerst Ruhe.

Doch die Jahrtausendwende hatte eine Abkehr vom spielgestaltenden Sechser gebracht. Spieler wie Fernando Redondo und Josep Guardiola wurden langsam zur Ausnahme, die Zeit der Makelélé und Dungas sollte beginnen. Eine Zeit von Spielern, die technisch nicht zwingend schwach waren, sich aber auf die simplen Sachen konzentrierten – simpler noch als Guardiola, der diese Einfachheit an sich selbst am meisten wertschätzte (getreu Cruijffs Aussage, dass der einfache Fußball am schwersten zu spielen sei). Hier fand sich jedoch eine neue Bedeutung des Wortes Einfachheit und so begannen Guardiolas Abwanderungsgedanken.

Eine schwere  Verletzung der dorsalen Oberschenkelmuskulatur setzte ihn beinahe ein Jahr außer Gefecht. In dieser Zeit zog er sich noch mehr zurück. Der introvertierte Guardiola konnte sich nicht mehr am Fußballplatz verwirklichen und mit seiner Heilung gab es zahlreiche Probleme. Zuerst fehlte eine richtige Diagnose, danach fanden die Ärzte keine einheitliche Meinung über eine effektive Therapie. Seine Rückkehr verlief enttäuschend und nach 17 Jahren beim FC Barcelona nahm er Abschied. 479 Spiele auf höchstem Niveau und der Reiz einer neuen Herausforderung gingen Hand in Hand mit der Aussortierung durch Gaspart und van Gaal. Er wurde der erste Spieler aus der eigenen Jugendakademie, welcher einmal einen Stammplatz hatte und dann den Verein ins Ausland verließ.

Bald darauf unterschrieb er bei Brescia, wo er mit Roberto Baggio in den Niederungen der Serie A spielte. Innerhalb von zwei Wochen wurde er zweimal positiv auf Nandrolon gestestet, was eine mehrmonatige Sperre und 50.000 Euro an Bußgeld zur Folge hatte. Nach dem Blutdoping-Skandal der großen Juve-Mannschaft der 90er hatte der Weltfußball abermals ein Problem. Auch Edgar Davids, Jaap Stam, Fernando Couto und Ronald de Boer fielen durch die Dopingprobe – allesamt Nandrolon.

Josep Guardiola beteuerte seine Unschuld vor dem italienischen Verband. Sein Mittel hatte er nach eigener Auskunft vom FC Barcelona erhalten und es war absolut legal, eine Mischung aus Vitaminen und Nahrungsergänzungspräparaten. Er saß seine Sperre ab und führte seine Karriere normal weiter, doch dieses Urteil wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Hier stand nämlich etwas auf dem Spiel, was ihn sowohl als Spieler als auch später als Trainer auszeichnen sollte: seine knallharte Ehrlichkeit und Integrität. Nach langem Kampf hatte er letztlich Erfolg, 2007 wurde er freigesprochen. Eine Beschwerde des Italienischen Olympischen Nationalen Komitees (CONI) führte jedoch zu einer neuerlichen Öffnung des Falles, 2009 wurde Guardiola abermals freigesprochen. Sogar seine Frau hatte die Hoffnung aufgeben und riet ihrem Mann, den Kampf aufzugeben, seine Wesensart stand hier im Weg.

Nach einem Abstecher beim AS Rom wechselte er schließlich zu Al Ahly in das Königreich Katar. Trotz zahlreicher Angebote, unter anderem von beiden Teams aus Manchester und vom FC Chelsea (hier wäre José Mourinho sein Trainer gewesen), wechselte er schließlich nach Mexiko.

Mentoren

Bei Dorados de Sinaloa unterschrieb er einen Vertrag, welcher letztlich ein halbes Jahr lief. Nebenbei besuchte er die Trainerschule in Axopocán, womit er das Angenehme mit dem Nützlichen verband. Das Angenehme war hierbei die Arbeit mit seinem Freund und Trainerkollegen Juan Manuel Lillo. Dieser gilt bis heute als einer der Visionäre im modernen Fußball. Mit zwanzig Jahren trainierte er einen Verein in der dritten spanischen Liga, mit 26 Jahren etablierte er bei Cultural y Deportiva Leonesa die hochmoderne 4-2-3-1-Formation als allererster im Weltfußball. Im folgenden Jahr wurde er Trainer UD Salamancas, 1995 stieg er schließlich mit ihnen auf.

Hier geschah dann das schicksalhafte Aufeinandertreffen mit Guardiola. In der Saison 1996/97 spielte Lillos Real Oviedo gegen Guardiolas Barcelona – der eine als Trainer, der andere auf dem Platz. Letzterer suchte dennoch nach dem Spiel das Gespräch. Bereits gegen Salamanca und nun ein weiteres Mal war es dem jungen Josep aufgefallen, wie viel mehr Pässe und Ballbesitz die Gegner ihr Eigen nennen durften. Er suchte das Gespräch und eine Freundschaft entwickelte sich.

Guardiola beendete seine Karriere, auch aufgrund vieler kleiner Verletzungen in seiner Mexiko-Zeit. Er reiste durch Südamerika, traf Marcelo Bielsa und den großen Cesar Luis Menotti. Sie teilten eine ähnliche Spielauffassung. Zusätzlich soll sich Guardiola ein paar Tricks von “El Fluppe” La Volpe abgeschaut haben, dem extrovertierten Ex-Coach der mexikanischen Nationalmannschaft. Ausgestattet mit zahlreichen Ideen und Theorien über den Fußball meldete sich Guardiola beim FC Barcelona zurück.

Trainer des FC Barcelona

Bereits 2003 wäre Pep Guardiola beinahe Trainer des FC Barcelona geworden. Luis Bassat, damaliger Präsidentschaftsanwärter, wollte ihn für den Posten. Nach einem langen Gespräch war er zwar noch beeindruckter, besetzte dann aber doch die hypothetische Stelle mit jemand anderem: Juan Manuel Lillo. Guardiola, ohne Trainerschein und Erfahrung, sollte die Position des Sportdirektors besetzen. Den einzigen Strich durch die Rechnung machte Joan Laporta, der knapp vor Luis Bassat gewann.

Im Jahre 2007 entschied sich jedoch auch Joan Laporta dafür, der ehemaligen Vereinslegende einen Posten anzubieten. Sportdirektor Txiki Beguiristiain, Ehrenpräsident Johan Cruijff und Evarist Murtra, ein einflussreiches Vorstandsmitglied, empfahlen ihn für die Aufgabe als Trainer der zweiten Mannschaft. Guardiola nahm nach kurzer Rücksprache mit der Familie und seinem Freund Lillo an.

mit diesem System spielte Guardiola in der B-Mannschaft – ob es im Folgejahr wirklich größere Unterschiede gab?

Umgehend veränderte er zahlreiche Positionen in der Startaufstellung und im gesamten Kader. Die Unkenrufe, dass er seine offensiven Vorstellungen von Fußball nicht mit diesen Spielern in einer körperlich harten Liga umsetzen könnte, sah er nur als weiteren Ansporn. Schon beim ersten Training hörten ihn die Spieler schreien, dass fortan nur noch gepasst und nicht gedribbelt werden solle. Damit hatten die Blaugrana Erfolg. In Guardiolas erster Saison gewannen sie die Liga und stiegen auf. Mit einem Lauf von 21 ungeschlagenen Spielen erarbeitete sich Guardiola viel Respekt im Verein.

Die taktischen und trainingstechnischen Maßnahmen Guardiolas bewirkten scheinbar Wunder, die meisten seiner Spieler kamen später in der ersten oder zweiten Liga unter. So trainierte er zu der Zeit unter anderem Sergio Busquets und Pedro. Mit einem 4-3-3 spielte er ungemein modern: Der linke Flügelverteidiger agierte sehr hoch, auf rechts übernahm der Außenstürmer mehr Aufgaben bezüglich Breite im letzten Spielfelddrittel. Im Mittelfeld ist die Einteilung in einen Sechser, einen Achter und einen Zehner erkennbar, Busquets ließ sich sogar oft nach hinten fallen und es wurde eine Dreierkette mit aufgerückten Außenverteidigern gebildet.

Als Frank Rijkaard in Ungnade fiel, wurde der Perfektionist Guardiola Trainer der ersten Mannschaft. Gemeinsam mit seinem Co-Trainer Tito Vilanova strebte er nach der optimalen Kaderzusammenstellung für sein komplexes System. Dazu bedurfte es hoher Disziplin, Laufstärke, Dynamik und natürlich einer hervorragenden Technik. Viele Spieler, darunter Legenden wie Ronaldinho, Deco und sogar Samuel Eto’o wurden ausgemustert. Lediglich Eto’o konnte sich mit hervorragendem Einsatz im Training die Gunst Guardiolas zurückerobern.

In seinen ersten Trainingseinheiten offenbarte er seinem neuen Kader mit Verstärkungen wie Alves, Pique, Keita und Hleb, dass sie sämtliche Titel gewinnen würden, wenn sie ihm folgen würden. Sein Enthusiasmus sollte sie überzeugen, und nach zwei sieglosen Spiele ging der Knoten auf. Die folgenden neun Spielen der Primera Division gewannen sie und trafen ganze 38mal. In der Zwischenzeit erlegte sich Pep ein Interviewverbot auf, lediglich bei Pressekonferenzen gab er über sich und seine Mannschaft Informationen preis.

Am Ende der Spielzeit gewannen sie sämtliche sechs Titel, dazu gesellte sich ein Clásico im Bernabeu, wo sie das Spiel mit 6:2 in herausragender Manier für sich entscheiden konnten. Auf der Suche nach Perfektion ruhte sich Guardiola aber nicht auf den Erfolgen aus. Thierry Henry wurde von Pedro verdrängt und einige Neuverpflichtungen geholt. Hauptantrieb war das Fast-Ausscheiden gegen den physisch starken Chelsea FC im Halbfinale. Deshalb kamen mit Keirrison und Ibrahimovic zwei körperlich starke Angreifer, Maxwell war als offensivere Variante zu Eric Abidal vorgesehen und mit Dmitro Chygrynskiy wurde ein weiterer passstarker Verteidiger geholt. Kein einziger dieser Spieler ist heute noch beim FC Barcelona und es dürfte die schwächste Transferperiode der Ära Guardiola gewesen sein.

Insbesondere finanziell glich sie einem Desaster. Ibrahimovic kostete über 40 Millionen € und Inter erhielt zusätzlich Weltklassestürmer Samuel Eto’o, der eine tolle Saison spielte und die Champions League mit den Italienern unter José Mourinho holte. Lediglich Maxwell erwies sich als Schnäppchen, seine fünf Millionen € an Transfersumme spielte er bald wieder ein. Flop Chygrynskiy kostete hingegen das Fünffache.

Im Halbfinale schieden die Katalanen gegen Inter aus, Ibrahimovics Zwist mit Guardiola war in der Zwischenzeit sehr groß geworden. Nach seiner Zeit beim FC Barcelona äußerte sich der lange Schwede sehr negativ und sagte, Guardiola hätte ihn gemobbt und von den anderen isoliert. Xavi habe sich angeblich gegen ihn eingesetzt, und überhaupt seien er, Iniesta und Messi nichts weiter als brave Schuljungen.

2010/11 korrigierte Guardiola seine Transfer-Fehler. Mit David Villa kam ein Ersatz für den nun ausgemusterten Ibrahimovic. Die Belohnung: Das Double aus Liga und Champions League. Javier Mascherano war hierbei ein essentieller Baustein, auch für die darauffolgende und am wenigsten erfolgreiche Saison. In dieser hatten sie mit vielen Verletzungen zu kämpfen, besonders mit jener von David Villa. Die Neuen Alexis Sanchez und Cesc Fabregas spielten unkonstant und einige Veränderungen an der Formation und im Mannschaftsgefüge sollten das Aus für Guardiola etwas zu unrühmlich kennzeichnen.

Inventor, Innovator, Insigne

Guardiola hatte abermals versucht, sich und seine Mannschaft neu zu erfinden. Er setzte unter anderem ein 3-4-3, ein 3-3-4, ein System mit einem und ohne Stürmer sowie dem üblichen 4-3-3 ein sowie ein im Herbst sehr gelobtes und im Frühjahr sehr kritisiertes „3,5-3,5-3“ beziehungsweise ein adaptives 3-1-3-3-System. Sergio Busquets spielte hierbei eine Hybridposition aus defensivem Mittelfeldspieler und Innenverteidiger, am ehesten vergleichbar mit einer modernen und ballstarken Variante früherer Vorstopper.

Generell schien Guardiola ein Faible für Hybridpositionen zu besitzen. Beim 3-4-3/3-3-4 spielten die Innenverteidiger in den Halbpositionen wie eine Mischung aus Außen- und Innenverteidigern. Die Spieler in den Halbpositionen beim 3-4-3 hatten sowohl die Aufgaben zentraler Spielgestalter als auch klassischer Flügelspieler. Die Stürmer beim 3-3-4 sorgten für die Breite und halfen hinten teilweise wie Wing-Backs aus, was besonders Dani Alves im Laufe dieser Saison immer öfter in die vorderste Angriffsreihe verfrachtete.

Am interessantesten dürfte die Einführung der falschen Neun sein, welche Lionel Messi perfektionierte. Diesem hatte Guardiola bei Amtsantritt versprochen, dass er unter ihm irgendwann in jedem Spiel „mehr als nur ein Tor“ erzielen würde – sicherlich etwas übertrieben, aber die unglaublichen Torquoten Messis geben Guardiola im Nachhinein Recht. Im Spiel gegen Real Madrid in der Saison 2010/11 war er zum ersten Mal als falscher Neuner ins Auge getreten. Er traf zwar nicht ins Netz, konnte aber zwei hervorragende Assists aus dem Mittelfeld geben. Als falsche Neun verband er hierbei Aspekte eines klassischen Mittelstürmers und einer Nummer Zehn, beides aber mit mehr Freiheiten. Er sorgte im Mittelfeld für Überzahl, konnte seine tödlichen Pässe spielen und entledigte sich seiner Gegenspieler. Dadurch nahm er an Fahrt auf, setzte öfter zu seinen Soli an und schraubte seine Torgefahr in ungeahnte Höhen. Mit dem ungemein offensiven Rechtsaußenverteidiger Alves hatte er zuvor auf dem rechten Flügel zwar einen kongenialen Partner gefunden, durch seine neue Freirolle konnte er diese Verbindung aber beibehalten, ohne andere zu kappen.

Daraus resultierte eine weitere Hybridposition der Katalanen, jene der Flügelstürmer im 4-3-3. Durch Messis tiefere Position rückten sie zumeist ein, spielten nicht mehr so breit und besetzten den Raum zwischen Innen- und Außenverteidiger des Gegners. Diese wurden vom Aufrücken abgehalten, die Stürmer standen näher zum Spielgeschehen und hatten mehr Räume für das Empfangen vertikaler Pässe. Kein Wunder also, dass Samuel Eto’o Guardiola sogar als besseren Taktiker als Mourinho bezeichnete. Die wahre Stärke lag nämlich nicht in den klassischen Bereichen der Taktik, trotz aller Errungenschaften Guardiolas.

Die Stichwörter hier lauten “Makrotaktik” und “Mikrosystem”. Letzteren Ausdruck gebrauchte Pep selbst, als er die Faszination des Fußballs beschreiben wollte. Diese zwei Begriffe prägen seine Arbeit als Trainer. Er sah sich selbst als „den untersten“ in der Hierarchie, nicht den oberen. Er hänge von den Spielern und ihren Leistungen mehr ab als sie von ihm und deswegen müsse er sich penibel um jeden einzelnen von ihnen kümmern. Dazu fügte Guardiola an, dass es die größte Lüge in Mannschaftssportarten sei, wenn die Trainer behaupten, “alle wären gleich”. Im Gegenteil, seiner Meinung nach sei niemand gleich und jeder anders. Jeder einzelne Spieler benötige einen anderen Trainer, eine andere Person, die anders mit ihm redet. Somit schnitt er sein Verhalten auf jeden einzelnen Spieler zu – ein weiteres Merkmal des Perfektionisten.

Mit dem ersten Begriff, „Makrotaktik“ kommen wir zum Geheimnis des FC Barcelona: Jenen Dingen, die Analysten bereits mit Passmustern, geometrischen Formen und Statistiken untermauern und ergründen wollten. Guardiola hauchte seinem Team die Interaktion und Kommunikation miteinander ein. Jene Attribute also, die ihn als Spieler auszeichneten. Sie halfen einander und verschoben auf dem Feld deutlich disziplinierter und kompakter. Er führte Regeln für Ballgewinne und das Pressing ein, drillte seine Starspieler dazu und jeder verrichtet Defensivarbeit. Wohl der Hauptgrund, wieso Ronaldinho und Co. gehen mussten.

Die übriggebliebenen Spieler zeigten unaufhörliche Horizontal- und Diagonalläufe, sie rochierten und pressten im Kollektiv. Der totale Fußball war wiedergeboren, dieses Mal lag der Fokus allerdings auf dem Ball und dem Raum anstatt der Geschwindigkeit und dem Raum. Ballbesitz diente dem Selbstzweck der aktiven Verteidigung und der Erhöhung qualitativer statt quantitativer Chancen. Guardiola, der seine Mannschaft als „furchtbar ohne Ball“ bezeichnete, legte wohl deswegen einen dermaßen großen Fokus auf diese Attribute. Um einen Paradigmenwechsel zurück zu den passenden und spielstarken Mittelfeldspielern hervorzurufen, mussten ihre Schwächen kaschiert werden. Ihre Stärken wurden mit seinem Training weiter verstärkt.

Wie in La Masia forcierte er das Spiel auf Sichtfeld. Im Idealfall spielten die Spieler nur Pässe dorthin, wo sie den Raum kannten. Falls sie sich vor der Ballannahme nicht umgeschaut hatten, durften sie somit nur Pässe in den ihnen gerade zugänglichen optischen Bereich spielen. Nach diesem Muster attackierten sie auch die Gegner. Das Kollektiv presste und falls der Gegner dieses Forechecking überwand, zogen sie sich zurück. Die nächste Pressingwelle folgte, wenn einer der Gegner den Ball unsauber stoppte und dadurch das Sichtfeld aufgab. Er musste zum Ball blicken und verlor damit die Übersicht über das Feld. Beim FC Barcelona wurde deswegen in der Jugend verstärkt gelehrt, den Ball richtig anzunehmen: Die Spieler müssen den Ball mit dem vom Gegner entfernteren Fuß annehmen, dabei vor der Ballannahme und während der Ballmitnahme das Feld im Auge behalten.

Hierbei zeigte Guardiola, was ihm wichtig war: Messi verbesserte sein Dribbling, indem er Maradonas Gambetta kopierte. Das bedeutet, dass er sein Spiel noch mehr auf die Bewegungen des Gegners ausrichtete und entgegen ihrer Laufrichtung dribbelte oder eine Körpertäuschungen zu einer schwächeren Balance nutzte. Mental gab es weitere Aspekte, die Guardiola im Verein veränderte: Die talentiertesten Jugendspieler wurden der Tradition üblich früh hochgezogen, allerdings nach einiger Trainings- und geringer Spielzeit beim ersten Team wieder zurückgeschickt. Guardiola wollte damit bezwecken, dass sie zurück zu ihren ehemaligen Kameraden kamen und dort nun eine Führungsrolle beanspruchten. Sie sollten aus den Schatten ihres Talentstatus entwachsen und zu Führungsspielern heranreifen. (Dies ist einer der Gründe, wieso Thiago teilweise azyklisch zwischen erstem und B-Team pendelte.)

Dieses gesamtorientierte Denken zeigte ebenfalls, was Guardiolas eindrucksvollste Stärke ist: das Einschwören auf die gemeinsame Sache.

Motivation, ein Schlüsselwort zum Abschied

Bereits in seiner Zeit beim B-Team schwärmten die Spieler von ihm, nicht nur von seinen Fähigkeiten als Trainer, sondern vielmehr von seinen menschlichen Qualitäten. Wie kaum ein anderer versteht er es, den Spielern den Geist Barcelonas einzuhauchen. In jedem Training, jeder Minute auf dem Trainingsplatz, will er seinen Spielern klar machen, was es bedeutet, für Barcelona spielen zu dürfen. Kein anderer bleibt dabei so authentisch und bringt so viel Enthusiasmus mit. Seine romantische Betrachtungsweise des Fußballs, „der schönsten Sache auf der Welt“, verband er mit einem wissenschaftlichen Ansatz über Raum, Ballbesitz und Pressing mit intelligenten Sekundenregeln.

Besonders wichtig war allerdings, dass er seinem Starensemble neben Disziplin auch Konstanz beibrachte. Jedes Spiel war wichtig, über keinen Gegner verlor er ein schlechtes Wort und stilisierte sie teilweise sogar zu überlegenen Gegnern.

In dieser Beziehung ähnelt er stark Jürgen Klopp, der vor jedem Spiel seine Mannschaft auf die Stärken des Gegners einschwört und sie motiviert. Bei Guardiola sind es Motivationsvideos, die er vor den ganz großen Duellen gerne nutzt. Angeblich soll das Video „inch by inch“ bereits vorgekommen sein, andere Videos sind sogar bestätigt. Vor dem Saisonfinale mit der B-Mannschaft zeigte er ihnen das Video des Triathletenduos „Team Hoyt“, welches die Spieler zu Tränen rührte. Im Verbund mit dem katalanischen Fernsehen wurde vor dem CL-Finale 2009 eine Mischung aus den besten Szenen der Saison und einem bekannten Hollywoodblockbuster gemixt. Doch auch ohne erstellte Videos gehört er zu den besten Motivatoren seines Faches. Exklusive Szenen wie vor der Verlängerung im europäischen Supercup belegen dies ebenso wie zahlreiche Aussagen von Spielern, welche er „wortlos beeindrucken und anspornen konnte“ (Xavi).

Allerdings könnten es dieser Enthusiasmus und die typische Besessenheit sein, welche ihn letztlich auffraß. Er begann im Schlaf über Fußball zu sprechen, sein Haarausfall verschlimmerte sich und die Angst vor Langzeitkontrakten wuchs stetig. Er ist ein Trainer, der als Spieler das Wort „Berühmtheit“ mit der Beschreibung „beschissen“ gleichsetzte. Jemand, dessen mediale Aussagen maximal aus Huldigungen an die Konkurrenz, Glückwünschen und generellen Auskünften bestanden.

In den letzten zwei Jahren schienen zudem die Duelle mit José Mourinho etwas an den Nerven geknabbert zu haben. Seine Bescheidenheit, seine Fairness und sein Sportsgeist blieben bestehen, aber ein etwas sehr trockener Humor kam ans Licht. Auf Fragen nach Wechselgerüchten zu Chelsea wurde er zunehmend sarkastisch und bezüglich Real ebenfalls bissiger. Einst ließ er sich sogar, aus reinen Psychospielchen, zu Formulierungen gegenüber Mourinho hinreißen, welche der neutrale Beobachter eigentlich nur dem Portugiesen zugetraut hätte. An sich kein Problem, doch die Veränderung Peps war schleichend, unmerklich und doch vorhanden.

Die Selbstzweifel und der Druck, den er sich aufgrund des von ihm gewünschten Erfolges Barcelonas selbst auferlegte, forderten ihren Preis. Die langen Stunden vor jeder einzelnen Partie, wo er sich in einen Keller mit gedämmtem Licht einschloss und den Gegner studierte, brachten weniger Erfolg. Einst sagte er, diese Momente waren am schönsten gewesen. Wenn er sich das Spiel vorstellte und die Schwächen und Stärken des Gegners auseinander nahm, bis der „Aha“-Moment kam. Jener Moment, wo er wusste, sie würden siegen und wieso. Wie das Spiel aussehen würde und was er als Trainer tun musste.

Früher hatten seine Spieler diese Visionen öfter umgesetzt – diese Momente waren es, die ihm seinen Antrieb als Trainer gaben. In der vergangenen Saison wurden sie seltener. Der atheistische Pep Guardiola, der Maradona und Messi als Götter bezeichnete, verlor seinen Fußballglauben. Angebliche interne Zwiste zwischen Villa und Messi, Pique und Guardiola oder Alexis und Co. scheinen aus der Luft gegriffen, ein Fünkchen Wahrheit mag wohl trotzdem dran sein. Es war auffällig, wie oft die Presse bereits im Vorfeld des Spiels über die Aufstellung Bescheid wusste. Insbesondere beim Rückrundenklassiker gegen Real Madrid wartete Pep mit einer überraschenden Nominierung auf – die allerdings bereits jeder zu kennen schien.

Ein Mann, der bei der höchsten Vergabe “seines Landes, dem Land Katalonien “, vor dem gesammelten Parlament über Fußball sprach; ein Mann, welcher zahlreihe Zitate von katalanischen Philosophen wie Jaume Perich zitieren und die schnulzigen Lieder von Lluis Llach singen kann; ein Mann, der in seinem Leben alles ausprobieren wollte, von einem Gang auf dem Catwalk bis zu einer Fußballmannschaft ohne Stürmer oder Verteidiger, verlor ansatzweise die Verbindung zu seiner Mannschaft – und konnte damit nicht mehr weiterarbeiten.

Es war wohl die Summe aller kleinen, vielleicht sogar unwichtigen, Problemchen, seiner physischen wie psychischen Belastung und den mannschaftsinternen Wehwehchen, welche ihn zur Resignation zwangen. Mit Tito Vilanova übernimmt einer, der die gleichen Ideen und Ideale verkörpert. Gemeinsam waren sie das Mastermind, für welches Guardiola Symbol stand. Nächste Saison muss sich dieser dem Druck beugen, der Pep Kopfzerbrechen einbrachte und ihn von seiner Haarpracht erlöste.

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Carlo Ancelotti – Stoischer Maestro

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Gefühlsregungen sind nicht sein Markenzeichen. Selbst die hochgezogene Augenbraue scheint mehr in das Poker Face eingemeißelt zu sein, als dass sie wirklich Auskunft über seinen Gemütszustand gibt. Der oft etwas spröde wirkende 54-Jährige aus der Emilia-Romagna zeichnet keinen besonderen Trainertypus aus.  Er ist weder ein großer Redner, noch ein Philosoph im modernen Fußball oder der Charismatiker, der das Blitzlichtgewitter in seine Richtung zieht.

Dafür ist Carlo Ancelotti einer der erfolgreichsten Trainer seiner Zeit. Er war als Spieler nicht nur zweifacher Europapokalgewinner der Landesmeister und Weltpokalsieger, an der Seitenlinie dirigierte er AC Milan dreimal in ein Champions-League-Finale und führte nun die Blancos von Real Madrid in das Endspiel der Königsklasse.

Lange Zeit galt Ancelotti als klassischer Trainer, der vor allem ein Augenmerk auf die hohe individuelle Qualität legt. Doch der Sacchi-Schüler kann noch vielmehr.

Karriere auf dem Feld – Schüler von Arrigo Sacchi

Insbesondere Ancelottis Leistungen als Spieler sind heutzutage fast vergessen. Dabei finden sich in seiner Karriere einige Hinweise auf die Spielweise seiner Mannschaften. Ancelotti war in der großen Mailänder Mannschaft der späten 80er unter Arrigo Sacchi, welche als letztes Team den Meisterpokaltitel (jetzt Champions League) verteidigen konnte (1989) und auch später eine gesamte Ligasaison in der hochqualitativen Serie A in der Saison 1991/92 ohne Niederlage blieb. Bis heute wird dieses Milan unter Arrigo Sacchi immer wieder als eine der besten Mannschaften aller Zeiten bezeichnet. Dies liegt nicht nur an ihren Erfolgen, sondern auch an ihrer Spielweise.

In den 80ern lag der Fußball taktisch in gewisser Weise am Boden; die Manndeckung und der Libero hatten sich flächendeckend durchgesetzt, in vielen Ligen kam noch ein enormer Defensivfokus hinzu. Arrigo Sacchi hingegen verband „alte“ Aspekte wie die Viererkette, die Raumdeckung und das Pressing mit der Athletik des modernen Fußballs und einer starken Ballorientierung im Verschieben, was im Gesamtpaket oftmals als „Raumverknappung“ bezeichnet wird. Diese hohe Intensität und Kompaktheit, die daraus entstand, machte den AC Mailand zur spielerisch und taktisch stärksten Mannschaft Europas zu jener Zeit und zu einer Blaupause für den modernen Fußball.

AC Milan 1989

AC Milan 1989

In diesem System spielte Ancelotti lange Zeit eine Schlüsselrolle. Mit Frank Rijkaard, aber auch anderen Partnern auf der Doppelsechs im 4-4-1-1, kümmerte er sich defensiv um die Balleroberung und das Absichern des Pressings vorne und offensiv um das Einleiten von Angriffen und die Ballzirkulation. Häufig wird nämlich bei der Spielweise des AC Mailand und dem Fokus auf ihre defensiven Errungenschaften ihr hervorragendes Ballbesitzspiel vergessen, an welchem Ancelotti maßgeblich beteiligt war.

Allrounder und Mittelfeldstratege

Ebenso wie Rijkaard war Ancelotti die ideale Besetzung einer überaus komplexen Position. Beide waren offensiv und defensiv sehr gut, konnten sich im direkten Zweikampf die Bälle holen, versperrten Passwege gut, hatten eine tolle Technik und waren sehr aktiv im Vorwärtsgang, wo sie mit viel Laufarbeit und intelligentem Freilaufen die Mitte besetzen konnten. Rijkaard war hierbei der körperlich (noch) stärkere Akteur, der über seine Physis extrem viel abräumen konnte. Ancelotti hingegen war eher der Spielbestimmer der beiden und der primäre Ballverteiler im Aufbauspiel.

Ursache dafür war nicht unbedingt eine mögliche Überlegenheit gegenüber Rijkaard, sondern schlicht die leicht unterschiedliche Verteilung ihrer Stärken. Ancelotti war herausragend im Anvisieren der richtigen Räume in seinem Passspiel, konnte sehr empathische und intelligente lange Bälle spielen, welche auch die Dynamik der gegnerischen Bewegung und seiner Mitspieler berücksichtigten. Dies ermöglichte ihm seine sehr gute Ball- und Passtechnik; auch unter Druck konnte er den Ball behaupten, legte sich den Ball bei der Ballannahme sofort in den freien Raum weg vom Gegner und spielte dann den aus dieser Position bestmöglichen Pass.

„Zu Anfang hatte er Probleme. Berlusconi meinte, dass wir einen Orchesterdirigenten hätten, der keine Noten lesen könne. Ich erklärte ihm, dass ich ihm schon beibringen würde, im Takt mit unserem Orchester zu singen. Ich ließ ihn jeden Tag eine Stunde vor dem Training mit ein paar Jungs aus der Jugendmannschaft antreten, und wir gingen alles durch. Am Ende sang er perfekt im Takt mit.“ (Sacchi über Ancelotti)

Obwohl er nicht der dynamischste war – wie zum Beispiel Rijkaard –, konnte er sich durch seine intelligente Ballverarbeitung, seine Spielintelligenz, sein antizipatives Freilaufen und seine starken Fähigkeiten in der Drehung mit Ball am Fuß oftmals aus engen Drucksituationen befreien. Nach diesen Befreiungen war er im Stande strategisch geschickte Optionen zu wählen: Er wechselte stabilisierende Rückpässe auf die Innenverteidiger, Kurzpässe auf ballnahe Spieler, horizontale Seitenverlagerungen auf die Außenverteidiger mit Schnittstellenpässe ins letzte Drittel, langen Diagonalbällen auf die Flügelstürmer oder auch Distanzschüssen von ihm selbst ab. Dadurch konnte er zwischen Raumgewinn mit sicheren Pässen oder versuchten Angriffsabschlüssen durch tödliche Zuspiele variieren, was ihn als Sechser sowohl für eine Konter- als auch eine Ballbesitzmannschaft prädestinierte. Letzteres lag ihm dank seiner intelligenten Suche nach offenen Räumen im Spielaufbau allerdings mehr. Dadurch und insgesamt mit seinem Fähigkeitenprofil ähnelte er sogar in gewisser Weise einem Spieler, welcher unter ihm aktuell zum Schlüsselspieler bei Real Madrid geworden ist.

Der Modric der 80er

Noch in der vergangenen Saison galt der kroatische Spielmacher Luka Modric als Flop und Fehleinkauf. Unter Carlo Ancelotti nimmt er nunmehr eine Schlüsselrolle ein und ist für viele der beste zentrale Mittelfeldspieler der Welt in dieser Spielzeit. Interessant ist hierbei, dass sich Modric und Ancelotti in vielen Aspekten ähneln. Dies betrifft einerseits ihre strategische Entscheidungsfindung, wo sie häufig gleiche Lösungswege in schwierigen Situationen finden. Viel stärker zeigt es sich aber in ihren Aktionsradien.

Im ersten Drittel ließ sich Ancelotti beispielsweise gerne nahe zwischen die beiden Innenverteidiger zurückfallen, drehte dabei sein Gesicht und somit sein Sichtfeld dem größeren Teil des Feldes horizontal zu und konnte dadurch Bälle direkt in der Drehung verarbeiten und auch die heranrauschenden Gegner beobachten. Ballverluste – selten. Auch kommen beide tief und holen sich die Bälle vor den Innenverteidigern ab, aber kippen selten zwischen diese und spielen eigentlich nie als situativer Libero, wie es zum Beispiel Bastian Schweinsteiger gerne macht.

Bei den Bewegungen im zweiten Spielfelddrittel ist es ähnlich. Ancelotti und Modric gehen beide gerne in den defensiven Halbraum und in eine intelligente, ambivalente Position. Sie können dann mit den Außenverteidigern kombinieren, diese bei aufrückenden Bewegungen absichern oder sich schnell in die Spielfeldmitte drehen, um gefährliche Vertikalpässe oder lange Verlagerungen zu spielen. Des Weiteren entziehen sie sich auch hier dem Zugriff des gegnerischen Pressings und überladen lokal. Bei Ancelotti hatte dies unter Sacchi auch den Effekt, dass sich Gullit und Rijkaard zentral positionieren oder gar die Position tauschen konnten.

Teilweise ist die Ähnlichkeit sogar bei der Lauf- und Dribbeltechnik zu erkennen; Ancelotti nutzte gerne viel Effet im Passspiel und setzte sich im Dribbling oft mit einer Körpertäuschung nach innen und darauffolgendem Auswärtshaken durch. Beides kennt man von seinem Spieler Modric ebenso. Natürlich gibt es aber auch kleinere Unterschiede.

Im Defensivzweikampf und dem Attackieren des Gegners definierte sich Ancelotti eher durch seine Wucht und Kraft, als über die Dynamik und Geschicklichkeit wie Modric, wobei beide hier für spielmachende Sechser enorm stark und effektiv sind beziehungsweise waren. Der größte Unterschied ist jedoch im Dribbling zu finden. Zwar war Ancelotti ebenfalls sehr ruhig und überaus pressingresistent, dabei aber nicht so dynamisch, raumgreifend und im Stande mehr als einen oder zwei Spieler stehen zu lassen, wie es Modric vermag. Ein undynamischer Modric quasi, der heutzutage im modernen Gegenpressing des Gegners nach Balleroberungen nicht ganz so pressingresistent wie der Kroate wäre, aber fast schon perfekt als „80er-Version“ zu bezeichnen ist.

Es war auch das intensive und offensive 4-4-1-1/4-4-2 Sacchis, das Ancelotti bei seinen ersten beiden Cheftrainerstationen (AC Reggiana und AC Parma) ausprobierte. In Parma war er stark darauf bedacht, das System mit kollektivem Aufrücken und mannschaftstaktischen Abläufen in der Defensive weiterzuentwickeln. In dieser Zeit soll er sein 4-4-2 sehr dogmatisch verfolgt haben. Angeblich wurde auch deshalb der italienische Altmeister Roberto Baggio nicht verpflichtet.

Zwischenzeitlich schloss Ancelotti seine Ausbildung zum Trainer ab. Seine Abschlussarbeit trug den Titel „Il futuro del calcio. Piu dinamicita” („Die Zukunft des Fußballs. Mehr Dynamik“). Er legte darin seine Ansichten dar. Einige Auszüge: „Es gibt ständig ein hohes öffentliches Verlangen nach einem Produkt, das spektakulärer und aufregender ist. […] Die Öffentlichkeit möchte Unterhaltung und diese Unterhaltung kann durch schnelle Lösungen, einer variablen Offensive, mit dem finalen Ziel vor das Tor zu gelangen, geschaffen werden. In den letzten Jahren, speziell in Italien, wurde viel Zeit der Taktik des Spiels gewidmet. […] Um das Spiel effizient zu machen ist es unabdingbar, dass die Bewegungen fernab des Balls sowie das Passspiel perfekt synchronisiert sind. Dafür sind Konzepte von Raum und Zeit sehr wichtig für Taktik im Angriffsspiel. Falls zwischen der Person, die den Pass spielt, und der Person, die den Pass empfängt, keine Synchronisation herrscht, schlägt das Konzept der Dynamik fehl. […] Ich glaube, dass die zukünftige Entwicklung des Spiel von der Verbesserung offensiverer Lösungen abhängt, wobei mehr Zeit taktischer Ansätze geschenkt wird und zugleich eine Balance zwischen Defensive und Offensive vorherrschen sollte.“

Nach einer starken Vizemeisterschaft mit Parma und weiteren überzeugenden Leistungen wechselte Ancelotti zu Juventus, konnte mit den Turinern aber den Scudetto nicht gewinnen. Dafür stieg er vom 4-4-2 auf 3-4-1-2 um. Zinédine Zidane, heute sein Co-Trainer, war der freie Spieler vor einer Viererkette. Da Alessandro Del Piero oftmals nach links abkippte, bildete sich schon eine Art Vorläufer der Tannenbaumformation, mit der er später bei Milan auftrumpfte. Nachdem die Gruppenphase der Champions League 2000 nicht überstanden wurde, setzte man Ancelotti im darauffolgenden Sommer auf die Straße.

Milan-Zeit: Aller Anfang ist schwer

Am 7. November 2001 begann dann für ihn eine lange und von vielen Erfolgen geprägte Phase seiner Karriere. Er übernahm seinen früheren AC Milan von Fatih Terim und führte die Lombarden recht schnell wieder aus einer Krise heraus. Den deutschen Fans sollte zum Beispiel das Halbfinal-Duell mit Borussia Dortmund in dieser Saison in Erinnerung geblieben sein.

Anfangs stand der damals noch eher unerfahrene Trainer vor allem bei der schwierigen Milan-Führungsfigur Silvio Berlusconi in der Kritik. Allerdings brachte Ancelotti Stabilität in das Gefüge, spielte anfangs oft nur mit einem Stürmer, was dem exzentrischen Präsidenten „zu defensiv“ war. Interessanterweise vertraute Ancelotti dem damals vorgefundenen personellen Grundstock über viele Jahre hinweg und es wurden in den Transferperioden oft nur einzelne Ergänzungen, natürlich dann im hohen Millionen-Bereich, wie es in Italien üblich war, vorgenommen.

Führungsspieler Paolo Maldini, Mittelfeldstratege Andrea Pirlo, Abräumer Gennaro Gattuso, Abstauberkönig Pippo Inzaghi und andere gehörten bereits zum Kader. Das Grundsystem von Terim wurde übernommen. Milan spielte zu dieser Zeit in einer Raute der 4-3-1-2-Prägung. Terim ließ allerdings zuweilen noch defensiver spielen, positionierte vier gelernte Innenverteidiger in der Viererkette und eigentlich eher für die Außenverteidigung geeignete Spieler auf den Halbpositionen.

In weiten Teilen war Konterabsicherung und die kompakte Besetzung des zweiten Drittels ein Hauptaugenmerk, das Ancelotti gerade in seiner ersten Saison auch nicht änderte. Allerdings nahm der Neu-Trainer Verbesserungen in puncto Aufgabenaufteilung vor. Spielte Milan gegen einen tiefstehenden Gegner, kam beispielsweise der offensive Serginho als Linksverteidiger zum Einsatz. War man mehr auf Stabilität bedacht, sollte Kakher Kaladze die Außenbahn als zusätzlicher Manndecker verteidigen.

Insgesamt ließ sich bei Milan in der Saison 2001/02 und auch noch später ein hohes Maß an Mannorientierungen ausmachen. Dadurch entstanden zahlreiche Übergabemomente innerhalb der letzten Reihe. Vor allem wenn mehr als zwei Manndecker aufgeboten wurden, wechselte die Grundposition im Gefüge häufiger, wurde ein gegnerischer Angreifer verfolgt.

BVB-AC-Milan-UEFACup-Halbfinale2002

Borussia Dortmund – AC Milan 4:0, 4. April 2002

Gerade bei der katastrophalen 4:0-Hinspielniederlage gegen den BVB im April 2002 konnte die Mannschaft von Matthias Sammer diese Defensivorganisation ausnutzen. Die vier vorderen Spieler, aber vor allem Marcio Amoroso und Jan Koller, pendelten ständig zwischen mehreren Positionen. Beim Verfolgen wurden Maldini und Co. in die Irre geführt, Abseitsfallen zunichte gemacht und Räume zwischen dem eigentlich kompakten Mittelfeld und der Abwehr geschaffen.

Im eigenen Spielaufbau war Ancelotti zu jener Zeit sehr orthodox und zurückhaltend eingestellt. Er vertraute vornehmlich auf die individuellen Qualitäten seiner nominellen Offensivkräfte. Die Doppelneun bestand meistens aus Inzaghi und Andriy Shevchenko. Dahinter agierten auf der klassischen Zehnerposition Rui Costa oder der aufstrebende Andrea Pirlo, dessen Fähigkeiten als tiefer agierender Aufbaudirigent erst später richtig zum Tragen kamen. Durchbrüche gegen massierte Defensivreihen gab es weniger über strukturiertes Passspiel als vielmehr über längere Schläge in die Spitze, wo der Ball fest gemacht wurde, während die Halbspieler nachrückten und die Außenverteidiger weite Wege überbrücken mussten. Im letzten Drittel wurde dann das Spielgerät entweder sofort durch eine Schnittstelle gepasst oder nach der Verlagerung auf den Flügel hinein geflankt. Außergewöhnliche Offensivstrukturen waren in diesen Tagen nicht zu erkennen. Die Rossoneri schlossen die Saison in der Serie A auf dem vierten Tabellenplatz ab.

Die Lombarden und der Feldzug durch Europa

Ob es nun der öffentliche wie vereinsinterne Druck oder doch eine Selbsterkenntnis Ancelottis war, ist wohl nicht überliefert. Allerdings änderte er in der darauffolgenden Saison seine komplette Ausrichtung doch ein Stück weit. Milan sollte offensiver agieren, nicht mehr derart auf Zentrumskompaktheit fokussieren. Unter anderem wechselte Clarence Seedorf nach Mailand und konnte in den nächsten Jahren die halblinke Position besetzen. Hauptsächliche Grundformation blieb die Raute, wenngleich kein Dogma vorherrschte. Durch den Transfer von Weltmeister Rivaldo hatte Ancelotti im Angriff neue Optionen, konnte auch auf ein 4-4-1-1 umstellen, wo der Brasilianer eher Freispieler war. Hinzu kam die Umfunktionierung Pirlos, der nun als spielmachender Sechser eingesetzt wurde und auf dieser Position die Ära Milans mit prägen konnte.

Insgesamt wurde das Gefüge dynamischer. Die beiden Angreifer sollten trotz ihrer höheren Positionen mehr auf die Außen ausweichen und Räume für die aufrückenden Akteure wie Seedorf und Rui Costa schaffen. Damit wurden auch die Außenverteidiger bei der Flügelbesetzung etwas entlastet. Es gab mehr Überladungssituationen. Ancelottis System brach aus dem starren Abdecken der Grundräume aus.

Doch die Defensivarbeit wurde keineswegs verlernt. Zu jener Zeit hätte Milan allein aus den Innenverteidigern im Kader eine Startelf formieren können. Darunter waren erfahrene Abwehrrecken. Der Ruf einer Altherrentruppe sollte sich in den folgenden Jahren noch mehr zementieren. In der Serie A belegte Milan nur den dritten Platz. Dafür fuhr Ancelotti das Double mit Coppa- und Champions-League-Triumph ein und sicherte auch so seine eigene Zukunft.

In der Königsklasse schlug man Stadtrivale Internazionale im Halbfinale durch ein 1:1 „auswärts“. Darauf folgte das intensive, aber nicht unbedingt hochklassige Endspiel gegen Juventus. Beide Mannschaften hatten einen großen Respekt voreinander. Wurde Ancelotti 2001 noch bei der Alten Dame vor die Tür gesetzt und durch Vorgänger Marcelo Lippi ersetzt, konnte er im Old Trafford von Manchester an Juventus Revanche üben.

In diesem Finale wich der Milan-Trainer von der Raute ab und setzte auf ein 4-4-2. Pirlo und Gattuso bildeten die Doppelsechs. Dabei sprintete ersterer immer wieder vertikal nach vorn, wurde dabei von dem einrückenden Rui Costa unterstützt. In der Verlängerung übernahm die Verbindungsaufgabe im Mittelfeld Massimo Ambrosini. Bekam Milan kein Übergewicht in der gegnerischen Hälfte, erfolgten zumeist längere Zuspiele auf Shevchenko, der seinerseits auf die Flügel leitete. Insgesamt neutralisierten sich beide Teams im Endspiel in vielen Phasen. Es gab zahlreiche lose Bälle im Mittelfeld, um die gekämpft wurde und wo die Zweikampfführung nicht immer eindeutig war. Ansonsten wurde den Zuschauern viel Mannorientierung und Abschirmung geboten, sodass sich zeitweise Fehlpass an Fehlpass reihte.

Ancelotti schien während der Partie nicht den progressiven Weg einzuschlagen. Er ließ Rivaldo, der in dieser Saison auch nicht vollends überzeugte, auf der Bank, nahm sogar Andrea Pirlo nach rund 70 Minuten vom Platz. Über die Flügel entwickelte sich nur Druck, wenn Seedorf oder Rui Costa ihrerseits Einzeldurchbrüche initiieren konnten. Dahinter fanden sich mit Kaladze, Costacurta und im Spielverlauf auch noch Roque Junior limitiertere Spieler, die sich vornehmlich auf die Absicherungen gegen Mauro Camoranesi und Co. konzentrierten. Eine Meisterleistung war dieser Finaltriumph von Ancelotti nicht. Trotzdem brachte der 3:2-Sieg im Elfmeterschießen den ersten Titel als Trainer in der Königsklasse.

In der Saison 2003/04 gewann der Milan-Trainer dann den ersten Scudetto mit seiner Mannschaft. Die Weiterentwicklung war aus teamtaktischer Sicht eher unspektakulär. Dafür konnten zwei Transfers eingetütet werden, die große Wirkung auf die Durchschlagskraft hatten. Cafu, schon 33-jährig, kam aus Rom in die Lombardei. Kaka wurde ebenfalls verpflichtet. Die beiden Brasilianer belebten insgesamt das Offensivspiel. Cafu war perfekt dafür geeignet, über den rechten Flügel viel Druck auszuüben. In diesem Zusammenhang fand Gattuso auf der halbrechten Position in der Raute auch eine wichtige Aufgabe, die ihm auf den Leib geschneidert war: Absichern.

Kaka trat langsam in die Fußstapfen von Rui Costa. Der junge Offensivspieler vom Zuckerhut verkörperte auf seine Weise eine wichtige Komponente, die Milan im Schatten der Angreifer noch fehlte. Er war auch vielmehr Trequartista als klassischer Zehner, stieß unnachlässig in den Raum vor, den Shevchenko und Inzaghi vorher freiräumten.

Neben dem nationalen Titel gab es auf europäischer Bühne eine herbe Enttäuschung. Gegen Deportivo La Coruna konnte Milan einen 4:1-Vorsprung im Riazor nicht verteidigen und verlor noch mit 4:0. Eigentlich verdient dieser Einbruch gegen die Mannschaft von Javier Irureta eine genauere Ausführung. Allerdings folgte mehr als ein Jahr später ein noch historischerer Einbruch der Rossoneri. Dieses Mal lag nur ein Kabinengang dazwischen.

Das Drama am Bosporus und die Revanche

Zu dieser schon legendären Finalbegegnung gegen Liverpool erschien auf Spielverlagerung bereits eine zweiteilige Retroanalyse, die sehr gut aufschlüsselt, warum Milan womöglich eine der besten Halbzeiten in der Ancelotti-Ära spielte. Gerade gegen das relativ starre 4-4-2, kam die Raute der Rossoneri dermaßen stark zum Tragen, dass die Reds ein ums andere Mal ausgehebelt wurden.

1. Halbzeit: AC Milan - Liverpool

1. Halbzeit: AC Milan – Liverpool, 25. Mai 2005

Zudem konnte in der ersten Halbzeit verdeutlicht werden, wie gewinnbringend die vertikale Staffelung von Pirlo und Kaka war. Der Brasilianer hatte einen großen Aktionsradius und musste entweder vom zentralen Mittelfeld abgedeckt werden, wodurch Pirlo enorme Freiräume für seine grandiosen Pässe und Verlagerungen bekam, oder aber der „architetto“ wurde angegangen und über die Halbräume oder auch den sehr aktiven Cafu gelangte das Spielgerät zu Kaka.

Vielleicht wurde besonders in diesem Fall deutlich, wo in dieser Zeit die Stärke des Ancelotti-Systems lag: Die pendelnde Bespielung der Zwischenlinienräume. Die beiden Halbspieler, vor allem Seedorf, konnten immer dahin verlagern, wo entweder der Ball war, oder aber die Zwischenräume überlagern, in denen Milan Präsenz schaffen wollte. Dies in Kombination mit den stets an der Abseitsgrenze lauernden Angreifern, Hernan Crespo wurde eine Alternative zu Inzaghi, ergab ein vertikal angelegtes Offensivspiel, wo der tödliche Pass noch zelebriert wurde.


(Treffer zum 3:0: Überhastetes Anlaufen von Riise – freie Position von Kaka – raumschaffender Lauf von Shevchenko – Weltklasse-Pass auf Crespo)

In der Analyse von damals heißt es: „Doch warum hatte Pirlo so viel Zeit und Raum? Zunächst einmal gab es kein nennenswertes Rückwärtspressing von Baros und Kewell. Im Mittelfeld musste Riise den vorstürmenden Cafu im Auge behalten, rechts hatte Luis Garcia Probleme damit, dem Wechselspiel zwischen Maldini und Seedorf standzuhalten. Gerrard und Xabi Alonso kümmerten sich um den Sechserraum, in dem Kaka lauerte. Ganz vorne beschäftigten Shevchenko und Crespo die komplette Viererkette der Engländer, indem sie häufig in die Schnittstellen zwischen Innen- und Außenverteidiger starteten. So waren Liverpools hintere acht Spieler gebunden und konnten es sich eigentlich nicht leisten, auf Pirlo herauszurücken. […] Löste sich dann entweder Gerrard oder Alonso aus der vorderen Viererkette, um den italienischen Dirigenten anzulaufen, mussten die verbleibenden drei Akteure sehr eng zusammenrücken, um die Schnittstellen nicht zu weit zu öffnen – Kaka und die beiden Stürmer wären sonst zu leicht anspielbar gewesen. […] Folglich waren Cafu und Maldini auf den Flügeln frei. Während Letzterer etwas enger agierte und weiterkombinierte, nutzte der Brasilianer diese Räume zu gefährlichen Vorstößen im Stile Dani Alves´ zu besten Zeiten.“

Allerdings folgte in der zweiten Halbzeit innerhalb von einer Viertelstunde der Einbruch Milans. Liverpool schoss drei Tore und war auf einmal wieder im Spiel. Rafa Benitez stellte in der Halbzeit auf ein 3-4-2-1 um, bespielte durch viel höhere Zentrumspräsenz die Raute Ancelottis. Zudem verhielten sich die Mailänder Angreifer Laissez-faire im Pressing, Kaka verrichtete nicht mehr derart viel Defensivarbeit. Die Liverpooler Wing-Backs hatten keine direkten Gegenspieler, Milans Zentrum verschob ständig auf den Flügel, wurde durch die höhere Präsenz der Liverpooler in den mittigen Ballverteilungszonen aber mehr und mehr in Bewegung gebracht, bis sich Lücken ergaben. Nach den drei Treffern blieb Ancelotti nahezu stoisch an der Seitenlinie stehen, reagierte erst kurz vor Schluss mit der Umstellung auf eine Dreierkette, um die müden Engländer zu knacken. Allerdings blieb Liverpool recht abgeklärt in der tiefen Staffelung. Das Elfmeterschießen brachte dieses Mal die Entscheidung zuungunsten Milans.

In der darauffolgenden Saison wurden die Rossoneri nur Drittplatzierter der Serie A. In der Champions League schied man denkbar knapp gegen Frank Rijkaards Barcelona aus. Es sollte noch eine Saison dauern, bis der zweite Champions-League-Titel eingefahren wurde. Und dieser Triumph war sogleich die Revanche für das Drama von Istanbul. Rein personell veränderte sich Milan nur in Nuancen. Alberto Gilardino war bereits ein Jahr im San Siro unterwegs. Shevchenko verabschiedete sich Richtung Chelsea, während man den 30-jährigen Ronaldo und zudem noch Jungtalent Yoann Gourcuff verpflichtete. Mit Marek Jankulovski und Massimo Oddo kamen zudem offensivausgerichtete Außenverteidiger nach Mailand. Im Endeffekt setzte Ancelotti aber weitestgehend auf seine mittlerweile als Altherrentruppe abgestempelte Mannschaft.

Allerdings stellte er das Grundsystem etwas um, wich von der Raute auch aufgrund der ungünstigeren Kaderdichte im Stürmerbereich ab, setzte nun mehr auf das Tannenbaumsystem, was allerdings recht fluide blieb. Seedorf und Kaka waren die Schattenspieler des Neuners, während Ambrosini in wichtigen Partien verstärkter zum Einsatz kam. Nach einem 3:0 im San Siro gegen Manchester United zog Milan ins Finale gegen Liverpool ein. Diese Begegnung im Stadio Athinas Spyros Louis war von großem Respekt und Zurückhaltung im kollektiven Aufrücken geprägt. Liverpool wirkte in der ersten Halbzeit dominanter, wurde aber im Endeffekt ein Opfer des Torphantoms Inzaghi. Lange Zeit sah es so aus, als würde Benitez da weiter machen, wo er irgendwann in der 65. Minute des Endspiels 2005 aufhörte. Seine Mannschaft im 4-2-3-1 gelang es die Milan-Offensive zu isolieren und in viele Eins-gegen-Eins-Situation im letzten Drittel zu gelangen. Vor der Halbzeitpause fälschte Inzaghi versehentlich einen Pirlo-Freistoß ins Tor von Pepe Reina ab. Ancelotti wiederholte einen Fehler nicht. Er verordnete seiner Mannschaft eine gnadenlose Verteidigungsstrategie, wo auch Kaka am eigenen Strafraum verteidigte. Der Konterfokus schien den Mailändern gut zu passen. Denn in ihrem Abwehrpressing hatten sie wenig Mühe in statischen Situationen gegen die doch mehr auf weitläufige Dynamik ausgelegten Engländern zu agieren. Lediglich ein paar Distanzschüsse wurden zugelassen. Selbst im Umschaltmodus blieb Milan zurückhaltend und immer auf Absicherung bedacht. Schlussendlich war es eine geniale Aktion von Kaka, der Inzaghi in Szene setzte und die Entscheidung vorbereitete. Der Anschlusstreffer von Dirk Kuyt kam zu spät. Milan und Ancelotti durften ein zweites Mal den Henkelpott in die Höhe recken. UEFA Supercup und FIFA Klub-WM folgten noch in den Trophäenschrank. Weitere Erfolge blieben Ancelotti bis zum Abschied 2009 verwehrt. Eine wirkliche Verjüngung kam nicht zustande, die merkliche Weiterentwicklung der Mannschaft ebenso. Rückkehrer Shevchenko oder Stareinkauf Ronaldinho brachten keine Besserung. Auch andere Transfers waren eher enttäuschend. Die Ehe zwischen Ancelotti und seinem Verein schien ermüdet.

Torrekord an der Stamford Bridge

Er verließ die Lombarden und ging im Sommer 2009 zu Roman Abramovichs Chelsea. Dort übernahm der Italiener in großen Teilen das Gerüst, was ein Jahr zuvor das Champions-League-Finale gegen Manchester United verlor. Ancelotti blieb ganz der Pragmatiker. Nach einer kürzeren Phase mit Mittelfeldraute und Tannenbaum formierte er Chelsea in einem simplen 4-3-3/4-5-1. Sein Team war physisch dominant und der Angriff um Didier Drogba schoss in der ersten Saison so manchen Erstligisten regelrecht aus dem Stadion. 103 Treffer in der Premier League verbuchten die Blues und erzielten damit als erste Mannschaft seit 1963 eine dreistellige Summe an Toren in der höchsten englischen Spielklasse. Zudem verzeichneten die Londoner die zweithöchste Total Shot Ratio (69,04%)  von allen Teams in den europäischen Top-Ligen der letzten fünf Jahre.

Im knappen Titelrennen mit Manchester United vertraute Ancelotti auf eine klare Mittelfeldachse mit Frank Lampard, Michael Ballack, Michael Essien und anderen. Das Team agierte häufig sehr dominant und war auf Torabschlüsse im Zentrum durch Drogba ausgerichtet. Der Ivorer wurde dabei von Nicolas Anelka, nicht selten als nomineller Rechtsaußen aufgeboten, unterstützt. Lampard als aufrückender Spieler aus dem Mittelfeld tat sein übriges.

Manchester United - Chelsea 2:1, 8. Mai 2011

Manchester United – Chelsea 2:1, 8. Mai 2011

Gerade die erste Saison bei Chelsea zeigte die Herangehensweise Ancelottis. Er versuchte keine taktischen Kunststücke, sondern nutzte ganz einfach die Stärken seiner individuell hervorragenden Kadermitglieder und unterstrich sein Augenmerk auf Disziplin. Anpassungen an den Gegner oder Umstellungen geschahen meist im Nanometerbereich. Das Double von Liga- und FA-Cup-Titel sprang am Ende dabei heraus. Allerdings sollte die nächste Saison keineswegs so erfolgreich werden. Denn nach einem Punktverlust gegen Newcastle United kam Chelsea im Herbst erheblich ins Straucheln. Den Rückstand auf die Red Devils konnte man nicht mehr aufholen. Zwischenzeitlich waren die Blues sogar auf Platz fünf abgerutscht. Trotz zahlreicher ernüchternder Auftritte veränderte Ancelotti wenig bis gar nichts. Dies gepaart mit seinem ruhigen, zurückhaltenden Wesen wurde ihm oft als Schwäche in Form von mangelnder Kreativität unterstellt.

„His calm demeanour has been interpreted by some as a lack of passion, while he has also been accused of being too passive and slow to make changes when his sides are in trouble.” (ESPN FC)

Abramovich gab seinerseits den Gewinn der Champions League als Ziel, gerade nachdem im Winter die Transfers von Fernando Torres und David Luiz getätigt wurden. Allerdings schied Chelsea im Viertelfinale gegen Manchester United aus und verlor im Mai noch quasi das Endspiel um die Meisterschaft. Ancelotti trat in dieser Zeit als Gentleman auf und zeigte Verständnis, sollte ihn der Verein entlassen, was die Londoner Ende Mai nach einer Niederlage gegen Everton auch taten. Die Zeit bei den Blues ist äußerst schwer einzuschätzen. Einerseits gab es ein vertikal angelegtes Offensivspiel mit physischer Dominanz und guten Vollstreckern. Andererseits hinterließ Ancelotti keinen bleibenden Eindruck.

Aufbau oder Verwaltung einer französischen Startruppe

Allerdings sollte deshalb Ancelotti nicht in eine endlos lange Phase der Arbeitslosigkeit stürzen. Es dauerte rund sieben Monate, bis er dem Ruf eines anderen Mäzenen-Vereins folgte. Zum Jahreswechsel 2011/12 holte ihn sein ehemaliger Weggefährte Leonardo zu Paris Saint-Germain. Der als traditionell geltende Ancelotti ersetzte Antoine Kombouaré. Zum Zeitpunkt der Übernahm lag PSG an der Tabellenspitze, konnte allerdings im Verlaufe der Rückrunde den Abstand auf HSC Montpellier nicht halten und musste sich mit dem zweiten Platz begnügen. Im darauffolgenden Sommer wurden die Ansprüche durch zahlreiche Millionen-Transfers unterstrichen. Zlaten Ibrahimovic und Thiago Silva kamen aus Mailand, Ezequiel Lavezzi aus Neapel, Top-Talent Marco Verratti aus Pescara. Zudem gesellten sich im Verlaufe der Saison noch Lucas Moura und David Beckham zur Mannschaft.

Es war Ancelottis Aufgabe aus dieser Ansammlung an Stars ein homogenes Team zu formen. Man vertraute dabei auf seine Erfahrung aus der Milan-Ära und hoffte zugleich, dass er seinem Ruf als Offensivtrainer gerecht wird. Allerdings sollte es mit dem kollektivtaktischen Auftreten nicht so recht klappen. Über weite Strecken der Saison lebte PSG vor allem von seinen Einzelspielern, allen voran von Zlatan Ibrahimovic. Ancelotti vertraute während seiner zweiten Saison in der französischen Hauptstadt entweder auf ein 4-3-2-1 oder ein 4-4-2. Mittelfeldpräsenz war ihm enorm wichtig, in der Offensive kombinierten mehrere Akteure auf engem Raum, während die Außenverteidiger aufrückten. Die Formation war oft gestreckt, es mangelte an Kompaktheit. In der letzten Reihe musste viel ausgeputzt werden. In diesem Zusammenhang passte Ancelottis Spielerwahl gerade in der Ligue 1 nicht immer perfekt. Paris war in vielen Partien dominant, trotzdem ließ der Italiener zuweilen mit drei tieferen Spielmachern agieren. Die Verbindungen in die Offensive fehlten und auch dadurch mussten es im letzten Drittel oft Aktionen der etwas isolierten Angreifer sein.

In der Liga konnte man sich den Titel sichern. Ancelottis Ausrichtung wurde zudem variabler, er stellte mehr auf ein 4-2-2-2 um, wobei zwei tiefere Sechser vor der Abwehr standen, während sich davor ein qualitativ hochwertiges Band bildete, bei dem Lavezzi oftmals neben Ibrahimovic agierte. In einer Analyse zum Achtelfinale gegen Valencia wurde dazu geschrieben: „Das System ähnelte ein wenig dem brasilianischen 4-2-2-2 mit zwei tiefen Sechsern und vier Spielern in recht freien Positionen. Auch Manchester City mit den spielmachenden Flügeln Nasri und Silva sind nicht sehr weit von dieser Spielweise weg.“

Paris Saint-Germain 2013

Paris Saint-Germain 2013

Gerade Javier Pastore fokussierte auf das spielmachende Element, während Lucas in der Rückrunde unter Ancelotti die Tempomaschine im Team war. Musste PSG gegen einen stärkeren Gegner verteidigen, verordnete der Italiener seiner Mannschaft ein eher passives Agieren mit zwei engen Viererketten. Durch die kopfballstarken Innenverteidiger konnten Gegner auch angstfrei auf die Flügel geleitet werden. Eigentlich wurden die Pariser im Umschaltspiel, eben über die tempostarken und spielintelligenten Angreifer, noch gefährlicher. Eine stärkere Fokussierung auf diesen Aspekt verhinderte aber Ibrahimovic, der als Zielspieler schlechthin im Gefüge integriert war. Ancelotti blieb auch bei PSG äußerst pragmatisch. Er drückte der Mannschaft keine explizite Spielidee auf, sondern versuchte aus dem hochwertigen Spielermaterial die besten Leistungen herauszuholen.

In der Champions League kam im Viertelfinale das Aus gegen den FC Barcelona, dem allerdings viel abverlangt wurde. Ancelotti setzte dabei auf Beckham als tiefen Sechser und Gefahr für lange Vertikalbälle, während schlussendlich Thiago Silva auf Ibrahimovic spielte. Die beiden engen, zum Teil asymmetrischen, Viererketten gegen Barca waren ein probates Mittel. Pressing gegen die katalanische Ballbesitzdominanz war eine Seltenheit, wurde es versucht, ging es meist schief. Trotzdem verhielt sich Ancelotti in diesem hochklassigen Duell klug bei Anpassungen seiner Mittelfeldakteure. Er bewies ein weiteres Mal, dass er Aufrückbewegungen im zentralen Mittelfeld sehr gut dosieren kann. Das endgültige Ausscheiden aus der Königklasse konnte der Italiener aber nicht verhindern. Die Beziehung zum Pariser Milliardenverein beendete er dann Mitte Mai des letzten Jahres. Denn der Ruf aus Madrid lockte Ancelotti auf den Stuhl José Mourinhos.

Wenig Glanz, aber „La Decima“ vor Augen

Beim spanischen Hauptstadtklub Real Madrid sollte Ancelotti nach dem Selbstverständnis der Königlichen entsprechend unwürdigen Jahren unter Mourinho neue Seriosität und Würde an der Seitenlinie verkörpern. Neben dem Trainerwechsel wurde auch der Kader zum Amtsantritt ein Stück weit umgekrempelt. Die Nationalspieler Gonzalo Higuain und Raul Albiol sowie der gradlinige Konterstürmer José Callejon wurden nach Neapel transferiert, dafür kamen die spanischen Talente Isco, Asier Illarramendi und Daniel Carvajal, welcher nach seiner Leihe nach Leverkusen per Rückkaufoption zurückkehrte, zu den Königlichen.

„Ancelotti will be a breath of fresh air. Real Madrid has great players, they just need to play like a team. Ancelotti will make that happen. He has played and coached at the very top, so he knows full well what goes on in the dressing room.” (Johan Cruyff)

AC-Milan_1989-Real-Madrid_2014

Wurde aus Sacchis Milan das neue Real Madrid unter Ancelotti? Ist Modric eine Art modernes Alter Ego des Trainers?

Ancelotti startete mit einem 4-4-2/4-2-2-2-Mischsystem, in welchem er mit Isco, Mesut Özil und Di Maria eher spielmachende, in die Halbräume tendierende Spielertypen, auf den Flügeln aufbot. Cristiano Ronaldo wurde als nach links hängende Spitze von der Defensivarbeit fast vollständig entbunden. Wegen der Verletzung Xabi Alonsos zu Saisonbeginn durfte Ancelottis modernes Alter Ego Luka Modric als dominanter, spielmachender Akteur mit wechselnden Partnern im zentralen Mittelfeld operieren. Dies versprach eine Menge Kreativität, führte defensiv jedoch oft zu einer zerrissenen Mannschaft, in der die fünf Spieler hinten und die vier Spieler vorne nur durch Modric verbunden wurden. Die Außenverteidiger verhielten sich entgegen ihres Naturells eher defensiv, was häufig zu fehlender Breite im Offensivspiel führte.

Auch wegen seiner Defensivschwäche verließ Mesut Özil den Klub nach zwei Spielen in La Liga in Richtung London. Ancelotti übernahm die volle Verantwortung für den Transfer: „Seinen Weggang habe ich entschieden, das war eine sportliche Entscheidung. Ich bevorzuge Di Maria dank seiner Dynamik, seines Charakters, seiner Hilfe für die Mannschaft.“ Zudem warf Ancelotti Özil indirekt Charakterschwäche vor: „Angel di Maria hat weniger Qualitäten als Özil, aber ich bevorzuge seinen Charakter und die Tatsache, dass er dem Team mehr hilft.” Di Maria sei wichtiger für das Gleichgewicht der Mannschaft, so Ancelotti.

Kurz vor Ende der Transferperiode wurde dann endlich der (fast) 100 Millionen-Euro-Transfer von Gareth Bale realisiert. Dieser komplettierte nach seiner erfolgreichen Integration das Puzzlespiel von Ancelotti. Das 4-4-2/4-2-2-2-Mischsystem konnte um eine weitere Systemkomponente, das 4-3-3, erweitert werden. Dies war zu Beginn bei Ballbesitz auch die dominante Struktur, die sich im Defensivspiel durch die Inkonstanz Ronaldos von einem 4-3-3, zu einem 4-4-2 (Bale im rechten Mittelfeld) und abschließend zu einem 4-1-4-1 entwickelte. Durch die Dynamik dieser Verschiebungen war Real in dieser Phase insbesondere in den defensiven Halbräumen instabil. Deswegen stellte Ancelotti in den wichtigen Spielen, zum Beispiel gegen Barcelona und gegen die Bayern, konsequent auf ein 4-4-2/4-2-2-2 um, wobei er maßgebliche Aspekte des Pressings unter Arrigo Sacchi (Raumverknappung, Spiel mit Deckungsschatten, lokale Kompaktheit) umsetzen ließ. Nach der torreichen Niederlage in La Liga gegen Barcelona, wurden anschließend Siege in der Copa (ein Gegentor) und Champions-League (ohne Gegentore) eingefahren. Das neue System nutzt insbesondere die Defensivfähigkeiten Bales und Di Marias sowie die unglaubliche Raumkontrolle Luka Modric’ ideal aus, um die Defensive zu balancieren und zu stabilisieren. Ancelotti ist nur noch einen Sieg von “La Decima” entfernt.

Schlusssatz

Das ist natürlich nur ein kleiner Abriss des Schaffens von Carlo Ancelotti, der sich wie die „intellektuelle Biografie“ nur dem öffentlichen Wirken widmet. Die Autobiografie „Preferisco la Coppa“, welche 2009 erschien, wurde nicht herangezogen. Wenngleich ein solches Selbstzeugnis mehr über die Sehnsüchte und Eindrücke des Autoren als über weitestgehend objektive Tatsachen aussagt, könnte natürlich dieses Werk noch in eine Betrachtung der Person Ancelotti einbezogen werden.

(Mitarbeit von RM und TW)

Cesare Prandelli – Ein steiniger Weg zum Nationaltrainer

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Er gilt als einer der großen Taktiker der Fußballwelt. Dennoch ist Cesare Prandelli hierzulande kein allzu bekannter Trainer. Dieser Artikel erschien als kleines, kompaktes Trainerporträt in unserer EM-Vorschau 2012:

Seine Bekanntheit hält sich in Deutschland in Grenzen, obwohl er 2010 den Bayern unter van Gaal mit Außenseiter Florenz in der Champions League beinahe ein Bein gestellt hätte – und es in gewisser Weise auch tat. Seine Formation sollte für die Bundesligatrainer in den nachfolgenden Spielen eine Art Schlüssel zum Knacken der Bayern darstellen. Unter anderem sprach Dieter Hecking nach Nürnbergs Punktgewinn davon, dass er sich am System des italienischen Trainerkollegen orientiert hatte. Ansonsten ist der italienische „commissario tecnico“ in Deutschland ein unbeschriebenes Blatt. Schuld daran mag seine wenig hervorstechende Spielerkarriere sein.

Prandellis Weg zum Trainer

Geboren wurde der italienische Nationaltrainer am 19. August 1957 in Orzinuovi. Der Lombarde begann auch im Norden Italiens seine Karriere,  in der Jugend beim US Cremonese erlernte er das Fußballspielen im zentralen Mittelfeld. Mit nur 17 Jahren gab er sein Debüt in der dritten italienischen Liga, welche sie in der Saison 1976/77 gewinnen konnten. Der damit verbundene Aufstieg in die Serie B sollte die ideale Plattform für den jungen Achter darstellen.

Nach einer weiteren Saison wechselte er eine Etage höher zu Atalanta Bergamo, wo er sich auf Anhieb einen Stammplatz sichern konnte. Aufgrund seines Potenzials wurde er im Sommer 1979 von Juventus gekauft und pendelte dort in den kommenden Jahren zwischen Bank und Stammplatz; in 138 Spielen traf er zwei Mal. Drei Scudetti und ein nationaler Pokal gesellten sich zu drei europäischen Trophäen, zum Einsatz kam er allerdings nur im Finale des Meisterpokals 1985 – der Tragödie von Heysel.

Diese sollte Charakter und Einstellung Prandellis nachhaltig beeinflussen, nach dem aufgrund von Ausschreitungen unterbrochenen Qualifikationsspiel gegen Serbien fühlte er sich sogar unangenehm daran erinnert. Als Trainer vertritt er den Standpunkt, dass die Sicherheit über allem steht; „Fans“, welche sich durch Gewalttaten im Stadion strafbar gemacht haben, sollten prinzipiell ein lebenslanges Stadionverbot erhalten. Auch wegen seiner Attitüde, Trainer und Spieler sollten als Vorbilder vorangehen, gilt er als Gentleman.

Angeblich soll er nach den beiden Vorkommnissen sogar über ein Karriereende nachgedacht haben. In seiner Zeit als Spieler sorgte die Katastrophe zumindest für eine Rückkehr ins weniger glamouröse Bergamo. Dort ließ er seine Karriere ausklingen und übernahm diverse Jugendmannschaften Atalantas. Sieben Jahre (1990 – 1997) arbeitete er mit dem Nachwuchs der Lombarden, 1993/94 übernahm er für eine halbe Saison erfolglos den Posten des Interimstrainers.

Rückschläge und Achtungserfolge – die Trainerkarriere Prandellis

Ebenso verlief sein erster Job als Cheftrainer eines Vereins. Sein Ruf als hervorragender Jugendtrainer brachte ihn bei US Lecce auf den vakanten Trainerposten. Schon im Januar 1998 wurde er allerdings entlassen, sein Nachfolger Angelo Pereni konnte den Abstieg dennoch nicht verhindern.

Nur kurze Zeit später versuchte er sich bei Hellas Verona in der Seria B und stieg sofort auf. In der Folgesaison etablierten sich die Gelbblauen mit einem guten neunten Platz in der Serie A. Auch seine Zeit in Venedig 2000/01 verlief positiv. Mit den meisten erzielten Toren stiegen sie als Tabellenvierter in die Serie A auf; nach einem schwachen Saisonstart erhielt Prandelli jedoch die Kündigung. Ohne ihn stiegen die Venezianer wieder ab und finden sich nach finanziellen Problemen aktuell nur noch in der vierten Liga wieder. Gleichzeitig kam ein Angebot von Parma herein, deren Trainerstuhl als Schleudersitz galt.

Prandelli war der vierte Trainer in der  Saison 2001/02 und sollte bis 2004 bei dem schlafenden Riesen bleiben (acht Titel von 1992 bis 2002), der, trotz zahlreicher Stareinkäufe Ende der 90er-Jahre, nach der Jahrtausendwende mit Abstiegsängsten zu kämpfen hatte. Unter Sportdirektor Arrigo Sacchi schafften sie es, ihre Kosten zu reduzieren und das Team dennoch in höhere Tabellengefilde zu führen.

Sie gehörten wieder zu den „sette sorelle“ (sieben Schwestern, die Topteams der 90er-Jahre in Italien) – doch der Einbruch und finanzielle Kollaps kam aufgrund des Parmalatskandals 2004. Der Schuldenabbau konnte nicht schnell genug in Einklang mit den sportlichen Zielen gebracht werden und Prandelli verließ das sinkende Schiff. Er wurde vom AS Rom eingestellt, die Beziehung sollte allerdings unter keinem glücklichen Stern stehen.

Der im Jahr 2001 diagnostizierte Brustkrebs bei seiner Frau verschlimmerte sich und Prandelli nahm sich eine Auszeit vom Fußball. Er kündigte seinen Vertrag und blieb in der Saison ohne Beschäftigung in der Fußballbranche. Ende November 2007 verstarb sie schließlich. Im Alter von 25 Jahren hatte er Manuela Caffi geheiratet, die er sieben Jahre zuvor in seiner Heimatstadt kennengelernt hatte. Sie schenkte ihm zwei Kinder, Carolina und Nicolò, welcher aktuell Fitnesstrainer beim FC Parma ist. Im Jahr 2010 fand er sein privates Glück bei Novella Bennini, der ehemaligen Lebensgefährtin eines bekannten italienischen Finanzmanagers, wieder.

Fiorentina unter Prandelli

Fiorentina unter Prandelli

Nach seiner Auszeit wurde Prandelli Trainer in Florenz. Die Saison 2004/05 beendeten sie mit einem Punkt vor dem Vorletzten aus Brescia punktegleich mit Bologna und Parma. Diese beiden Vereine mussten in die Relegation, während sich die Toskanen knapp retten konnten. Bereits in der ersten Saison unter Prandelli sollte sich allerdings alles verändern. Am Ende standen sie auf Platz vier und somit auf einem CL-Platz, wegen des Calciopoli-Skandals wurde sie jedoch auf den neunten Tabellenplatz herabgestuft.

Die folgende Saison begannen sie mit 15 Minuspunkten – dennoch konnten sie sich im oberen Drittel etablieren und wurden punktgleich hinter Palermo Sechster. Ohne die abgezogenen Punkte wären sie sogar auf Platz drei, zwei Punkte hinter Vizemeister AS Rom, gelandet. Diese hypothetischen 73 Punkte sollten die beste Saison unter Prandelli darstellen. Aber sie konnten sich in den nächsten zwei Jahren jeweils für einen CL-Platz qualifizieren und lediglich in der Saison 2009/10, Prandellis letzter, landeten sie wieder im Mittelfeld. In dieser Saison überholte er Fulvio Bernardini als den langjährigsten Trainer in der Klubgeschichte der Viola und schied nur knapp gegen den späteren CL-Finalisten Bayern München aus. Ein großes Handicap in der Saison war die Dopingsperre Adrian Mutus, des Schlüsselspielers in Prandellis System.

Der Kopf der Squadra Azzurra

Wenige Monate später wechselte Prandelli zum italienischen Verband und wurde Nationalcoach Italiens. Als Nachfolger des Weltmeisters Marcello Lippi stand ihm eine große Aufgabe bevor, die relativ schwach begann: mit einer 0:1-Niederlage gegen die Elfenbeinküste.

Unter seiner bisherigen Ägide gewannen die Hellblauen übrigens nur drei von zehn Freundschaftsspielen, fünf gingen verloren. Dies liegt hauptsächlich daran, dass den Spielern in solchen Situationen oft die Konzentration fehlt und Prandelli die Spiele zum Experimentieren nutzt. In der EM-Qualifikation hingegen überzeugten sie durchgehend, ebenso wie beim 2:0-Freundschaftsspielsieg gegen den amtierenden Welt- und Europameister Spanien. Pro Qualifikationsspiel schossen sie zwar nur elf Mal aufs Tor des Gegners (was den elften von vierzehn Plätzen aller qualifizierten Teams bedeutet), kassierten allerdings auch kaum Tore. Dies geschah aber keineswegs, weil Prandelli sich der klassischen italienischen Tugend des Defensivfußballs bedient hätte. Im Gegenteil: die Italiener ließen Ball und Gegner laufen, konzentrierten sich im Offensivbereich lieber auf qualitativ wertvolle Torversuche.

Und hinten ließen sie nichts anbrennen: nur 0,2 Gegentore pro Spiel sowie 26 Punkte aus zehn Spielen bedeuteten jeweils italienischen Rekord. Die Punktezahl wurde ohnehin nur von WM-Finalist Niederlande (27) und dem EM-Favoriten aus Deutschland (30) überboten. Doch die Änderungen Prandellis bezogen sich nicht nur auf das Geschehen auf dem Platz. In gewisser Weise führte er das ganzheitliche Führungsprinzip in die italienische Nationalmannschaft ein.

Seiner Meinung zufolge kommen Fans und Land an erster Stelle, weswegen er unbedingt deren angeknackste Beziehung zur Nationalmannschaft restaurieren wollte. Darum führte er einen „Ethikkodex“ ein, welchen jeder Spieler einhalten musste. Dieser sieht unter anderem vorbildliches Verhalten auf und neben dem Platz vor. Sogar auf Klubebene sind die Spieler nicht vor Prandellis Augen geschützt. Dies mussten bereits Daniele de Rossi und Mario Balotelli spüren, als sie wegen Verfehlungen in ihren Vereinen nicht zur Nationalmannschaft berufen wurden. Simone Farina, ein weitgehend unbekannter Außenverteidiger aus der Serie B, durfte hingegen aufgrund vorbildlichen Verhaltens drei Tage bei der Nationalmannschaft mittrainieren. Er war Hauptankläger, Zeuge und einer der Bestechungsverweigerer bei einem neuerlichen Skandal der italienischen Liga im Jahre 2011.

Vor der Europameisterschaft werden die Italiener weiterhin ihre positive Image-Kampagne betreiben. Sie besuchen geschlossen das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz und sehen sich dabei als Vertreter des teilweise noch immer stark rechts geprägten Italiens. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Marcelo Lippi, welcher Balotelli angeblich wegen dessen Hautfarbe keine Chance bieten wollte, positioniert sich Prandelli klar gegen jegliche Formen des Rassismus.

Auch gegen Homophobie äußerte er sich bereits in Interviews. Allerdings ist er nicht nur der nette Gentleman aus dem Fernsehen, der Trainer der Squadra kann auch anders. So kritisierte er die italienische Politik aufgrund fadenscheiniger Versprechungen und ihren mangelnden Investitionen in den italienischen Fußball beziehungsweise seiner Infrastruktur in Form moderner Stadien und bespielbarer Plätze. Er legte sich ebenfalls mit der gesamten Liga an, als er einen Kurzlehrgang für die Nationalmannschaft im April einforderte – und ihn nach längerer Diskussion auch bekam. Wichtig für ihn war die Festigung der neuen italienischen Spielphilosophie.

Der Erneuerer

Laut eigener Aussage orientiert er sich am Spiel des FC Barcelona. Kurzpassspiel, Dominanz und ein offensivgeprägter Spielstil dienen aber nicht nur dem Eigennutz. Vielmehr gehört es zu dem ganzheitlichen Prinzip, mit welchem er die Fans wieder zur Nationalmannschaft „zurückholen“ will. Deswegen sucht er auch den schmalen Pfad zwischen Selbstbewusstsein („Natürlich können wir Europameister werden, ich halte uns für gut genug“) und Zugeständnissen an die Konkurrenz, seien es vermeintliche Fußballzwerge wie Slowenien und Kroatien, die er lobt und stark redet, oder der große Gegner aus Deutschland, welchen er als EM-Favoriten sieht.

Gleichzeitig fordert er eine verstärkte Jugendarbeit, da in seinen Augen die Mannschaften zu sehr auf Legionäre setzen, die talentierten Jungspielern aus der Heimat die Zukunft verbauen. Hier sieht er weitere positive Impulse aus Deutschland. Dort agieren die Vereine „weniger vorschnell und geben mehr Zeit, welche jeder für seine Entwicklung benötigt“. Hierbei verlangt er eine wissenschaftliche Vorgehensweise – welche nun dank Arrigo Sacchi als Kopf der Jugendförderung beginnt. Für ein umfassenderes Scouting, Regelveränderungen in den Spielen der Jugendmannschaften sowie modernere Spielsysteme soll er intern bereits Wort eingelegt haben.

Anders als manche Trainerkollegen in Italien praktiziert Prandelli mit seinen Mannschaften eine Viererkette. Bereits in den Neunzigern bei Hellas Verona ließ er vorzugsweise im 4-4-2 spielen, wobei er teilweise mit einer Dreierkette und einem 4-5-1 experimentierte. Beim AC Parma spielte er zu Beginn sogar in einem 4-3-3, stellte dies dann auf das einfachere 4-4-2 um. In der zweiten Saison (2003/04) wurde schließlich das 4-2-3-1 zum Standardsystem, welches sich heute im gesamten modernen Fußball als die primär genutzte Formation etabliert hat.

Seiner Flexibilität tat dies keinen Abbruch, beim AC Florenz erreichte sie sogar ihren vorläufigen Höhepunkt. In 190 Serie-A-Partien nutzte er bei einem Drittel der Partien ein 4-2-3-1 oder ein 4-3-3, zu je einem Sechstel eine Tannenbaumformation, die Raute und die flache Vier, jeweils Varianten des 4-4-2. Die restlichen Systeme waren Experimente mit drei Stürmern oder einem stark aufgerückten Mittelfeld, ob mit einer Dreierkette hinter zwei Stürmern oder gar einer Viererkette hinter einem Mittelstürmer. Dies zeigt, wie flexibel der Trainer und Taktiker Prandelli ist. Nicht nur wegen seiner Vorreiterrolle beim 4-2-3-1 ist er in Italien als Wissenschaftler des Fußballs verschrien.

Es wird interessant sein zu sehen, welche Formation er für die anstehende Europameisterschaft wählt. Zurzeit präferiert er die Raute, wobei auch eine flache Vier und das 4-3-3 als Alternativen gelten. Allerdings dürfte die Zahlenkombination gar nicht so wichtig sein – entscheidend ist, dass die Null steht und trotzdem nach vorne gespielt wird.

Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen. Wir hoffen, dass wir uns seitdem sprachlich weiterentwickelt haben und unsere Artikel noch detaillierter und präziser sind, wenngleich ein SV-Autor nach eigener Einschätzung seinen Zenit bereits im Herbst 2011 erreicht haben soll…

Die Entwicklung der Italiener und natürlich auch Prandellis seit 2012 kann man in unserer aktuellen WM-Vorschau nachlesen. Neben einer kleinen Werbung für unsere WM-Vorschau wollten wir mit der Re-Publikation dieses Artikels auf unserer Seite aber auch einem unterschätzten Taktiker Tribut zollen. 

Jens Kellers Ende auf Schalke – Die rein sportlichen Gründe

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Nach unzähligen Aufs und Abs beantwortete der FC Schalke seine ewige Trainerfrage mit der Entlassung. Jens Kellers Fußball war auf Dauer nicht gut genug für die Bundesligaspitze. Ohne Ballbesitzspiel kein Topteam.

Jens Kellers anderthalb Jahre auf Schalke waren für viele ein Mysterium. Permanent wechselten sich schlechte und gute Ergebnisse ab. Was für viele ein Mysterium war, war zugleich eine bilderbuchhafte Vorführung für die Bedeutung taktischer Strukturen, die Wahl der strategischen Ausrichtung und die Synergie von Spielermaterial und System.

Kontermaschine durch individuelle Qualität

Vor dem 1:0

Wenn Schalke Konterräume bekam, lieferten sie auch Ergebnisse. Hier gegen Hoffenheim beim 4:0 im März.

Um die Achterbahn „Kellers Schalke“ zu begreifen, muss klar sein, dass die Königsblauen seit der Entlassung von Huub Stevens und dem Verkauf von Lewis Holtby eine absolute Kontermannschaft sind. Mit schnellen Dribblern wie Draxler und Farfan, aber auch Clemens, Obasi, Barnetta, Meyer oder neuerdings auch Sam und Choupo-Moting können sie stets über ihre individuelle Qualität große Räume effektiv ausnutzen, wenn ein Gegner weit aufrückt. Dazu kommt eine große Effizienz – auch in unsauber ausgespielten Angriffen – durch die Abschlussstärke von Huntelaar und die Distanzschussfähigkeiten diverser Spieler.

Zudem können sie sich in einer passiven, und eher tiefen Ausrichtung auf eine sehr stabile Strafraumverteidigung verlassen. Roman Neustädter kann meist die Räume vor der Viererkette kontrollieren, sodass viele Gegner nach außen gedrängt werden. Gegen Flügelangriffe brillieren vor allem Matip und Höwedes mit Konstanz und Lufthoheit. In der vergangenen Rückrunde wurden sie von Kolasinacs überragender Physis und dem taktischen Geschick Ayhans gut unterstützt. Neustädters Pressingresistenz und auch die Fähigkeiten von Boateng sorgten zudem dafür, dass sie sich auch in tieferer Stellung recht häufig aus dem gegnerischen Gegenpressing in Konter befreien konnten.

Inkonstanz – Die ewige Geschichte von kontern und gekontert werden

Diese Qualitäten klingen jetzt erst mal sehr positiv, doch bekannterweise bekommt eine Kontermannschaft Probleme, wenn der Gegner „nicht mitspielt“. Dadurch wird die eigene Effektivität abhängig von der Einstellung des Gegners und eine gewisse – vor allem offensive – Inkonstanz ist vorprogrammiert, wie auch Schalkes Lokalrivale vergangene Hinrunde erfahren musste. Gerade bei einer Spitzenmannschaft, die häufig auf passive, vorsichtige Gegner trifft, kann das problematisch werden.

Offensive A

Katastrophale Offensivstaffelung bei Jens Kellers erster schwerwiegender Niederlage gegen Greuther Fürth im Frühjahr 2013.

Noch problematischer wird das, wenn man sich als Favorit von seinem Anspruch mitreißen lässt und versucht, offensiver zu agieren, ohne dafür einen richtigen Plan zu haben. Genau diesen Fehler machten die Schalker immer wieder, vor allem im Anschluss an erfolgreiche Auftritte. Sie versuchten dann den nächsten Schritt, wollten den Sieg erzwingen, rückten zu weit und zu ungeschickt auf und wurden dann selber ausgekontert. Die Strukturen bei eigenem Ballbesitz waren immer wieder improvisiert, ziellos und dadurch instabil bis schlecht. Zudem entwickelte Schalke nie ein besonders gutes Gegenpressing, was als „bester Spielmacher der Welt“ das Risiko des Offensivspiels einschränken und zu erfolgsversprechenden Gegenkontern führen kann.

So wechselte immer wieder die strategische Herangehensweise – und damit die effektive Qualität – der Schalker. Dazu kamen die veränderten Voraussetzungen durch mehr oder weniger risikoreich spielende Gegner. Durch die große Diskrepanz zwischen Konter- und Ballbesitzstärke entwickelten sich scheinbar unnachvollziehbare Leistungsschwankungen, die auch zur permanenten Unruhe um den Verein beitrugen.

Diese Inkonstanz wurde in Kellers erstem Jahr noch durch die Personalie Jermaine Jones katalysiert. Der unbändige, aber häufig kopflose Athlet brachte bei seinen Einsätzen große Unordnung in die Organisation der Mannschaft. Besonders, wenn dazu noch Neustädter als balancierender Stratege fehlte, führte das zu chaotischen Vorstellungen der Mannschaft und katastrophalen Ergebnissen in Reihe. Mit der Doppelsechs Neustädter und Höger waren die Schalker hingegen enorm stabil organisiert und spielten meistens zu Null. Das war so extrem, dass die durchschnittliche Punkteausbeute je nach Besetzung zwischen „sicherer Abstiegskandidat“ und „sicherer Meister“ schwankte.

Stabilität und Flügelfokus als limitierter Ausweg

In der vergangenen Winterpause wurde Jermaine Jones dann nach Istanbul transferiert, was zu wesentlich stabileren Leistungen führte. Die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte resultierte außerdem aus einem konsequenteren Konterfokus, deutlichen Fortschritten in der Pressingintensität und einer simplen, recht stabilen Lösung für die Ballbesitzangriffe:

Schalke beim 2:0 über Hannover zu Beginn des Jahres.

Gegen tiefstehende Gegner fokussierten sich die Knappen nun noch stärker als zuvor auf Flügelangriffe und nutzten diese auch bewusster. Gegen die sehr eng verteidigenden Hannoveraner beispielsweise oder auch die manndeckenden Herthaner konnten sie durch straffe Flankenwechsel immer wieder ihre Individualisten einsetzen, ohne Ballverluste im Zentrum zu riskieren, was klare Siege brachte.

Dazu kam eine bewusstere Absicherung der Angriffe. Vor allem das Aufrücken der Außenverteidiger, was bisher oft zu radikal gespielt wurde und dem Gegner Konterräume öffnete, wurde justiert. Kolasinac agierte oft höher als Hoogland (oder Ayhan) auf rechts, der zuweilen sogar zur Absicherung oder Ballverteilung etwas ins Zentrum schob. Matip ging im Spielaufbau zuweilen in den geschaffenen Raum links. So entstand in der zonalen Orientierung eine lose Dreierreihe, die eine breitere Ballzirkulation ermöglichte und vor allem mehr Stabilität im defensiven Umschalten brachte. Außerdem agierte die Doppelsechs nun meist ungewöhnlich positionstreu; Boateng reduzierte seine Vorstöße nach vorne. Der zuverlässige und recht zurückhaltende Leon Goretzka spielte außerdem einen guten Part als balancierender Breitengeber auf dem rechten Flügel.

Schalke konnte nun also akzeptable Durchschlagskraft aus dem Spielaufbau erzeugen und wurde dabei kaum noch ausgekontert. Das flügellastige Offensivspiel war aber naturgemäß limitiert. Individuell klar unterlegene oder strategisch falsch eingestellte Gegner wurden zumeist besiegt und brachten viele Punkte. Gegen sehr disziplinierte Mannschaften reichte die simple Ausrichtung aber seltener und das unkreative Zentrumsspiel wurde zum größeren Problem.

Das orthodoxe Pressing stößt an seine Grenzen

Entstehung des 0:1 Aogo und Fuchs machen Subotics Passweg nach vorne zu - nur damit der Raum über den Umweg Großkreutz trotzdem angespielt wird. Sehr stark ist auch Reus' Interpretierung seiner Freirolle - erst bindet er Gegenspieler, dann geht er mit viel Tempo in die richtige Lücke in der Spitze.

Gruppentaktische Probleme bei einem guten Dortmunder Flügelangriffe vor dem 0:1 Treffer bei der Derby-Niederlage vergangene Hinrunde.

Auch das Spiel gegen den Ball war weitestgehend funktional, aber auf höchstem Niveau zu simpel.Dabei folgte Jens Keller im wesentlichen dem Standard der Bundesliga. Schalke formierte sich meist im Mittelfeldpressing. Zehner und Stürmer positionierten sich leicht versetzt nebeneinander vor dem Mittelfeld und versperrten das Zentrum. Manchmal rückten sie aus dieser Grundpositionierung situativ weiter auf. Ansonsten: Gegner nach außen leiten, verschieben, Versuch von Balleroberungen am Flügel, alles meist in durchschnittlicher Intensität. Mit Neustädter als „Raumlenker“ und Boateng als außergewöhnlichem Zweikämpfer funktionierte das überdurchschnittlich gut und brachte in den meisten Partien eine sehr ordentliche Stabilität. Besonders zu Beginn der Rückrunde gab es auch einige Spiele, wo das Pressing etwas intensiviert wurde und das Aufrücken ins Angriffspressing häufiger war. Taktisch komplexer wurde es aber nicht.

Gegen Topteams wie Bayern oder Real reichte das aber nicht. Bei gutem Ballbesitzspiel und individuell überlegenen Akteuren genügten die unspektakulären Linienmechanismen nicht mehr. Dann zeigte sich die kaum ausgeprägte Abstimmung im gruppentaktischen Verhalten. Gezielte Überladungen im Zentrum konnten nicht abgeschirmt werden, Dribblings wurden nicht sauber genug gedoppelt, Schalke konnte nur hinterherlaufen oder sich immer passiver und tiefer stellen. Präsenz und Zugriff gab es in solchen Partien nie. Daher hatten die Knappen nicht die Möglichkeiten in diesen Spielen über sich hinauszuwachsen, wie das das andere Umschaltmannschaften können, die ein außergewöhnlicheres Pressing spielen (Dortmund und Atletico Madrid als Musterbeispiele, auf niedrigerem Niveau beispielsweise RB Salzburg, Freiburg oder Mainz).

In der Summe erreichte Jens Keller zwei Mal das wesentliche Ziel Champions-League-Qualifikation, doch kam in keinem Wettbewerb über die Mindestvorgabe hinaus. Wie man das bewerten mag, hängt davon ab, wie stark man die Mannschaft und die Leistungen der direkten Konkurrenz bewertet. Langfristig gesehen ist der entscheidendere Punkt aber ohnehin die Art und Weise wie die Ergebnisse erreicht wurden. Die Schalker Mannschaft war zu keinem Zeitpunkt aus taktischer Hinsicht außergewöhnlich gut. Weder im Spiel gegen den Ball, noch beim Spiel mit dem Ball zeigten sich richtig gute Elemente, die auf Sicht eine Weiterentwicklung zu einer echten Spitzenmannschaft angedeutet hätten. Das lag nicht daran, dass es nicht versucht wurde.

Ständiges Scheitern am Ballbesitzspiel – trotz Potential

So gab es auch in der laufenden Saison erneut Versuche, sich als offensive Mannschaft zu profilieren, schon in der Vorbereitung war das zu erahnen. Die Neuzugänge passten theoretisch dazu: Choupo-Moting und Sam können vor allem mit ihren individualtaktischen Fähigkeiten viel Gefahr gegen passive Abwehrreihen verursachen. Besonders ersterer hat auch ein wesentlich stärkeres Bewegungsspiel als beispielsweise Draxler oder Farfan.

  • Problemzone 1: Bewegungsspiel im Angriffsdrittel

Diese Bewegungen lösten ansatzweise eins der größten Schalker Probleme: Das Bewegungsspiel in der Offensive und vor allem der Flügelspieler. Mit Draxler und Farfan sind die Stammkräfte auf diesen Positionen Spieler, die den Ball gerne in äußeren Freiräumen fordern und dann loslegen. Dadurch wird der Zehner im Zentrum allerdings alleingelassen und auch die gegnerische. Zudem ist das Verschiebeverhalten in der Bundesliga mittlerweile breitflächig so gut und diszipliniert, dass derartig vorhersehbare Dribblings nur noch selten effektiv funktionieren und daher kaum mehr zeitgemäß sind.

In wenigen Spielen der vergangenen Rückrunde und nun zur neuen Saison bewegten sich Schalkes Flügel vermehrt durch das Zentrum. Letzte Saison war das dann meist Draxler, der sich ja ohnehin eher als Zehner sieht. Das funktionierte vereinzelt, doch offenbarte auch seine typischen taktischen Schwächen. Choupo-Moting brachte in dieser Hinsicht mehr Qualität. Er erhöhte nicht nur die Präsenz in den Halbräumen, sondern zeigte auch gute Anschlussläufe in die Spitze; etwas, das den Königsblauen sonst häufig abging.

Die gelegentlichen Fortschritte in dieser Hinsicht konnten aber kaum effektiv genutzt werden. Zum einen passte die Abstimmung oft nicht und zum anderen gab es ein weiteres, bedeutend schwerwiegenderes Problem: Die Verbindung in diese Zone.

  • Problemzone 2: Verbindungen im Zentrum
Neustädter

Schalke ohne defensives Mittelfeld am 2. Spieltag vergangener Saison.

Obwohl die Schalker in den ersten beiden Linien oft eine solide Ballzirkulation aufbauen konnten, gelang es ihnen auch bei großen Ballbesitzanteilen nicht, auf dieser Basis konstruktiv in die Offensive vorzudringen. In vielen Partien klafften vor dem offensiven Mittelfeld riesige Lücken und der Kontakt zwischen den zentralen Spielern ging oft verloren; die Probleme bestanden also zwischen als auch innerhalb der Zonen.

Teilweise hatte das individuelle Gründe (Bewegungen von Jones oder Boateng), oft resultierte es auch umgekehrt aus den eben erläuterten Präsenzmängeln im offensiven Zentrum, wegen derer die Abstände im Zentrum zu groß wurden und keine Überzahlbildung möglich war. Vor allem fehlte der Mannschaft aber der strategische Sinn für das Spiel in der Mitte. Die Verbindungen untereinander wurden nicht gesucht, der Ball wurde nicht gezielt in dieser Zone zirkuliert, die weitere Angriffsstruktur wurde nicht darauf vorbereitet. Dadurch gelang es Schalke fast nie, bei eigenem Ballbesitz wirklich das Spiel zu dominieren. Meist spielten sie nur außen um den Gegner herum, passiv und wenig zielgerichtet.

Typischer Schalker Spielaufbau in der ersten Halbzeit

16. Spieltag, ganz andere Besetzung, der gleiche Mist.

Diese Problematik war vor allem deshalb so prekär, weil Schalke keinen Spielmacher hat, der die Verbindung im Alleingang übernimmt. Boateng hat die Technik und Physis, um bei Vorstößen Gefahr zu verursachen, doch ist im Passspiel etwas inkonstant und hat sowohl in der Positionierung als auch der Entscheidungsfindung erhebliche strategische Mängel. Neustädter wird hinsichtlich seiner Technik und seines Passspiels zwar permanent unterschätzt, doch das liegt eben auch daran, dass ihm die Weiträumigkeit und Dominanz eines echten Spielmachers abgeht. Er ist der optimale Spieler um neben einem solchen zu agieren. Ähnliches gilt für die Innenverteidiger, die zwar technisch gut sind, aber nicht im Stile eines Hummels oder Pique die Bälle notfalls direkt ins offensive Mittelfeld feuern. Der Spielaufbau muss bei Schalke also eher kleinräumig, gruppentaktisch und kollektiv erfolgen und genau das wurde nie fokussiert. Stattdessen wurde ein paar Mal versucht, Dennis Aogo als Spielmacher zu etablieren, der zwar für einen Linksverteidiger sehr passstark ist, aber kein antreibender Stratege, der das Aufbauspiel alleine stemmt.

Diesen Vorwurf muss sich Jens Keller auch deshalb gefallen lassen, weil die Mannschaft so viel spielerisches Potential hergibt. Die strategischen Fähigkeiten von Neustädter oder Ayhan liefen zu häufig ins Leere. Boateng konnte seine Vorstöße selten einbringen. Vor allem wurde Max Meyers Kreativität verpulvert. Der hochtalentierte Zehner ist ein irre starker Nadelspieler, der sehr zuverlässig enge Situation auflöst und anschließend die Verbindungen für Kombinationen herstellt. Durch die fehlende Besetzung der zentralen Räume und der schwachen Anbindung in den Zehnerraum konnte er diese Qualität fast nie ausspielen; weder gab es entsprechende Engen, noch Kombinationspartner. Stattdessen musste er großräumig zwischen den Flügeln umher pendeln, um ab und zu mal Gegenspieler zu binden und die Flügelangriffe dadurch zu unterstützen. Das erledigte Meyer zwar gut, aber fraglos kann er viel, viel mehr.

Gisdol legt den Finger in die Wunde

Hoffenheim 2-1 Schalke

Schalkes letztes Spiel unter Jens Keller – Formationen bei Schalke Ballbesitz.

Diese permanenten Probleme beim Spiel im Zentrum wurden zum Abschluss der Amtszeit Keller von einem ehemaligen Schalker gnadenlos aufgedeckt. Markus Gisdol ließ gegen die Königsblauen ungewöhnlich breit verteidigen, lockte sie auf diese Weise nach vorne und ins Zentrum, um dann schnell durch die zahlreichen zentralen Lücken zu kontern.

Dafür wurde vor allem der Raum zwischen Rechtsaußen Volland und dem rechten Sechser Schwegler geöffnet. Firmino verteidigte als Zehner häufig vor dieser Zone und ließ sich bei Bedarf zurückfallen. Szalai arbeitete leitend in der Spitze, lief die Innenverteidiger immer wieder seitlich an und verhinderte eine ermüdende Ballzirkulation in der ersten Linie. So wurde das Spiel ins defensive Mittelfeld gelockt, wo Aogo und Höger recht passiv empfangen wurden. Polanski rückte immer wieder weit heraus, um seinen Deckungsschatten zu vergrößern. So wurden den Schalker Sechsern trotz großer Räume die Anspielmöglichkeiten geraubt. Beide Hoffenheimer Tore fielen dann nach Verlegenheitspässen von Höger auf den linken Flügel. Nach der Balleroberung konnte Hoffenheim dann sehr effizient über das Duo Firmino und Volland kontern.

So scheiterte Kellers Mannschaft erneut in einem Spiel, bei dem sie versuchte zu dominieren. Nicht wegen der Chancenverwertung – sie hatten weniger Schüsse -, nicht weil sich der Gegner hinten reinstellte und Glück hatte, sondern einfach, weil es nicht gelang zu dominieren. Weil man in dieser strategischen Konstellation die schlechtere, die unterlegene Mannschaft war. Und zwar nicht aufgrund des Spielermaterials.

Der Ballverlust vor Hoffenheims Führungstreffer: Niemand unterstützt Höger im Zentrum, etwaige kurze Passwege werden nicht besetzt. Höger versucht seine Isolation mit einer ungeduldigen Verlagerung zu lösen, Volland fängt den Ball ab und Hoffenheim kann durch große Räume kontern.

Der Ballverlust vor Hoffenheims Führungstreffer: Niemand unterstützt Höger im Zentrum, etwaige kurze Passwege werden nicht besetzt. Höger versucht seine Isolation mit einer ungeduldigen Verlagerung zu lösen, Volland fängt den Ball ab und Hoffenheim kann durch die großen Freiräume kontern.

Jens Keller und der virtuelle Druck der Medien

Ein sehr spannender Mechanismus, der einer meiner Hauptbeweggründe für diesen Artikel ist, war die öffentliche Reaktion auf die ständig wechselnden Ergebnisse auf Schalke: Trotz aller taktischen Probleme wurde bis zuletzt hauptsächlich über die Unruhe auf Schalke und Jens Kellers Standing bei den Medien diskutiert, anstatt sich mit der sportlichen Situation der Mannschaft zu beschäftigen. Permanent wurde das Problem skizziert, dass Keller nach Misserfolgen unter sofortigem medialem Druck stand und sich mit einer möglichen Entlassung konfrontiert sah; seltsamerweise wurde dieses Problem auch innerhalb der Medien ständig als eines der Hauptprobleme skizziert, während die gleichen Medien eben diese Debatten schürten. Irgendwann waren sich dann gefühlt alle einig, dass Keller zu viel kritisiert wird. Fragt sich nur: von wem denn dann eigentlich?

Erst kritisieren und dann will’s wieder keiner gewesen sein. Es ist ein häufiger Mechanismus, dass die öffentliche Diskussion, auch als „Unruhe“ bezeichnet, zu einem Grund für die sportlichen Probleme einer Mannschaft herangezogen wird. Dabei führen doch die sportlichen Probleme erst zu eben diesen Diskussionen. Das ist keine Frage wie mit dem Huhn und dem Ei. Jedem mit einem Hauch analytischen Menschenverstandes müsste klar sein, wie die Kausalität in diesem Fall funktioniert. Du spielst scheiße, du wirst dafür kritisiert. Nicht umgekehrt.

Die Fernsehsender trainieren nicht die Mannschaft, sie tun nur gerne so, als ob. Zuletzt wurde Keller dann sogar häufig als „Stehaufmännchen“ stilisiert, der sich immer wieder erfolgreich aus schwierigen Situationen befreit. Es ist aber überhaupt kein Qualitätsmerkmal eines Trainers, wenn das ständig notwendig ist. Das ist eine coole, unterhaltsame Story, die sich gut vermitteln lässt. Mit Fußball hat sie aber wenig zu tun.

Di Matteo im Olymp des Pragmatenfußballs

Kellers Amtszeit beim FC Schalke 04 ist letztendlich ein Mahnmal für den guten Fußball. Dafür, Trainer nach den Fortschritten ihrer Mannschaft, nach ihren Ideen und ihrem Stil zu beurteilen und die erreichten Ergebnisse in diesen Kontext zu setzen. Positive wie negative Ergebnisse können immer die Folge kurzfristig passender bzw. unpassender Einzelfaktoren sein oder das Resultat einer langfristigen Entwicklung. Letzteres gibt Aufschluss über zukünftige Ergebnisse, ersteres kaum bis gar nicht. Und es zeigte sich auch erneut, dass orthodoxer Pragmatismus sich zwar gelegentlich dafür eignen mag, Katastrophen zu verhindern, aber langfristig keine substantielle Weiterentwicklung bringt.

Das permanente „vor-sich-hin-kriseln“ mit unregelmäßigen Erfolgserlebnissen, das Schalke in den letzten Jahren prägte, ist das Resultat davon, dass der Fokus bei vielen Entscheidungen auf Pragmatismus und kurzfristigem Erfolg liegt. Die erfolgreichen Phasen unter Mirko Slomka oder Felix Magath waren die Folge von physischem Fußball mit Fokus auf Standardsituationen, Kontern und Flügelspiel. Prägend waren Akteure wie Jones, Farfan und Kuranyi. Selten waren wirklich das Zusammenspiel, die Synergien innerhalb der Mannschaft entscheidend. Magath scheiterte an der Weiterentwicklung zu einem kreativeren Rautensystem mit Technikern wie Jurado und Raul; er war noch nie ein Trainer, der langfristig arbeitet.

Der nächste Schalker Kreisel scheint auf dem Papier möglich, aber praktisch in weiter, weiter Ferne. Zur Zeit steht Königsblau aus sportlicher Sicht für irgendetwas zwischen solidem Standard und inkonstantem Individualismus. Schalker Fußball ist keine Marke. Das Markenzeichen sind höchstens einzelne auffällige Spieler, meist Individualisten, die ab und zu glänzen aber kein Gesamtbild prägen. Gerade bei einem so außergewöhnlich emotionalem Klub mit so hervorragender Nachwuchsarbeit ist diese ziellose Normalität eine immense Verschwendung von fußballerischem Potential. Die Aufgabe für Roberto Di Matteo müsste nun lauten, diese Potentiale auszunutzen und einen Fußball mit Wiedererkennungswert zu installieren, der langfristig auch große Erfolge ermöglicht. Ob er dafür der richtige Mann ist, ist schwer zu beurteilen. Schauen wir uns einfach den Fußball an.

Trainerporträt: Jupp Heynckes

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Als Weihnachtsgeschenk posten wir einen verjährten Ballnah-Artikel von vor fast zwei Jahren: Ein Trainerporträt zu Jupp Heynckes.

Ein leichtes Zögern und dann ein skeptisches Herabsetzen des Glases, falls eine solche Skepsis denn möglich ist. Es sollte die Frage aller Fragen folgen: „Du hältst Jupp Heynckes wirklich für einen der besten Trainer?“

Tue ich das? Ich weiß es nicht. Schon oft hatte ich mit meinem Lieblingsgesprächspartner über Heynckes geredet. Er ist ein ehemaliger Bayernsympathisant, in einer anderen Altersklasse und mit fast schon konträrem Background. Einst hatte er im Fußball zu tun gehabt, allerdings schon etwas her – einer jener Fußballbesessenen, die sich lieber in die guten alten Zeiten zurückversetzen und nur die Spiele Barcelonas nicht verpassen.

Vor zwei Jahren kam Jupp Heynckes zum FC Bayern.  „Was wollen denn die mit dem? Die Mischung aus Jürgen Klinsmanns Inkompetenz und Van Gaals Sturheit. Typische Freunderlwirtschaft. Unter Beckenbauers Ägide wäre das nicht passiert.“

Die Tiraden gingen weiter. Die große Frankfurter Mannschaft habe Osram ruiniert! Schalke und Gladbach waren ebenfalls dem Untergang geweiht, als er mit seiner Möchtegernfuchtel irgendwelche abgelaufenen taktischen Konzepte installieren wollte. Heynckes sei keine Plattform für Starspieler, sondern ein Unterdrücker. Einer, der in den 80ern von Wissen profitiert habe, das heute zur Norm gehöre – und die Sprache der Spieler spreche er ohnehin nicht. Ob er das nicht mehr tue oder noch nie getan habe, traute ich nicht zu erfragen.

Ich persönlich dachte nämlich damals schon anders; immerhin hatte ich mich bereits nach seiner Interimszeit beim FC Bayern durch zahllose Medienberichte gelesen. Und ich vermutete, wieso mein Gesprächspartner diese Meinung vertrat.

Niemand kann Jupp Heynckes richtig einschätzen. Passend dazu war der Grundtenor der Medien, als Heynckes zum FC Bayern kam. Nach Louis Van Gaal, so führten mehrere Zeitungen aus, wollten die Bayern schlicht einen „Kumpeltyp“, einen „Freund der Spieler“ und einen „Freund des Vorstands“, der sich eher durch die Kontrolle des eigenen Kaders als des gegnerischen Spiels hervortut.

Kurzum: Man wolle lieber zurück zu einem Motivator à la Udo Lattek – kein verschrobenen Genie, kein Taktikverrückter wie Van Gaal. Dabei galt auch Jupp Heynckes als solcher. Oder nicht?

Vom Weltklassefußballer zum Trainernovizen

Deutschland vs UdSSR 1972

1979 wurde Jupp Heynckes nach einer sehr erfolgreichen Zeit als Spieler zum Trainer von Borussia Mönchengladbach. Heynckes war dabei Teil der großen 1972er-Mannschaft, die für viele als beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten in die Geschichte einging. In dieser historischen Mannschaft war der gelernte Mittelstürmer in einer Freirolle als Rechtsaußen aufgeboten. Immer wieder zog er in die Mitte, versuchte mit seiner Spielintelligenz und Athletik freie Räume zu finden und zum Abschluss zu kommen. Aus dem 4-3-3 wurde durch Heynckes ein extrem asymmetrisches 4-3-1-2.

Es sollte einer der wenigen Lichtblicke in seiner Nationalmannschaftskarriere sein. Zentral kam Heynckes auf seiner Idealposition nicht an Gerd Müller vorbei. Bei der WM 1974 spielte Heynckes auch nicht mehr als Außenstürmer – es hagelte Kritik an seiner Spielweise als Linksaußen der deutschen Nationalmannschaft. Heynckes war zu sehr Stürmer und zu sehr Athlet (statt Techniker), um über links Gefahr zu entfachen.

Letztlich stand Heynckes immer im Schatten der großen Spieler seiner Zeit. Dabei war er damals vielleicht der modernste aller Mittelstürmer. Immer wieder zog auf die Flügel, ließ sich intelligent fallen und war passabel im Kombinationsspiel, hervorragend in der Spielintelligenz und zugleich ungemein torgefährlich. 195 Tore für die Gladbacher Borussia und 25 für Hannover 96 in drei Jahren bedeuten Platz 3 in der ewigen Bestenliste der Bundesliga – nur hinter Klaus Fischer (268 Tore) und Gerd Müller (365 Tore).

Mit 51 Toren ist er auch der viertbeste Torschütze in den europäischen Wettbewerben. Seine Quote von 0,80 Toren pro Spiel wirdnur von Gerd Müller (0,89) überboten. Zweimal wurde er Torschützenkönig in der dt. Bundesliga (1974, 30 Tore; 1975, 27 Tore), zweimal im UEFA-Pokal (1973, 12 Tore; 1975, 10 Tore), einmal im Pokal der Pokalsieger (1974, 8 Tore) und einmal gar im Pokal der Landesmeister (1976, 6 Tore). 1978 beendete er seine Karriere standesgemäß mit fünf Toren beim 12:0 gegen den BVB.

Dennoch ist der Spieler Heynckes nur wenigen ein Begriff. Dass er ein moderner und hochintelligenter Stürmer war, ist ebenso in Vergessenheit geraten wie seine Errungenschaften als Trainer in den 80ern.

Ein Jahr nach seinem Karriereende übernahm Jupp Heynckes den Trainerposten bei den Fohlen. In seinem freien Jahr hatte er die Trainerlizenz erworben. Um seine theoretischen Kenntnisse zu erweitern, sollte er Latteks Co-Trainer bei Gladbach werden und ihn nach einer möglichst kurzen Lehrzeit (geplant war aber 1980) als Cheftrainer ablösen. Doch als Lattek von diesem Plan erfuhr, war er wenig begeistert. Im stillen Streit trennten sich die Wege von Lattek und der Borussia. Heynckes trat sein Amt also schon im Sommer 1979 an – und er sollte denkbar erfolgreich werden.  Nach einigen Achtungserfolgen zu jener Zeit galt der ehemalige Weltklassespieler als das Trainertalent des deutschen Fußballs.

Jupp Heynckes bei Borussia Mönchengladbach

Die jüngste Mannschaft der Liga erhielt den jüngsten Cheftrainer – bei seiner Ernennung war Heynckes nur 34 Jahre alt. Bereits drei Jahre zuvor hatte Heynckes gesagt, er wolle Trainer werden.

Seine Begründung:

„Weil ich sehe, welche Fehler Trainer heute begehen. Vor allem Zuwendung und viel Verständnis brauchen die Spieler. Technik und Taktik sind zweitrangig, wenn man gute Spieler zusammen hat“ (in der ZEIT, November 1976)

Und hier beginnen die Paradoxe. Fast 25 Jahre später gab es, einem allerdings angeblich fingierten Bericht zufolge, Gerüchte, dass Heynckes bei einer Trainerfortbildung beinahe in Psychologie durchgefallen sein soll. Auch in den 90ern gab es zahlreiche Beschwerden von Frankfurter Spielern an seinem Führungsstil. Auch Lothar Matthäus, der wohl erfolgreichste Jungspieler aus Heynckes´ Gladbacher Zeit, übte vor Heynckes´ Wechsel zu den Münchner Bayern herbe Kritik.

1979 wurde für Heynckes auch beileibe kein „Fußballlehrer“ wie einst Herberger oder Weisweiler als vermeintlicher Mentor geplant, sondern eben jener Udo Lattek – seines Zeichens ein berüchtigter Motivator und selbst ernannter Fußballpsychologe.

Seinen ersten Achtungserfolg feierte Heynckes mit seiner Mannschaft schon im November 1979. Mit 3:2 gewannen sie trotz eines zwischenzeitlichen 1:2-Rückstandes in Mailand gegen Inter im Europacup.

Als Inter Mailand 2:1 führte, schickte Heynckes Ersatzspieler Norbert Ringels auf den Platz und schrie: “Wir gewinnen das noch, die sind kaputt.” Ringels erzielte das 2:2. Nickel verwandelte einen Elfmeter zum 3:2-Sieg. – im  Spiegel vom 19. November 1979

Gladbach - Grundformation 1980

Frenetisch wurde der Sieg bejubelt. Trotz der glorreichen Vergangenheit in den 70ern galten die Fohlen als Ausbildungsverein. Fast jährlich mussten sie ihre besten Spieler verkaufen. Heynckes wurde bewusst als Trainer installiert, um mit seinem Image als ehemaliger Star des Vereins und als Fußballtheoretiker die Mannschaft Jahr für Jahr möglichst stark neu aufzustellen. Der teilweise noch kritisch beäugte Jungtrainer schwang sich zum Publikumsliebling auf, versuchte aber die Euphorie zu dämpfen.

Was damals keiner ahnen sollte: Einige Monate später im Finale des UEFA-Cups sollte es einen ähnlichen Verlauf wie gegen Inter geben. Der Titelverteidiger aus Mönchengladbach setzte sich im Folgenden nämlich auch gegen den französischen Rekordmeister AS Saint-Étienne und den VFB Stuttgart in einem rein-deutschen Halbfinale durch.

Kurzanalyse: Gladbach gegen Frankfurt 1980 im UEFA-Pokal-Finale

Im Hinspiel des Finals begannen die Gladbacher überzeugend. Sie spielten mit dem für damalige Verhältnisse keineswegs üblichen Pressing und einer intelligenten Raumdeckung. Sie verschoben zwar mannorientiert, aber feste Manndeckungen gab es nur auf Schlüsselpositionen.

Der titelverteidigende Außenseiter aus Gladbach begann druckvoll. Die Frankfurter konnten trotz individueller Überlegenheit eher wenig entgegensetzen. Zwar kamen sie immer wieder gefährlich nach vorne, doch viele Angriffe entstanden nach langen Bällen oder durch das sehr kreative Mittelfeld. Ob Ronald Borchers, Bernd Nickel oder Bernd Hölzenbein: Alle drei waren trotz gutem Doppeln enorm schwer vom Ball zu trennen.

Die Elf von Jupp Heynckes wirkte überaus modern. Die Abwehrkette spielte noch nicht in einem perfekten Linienspiel, war aber den Frankfurtern überlegen. In Ballbesitz ließen sie den Ball lange zirkulieren und nahmen sich im Aufbauspiel Zeit. Frankfurt wurde dadurch nach hinten gedrückt und erhielt kaum Zugriff auf den Gegner. Lange Bälle gab es bei den Fohlen selten, Befreiungsschläge ebenso wenig.

Stattdessen wirkten sie wie eine langsamere und individuell schwächere Version der heutigen Bayern. Die Außenverteidiger Ringels und Schäffer rückten gut getimt und situativ auf, übernahmen im Aufbauspiel viel Verantwortung. Kulik und Matthäus holten sich hinten die Bälle ab, Kulik war allerdings im Offensivgang deutlich gemäßigter. Einer der beiden kippte auch immer wieder gerne ab, wodurch quasi eine Fünferkette im Aufbau entstand, aus der immer wieder Vertikalsprints in offene Räume folgten.

Stand Frankfurt tief oder öffneten sich Räume in deren Formation, dann schoben Schäfer und Hannes nach vorne; fast im gleichen Moment ließ sich zumeist Kulik fallen oder die Außenverteidiger rückten ein, um die Stabilität zu wahren. Zusätzlich gab es vorne einige Positionswechsel von Ewald Lienen und Del Haye, wobei Letzterer der wohl auffälligste Spieler war. Er betätigte sich als Spielgestalter von der Seite, zog in die Mitte, überlud Räume und war ein klarer Aktivposten, während Mittelstürmer Nickel öfters in die Halbräume auswich und Körbel mit sich zog.

Die Positionswechsel der Frankfurter sorgten hingegen für keinerlei Probleme bei Gladbach. Die Raumdeckung funktionierte hervorragend, obgleich Heynckes nach der intensiven Anfangsphase das Pressing tiefer und passiver spielen ließ.

Besonders beeindruckend waren aber das Rückwärtspressing und die hohe Aggressivität im Mittelfeldpressing. Die erste Szene aus diesem Spiel war bezeichnend: Drei Leute pressen im Halbraum den Ballführenden, der den Ball ins Mittelfeld spielt und dort vom Gladbacher Mittelstürmer erfolgreich rückwärtsgepresst wird.

In der Offensive bot Gladbachs Matchplan ein auffälliges Merkmal: Mit einem extrem fluiden Aufbauspiel in der Mittelfeldzentrale überluden sie oft die rechte Seite.  Fast alle Angriffe fanden über diese Außenbahn statt, wobei sie von unterschiedlichen Spielern vorgetragen wurden.

Vermutlich wollten sie Frankfurts Schwachpunkt Horst Ehrmantraut gezielt attackieren, doch Charly Körbel zeigte eine hervorragende Leistung und konnte seinen Linksverteidiger sehr gut unterstützen. Ohnehin stand insbesondere die Mitte mit Pezzey, Körbel, Lorant und den drei polyvalenten und spielintelligenten Akteuren davor bei Frankfurt sehr sicher. Gladbach dominierte zwar im ersten und zweiten Spielfelddrittel, konnte aber kaum zum Abschluss kommen.

Zusätzlich hatte Frankfurt eine gute Rollenverteilung im Aufbauspiel. Lorant war als der wohl am wenigsten kreative Mittelfeldakteur fast durchgehend raumöffnend unterwegs. Hölzenbein ließ sich im Aufbauspiel immer fallen und zeigte sich mit Nickel überaus pressingresistent. Im weiteren Spielverlauf wurde die Elf von Friedel Rausch immer stärker, indem sie die Räume durch Borchers, den beweglichen Bum-Kun Cha und Hölzenbein überlud.

Ohnehin waren Überladungen das zentrale Thema. Beim Ausgleich war es Matthäus, der eine Überzahl nutzte und ins Dribbling ging. Nach einer von vielen Glanzparaden Pohls an diesem Abend war es Kulik, der außerhalb des Sechzehners beim Abpraller zur Stelle war und mit einem tollen Distanzschuss zum 1:1 traf.

Das 1:2 fiel schon fast auf symbolische Art und Weise. Borchers lief diagonal von links bis auf den rechten Flügel, ohne attackiert werden zu können. Eine Flanke auf den zweiten Pfosten wurde von Hölzenbein per Kopf verwertet. Auch das 0:1 wurde durch eine Flanke eingeleitet, aber aus dem Halbfeld. Allerdings fielen beide Tore eher entgegen dem Spielverlauf. Jeweils dominierten die Gladbacher das Spielgeschehen, mussten sich aber zurückkämpfen.

In der zweiten Halbzeit spielte Kulik noch offensiver, Heynckes blies seine Mannschaft wie gegen Inter nach vorne: Zuerst netzte Matthäus ein und danach erhöhte abermals Kulik, nun zum 3:2-Endstand. Generell wussten die Anpassungen Heynckes‘ zu gefallen.

Im Aufbauspiel rückten die Außenverteidiger oft von der Seite in die Halbräume, wenn der Ball ballfern war, um eine einfachere Anspielstationen bei der Ballzirkulation zu bieten. Nach der Halbzeit wurde Kulik nach vorne geschoben und half beim Überladen. Die Fluidität im Aufbauspiel und die Freirolle Del Hayes sorgten ebenfalls für Überzahlen und mehr Ballbesitz. Nach dem Rückstand agierte Gladbach weiterhin mit vielen kurzen Pässen, mehr Ballbesitz und mehr Chancen. Die einzige große Veränderung gab es im Pressing: Es wurde ein hohes und aggressives Angriffspressing praktiziert, was sich letztlich bezahlt machen sollte.

Die erfolglosen Fohlen als Symbol für eine typische Heynckes-Mannschaft?

Die 80er-Mannschaft war in vielen Aspekten bezeichnend für den Ruf, den Heynckes genoss, und den Fußball, den er in weiten Teilen seiner Trainerkarriere spielen ließ. Sie gewannen 1980 nach einer knappen 0:1-Niederlage im Rückspiel zwar keinen Pokal, doch sie galten dennoch als würdevolle Fortführung der großen Fohlen-Elf der 70er. Jupp Derwall nannte sie nach dem Sieg gegen Inter Mailand gar „Heynckes-Babes“ in Anspielung an die „Busby-Babes“ in England gut 15 Jahre zuvor.

Mit viel Ballbesitz, viel Bewegung und der jüngsten Mannschaft der Liga eroberten sie deutschlandweit die Fan-Herzen. Doch auch Kritik gab es – vorrangig von Kommentatoren. Sieht man sich mehrere Zusammenfassungen damaliger Spiele an, hört man oft Urteile wie „zu wenig Flanken“ oder „zu viel Klein-Klein“. Der Kommentator des Spiels gegen Magdeburg im Jahre 1981 sagte::

„Jetzt übertreiben es die Borussen mit diesem Klein-Klein-Spiel“

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Der gleiche Kommentator schwärmte aber auch phasenweise von den Borussen und beschrieb die Magdeburger Gastgeber als „nervös“ – bis diese aus einem Konter ein Tor erzielten, woraufhin er plötzlich die Gladbacher als „nervös“ bezeichnete. Auch in dieser Partie gab es ähnliche Aspekte wie in der obigen Analyse gegen Frankfurt. Magdeburg stand vor eigenem Stadion tief und überließ den Ballbesitz den Gladbachern, die den Ball zirkulieren ließen und letztlich an der Chancenverwertung bzw. dem letzten Pass scheiterten.

Besonders beeindruckend war dabei die Diagonalität der Außenverteidiger, die zum einzigen Treffer durch Ringels bei der 1:3-Niederlage führte. Heynckes selbst wurde nach der Partie aber für seine offensive Aufstellung kritisiert: Mit Veh, Rahn, Pinkall, Wuttke und Mill standen gleich fünf Stürmer oder nominelle „Zehner“ auf dem Platz, dazu gesellte sich noch Matthäus als vertikaler und offensiver Mittelfeldakteur.

Wirklichen Gegenwind gab es für Heynckes in seiner Gladbacher Amtszeit trotz Berg- und Talfahrt nie. Dies ist durchaus als große Leistung anzusehen. Zu jener Zeit scheiterten viele junge Trainer in der Bundesliga, ob Willi Weber oder Ivica Horvat. Eine Studie in den frühen 80ern wollte sogar beweisen, dass junge Trainer den Anforderungen nicht gewappnet waren:

„14 Bundesligatrainer, darunter nur ein Raucher, waren vor und während den Meisterschaftsspielen untersucht worden. (…) Im Spiel erreichten drei noch ziemlich unerfahrene Trainer Spitzenwerte von 156. Durchweg zeigten Trainerneulinge oder Sportlehrer, die dem Bundesligastreß noch keine zwei Jahre ausgesetzt waren, deutlich höhere Werte. (…) Als Gawliczek bei Hertha in Berlin Klimaschefski ablöste, stellte er erst einmal das System um. Statt Raumdeckung, die gewitzten Spielern Gelegenheit zu geringerer Laufarbeit gibt, ordnete er Manndeckung an.“ – im Spiegel, 15. Februar 1982

Im gleichen Artikel wurde Heynckes als die löbliche Ausnahme bezeichnet. Auch hier stellen sich die Fragen aus der Einleitung: Wer ist dieser Heynckes eigentlich? War er damals das Genie, der als einziger mit den erfahrenen Haudegen in einer rauen Bundesliga mitstreiten konnte? Oder doch nur einer, der in der heutigen Trainerlandschaft nicht auffallen würde, damals aber den Gawliczeks mit 08/15-Kniffen voraus war? Einer, der durch das Vertrauen der Gladbacher, deren Status als Dauer-Underdog und als ehemalige Vereinslegende seinen Platz sicher hatte?

„Ein Geheimtip: Borussia Mönchengladbach. Trainer Jupp Heynckes besitzt unter den jungen Trainern das größte Talent.“ – Der renommierte Fußballautor Jürgen Werner bei seinem „Meistertipp“, in der Ausgabe der ZEIT vom 20. August 1982

Die Zeitungen jener Zeit führten auf seinen intelligenten Umgang mit den Spielern zurück. Im Gegensatz zu seinen (mehr oder minder) gleichaltrigen Trainerkollegen war er autoritär und selbstbewusst in seiner Außendarstellung. Er kritisierte seine Spieler intern scharf und hatte wohl wegen der jungen Mannschaft auch eine größere Altersdistanz als seine anderen Kollegen.

Außerdem schloss er sich phasenweise dem Treiben in der Bundesliga an – in seiner eigenen Art, als bedachter, intelligenter und introvertierter Vertreter der Zunft. Mit Klaus Schlappner stritt er sich, mit Udo Lattek und auch mit den anderen Großen und Mächtigen der Bundesliga legte sich Heynckes an. 1984 machte er z.B. seinem Unmut über Uli Hoeneß‘ Transfergebahren in der Causa Matthäus über die Medien Luft. Wirkliche persönliche Angriffe gab es aber nie, diese wurden Trainern wie Udo Lattek überlassen.

Aus jener Zeit ist übrigens eine extrem wichtige Anekdote überliefert, um den Trainer und auch die Person Jupp Heynckes zu verstehen:

„Als Hoeneß davon Wind bekam, daß die Gladbacher ihre letzte Matthäus-Offerte von 374 000 Mark auf 474 000 Mark Jahresgarantie, Prämien extra, erhöht haben, tobte er: “Das ist unmoralisch. Das machen die nur, um die Ablöse hochzutreiben.”

Was am linken Niederrhein wirklich passiert war, ahnte Hoeneß nicht. Es wäre seinem Naturell auch zu fremd gewesen. Nicht der Verein hatte die 100 000 Mark draufgelegt, sondern Heynckes. 50 000 Mark hatte er sich von einer Firma besorgt, für die anderen 50 000 stand er selber gerade. –  Im Spiegel, 28. Mai 1984

Als Heynckes die Gladbacher übernahm, hatten sie unter Lattek zwar den UEFA-Pokal in der vorherigen Saison gewonnen, waren in der Bundesliga aber nur Zehnter geworden. Mit Heynckes selbst, Herbert Wimmer und Rainer Bonhof hatte es drei namhafte Abgänge gegeben. Im folgenden Sommer waren es Wolfgang Kleff, Horst Köppel und Allan Simonsen. Der Trend setzte sich fort, konnte aber durch blutjunge und oft treffende Transfers kompensiert werden.

Dennoch schaffte Heynckes in seiner Debütsaison den sechsten Platz und einen neuerlichen Einzug in den UEFA-Pokal. Den ersten und einzigen wirklichen Einbruch gab es in der dritten Saison, als man sich auf Platz 12 wiederfand, trotz positiver Tordifferenz und einigen sehr guten Leistungen. Im nächsten Jahr, der Saison 1983/84, folgte aber überraschend die beste Spielzeit in der Heynckes-Ära.

Punktgleich mit dem Meister VfB Stuttgart und Ernst Happels Hamburger SV wurde man Dritter. Hätte es damals die Drei-Punkte-Regel gegeben, wären „die Heynckes-Babes“ sogar hinter der Happel-Elf auf Platz Zwei gelandet. Für die Freunde des Konjunktives und unnützen Wissens: Hätte damals nicht die Tordifferenz, sondern der direkte Vergleich gegolten, wäre Heynckes gar das Meisterstück geglückt.

Diese große Gladbacher-Mannschaft – für viele Fans gar die Letzte in der Tradition der großen 70er-Elf – schaffte es in dieser Saison auch ins DFB-Pokalfinale.

Kurzanalyse: Das DFB-Pokalfinale 1984

Ins Auge sticht sofort, dass Heynckes zwar die 1-3-Rollenverteilung mit einem Libero als Abwehrchef nominell weiter betrieb, aber diese praktisch inexistent war. Bruns und Hannes befanden sich zumeist auf einer Linie, es gab einen funktionierenden Kettenmechanismus in der Viererabwehrkette und ein gutes Spiel auf Abseits.

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Frontzeck spielte dabei als sehr offensiver linker Außenverteidiger, Borowka auf rechts zeigte sich deutlich zurückhaltender. Diese Asymmetrie wurde aber durch die beiden Spieler im Mittelfeld auf den Halbpositionen ausgeglichen. Winni Schäfer hielt sich im Vorwärtsgang etwas zurück, während Matthäus in seinem letzten Spiel für die Gladbacher als box-to-box-Akteur seine Stärken entfalten konnte.

Vorne gab es ebenfalls eine Asymmetrie: Rahn zog immer wieder in die Mitte, Mill wich auf die Flügel aus und Lienen spielte als inverser Flügelstürmer auf der linken Außenbahn. Vom Pressing her hatte sich ebenfalls etwas im Vergleich zum 81er-Team verändert. Die Elf von Jupp Heynckes begann in einem tiefen Mittelfeldpressing, gleichzeitig schienen sie sich auch in der Raumdeckung noch eine Spur positionsorientierter und präziser zu verhalten.

Taktische Fortschritte waren also durchaus gegeben; auch eine eigene Variante des Gegenpressings wurde, wie schon 1981, praktiziert. Man versuchte den Gegner nach Ballverlusten zu stellen und ihn am Fortschreiten zu hindern. Zwar sieht dies anders aus als das kollektive und aggressive heutige „Massengegenpressing“ des FC Bayern und des BVB unter Jürgen Klopp, war von der Grundüberlegung her aber ähnlich. Die Gladbacher kamen auch trotz individueller Unterlegenheit zu einigen Torchancen, scheiterten danach am Elfmeterschießen.

Der Heynckes-Abgang und sein letzter großer Auftritt für die Gladbacher

In der Folgesaison dieser bitteren Niederlage wurden die Gladbacher Vierter. 1985/86 gab es sogar einige, die Heynckes‘ Zeit gekommen sahen:

„Hungrig auf den Titel sind mit Sicherheit die Mönchengladbacher. Die Mannschaft ist „dran“. Sie spielt, unter der Regie von Trainer Jupp Heynckes, nun schon seit Jahren den attraktivsten Angriffsfußball in der Bundesliga.“ – Gerhard Seehase, in der ZEIT vom 9. August 1985

Doch der Angriffsfußball sollte nicht belohnt werden. Unter Heynckes wurde man ein weiteres Mal Vierter und in dessen letzter Saison Dritter. Eine solche Platzierung sollte nach Heynckes‘ Abgang bis heute nicht mehr erreicht werden; nach zwei Platzierungen im einstelligen Bereich landete die Borussia  erstmals 1990 in der Nähe der Abstiegsränge (Platz 15).

In den letzten drei Jahren seiner Ägide gab es zwar noch zwei DFB-Pokal-Halbfinals, doch die größte Aufmerksamkeit dürfte in der Retrospektive wohl den Duellen gegen Real Madrid gelten. Im Dezember 1985 schied man spektakulär aus dem UEFA-Cup aus, obwohl die Fohlen mit einem 5:1-Erfolg aus dem Hinspiel ins Santiago Bernabeu gingen. Den Kantersieg am Bökelberg hatten sie sich durch ein herausragendes Bespielen der Schnittstellen und intelligente Flügelüberladungen gesichert. Uwe Rahn stieß immer wieder in offene Räume der überforderten Madrider, während die Königlichen gegen die Raumdeckung der Gladbacher kaum ein Mittel fanden. Es sollte ein Standard sein, der Real das wichtige Auswärtstor brachte, nachdem sie in der zweiten Halbzeit mustergültig ausgekontert worden waren.

Das Rückspiel selbst war ein unglaublich intensives Spiel. Heynckes warnte schon nach dem Hinspiel, man dürfe sich nicht zurücklehnen und das 5:1 sei kein ausreichendes Resultat – er sollte Recht behalten.

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Real zeigte sich extrem offensiv aufgestellt; drei nominelle Mittelstürmer, die sich immer wieder in den Zwischenlinienraum oder die Halbräume fallen ließen, wurden von zwei freien und stark einrückenden Kreativspielern auf den Außenstürmerpositionen flankiert. Diese unterstützten Gallego in der Mitte im Aufbauspiel  – insgesamt war es fast ein 4-1-5.

Gladbach reagierte darauf im Spielverlauf richtig, zog sich eng zusammen und stand sehr kompakt. Sie verschoben in ihrer Raumdeckung stark zum Ball. Zwischen dem 2:0 (Minute 12) und dem 3:0 (Minute 75) verging fast eine Stunde, in der sie Real den Wind zumindest teilweise aus den Segeln nahmen.

Letztlich wurden sie aber dennoch vorgeführt. Real war in der Arbeit gegen den Ball extrem aufmerksam und überaus aggressiv im Pressing, wodurch die überforderten Gladbacher kaum aus ihrer eigenen Hälfte kamen. Die Konter konnten nicht zu Ende gespielt werden und dennoch: Sie waren dem Weiterkommen nahe. Das 4:0 fiel in der 90. Minute; alle vier Gegentore fingen sich die jungen Gladbacher nach hohen Hereingaben in den Strafraum. Gladbach schied aus, Real gewann den UEFA-Pokal und Heynckes? Der ließ 2013 seine Bayern im Rückspiel beim FC Barcelona mit einem hohen statt einem tiefen Pressing spielen. Ob es an diesem Spiel lag?

Heynckes und die Bayern

Heynckes Ehrgeiz und Hunger nach Titeln trieb ihn 1987 aus Mönchengladbach zu den Münchnern, die in einer kleinen Krise steckten. Im Jahr zuvor überholten die Bayern den 1. FC Nürnberg als deutschen Rekordmeister und konnten drei Titel in Folge feiern. Mit Heynckes sollte die Modernisierung der Mannschaft vorangetrieben werden. Das Ziel war eine schleichende Veränderung der Mannschaft, die im Sommer zuvor den Landesmeister-Titel trotz einer 1:0-Führung gegen den FC Porto verpasst hatte.

Dieser schleichende Umbruch gestaltete sich zunächst schwierig. Ein Aspekt betraf – wie sollte es bei Spielverlagerung anders sein – die Taktik. Bayern spielte zu jener Zeit mit einem klaren Libero, ohne Linienspiel und ohne eingeübte Kettenmechanismen. Auch die Raumdeckung wurde nicht wirklich genutzt, Offensiv wiederum mussten sich nicht die Spieler, sondern Heynckes anpassen. Der Kader der Münchner verlangte hier eine pragmatischere Ausrichtung. Dadurch landeten die Bayern in der Debütsaison Heynckes‘ nur auf Platz Zwei.

„Wir haben, das ist ja bekannt, uns von Spielern getrennt, die in der vorigen Saison nicht mehr mitzogen und sie durch junge, noch hungrige Profis ersetzt. Ich versuche, eine Synthese zu finden aus erfolgreichem und attraktivem Spiel. Wobei hier in München der Erfolg absolute Priorität hat. Zu den Zeiten von Hennes Weisweiler ging es in Mönchengladbach vor allem darum, den Leuten schönen Fußball zu zeigen. Bei den Bayern zählt nur das nackte Ergebnis.“ – Jupp Heynckes im Spiegel, 5. Dezember 1988

Die deutlich größeren Probleme waren aber struktureller Natur.

Jupp Heynckes wollte sich wie schon in Gladbach auf die Jugend fokussieren. Der Unterschied zwischen dem FC Bayern und einer Mannschaft wie Borussia Mönchengladbach besteht aber darin, dass sich Jugendspieler unter unterschiedlichen Bedingungen entwickeln müssen.

Bei einem durchgehenden Titelaspiranten, der medial so stark im Fokus steht, werden die Leistungen von jungen und naturgemäß inkonstanten Spielern deutlich extremer dargestellt. Agiert ein Jungspieler auf hohem Niveau, so wird er automatisch zur Nachwuchshoffnung des gesamten Landes– spielt er schlecht, ist er eine Nulpe, die einer großen Mannschaft den Sieg gekostet hat.

So wurde Heynckes in seiner Bayernzeit dafür kritisiert, dass er Spieler wie Thomas Strunz oder Manni Bender einsetzte. Auch Transfers wie Alan McInally und Radmilo Mihajlovic, wurden kritisch beäugt. Heynckes hatte außerdem Probleme mit seinem Vorgänger Udo Lattek, der ihn über die Medien mehrmals verbal angriff.

Die „mind-games“, die Sir Alex Ferguson in der Premier League großmachte, gehörten in der Bundesliga damals zum Alltag. Lattek unterstellte Hoeneß öffentlich, dass er sich mit Heynckes bewusst einen „schwachen Trainer“ geholt habe, um die Zügel selbst in der Hand zu behalten. Medien von damals sahen die Verpflichtung von Heynckes ohnehin nur als Akt von Hoeneß, um Lattek eines auszuwischen.

Auch Christoph Daum äußerte sich extrem negativ über Jupp Heynckes, der seiner introvertierten und professionell-sachlichen Linie treu blieb, dafür aber Uli Hoeneß sprechen ließ. Die Diskussionen im Sportstudio sind bis heute legendär:

„Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Jupp Heynckes“ – Christoph Daum

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Meister wurde trotzdem der FC Bayern.

Dennoch gibt es etwas Wahres an diesen „mind-games“: Sie werden zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, wenn man daran glaubt. Und damals glaubten die Spieler noch in Massen an die Beeinflussung ihrer Trainer. In England z.B. ist dies bis heute der Fall. Es war auch kein Wunder, denn viele Erfolge von Trainern zu jener Zeit gingen mit medialen Rundumschlägen und einer markanten Persönlichkeit einher. Wie bei Ferguson wurde aus der Korrelation zwischen „mind-games“ und „Aufholjagden oder Titeln“ eine Kausalität, die sich als psychologischer Faktor in den Köpfen der Spieler, Vereinsfunktionäre und Medien festsetzte. Ein in der Retrospektive extrem lesenswerter Beitrag erschien dazu im Oktober 1987 im Spiegel.

Unabhängig davon, ob dies eher als Schwachsinn oder nicht anzusehen ist, erhöhte es für Jupp Heynckes in jener Zeit den Schwierigkeitsgrad seiner Trainertätigkeit. Hierbei muss auch aus fachlicher Sicht der zeitliche Kontext beachtet werden.

In jener Zeit gab es keine als allgemeingültig geltenden taktischen Aspekte wie Kettenmechanismen, das Linienspiel, die Kompaktheit oder das Pressing, welche heute von 90% aller Mannschaften gespielt werden. Es gab kaum Vorreiter von jungen Trainern, die sich über die fachliche Kompetenz, als ihre Ausstrahlung und Vita definierten.

Jeder einzelne Aspekt der Spielphilosophie – besonders eines jungen und titellosen Trainers beim FC Bayern – konnte damals in Frage gestellt werden. Jupp Heynckes war mit seiner Ausstrahlung, seiner Fähigkeitsverteilung und seinen zwar intelligenten, aber immer zurückhaltenden Äußerungen der Antipol zur Ära Udo Lattek. Seine einzigen größeren Reibereien hatte er mit dem FC Bayern selbst gehabt, als diese Matthäus wegschnappten, den er nun wieder trainierte.

Zu diesen Problemen kamen zwei weitere hinzu, die direkt den Kader betrafen. Einerseits waren die Spieler für eine Defensivspielweise wie von Heynckes gefordert körperlich zu schwach, andererseits gab es mentale Probleme innerhalb des Teams. Dieses deutlich größere Problem in jener Bayern-Mannschaft schildert Heynckes selbst am besten:

„Ehemalige Bayern-Spieler haben mich bei meinem Amtsantritt gewarnt, daß ich von meinem Vorgänger einen Sauhaufen übernehmen würde. So war es auch. Diese Cliquenwirtschaft innerhalb der Mannschaft, das Statusdenken der Stars, der Konkurrenzkampf der Münchner Boulevardzeitungen, der auf meine Kosten ausgetragen wurde – ich sage heute ganz ehrlich: So schwer hatte ich mir den Job nicht vorgestellt.“ – Jupp Heynckes im Spiegel, 5. Dezember 1988

Das beste Beispiel die vergiftete Mannschaftsatmosphäre: Einige Spieler forderten Nachtweih als Libero. Heynckes ging damit konform. Im Vergleich zu Klaus Augenthaler sollte dies eine spielstärkere und offensivere Ausrichtung ermöglichen. Nachtweih wurde dann als Libero testweise eingesetzt und sollte schrittweise Stammspieler werden.

Die fachlich vorgetragenen Bedenken der Münchner Spieler waren allerdings keine; ihnen ging es um eine Demontage Augenthalers, was letztlich scheiterte. Heynckes stand vor der Wahl zwischen einer individuell hochwertigen Mannschaft, der es aber an den Fähigkeiten für seine Spielweise und an Disziplin fehlte – er entscheid sich für seine Spielphilosophie.

Nach der ersten Saison wurden Lothar Matthäus, Andy Brehme, Jean-Marie Pfaff und Norbert Eder verkauft, die allesamt entweder innerhalb der Mannschaft negativ auffielen oder von ihrer Spielweise nicht zur neuen Spielphilosophie passten. Als Ersatz kamen fünf neue Spieler, allesamt jünger als 24 Jahre und bildeten das Grundgerüst einer neuen Mannschaft.

Der Libero als solcher wurde abgeschafft. Zuerst sollte Stefan Reuter als möglicher neuer „Libero in einer Linie “ aufgestellt werden, am Ende war es abermals Klaus Augenthaler, der spielte – allerdings als moderner Innenverteidiger, der in Ballbesitz das Spiel gestaltete und nach vorne schob, bei gegnerischem Ballverlust aber auf einer Linie mit seinem Partner agierte. Den Libero gab es zwar noch in der Rollenverteilung, aber nicht mehr in der Anordnung im Defensivspiel. Die Bayern spielten nun mit mehr Kurzpässen, weniger Individualismus und einem modernen Spielsystem: Mittelfeldpressing, Viererkette, Abseitsfalle. Kritik gab es trotz Erfolgen, wie dieses Interview zeigt:

„SPIEGEL: Es war gewiß keine, wie das italienische Fachblatt “Tuttosport” schwärmte, “märchenhafte Heldentat”, Ihr Team in München zu besiegen. Für den FC Bayern war Inter einfach eine Nummer zu groß, wie überhaupt der Respekt der Bundesligaklubs vor Ihrer Mannschaft ziemlich übertrieben wirkt. So gut ist die, im Vergleich mit Bremen, Stuttgart oder Köln, doch gar nicht besetzt.

HEYNCKES: Wir sind Herbstmeister, haben die meisten Tore geschossen und die wenigsten kassiert. Das reicht doch wohl.

SPIEGEL: Max Merkel meinte unlängst, bis auf Thon und Dorfner, “die noch nicht ausgereift sind, stehen in dieser Elf zu viele Durchschnitts-Fußballer”.

HEYNCKES: Unsere Vorzüge sind Moral, Disziplin, Wille und auch das fußballerische Können. Nur so ist das kräftezehrende Laufspiel zu praktizieren, mit dem wir den Gegner unter Druck setzen. Daß zum Beispiel Spieler wie Thon, Reuter oder Dorfner noch nicht ausgereift sind, wissen wir auch.“ – Ein Interview im Spiegel, 5. Dezember 1988

Im Gegensatz zu nahezu allen damaligen Trainern konzentrierte sich Heynckes auf die sekundären Aspekte eines Spielers. Nicht die reine Qualität war ausschlaggebend, sondern auf welche Art und Weise diese auf den Platz gebracht werden konnte.

In den Spielen sah man auch klar erkennbar die Viererkette im Mischsystem aus Raumdeckung mit einzelnen Manndeckungen und gegen tiefstehende Mannschaften gab es durchaus Ballbesitzfußball. Auch das fluide Aufbauspiel, die vielen aufrückenden Läufe und das „Vorderlaufen“ der Außenverteidiger war abermals sichtbar; unzweifelhafte Parallelen zu seiner Spielweise bei Borussia Mönchengladbach. Interessant ist auch, wie in dieser Saison mit Ausfällen umgegangen wurde.

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Gegen Inters asymmetrisches und defensiv ausgerichtetes 5-4-1 im Rückspiel ließ man Reuter die Halbräume und Mitte überladen, Nachtweih beackerte die Seite, gleichzeitig half Pflügler Ekström auf der linken Außenbahn. Dorfner und Thon bildeten eine offensivstarke Zentrale, die immer wieder von Augenthaler unterstützt wurde.

Im Hinspiel gegen Neapel spielte dann Reuter als Linksverteidiger und sollte Kögl unterstützen, während Hansi Flick Maradona in Manndeckung nahm. Die Abwehrkette war leicht asymmetrisch, um am besten gegen die gegnerischen Stürmer vorgehen zu können. Auch in Neapel kontrollierte man den Ballbesitz, verlor aber 2:0 – im Rückspiel ging sich mit offensiverer Besetzung nur ein 2:2 aus.

Dennoch waren die Bayern jener Zeit interessant. Reuter und Kögl waren unterschiedliche Flügelspielertypen, Reuter selbst ging immer wieder in die Mitte und galt als sehr athletischer, spielintelligenter und polyvalenter Akteur. Mit Flick, Eck, Dorfner und Co. konnte die Mitte variabel besetzt werden. Die Mannschaft selbst wirkte wie eine Mischung aus 4-3-3 und 4-4-2 mit einem Fokus auf Überladungen auf der linken Seite.

Dieses Grundgerüst wurde in der folgenden Saison noch verstärkt. Für Eck, Wegmann, Nachtweih und Ekström wurden Bender, Strunz, Schwabl, Mihajlovic, McInally und Kohler verpflichtet. Die Meisterschaft konnte mit acht Punkten Vorsprung gesichert werden. Heynckes arbeitete weiter an einer verbesserten Mannschaft, als man relativ sang- und klanglos in Europa ausschied. Mit Stefan Effenberg, Michael Sternkopf, Brian Laudrup und Christian Ziege kamen wieder vier talentierte und sehr junge Spieler (alle unter 21 Jahren), doch jetzt begann es in der Mannschaft zu brodeln.

Einige kritisierten den Jugendtrend und das Festhalten an einigen älteren Spielern; es gab keinen einzigen Spieler zwischen 28 und 31 Jahren, über 31 Jahren ohnehin nur zwei und einige der Spieler waren schlichtweg nicht gut / reif genug oder mussten erst in bestimmte Rollen hineinwachsen; Christian Ziege spielte mit nur 19 Jahren plötzlich als Libero, Stefan Effenberg drohte in der Kabine Trainer Heynckes gar Prügel an.

Letztlich gab es einen Einbruch in der Mannschaft, deren Ursachen nicht genau geklärt werden kann. Es war wohl eine Mischung aus mehreren Aspekten: Die individuelle Qualität wurde zugunsten eines taktischen Konzepts ein kleines Bisschen geopfert, während die jungen Spieler ihren Erwartungen nicht vollends gerecht werden konnten. Im Sommer 1991 wanderten Stefan Reuter und Jürgen Kohler nach Italien ab und Klaus Augenthaler beendete seine Karriere.

Auch Heynckes verlor, immerhin erst nach über vier Jahren bei den Bayern, langsam die Kontrolle über seine Mannschaft. Das ist allerdings ein wiederkehrendes Merkmal bei nahezu allen großen Trainern, die eine Mannschaft nicht groß gemacht haben, sondern zu einer großen Mannschaft kamen; ob Ernst Happel beim HSV, Ottmar Hitzfeld bei den Bayern oder gar Pep Guardiola in seiner letzten Saison und José Mourinho aktuell bei Real Madrid und einst bei Chelsea, sie alle mussten solchen minimalen, aber in der Summe signifikanten Verfallerscheinungen in unterschiedlichsten Aspekten Tribut zollen.

 „Wir haben das Talent Sternkopf gekauft, nicht den fertigen Spieler.“ – Heynckes gegenüber dem Spiegel, 27. Mai 1991

Dass es nicht nur an Heynckes gelegen haben kann, zeigen nicht nur seine zwei Meisterschaften zuvor, sondern auch die Leistungen der Mannschaft danach. Weder sein Nachfolger Sören Lerby, noch dessen Nachfolger nach nur fünfmonatiger Amtszeit, Erich Ribbeck, konnten den Bayern einen einstelligen Tabellenplatz bescheren. Die Ursache ist schnell und einfach zu erklären: Ein guter Trainer hatte mit einer passenden, aber ohne Stars spielenden Mannschaft Titel geholt, doch irgendwann verlor das System an Stabilität und die weniger kompetenten Nachfolger vermochten ebenso wenig an den Schrauben zu drehen.

Wohl auch darum bezeichnete Uli Hoeneß die Entlassung Heynckes‘ als seinen größten Fehler. Intern setzte er sich sogar dagegen ein, das endgültige Kommando zum Abschuss gab Fritz Scherer.

„Jupp Heynckes wäre Trainer geblieben, wenn das hier meine Firma wäre
 – Uli Hoeneß zu Heynckes Rauswurf

Die Entstehung von Don Jupp

Nach einem Jahr Pause heuerte Heynckes bei Athletic Club an, einem traditionsreichen baskischen Verein. Von Platz 14 führte er sie auf Platz 8 und in seiner zweiten Saison gar mit Platz 5 in den UEFA-Pokal. Schnell mauserte sich Heynckes zum Helden der Fans bei Athletic. Dazu muss man wissen: Der Stereotyp des entspannten, faulen und in sich selbst ruhenden Spaniers trifft auf die Basken nicht zu. Die Basken sind die Preußen Spaniens, wenn man so will. Hart und diszipliniert zu arbeiten wird auch im Fußball praktiziert. Zudem denken sie deutlich weitreichender, nachhaltiger und konzeptorientierter.

„Dem Bedürftigen zu geben, heißt nicht schenken, sondern säen.“ – Baskisches Sprichwort

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In diese Philosophie passte Heynckes perfekt. Heynckes arbeitete junge Talente ein und sah die baskische Mentalität, die Sprache und die spezifischen Eigenschaften des Vereins, insbesondere auf dem Transfermarkt, als einzigartige Herausforderungen. Immer wieder äußerte er sich zu seiner Arbeit als „Detailarbeit“, die ihm sehr gefalle: Junge Talente aus einem begrenzten Markt filtern, sie in die Mannschaft führen und gleichzeitig in einem realistischen Maß relativen Erfolg erreichen.

Zusätzlich wusste Heynckes genau, wie er Verein und Fans von Beginn auf seine Seite ziehen konnte. Er lernte Wortfetzen der schwierigen baskischen Sprache, befasste sich mit dem Verein und kannte schon bei seinem ersten Besuch alle wichtigen Funktionäre und Sponsoren mit ihren ganzen Namen. Dank dieser Einstellung wurde er zum Liebling der Massen. Man verglich ihn schon mit Johan Cruyff, der beim FC Barcelona viele Jahre zuvor ähnlich gearbeitet hatte, wenn auch in größerem Maßstab.

Ähnliches gab es auch in seiner Trainerstation bei Teneriffa ab 1995. Abermals war es ein kleiner Verein, den er auf Platz 15 übernahm. Doch die Erfolge waren sogar noch größer. Schon in der ersten Saison landeten sie auf Platz 5, vor Real Madrid. Heynckes baute sein Offensivspiel sehr effektiv um den Wandspieler Juan Antonio Pizzi.

Wie schon bei Athletic Bilbao wechselte Heynckes zwischen Mittelfeldpressing und hohem Abwehrpressing. Er stellte Pizzi je nach Spielsituation einen groß gewachsenen oder einen kleinen Partner zur Seite. Das 4-4-2 wurde manchmal wie ein 4-1-3-2 praktiziert, um im Umschaltspiel mehr offensive Durchschlagskraft zu haben.

Pizzi wechselte nach dieser erfolgreichen Saison. Teneriffa stand ohne ihren einzigen Star da – doch Heynckes passte sich an. Auch in der nächsten Saison kamen sie auf einen einstelligen Tabellenplatz und – noch wichtiger – verkauften sich international mehr als gut. Sensationell schaffte es Teneriffa bis ins Halbfinale des UEFA-Cups, wo sie in der Verlängerung gegen den späteren Sieger Schalke 04 ausschieden.

Auch in den Partien gegen die Gelsenkirchner überzeugten sie. Von Heynckes‘ ehemaligem Angriffsfußball waren nur noch Basisaspekte verblieben. Es gab nach wie vor ein intelligentes Aufbauspiel mit gutem Positionsspiel, doch der Fokus lag auf der Defensive und dem Umschalten.

Aus dem 4-4-2 erzeugten sie immer wieder 4-1-3-2-Stellungen und spielten bei gegnerischem Ballbesitz mit einer sehr engen Abwehrkette und einer breiteren Mittelfeldkette, um die gegnerischen Flügel abzusperren. Das Loch des 4-4-2 im Pressing wurde durch enorm intelligentes Herausrücken der zentralen Akteure kompensiert, die individuelle Unterlegenheit bei Gleichzahlsituationen bei Kontern wurde durch Gegenpressingansätze kaschiert.

Nach diesen sensationellen zwei Jahren bei Teneriffa heuerte er bei Real Madrid an. Ziel: Der Champions-League-Sieg.

Von Champions-League-Siegen und fragwürdigen Entlassungen

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Ein 40-Seiten-Dossier sollen die Analysten von Real Madrid über Teneriffa angefertigt haben. Das Ergebnis war die Verpflichtung von Jupp Heynckes. Es gab damals viel Lob an Teneriffa für ihren intelligenten und variablen Fußball – es sollte auch viel Lob für Real unter Jupp Heynckes geben, die aber den Ligatitel bereits früh verloren. Louis Van Gaals Barcelona hatte den besten Saisonstart in der Vereinsgeschichte hingelegt, während Real mit Heynckes und dessen taktischen Veränderungen erst noch warm werden musste. Bereits im November 1997 wurde der Clásico zwischen den beiden Teams zum Duell hochstilisiert, das die Meisterschaft entscheiden würde – und Heynckes´ Madrilenen verloren. In einem ausgeglichenen Spiel im Santiago Bernabeu konnte sich Barcelona knapp mit 2:3 durchsetzen.

Über die gesamte Meisterschaft hinweg gab es Probleme in der Mannschaft. Sie war zu unkonstant, Heynckes galt als zu autoritär und Spieler wie Davor Suker oder Predrag Mijatovic als natürliche Feinde jedes Konzepttrainers. Umso größer ist wohl die Leistung Heynckes´ in der Champions League zu gewichten, wo sie das Endspiel gegen Juventus erreichten.

Kurzanalyse: Das Champions-League-Finale 1998

Die Italiener begannen in einem 4-3-1-2 statt in einem 4-4-2. Oft wird die Aufstellung dieses großen Juventus-Teams, das drei Mal in Folge ins CL-Finale kam, als klassisches 4-4-2 (oder gar mit Fünferkette) bezeichnet. Zumindest in diesem Spiel war es eine Raute, die auch auf diese Art und Weise gespielt wurde. Zinedine Zidane spielte dabei nicht auf dem linken Flügel, sondern in seiner Paraderolle als Zehner hinter zwei Stürmern.

Interessant war das Übernehmen der linken Seite in der Offensive. Hier ging manchmal Edgar Davids mit nach vorne, oft war es Gianluca Pessotto, der die Breite gab und auch Zidane oder Del Piero ließen sich immer wieder auf die linke Seite fallen. Nominell könnte es also durchaus ein 4-4-2 mit Zidane auf der linken Außenbahn gewesen sein, doch dieser hatte offensiv wie defensiv eine Freirolle und Di Livio spielte eingerückter als es für einen Rechtsaußen üblich gewesen wäre.

Die Turiner zeigten sich auch im Defensivspiel überaus diszipliniert, hatten ein sehr gutes Kettenspiel, eine starke Strafraumverteidigung und ein hervorragendes Linienspiel – nicht nur für jene Zeit war es überdurchschnittlich.  Real konterte diese Spielweise mit einem sehr interessanten 4-4-2/4-3-3-Hybridsystem.

Auch hier zeigt sich das hochintelligente Nutzen von Asymmetrien und einem fluiden Aufbauspiel. Redondo war nicht der einzige Anspielpunkt, sondern bewegte sich immer wieder raumöffnend auf die Seite, während Karembeu in die Mitte einrückte. Es gab auch viel freies Abkippen und Herauskippen, insbesondere von Karembeu, der dadurch Roberto Carlos ein paar Mal in die Höhe schob.

Zusätzlich gab es mit Seedorf als nominellem rechtem Flügel bzw. Halbspieler einen weiteren herausragenden Individualisten und Kreativspieler. Raul pendelte zwischen Mitte, wo es dann ein 4-3-1-2/4-3-3 gab, und dem linken Flügel hin und her. Mijatovic hatte ebenfalls eine Freirolle: Manchmal tauchte er auf dem rechten Flügel auf, manchmal auf dem linken und pendelte als von Defensivaufgaben befreiter Stürmer hin und her.

Aus dieser Wechselformation zwischen 4-3-1-2/4-3-3 und 4-4-2 (mit Seedorf Rechtsaußen) entstand auch im Defensivspiel eine variable Formation. Real presste mit einem Mittelfeldpressing in einer positionsorientierten Raumdeckung, aus dem oft einzelne oder mehrere Spieler herausrückten – ein typisches Heynckes-Merkmal, wie wir festgestellt haben.

Manchmal gab es ein 4-3-3-Pressing, in welchem sich die Stürmer als Dreierreihe orientierten, und manchmal ein 4-4-2, wo zumeist Raul auf der linken Seite gegen den defensiveren Torricelli spielte. In einer Szene doppelte Raul sogar mit Roberto Carlos gegen den durchstartenden Di Livio. Das 4-3-3 entstand besonders nach Ballverlusten, in denen – ebenfalls typisch Heynckes – „lose“ gegengepresst wurde. Mit diesem intelligenten Stellen verhinderten sie Konterangriffe.

Um diese fluide Spielweise näher zu zeigen, sehen wir uns vier Szenen aus dem Spiel an.

Szene 1

Szene 1

In dieser Szene fächerte Juventus schnell nach einem Ballgewinn auf und Davids versuchte mit Ball am Fuß nach vorne zu gehen. Fernando Morientes presste ihn von hinten, Raul von vorne und Seedorf rückte von der Seite ein. Besonders interessant ist das StellungsspielSeedorfs, der mit seinem Deckungsschatten Pessotto als Anspielstation effektiv aus dem Spiel nimmt und gleichzeitig den Druck auf den Ballführenden erhöht. Gut zu erkennen ist die relativ hohe Kompaktheit Reals und die defensive Freiheit im Pressing, welche für ein aggressives Pressing genutzt wird.

Szene 2

Szene 2

Nun ist es nicht Juventus, das auffächert, sondern Real Madrid. Raul ist frei auf der linken Seite, Seedorf gibt dem Spiel die nötige Breite und Roberto Carlos schiebt nach vorne und vorderläuft ihn. Die 4-4-2-Formation wirkt in diesem Fall ineffektiv: Für Raul gibt es keine direkten offenen Anspielstationen, doch für ihn ergeben sich mehrere Optionen:

a)      Eine Bewegung nach hinten und die Suche nach einem sicheren Pass.

b)      Ein Raumpass auf Redondo, der ohnehin immer wieder intelligent aufrückte oder gar auf die Seiten ging.

c)       Ein Dribbling (Die Lösung, für die er sich entschied).

Szene 3

Szene 3

Hier sieht man Seedorfs Einrücken in den Halbraum und Karembeus bewegliche Rolle – von halblinks ging er auf halbrechts, spielte von dort einen Pass auf Panucci, der den Ball in den Strafraum brachte. Eine Szene, die letztlich vorrangig in dieser Analyse vorhanden ist, um das unangenehme Fluten des Strafraums mit drei torgefährlichen Stürmern zu zeigen, das die Madrilenen praktizierten.

Szene 4

Szene 4

Die vierte Szene dürfte wohl die eindrücklichste sein. Aus dem Spiel heraus kombinieren Mijatovic und Raul auf dem linken Flügel, während Roberto Carlos zu Beginn als sichere Anspielstation im defensiven Halbraum wartet. Seedorf stößt instinktiv in die Spitze und gibt mit Morientes die Tiefe. Dadurch wird Juventus‘ Zwischenlinienraum erweitert, während Panucci auf der rechten Seite die Breite gibt. Im weiteren Spielverlauf kann Roberto Carlos nach vorne schieben, Raul orientiert sich stärker in die Mitte und Mijatovic zieht ebenfalls dorthin. Karembeu und Redondo bilden einmal mehr eine situative Doppelsechs; phasenweise wirkte diese Mannschaft wie ein 4-2-3-1.

Vom Scheitern

Trotz des Finalsieges wurde Jupp Heynckes entlassen; zu unkonstant waren die Leistungen in der Liga, zu weit lagen sie hinter dem Meister aus Katalonien. Es war nicht die einzige Trainerstation, bei der Heynckes scheiterte. Bei Benfica Lissabon konnte er nach einer starken Anfangsphase ebenfalls nur abgeschlagen hinter dem Spitzenreiter Dritter werden. Auch hier dauerte sein Engagement nur eine Saison. Einen solchen Misserfolg hatte Jupp Heynckes schon 1994 bei Eintracht Frankfurt erlebt.

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Wie bei eigentlich jedem Scheitern in seiner Karriere gab es zwei große Probleme: Die Mannschaft konnte oder wollte seine Ideen nicht umsetzen und er selbst stieß mit seiner Art und Weise bei der Mannschaft an. Heynckes forderte letztlich nur etwas, das heute absoluter Standard ist: Disziplin.

Kultkicker Anthony Yeboah soll 1994 laut Medienberichten von damals mit neun Kilo Übergewicht aus dem Urlaub gekommen sein. Mit einem ähnlichen Übergewicht war der ehemalige Weltfußballer Ronaldo bei Real von Fabio Capello auf die Bank gesetzt worden. Heutzutage würde es für Anthony Yeboah eher Parodien von Matze Knop auf den Spieler geben, als einen Zwist zwischen Trainer und Verein(-sführung).

Dass Heynckes sich allerdings bei der Suspendierung Yeboahs und der anderen Frankfurter Zauberer im damaligen zeitlichen und medialen Kontext etwas ungelenk verhielt, entspricht vermutlich ebenso der Wahrheit. Dass es allerdings auch Probleme im Trainingsbetrieb gab, an denen nicht Heynckes Schuld war, muss erwähnt sein. Wer vom Gesundheitsamt gesperrte Umkleidekabinen besitzt, hat keine infrastrukturellen Voraussetzungen für eine ordentliche Trainingsarbeit.

Die Disziplin des damaligen Zaubertrios Gaudino, Okocha und Yeboah (die ersteren beiden meldeten sich nach der Suspendierung Yeboahs krank) ließ zu wünschen übrig. Das Problem war aber, dass die Eintracht von der individuellen Klasse dieser drei Spieler lebte. Heynckes muss einzig vorgeworfen werden, dass er es nicht schaffte, seine Stars zu Kollektivspielern zu entwickeln und sie dafür auf seine Seite zu ziehen.

„ Wir hatten Angst vor Weisweiler. Heute muß keiner mehr Angst vorm Trainer haben. Umso überraschter sind jetzt in Frankfurt einige Spieler, daß plötzlich Jupp Heynckes vor ihnen steht, der ein Schleifer par excellence ist. Dem geht Disziplin über alles – aber das ist die einzige Sprache, die die meisten Profis verstehen. Nur in Einzelfällen müssen Spieler gestreichelt werden.“ – Toni Schumacher im Spiegel, 12. Dezember 1994

Nach dem Debakel bei der Eintracht flüchtete er nach Spanien; nach dem Scheitern bei Real und Benfica ging Heynckes ebenfalls wieder zu einem kleineren Verein, dieses Mal wieder Athletic Bilbao. Er besserte die Mannschaft wieder auf und ging nach drei Jahren zu Schalke 04. Hier scheiterte er abermals.

Auf Schalke ließ er  ein 4-4-2 mit 4-4-1-1/4-2-3-1-Ansätzen spielen und konnte zumindest eine Saison überzeugen, doch 2004 wurde Heynckes entlassen. Er selbst bewertete seine Amtszeit und seine Arbeit aber immer positiv.  Er führte eine hohe Defensivkompaktheit ein und die Schalker jener Zeit spielten mit guter Raumaufteilung. Anders war dies bei Borussia Mönchengladbach, seiner nächsten Trainerstation.

Nach nur einem halben Jahr musste Heynckes gehen. Zuvor war er aus gesundheitlichen Gründen zwei Jahre ohne Arbeit gewesen. Gladbach startete gut in die Saison, vier der vier Siege unter Heynckes (und vier von sechs Siegen insgesamt in der Saison) holten sie in den ersten sieben Spielen. Wieso brachen sie zusammen? Woran scheiterten sie? Kein Zeitungsbericht und keine Quelle von damals bringen hierzu ordentliche Gründe hervor. Morddrohungen soll es gegen Heynckes gegen haben, dazu noch interne Probleme mit Verein und Spielern, Verletzungsprobleme und notorische Abschlussschwäche.

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Die Bilder von damals lassen ebenfalls keinen endgültigen Schluss zu. Die Mannschaft wirkt normal, eine Mannschaft, deren Kollektivspiel zu ihrer individuellen Stärke passt. Eventuell war auch das das Problem. Der Mannschaft fehlten sämtliche Aspekte, um die typischen Heynckes-Merkmale umzusetzen. Gladbachs Angriffsfußball der 80er und der Selbstanspruch von Heynckes waren zu weit weg von der Gladbacher Mannschaft Mitte der 2000er, die letztlich sang- und klanglos abstieg. Es schien, als ob Heynckes spezielle Mannschaften benötigte: Arbeitsam, in Kernbereichen talentiert und möglichst jung. Der FC Bayern sollte ihm den Sprung zu einer solchen Mannschaft ebnen.

Das Revival und seine Symbolik

2008/09 wurde Jürgen Klinsmann Trainer bei den Bayern – er sprach von schneller Ballrückeroberung, Powerfußball und dem Ein-Kontakt-Spiel der Engländer. Doch seine Zeit währte nur kurz. Fünf Spieltage vor Schluss wurde der Schlussstrich gezogen. Jupp Heynckes sollte die Münchner noch in die Champions League führen, um zumindest das Minimalziel zu erreichen. Dies schaffte er auch, indem er aus dem fitten Restkader nahezu das Maximum rausholte. Mit fast chirurgischer Präzision stellte er richtig auf, ließ sogar einmal mit Raute spielen und konnte vier der fünf Spiele gewinnen.

Diese überzeugende Manier holte Heynckes ganz schnell zurück in das Tagesgeschäft der Bundesliga. Bayer Leverkusen klopfte an und nahm ihn unter Vertrag. Bei Leverkusen fand Heynckes die richtige Mischung und – noch wichtiger – die richtigen Charaktere. Spätestens seit den späten 2000er-Jahren und der neuen Generation junger Spieler, die zur Mündigkeit und Selbstverantwortung erzogen wurde, scheint Heynckes endlich sein Zielpublikum gefunden zu haben. Heynckes ist nämlich nicht autoritär, auch wenn er als solcher dargestellt wird; ganz im Gegenteil.

Jupp Heynckes erwartet sich von seinen Spielern nämlich kein bedingungsloses Befolgen jeglicher Anweisungen. Heynckes ist ein Typ wie Ernst Happel, Louis Van Gaal oder Sir Alex Ferguson, die „mündige“ Spieler wollen, daran aber auch Bedingungen knüpfen. Ein mündiger Spieler hat ein Mitspracherecht bei seinen Trainern.

Ernst Happel hatte beispielsweise oft mehrere Spieler, mit denen er sich vor Partien über mögliche taktische Marschrouten austauschte. Ähnliches praktizierten auch Ferguson und van Gaal. Mit dieser Mündigkeit ging aber auch das Versprechen zu vollster Loyalität abseits des Platzes und durchgehender Disziplin auf dem Platz einher. Des Weiteren gab es trotz der Mündigkeit nur eine „richtige“ Meinung: Die des Trainers.

Im Idealfall gibt es in der Mannschaft also eine flache Hierarchie, aber in der Hierarchie des gesamten Vereins unter dem Trainer stand. Die Mannschaft treibt sich selbst zu Höchstleistungen an (sowohl Ferguson als auch Heynckes sprachen in den Achtzigern von kollektiver Selbstdisziplin). Im heutigen Fußball ist eine solche Mündigkeit und Hierarchienverteilung selbstverständlich.

In diese Zeit passt Jupp Heynckes optimal  hinein. Bei Bayer Leverkusen konnte er dies beweisen: Spieler wie Toni Kroos benötigen die Mischung aus einem sachlichen sowie „erfolgsgeilen“ Fußballlehrer, einem Jugendförderer und einem Trainer, der als Gegenleistung zur nötigen Disziplin den gewissen Grad Freiheit zulässt und Leistungsschwankungen duldet.

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Spieler wie Arturo Vidal waren ebenfalls ideal für Heynckes. Louis Van Gaal sagte einst, dass Andrés Iniesta der ideale van-Gaal-Fußballer sei – ähnliches könnte auch für Jupp Heynckes und Arturo Vidal zutreffen. Der Chilene ist offensiv wie defensiv stark, dynamisch, laufstark, bissig und aggressiv, ohne dabei die offensive Komponente im Spiel missen zu lassen. Bei Bayer nahm er mit Kroos eine Schlüsselrolle ein.

Im 4-4-2-System agierten die Leverkusener mit einem eher geradlinigen und situativ diagonalen Rechtsaußen, Kroos als verkapptem Spielmacher von links und einem klassischen Zweiersturm. Mit Derdiyok und Kießling gab es zwei Spieler, die lange Bälle verarbeiten und sich an Kurzpasskombinationen beteiligen können. Vidal machte aus diesem 4-4-2 in der Offensive ein 4-1-3-2, in welchem der Linksverteidiger mit Kroos die Seite überlud.

Dieses situative Überladen, schnelle Schnittstellenkombinationen und das hervorragende Bespielen von gegnerischen Bewegungen durch zurückfallende Mittelstürmer, hineinstoßende Flügel oder den aufrückenden Vidal sorgten gar dafür, dass die Leverkusener lange Zeit auf Platz Eins der Tabelle standen. Durch eine konstante Vier-Mann-Absicherung standen sie defensiv gut, zusätzlich waren sie in beiden Heynckes-Saisons die torgefährlichste Mannschaft nach Standardsituationen in der ganzen Liga.

In der Folgesaison fiel man zwar nach dem Kroos-Abgang ab, konnte aber dennoch Fünfter werden. Zu jener Zeit findet man auch bei 44quadrat.net eine interessante Analyse, die Heynckes‘ Mannschaft beschreibt.

Die typischen Heynckes-Merkmale zeigten sich bei Leverkusen ebenso wie seine Veränderungen als Trainer: Eine gute Gegneranpassung, eine angemessene Reaktion an veränderte Spielumstände, das seit den 90ern praktizierte tiefere Pressing und eine eher positionsorientierte, aber dennoch bewegliche Raumdeckung mit einzelnen Manndeckungsaspekten.

Nach dem Abgang von Louis Van Gaal bei den Bayern war Heynckes‘ Zeit gekommen. Uli Hoeneß holte seinen „besten Freund“ zurück und korrigierte seinen größten Fehler.

Jupp Heynckes und seine Rekordbayern

Schon in der ersten Saison schien es wie die perfekte Paarung im deutschen Fußball. Heynckes beerbte Louis Van Gaal und die Spieler hatten endlich wieder einen Kumpeltyp, anstatt eines Fußballehrers. Wie unpassend dieser Satz klingt, nicht wahr?

Zu Beginn schienen die Bayern der Konkurrenz zu enteilen. Mit schnellem und fluidem Fußball hatten sie früh viel Vorsprung auf die Dortmunder und auch in der Champions League konnten sie sich bis ins Finale spielen. Die Betonung liegt dabei auf „spielen“. Jupp Heynckes tat viel mehr, als nur eine gute Mannschaft von Louis Van Gaal zu übernehmen und dessen Fehler zu beheben. Es war eine Wechselwirkung zwischen den zwei Trainern, wie sie es in der Fußballgeschichte wohl nur selten gab.

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Louis Van Gaal hatte das getan, woran Klinsmann scheiterte: Alte Zöpfe wurden abgeschnitten, eine neue Spielphilosophie wurde installiert und der Nachwuchsgeneration eine Chance gegeben. Davon profitierte Heynckes, wie von anderen, taktischen Aspekten. Aber Heynckes kultivierte diese Spielweise nicht nur, sondern ergänzte sie.

Der Ballbesitz nahm – für sehr viele unerwartet – nach der letzten Saison unter Van Gaal nicht ab, sondern weiter zu. Das Positionsspiel wurde – typisch Heynckes – fluide und mit leichten Asymmetrien ausgelegt. Defensiv wurde das Pressing angepasst. Dennoch blieben Heynckes nach der Verletzung Schweinsteigers und dem Wegbrechen des fluiden Aufbauspiels nur drei Vizetitel, woraufhin die Bayern investierten. Dieses Mal waren es drei Transfers, an denen Heynckes mitwirkte und die ebenfalls zu seinem Profil passen.

Mit Javi Martínez kam ein Baske und ein Spieler, der ebenso wie Arturo Vidal die idealen Attribute eines Heynckes-Fußballers in sich vereinigt(wenn auch in anderer Ausführung und anderer Position bzw. Rollenverteilung). Auch Dante und Mandzukic entsprechen den Vorstellungen Heynckes: Diszipliniert, bissig, aber dennoch technisch gut und durchaus für einen Spaß zu haben.

Dank dieser Verpflichtungen dürfte die aktuelle Bayern-Mannschaft wohl die ideale Heynckes-Elf sein. Die Stars der Mannschaft ordnen sich dem Kollektiv völlig unter, genießen aber auch deswegen bestimmte Freiheiten – Ribérys herausragende Defensivarbeit und gleichzeitig sein erlaubtes situatives Zocken, bei dem Mandzukic seine Position übernimmt, verbinden zwei eigentliche Paradoxe miteinander und schaffen eine Win-Win-Situation.

Auch im Aufbauspiel wurde die Fluidität teilweise extrem gespielt. Gegen Lille gab es immer wieder Franck Ribéry als Spielgestalter in der Mitte. Dessen Zurückfallen wurde mit einem raumöffnenden Verschiebemechanismus versehen, um die Effektivität zu steigern. Die Kür dürfte Jupp Heynckes aber beim herausragenden Pressing der Münchner in dieser Saison gelungen sein.

Hier verband er ebenfalls typische, frühere taktische Mittel mit der Moderne. Gegen Juventus pressten sie beispielsweise in einem 4-3-3, um die gegnerische Abwehrkette zu bespielen. Andrea Pirlo wurde dabei von Toni Kroos bzw. nach dessen Verletzung Thomas Müller in Manndeckung genommen, um den Wirkungskreis des Spielmachers auszuschalten. Gegen Barcelona wurde im Hinspiel dann mit einem 4-4-2-0 gepresst, um die Überzahl der Katalanen in der Mitte mit ihren drei herausragenden zentralen Akteuren und dem zurückfallenden Messi zu neutralisieren.

Auch das Gegenpressing war in dieser Saison aller Ehren wert. Die Plagiatsvorwürfe Jürgen Klopps diesbezüglich sorgten aber für selten gesehenen Ärger bei Heynckes:

„Sie haben von mir noch nie gesehen, dass ich in irgendeiner Pressekonferenz negativ über eine andere Mannschaft oder kritisch über den Kollegen gesprochen habe.“  – Jupp Heynckes in der FAZ, 1. März 2013

Worauf genau Klopp abzielte, ist nicht klar. Fakt ist aber, dass Heynckes schon in den frühen 80ern das Prinzip des Gegenpressings spielen ließ – deshalb seine Aufregung. Das Gegenpressing selbst wurde von der niederländischen Nationalmannschaft und Ajax in den 70ern praktiziert, u.a. auch in Ansätzen von Feyenoord jener Zeit, die bekanntlich Ernst Happel als Trainer hatten – der sich mit Heynckes einige Duelle in der Bundesliga lieferte. Das „moderne“ Gegenpressing ließ letztlich zuerst Pep Guardiola in seiner kollektiven Variante spielen, ebenfalls vor Jürgen Klopp.

Fazit und Vermächtnis

Bayern - Grundformation2012

Noch weiß man nicht, ob Heynckes Ende dieser Saison seine Karriere beenden wird, obgleich die meisten Medien und Insider davon ausgehen. Angeblich soll es aber Angebote von überall geben; selbst Real Madrid scheint Interesse zu bekunden. Sollte Heynckes seine Karriere beenden(obwohl es beim DFB vielleicht nach 2014 einen schönen Job für ihn gäbe)geht ein großer deutscher Trainer und Fußballdenker.

Heynckes kritisierte in den 90ern die Abwehrspieler wegen ihres Spielaufbaus und zweifelte ihre Qualität deswegen an. Selbst heutzutage würde man dafür zumindest in einigen Teilen der Fußball- und Medienlandschaft kritische Blicke ernten. Er war auch einer der Vorreiter der modernen Trainingsmethodik in Deutschland, ein Vertreter des ganzheitlichen Prinzips und des „interkulturellen Dialogs“ – einem Umgang der Spieler miteinander, nicht nur über die Barrieren der Sprache und Kultur hinweg, sondern auch der Arbeitszeit.

Viele seiner als verschroben geltenden Ideen sind heute Standard. Geplante oder wechselnde Sitzordnungen im Fußball, gemeinsames Essen oder die gemeinsame Beschäftigung mit fußballirrelevanten Themen wurden kritisch beäugt, setzten sich aber durch. Das Einfordern von  Disziplin, das präzise Verbessern individualtaktischer Mängel auch auf höchstem Niveau und die Differenzierung in der Betrachtung sind heute so selbstverständlich, dass die Kritik an Heynckes zu jener Zeit fast lächerlich wirkt.

Mit welchen Problemen sich Heynckes in der damaligen Zeit herumzuschlagen hatte, ist heute kaum mehr zu begreifen. In den 80ern soll er gar mit Otto Rehhagel und Udo Lattek einer der wenigen Trainer gewesen sein, der verletzte Spieler nicht fitspritzen und spielen ließ. Passend dazu sah er die Rotation der Lauterer bei ihrem Titelgewinn 1991 ebenfalls als Vorteil und als ursächlich für den Meistertitel an.

„Wenn die elf Stars permanent strapaziert werden, spielen sie ja nicht mehr top. Dann ist der Kopf leer und der Körper müde. Das ist für mich eine ganz logische Schlußfolgerung.“ – Jupp Heynckes im Spiegel, 27. März 1991

Zusätzlich war er in seiner analytischen Betrachtung von Fußballern und Mannschaften ebenfalls Vorreiter – sogar heute noch. So führte er taktische Aspekte wie Fouls auch auf körperliche und geistige Müdigkeit zurück, unterschied den „Star“ vom „Führungsspieler“, der die Mannschaft befruchtet und nicht knechtet, und lobte 1990 wie schon Arrigo Sacchi die Kolumbianer für ihre Taktik, während alle Welt noch Deutschland zujubelte.

Ohnehin scheint ihn mit Sacchi eine gewisse geistige Ähnlichkeit zu verbinden. Der Italiener lobte die aktuellen Bayern auch als „totalen Fußball“, bei dem jeder alles kann, das Spiel versteht und kollektiv verteidigt wird. Heynckes selbst sah sich ebenfalls als einen Trainertypen wie Sacchi und gar als potenziellen Revolutionär:

„HEYNCKES: Die jungen Trainer haben doch keine Chance mehr. Wenn ich Präsident wäre, dann wären bei so manchem Klub statt des Trainers ein oder zwei Spieler entlassen worden. Die Präsidenten haben doch keine Zivilcourage. Wenn ich höre, daß sich die Dortmunder Spieler ihren neuen Trainer selbst aussuchen wollen, habe ich dafür keinerlei Verständnis. So ist schon vielen jungen und guten Trainern das Rückgrat gebrochen worden.

SPIEGEL: Aber etablierte Trainer wie Sie könnten doch Innovationen anbieten?

HEYNCKES: AC Mailands Trainer Arrigo Sacchi ist für mich der einzige, der in den letzten Jahren im Weltfußball wirklich eine neue Spielstrategie entwickelt hat – er konnte es, weil er mit den drei Holländern die entsprechenden Spieler zur Verfügung hatte. Ich hätte auch gerne was Neues, etwas Revolutionierendes gemacht, mit einem Stefan Reuter auf der Liberoposition hätte ich auch unser Spiel ganz neu interpretieren können.

SPIEGEL: Was hat Sie denn gehindert?

HEYNCKES: Bei den Bayern spielt Klaus Augenthaler seit neun Jahren den typischen Libero hinter der Abwehrkette. Ich habe ganz andere Vorstellungen. Aber dafür muß man vier sehr schnelle Abwehrspieler haben.“ – Interview im Spiegel, 27. März 1991

In Anbetracht des, zugegeben von mir selbst geschriebenen, Artikels kann ich doch mit ruhendem Gewissen die Eingangsfrage beantworten:

„Du hältst Jupp Heynckes wirklich für einen der besten Trainer?“ – Ja, das tue ich. Ganz unabhängig davon, ob er die Champions League gegen den BVB gewinnt, oder nicht.

Einleitung zur Serie: Sir Alex Ferguson

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Sir Alex Ferguson ist einer der größten Trainer in der Geschichte des Fußballs.Doch obwohl sich kaum ein anderer Trainer jemals so lange bei einem Verein gehalten hat und er in puncto Erfolgskonstanz vermutlich einmalig ist, sind viele seiner Arbeitsmethoden entweder unbekannt oder umstritten. Vermutlich gingen die meisten davon aus, dass bei Spielverlagerung der als taktisch unauffällig geltende Ferguson keinen hohen Stellenwert genießt. Das Gegenteil ist der Fall: Als Ferguson zurücktrat, ging ein Raunen durch die (virtuelle) Redaktion.

FergieFerguson ist für uns nämlich eine Ausnahmeerscheinung. Er feierte unglaubliche Erfolge, zeigte aber immer einen ganz eigenen und wiederkennbaren Spielstil, ohne über die Jahre hinweg einer bestimmten Spielweise zu frönen. Desweiteren war er taktisch kein Trendsetter beziehungsweise nicht einmal ein allzu fokussierter Taktiker (aber in Teilaspekten sogar enorm gut und in keinem schlecht), mischte diese taktische Unauffälligkeit mit einem herausragenden strategischen Geschick, genialer Psychologie, einer beeindruckenden Persönlichkeit und vielen kleinen Inselbegabungen. So war Ferguson einer der wenigen, welcher den Einfluss von Taktik auf Psychologie und umgekehrt intelligent nutzen.

Nach mehr als eineinhalb Jahren seit seinem Rücktritt wollen wir uns Ferguson deswegen in einer kleinen Serie widmen. Philipp Pelka (PP), Constantin Eckner (CE), Martin Rafelt (MR) und René Marić (RM) haben sich eine kleine Zusammenstellung wichtiger Aspekte Fergusons überlegt. In den nächsten Tagen werden mehrere Spiel- beziehungsweise Teamanalysen erscheinen, die ein Trainerporträt und eine Traineranalyse komplementieren.

Wir blicken in dieser Serie nicht nur auf die jüngsten Erfolge, sondern wollen durch eine geplante Abfolge und Analyse bestimmter Mannschaften die gesamte Karriere Fergusons Revue passieren lassen.

Zu Beginn soll es mit dem Trainerporträt einen Einblick in Fergusons Karriere aus einer persönlicheren Perspektive sehen. In ungefähr 3000 Wörtern werden chronologisch Fergusons Karriere und wichtige Punkte seiner Trainerstationen dargestellt. Es geht vorrangig um einzelne Aspekte Fergusons und den chronologischen Ablauf seiner Karriere. Die darauffolgende Traineranalyse zeichnet ein grundsätzliches Bild vom Trainer Ferguson, seinen Trainings, seinen besonderen Fähigkeiten und seiner Methodik.

Danach starten wir mit den Analysen. Den Anfang macht Fergusons Zeit beim Aberdeen FC. Dies ist eine Mischung aus drei Spiel- und einer Teamanalyse; es werden nämlich die drei europäischen David-gegen-Goliath-Erfolge von 1983 gegen den FC Bayern, Real Madrid und Happels HSV analysiert. Mit diesen Siegen holte Ferguson sich 1983 sowohl den Pokal der Pokalsieger als auch den europäischen Supercup.

Darauf folgen zwei Spiele aus den 90ern. Constantin Eckner blickt zuerst auf die, laut Ferguson, schwärzeste Nacht seiner Karriere, als man 1994 mit 0:4 gegen den FC Barcelona unterlag. Als nächste Partie folgt die schwärzeste Nacht des FC Bayern, nämlich der CL-Sieg Uniteds im Jahr 1999.

Den Abschluss bilden zwei Analysen aus den letzten Jahren. Philipp Pelka analysiert das CL-Finale 2008, während Martin Rafelt mit Fergusons extrem innovativem und spektakulärem System beim 8:2 gegen Arsenal im August 2011 den Abschluss bildet. Wir hoffen, dass euch die Serie gefallen und den Ansprüchen gerecht wird.

Auflistung der Artikel:

Eventuell werden eine psychologische Analyse des Menschen Sir Alex Ferguson und weitere Retroanalysen (bspw. der Erfolg im Pokal der Pokalsieger 1991 gegen Cruyffs Barcelona oder das potenziell beste, aber nicht funktionsfähige Team von 2002/03 und ff.) nachgereicht. 

Trainerporträt: Sir Alex Ferguson

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Nur wenige Trainer hatten eine so illustre Karriere wie Sir Alex Ferguson. Zahlreiche, fast schon klischeehafte Aspekte finden sich in seinem Leben wieder, welche ihn zu dem machten, was er letztlich ist. Dieses Trainerporträt soll kurz sein Leben Revue passieren lassen, einen Einblick in seine Persönlichkeit und seine Karriere geben. 

Die morgige “In-depth-Traineranalyse” (und somit unsere erste Traineranalyse) befasst sich dann mit dem, was Ferguson so besonders und genial gemacht hat, bevor wir in mehreren Retroanalysen seine Mannschaften betrachten.

Bescheidene Verhältnisse und Fußball, Fußball, Fußball

Während des zweiten Weltkriegs kam Alexander Ferguson auf die Welt. Einer der größten Trainer aller Zeiten wurde zu Silvester 1941 geboren und stammt aus simplen Verhältnissen. Sein Vater war ein Werftarbeiter in der Industriestadt Govan, gemeinsam mit seinem Bruder Martin wuchs er in überaus bescheidenden Verhältnissen auf. Die Eltern waren in der damals noch sehr auf die Religion fixierten Gegend eine „Mischehe“; der Vater Katholik, die Mutter Protestantin, ebenso wie die zwei Söhne. Unbeeinflusst davon hatte Ferguson nur ein Ziel: Spieler bei seinem Lieblingsteam Glasgow Rangers zu werden.

„Nicht obwohl, sondern weil ich aus dem Werftenviertel Govans von Glasgow stamme, habe ich so viel erreicht.“ – Sir Alex Ferguson

Über Umwege sollte es ihm gelingen. Mit 16 Jahren debütierte er im Amateurfußball für Queen’s Park, wechselte aber nach drei Jahren ohne Stammplatz zu St. Johnston. Auch dort hatte er lange Zeit Probleme von Beginn an Einsätze zu erhalten, erst durch eine Verletzung rückte er in die Startelf. Es folgte der nächste Wechsel im Alter von 23 Jahren, als er für Dunfermline unterschrieb. Nun war Ferguson ein Profi in der ersten schottischen Liga – und was für einer. Nämlich ein falsch eingebundener, potenziell sehr starker und alles in allem unüblicher Mittelstürmer.

Der schottische Gerd Müller

In der Saison 1965/66 erzielte Ferguson gleich 45 Tore in nur 51 Spielen und wurde auch Torschützenkönig in der Liga (31 Treffer). Bei Dunfermline zeigte Ferguson seine Stärken, was ihm einen Rekordtransfer zu seinem Lieblingsverein Glasgow Rangers einbrachte. Dort sollte Ferguson aber wider Erwartens nicht glücklich werden. Nach einem Manndeckungsfehler(!) im Derby und einem folgenden Streit verlor Ferguson seinen Platz im team und ließ seine Karriere in den folgenden fünf Jahren bei Falkirk und Ayr United ausklingen.

Das Problem für Ferguson bei Rangers, aber auch zu Beginn und zum Ende seiner Spielerkarriere, war die mangelnde Einbindung seiner Fähigkeiten und die Ermangelung eines passenden Umfelds. Ferguson wurde wie auch Gerd Müller rein auf seine Fähigkeiten im Strafraum reduziert, insbesondere auf den Abschluss selbst und die Präsenz bei Abstaubern. Doch im Gegensatz zu Müller hatte Ferguson nicht das Glück mit Spielern wie Beckenbauer unter Trainern wie Schön oder Zebec zusammenzuspielen, wo seine besonderen Fähigkeiten erkannt und eingebunden werden konnten. Kollege Martin Rafelt beschrieb den immer falsch eingeschätzten Gerd Müller wie folgt:

Müller dribbelte nicht, forderte die Bälle ganz anders und verteilte sie weit weniger kreativ und weiträumig. Er war kein spielmachender, sondern ein kombinierender Stürmer.

Die Bereiche, in denen er die Kombinationen mit den Mitspielern suchte, waren dabei ungewöhnlich variabel und – eine wertvolle Fähigkeit – sehr anpassungsfähig. Recht oft ging er kurze Wege in die hohen Halbräume um seine direkten Nebenleute zu unterstützen, in manchen Spielen ließ er sich sogar fast bis ins defensive Mittelfeld zurückfallen. Bis auf die Flügel ging er kaum, da die fehlende Dynamik entlang der Seitenlinie eine effektive Einbindung seiner Ablagen erschwerte. Seine Entscheidungen bezüglich des Zurückfallens war stets sehr funktional: Er suchte die Kombinationen nicht aus individueller Verspieltheit heraus, sondern orientierte sich sehr strategisch und rein unterstützend. Wenn er sich für Doppelpässe anbot, dann weil seine Mannschaft andernfalls in bestimmten Zonen keine Anspielstation hatte oder in Unterzahl kommen konnte.

Ferguson war ein ähnlicher Spielertyp wie Müller; durchaus ähnlich defensiv mitarbeitend, aber nicht ganz so erfolgsstabil in den Kombinationen und so intelligent im Bewegungsspiel außerhalb des Strafraums. Insgesamt war Ferguson also die schwächere Version Müllers im gleichen Zeitalter, konnte diese Stärken aber kaum einbinden. Neben dem Mangel an passenden Mitspielern und Trainern gab es ein weiteres Problem für Ferguson: Er war ein 1,80m groß.

Heute noch ist die Durchschnittsgröße in Schottland bei ungefähr 1,78, zu Fergusons Zeit war der Schnitt je nach Schätzungen zwischen 4 und 8 Zentimeter kleiner. Soll heißen: Ferguson war groß genug, um als Zielspieler im Sturmzentrum mit langen Bällen der eigenen Abwehrspieler torpediert zu werden. Obwohl Ferguson durchaus kopfballstark war und einige Tore dadurch erzielte, beschränkten die Flanken und langen Bälle ihn, weil er sich partout nicht fallen lassen konnte und durfte. Er musste Tiefe geben und wenn er zurückfiel, fehlte er schlichtweg für die ohnehin kommenden langen Bälle. Kombinationen waren Mangelware, während der originale Gerd Müller in einigen kombinationsorientierten und –starken Mannschaften auflaufen durfte.

Gerd Müller war außerdem einige Zentimeter kleiner und keiner wäre auf die Idee gekommen ihn durchgehend mit hohen Hereingaben zu belästigen. Wenn Gerd Müller sich im Luftzweikampf bei einer Flanke durchsetzte und per Kopf traf, hieß es wohl mit einer Mischung aus Schmunzeln und Kopfschütteln:

„Ach, dieser Müller schon wieder!“

Wenn sich aber Ferguson nicht  per in der Luft durchsetzte oder einen Kopfball neben das Tor saß, kann man sich die wutschnaubenden Gesichter vorstellen, welche schrien:

„Ach, dieser Ferguson schon wieder!“

Interessanterweise hatte Ferguson seine mit Abstand beste Saison 1965/66 mit einer Torquote nahe an einem Tor pro Spiel mit Dunfermline in jener Mannschaft, in der Stein Anfang der 60er die Strukturen setzte. Stein gilt bis heute neben Ferguson, Sir Matt Busby und Bill Shankly als einer der vier größten schottischen Trainer aller Zeiten.

Junger Ferguson 1992

Junger Ferguson 1992

Steins Nachfolger Willie Cunningham hielt die offensive Organisation aufrecht. Sie spielten zwar ebenfalls auf Flanken und lange Bälle, waren hierbei aber organisierter und nutzten auch (längere) Flachpässe. Dies fehlte Ferguson bei seinen vorherigen und späteren Stationen nur allzu häufig, einzig Willie Ormond bei St. Johnstone könnte man hier noch nennen.

Die große Karriere blieb Ferguson letztlich trotz 7 Einsätzen für die schottische Nationalmannschaft bei einer Tour durch Asien und Ozeanien 1967 (9 Tore) und einem Wechsel mit Rekordablöse zu den Rangers verwehrt. Nach seinem Zwist bei Rangers ließ er seine Karriere bei Falkirk und Ayr United ausklingen. Darum hatte Ferguson damals andere Pläne – und arbeitete versehentlich schon an seiner Trainerkarriere.

Vom Pub-Besitzer zum Diego Simeone der 70er und 80er

Schon in jungen Jahren eröffnete Sir Alex Ferguson von seinem Gehalt als Fußballer und Werkzeugmacher einen Pub. Als Arbeiter und Geschäftsführer des Pubs – gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder – hatte Ferguson neben dem Einschenken und Verkaufen von Getränken auch mit dem Schlichten von Streitereien, dem Zuhören bei Problemen, dem Geben von Ratschlägen und dem Organisieren des Geschäftsbetriebes zu tun. Das klingt wie ein banaler Job, doch sollte langfristig enorm hilfreich für Ferguson sein.

„In den Pubs lernte ich sehr viel über Menschen, ihre Träume, ihre Wünsche und ihre Frustrationen, und das half mir später, die Welt des Fußballs besser zu verstehen, auch wenn ich das damals noch nicht wissen konnte.“ – Sir Alex Ferguson

Diese Mischung aus dem Leben als professioneller Fußballer, Pub-Besitzer und die Balance mit dem Privatleben dank seiner Frau Cathy Holding sorgten für das perfekte Training für seinen späteren Trainerberuf. Dazu suchte Ferguson immer wieder den Austausch und Ratschläge mit Jock Stein, den er als Mentor und später als den besten britischen Trainer aller Zeiten bezeichnen würde.

„I am proud to say that I knew Jock Stein as a manager, as a colleague and as a friend… he was the greatest manager in British football… men like Jock will live forever in the memory. “ – Sir Alex Ferguson 

Noch während seiner aktiven Zeit als Fußballer erhielt Ferguson schon einen Posten als Assistenztrainer bei Falkirk, den er nach einem Trainerwechsel aber aufgab, den Verein wechselte und bei Ayr eine letzte Saison als Spieler anhing. Schon mit 32 wurde er daraufhin zum Trainer bei East Stirlingshire in der dritten Liga, wechselte aber alsbald zu Ligakonkurrent St. Mirren.

Sein ehemaliger Trainer Willie Cunningham hatte nach seinem Rücktritt bei St. Mirren Ferguson als Nachfolger empfohlen. Innerhalb von nur vier Jahren transformierte er St. Mirren von einem Mittelklasseverein in der dritten Liga zu einem Verein in der ersten schottischen Liga.

Den Meistertitel in der zweiten Liga holte man durch aggressives Pressing, intensiven Vertikalfußball mit einigen talentierten Technikern, deren Durchschnittsalter bei 19(!) Jahren lag. 91:38 Tordifferenz, 87 Punkte wurden in 39 Partien mit dieser extrem jungen Mannschaft ergattert. Mit acht Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge hielt man die Klasse. Mit 52 Toren in 36 Partien erzielte man auch die viertmeisten Tore in der Liga.

Der Vergleich mit Simeone ist in gewisser Weise durchaus passend: Aberdeen mischte damals eine (für jene Zeit) hohe Kompaktheit mit Raumdeckung und aggressivem Pressing, welches in puncto Formation, Höhe und Rhythmus variieren konnte. Dazu gab es aber auch organisierte Strukturen im Aufbauspiel, welche insbesondere auf Ablagen, zweite Bälle, Flanken, schnelle, weiträumige Kombinationen und letztlich auch auf Standards fokussiert waren. Diese Spielweise führte zu Fergusons raschem Aufschwung. Nach der Saison St. Mirrens in der ersten Liga wanderte Ferguson zum FC Aberdeen ab; wieder auf Empfehlung eines vorherigen Trainers, dieses Mal war es Jock Stein persönlich.

Aberdeen zerstört die Old Firm und Europas Giganten

Als 36jähriger übernahm Ferguson eine der größeren Mannschaften Schottlands. Aberdeen hatte allerdings die Liga nur einmal gewonnen und zwar 1955; über zwanzig Jahre vor Fergusons Ankunft. Nach zwei Jahren gewann Ferguson, der um den Respekt seiner Spieler ringen musste, in typischer Fergie-Manier den Meistertitel – durch eine spektakuläre Aufholjagd in der zweiten Saisonhälfte. Erstmals seit 15 Jahren hatte keine der Glasgower Mannschaften die Liga gewonnen.

Ferguson bei United

Ferguson bei United

In den folgenden Jahren holte sich Ferguson noch einen Pokalgewinn und zwei weitere Ligatitel ab, sein größter Erfolg sollte auf europäischer Bühne kommen. In einem spektakulären Lauf schlugen die Schotten nicht nur Bayern und Real Madrid 1983 im Pokal der Pokalsieger, sondern gewannen im Dezember desselben Jahres auch noch den Europäischen Superpokal gegen Happels HSV.

Durch Fergusons und Jim McLeans Erfolge in den 80ern wurde gar von einer „New Firm“ gesprochen, welche Celtic und Rangers ablösen sollte. Es sollte aber nur ein kurzes Wunschdenken vieler sein. Von 1965 bis heute gab es nur vier Titel von Mannschaften, die nicht Rangers oder Celtic heißen. Drei waren von Fergusons Aberdeen, einer von McLeans Dundee United, darunter von 1983 bis 1985 gleich drei Titel hintereinander.

McLean war übrigens Fergusons Bruder im Geiste, der eine ähnliche Spielphilosophie mit organisierten langen Bällen und Ablagen sowie intensiverem, raumorientierterem Pressing verfolgte. Desweiteren sollte sich McLean bei Dundee United ganze 22 Jahre halten und es war sogar der einzige Verein in seiner gesamten Trainerkarriere.

Die Erfolge der „New Firm“ fielen natürlich auch in England auf. 1985 zeigte Manchester Uniteds Rivale Liverpool Interesse an Ferguson, doch erst nach der Weltmeisterschaft 1986 sollte Ferguson im November das Land verlassen. Nach dem Tod Jock Steins übernahm Ferguson die schottische Nationalmannschaft und schied mit zwei knappen Niederlagen und einem Unentschieden in einer schwierigen Gruppe (Uruguay, BRD, Dänemark) aus.

Als Atkinson bei Manchester United entlassen wurde, wurde Ferguson als amtierender Cupsieger Schottlands mitten im Herbst verpflichtet und sollte noch den Karren aus dem Dreck reißen. Eine lange und schwierige Aufgabe.

Die Ära United beginnt…düster

Es mag aktuell merkwürdig klingen, doch Manchester United war Mitte der 80er in einem ähnlichen Zustand wie heute der HSV. Eine traditionsreiche Geschichte war genau das – Geschichte. Vielfach mangelte es an passenden Strukturen, es fehlte schlichtweg an den nötigen Abläufen und internen Kompetenzen für einen geordneten und erfolgreichen Aufbau eines Vereins. Deswegen hatte Ferguson auch lange Probleme im Verein: Als Manager war es nicht nur seine Aufgabe das Team erfolgreich spielen zu lassen, sondern sich um allerlei Belange außerhalb des Platzes zu kümmern.

2011 sind alle Sorgen aus den 80ern wohl vergessen

2011 sind alle Sorgen aus den 80ern wohl vergessen

Deswegen dürfte United zu jener Zeit auch so inkonstant gewesen sein. Zu Beginn der Ära Ferguson lag das Team auf dem vorletzten Rang und galt als Abstiegskandidat; nach einigen Wochen unter Ferguson besserten sich aber Ergebnisse und Leistungen. Man konnte die Saison noch auf einem akzeptablen elften Platz beenden. In der folgenden Saison 1987/88 gab es einige sehr gute Verpflichtungen Fergusons, unter anderem dem später eminent wichtigen Steve Bruce und dem ehemaligem Aberdeentorhüter Jim Leighton.

Damals blitzten die ersten Vorzeichen für Fergusons spätere Erfolge auf: Man wurde Vizemeister und zeigte guten Fußball, auch wenn die kommenden zwei Jahre trotz starker Verpflichtungen enorm problematisch sein sollten. Ein Mangel an passendem Ballbesitzspiel gegen verstärkt mauernde Gegner in der Spielzeit 1988/89 und 89/90 sowie zahlreiche Verletzungen wichtiger Spieler (war Ferguson doch der Klopp der 80er?) in letzterer Saison führten zu zahlreichen Gerüchten und Forderungen seiner Entlassung. Der FA-Cup-Sieg 1990 brachte ihm aber wieder mediale Ruhe und das Vertrauen der Fans; es sollte ein Erfolgslauf historischen Ausmaßes folgen.

Uniteds Weg zum Rekordmeister und europäischen Macht

Drei Jahre nach dem FA-Cup-Sieg sollte United unter Ferguson erstmals Meister werden. Die zahlreichen neuen Verpflichtungen schlugen langfristig ein: In jenen Jahren kamen u.a. Gary Pallister, Peter Schmeichel, Lee Sharpe, Andrei Kanchelskis und Paul Ince zu den Red Devils. 1991 gewann man sogar den Pokal der Pokalsieger gegen Cruijffs FC Barcelona, woraufhin die schärfsten Kritiker Fergusons trotz inkonstanter Leistungen in der Liga zumindest weitestgehend verstummen sollten.

Zum endgültigen Gewinn des Liga-Titels fehlte es United in dieser Zeit an einem durchschlagskräftigen und kombinationsstarken Stürmers. Alan Shearer – bei dem die Betonung auf „durchschlagskräftig“ liegt – entschied sich gegen Ferguson und wechselte zu Blackburn. Sein Ersatz Eric Cantona zu Beginn der Saison 1992/93 und die vielen Investitionen in den Trainerstab, das Scouting, die Jugendabteilung und die Infrastruktur sollten sich auszahlen.

Doch um den ersten Meistertitel zu ermöglichen, war auch noch ein anderer großer Brocken aus dem Weg zu räumen – an ihm hatte Ferguson jahrelang gearbeitet. Hierzulande ist es vielleicht nicht allen bekannt, doch bis in die späten 90er litt der britische Fußball im Profibereich unter einem chronischen Alkoholproblem. Ferguson führte dagegen einen erbitterten Krieg und sollte zumindest innerhalb seiner Mannschaft siegreich bleiben. So soll er im Frühling 1992 in das Haus seines Flügelstürmers Lee Sharpe gestürmt sein, weil dort eine Party stattfand. Sharpe und der ebenfalls anwesende Ryan Giggs wurden vor versammelter Partygesellschaft zusammengestaucht.

Die erhöhte Disziplin und Professionalität gepaart mit den Umbauarbeiten auf und neben dem Platz sollten sich auszahlen. In den folgenden zwanzig Jahren von 1993 bis 2013 sollte Manchester United gleich dreizehn Ligatitel holen. Insgesamt holte Ferguson mit United zusätzlich noch neunzehn nationale und sechs internationale Pokalsieg. Eine passable Ausbeute pro Jahr.

Diese Titel lagen an vielen Faktoren und Spielern – doch sie alle können auf Ferguson als Ursprung zurückgeführt werden.

Meta-System-Deuter

Ob sich jemals wer eine Statue mehr verdient hat?

Ob sich jemals wer eine Statue mehr verdient hat?

Ob die Elf um Cantona Mitte der 90er, die große 99er-Mannschaft um die mit Keane, einzelnen Verteidigern, dem Sturmduo Yorke und Cole sowie vielen Rollenspielern auf der Bank wie Solskjaer ergänzte „Class of 92“ (Scholes, Butt, Giggs, Phil Neville, Gary Neville, Beckham aus einem gemeinsamen Jugendteam von 1992) oder die zahlreichen folgenden Mannschaften – allesamt hatten eine unterschiedliche Struktur, ein weitestgehend verändertes Personal und sogar variable Spielsysteme.

Extrem dynamischer Konter, diagonale Flügelstürmer, sogar intelligenter Ballbesitzfußball (insbesondere um 2000 herum), ein immer variierendes Pressing und unterschiedliche Formationen gab es unter Ferguson zu sehen. Zwar war es immer eine Viererkette und ein gewisser Fokus auf überfallartigen Vertikalfußball (bzw. häufig eigentlich Diagonalfußball) sowie meist auch zwei Angreifer und fokussierte Außenstürmer, dennoch gab es unter Ferguson fast schon extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Mannschaften.

Die Ursache lag auf der Hand: Ferguson war fast zur Gänze ein Pragmatiker. Schon als Spieler hatte er gelernt, wie wichtig eine passende Organisation im Ballbesitz ist. Dies wurde in den folgenden Jahren immer verfeinert und verstärkt in Richtung kurze Flachpässe ausgerichtet. Viele Trends in der heimischen Liga nutzte Ferguson ebenfalls aus. Vereinzelt nutzte er wie bei Aberdeen leicht asymmetrische Varianten des vorherrschenden Systems (bspw. das 4-3-3) oder war schlichtweg sofort da, wenn sich in der Liga ein neuer Trend andeuten sollte. Wirklich veraltet war Manchester United nur ein paar Mal in Europa, in der heimischen Liga mischte man hohe individuelle Qualität mit mindestens kollektiver Ebenbürtigkeit. Desweiteren hatte Ferguson ein beeindruckendes Gespür für seine Spieler, taktisch wie psychologisch.

Psychologisches Genie, Führungsperson, Vaterfigur, Scoutinggenie

Obgleich Ferguson (zurecht) als autoritär und disziplinfordernd gilt, so konnte er auch anders. Seine Spieler wurden regelrecht zu einem United-Spieler erzogen. Beispielsweise sprachen einige englische Nationalspieler davon, dass Fergusons Spieler sich nach Länderspielen zurückzogen und das Spiel abseits der eigentlichen Mitspieler untereinander analysierten und besprachen.

Dies deutet neben zahlreichen anderen Anekdoten darauf hin, dass Ferguson aus der Zugehörigkeit zu United einen Mythos entfachte und den Spielern mithilfe dessen bestimmte Werte und Prinzipien beibrachte. Innerhalb dieses Rahmens wurden die Spieler aber individuell anders behandelt und ihre Individualität betont.

Gleiches wurde bei der taktischen Einbindung ins Mannschaftsgefüge gemacht. Ähnlich wie heutzutage Carlo Ancelotti (oder gar Udo Lattek als deutsches Beispiel viele Jahre zuvor) konnte Ferguson rein über die Zuteilungen und Verantwortungen für die einzelnen Spieler bestimmte, variable und auf die individuellen Eigenschaften passende Rollen auf gleichbleibenden Positionen bauen.

So blieb zum Beispiel das 4-4-1-1/4-2-3-1 als Formation gleich, doch innerhalb dessen wurden die Muster variiert. Beckham hatte beispielsweise eine Zeit unter Ferguson, wo er als rechter Flügelstürmer Breite gab und sehr weit entlang der Linie und diagonal in die offensive Halbräume vorschob, während er zuvor eine spielmachendere Rolle aus dem rechten defensiven Halbraum übernommen hatte.

Ohne formative Veränderung waren der Rhythmus und die taktischen Bewegungen innerhalb der Mannschaft dadurch komplett anders strukturiert. Ähnliches gab es auch bei vielen anderen Spielern im Laufe der Jahre, besonders Wayne Rooney und Cristiano Ronaldo fielen in den letzten Ferguson-Saisons dadurch auf.

Besonders beeindruckend war seine Hingabe an die Jugendarbeit und das Scouting. „Fergie’s Fledglings“ sind bis heute ein Schlagwort für die Masse an bei United ausgebildeten Jugendspielern. Uniteds Akademie gilt bis heute als eine der, wenn nicht die beste in ganz England und Ferguson war immer stolz darauf sämtliche Karrieren seiner Schützlinge auswendig zu kennen – verewigt in einem privaten und selbstverfassten Archiv. Die korrekte Einschätzung junger Talente und das konsequente Einbauen dieser Spieler dürften womöglich Fergusons Vermächtnis bei United und in seiner Karriere gewesen sein.

Fazit

Fergusons Geheimnis waren neben genialen Einzelaspekten in puncto fachlicher Kompetenz – Strategie und -psychologie, Taktikpsychologie, korrekte Analyse von Einzelpunkten und Spielern, die Einbindung von Spielern selbst und Rollenflexibilität – auch die enorme Kompetenz von nur indirekt mit dem Geschehen auf dem Platz verbundenen Aspekten.

Der Aufbau eines funktionierenden Scoutings, der interne Umbau des Vereins zu einem erfolgsorientierteren, in Bezug auf die Disziplin extrem konsequenten und gleichzeitig trotzdem familiären Umfelds in allen Aspekten und natürlich seine genialen (intuitiven) Psychologiekenntnisse waren seine Markenzeichen. Ferguson hatte außerdem ein einzigartiges Gespür sich Assistenztrainer zu holen, welche einander und auch ihn selbst passend ergänzen, was den langfristigen Erfolg, garniert mit passender System-, Spieler- und Personalfluktuation erst möglich machte.

Einmalig – bis heute.

Traineranalyse: Sir Alex Ferguson

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Sir Alex Ferguson wird als größter Manager aller Zeiten gesehen, doch seine Erfolge werden vorrangig auf die individuelle Qualität seiner Spieler und die richtige Einbindung dieser durch ihn und seine Motivationsfähigkeiten zurückgeführt. Diese ‚Traineranalyse‘ beschäftigt sich näher mit Fergusons Methoden.

Motivation alleine trifft es nämlich nicht, Ferguson war, um im SV-Jargon zu bleiben, psychologisch enorm „weiträumig“. Nicht nur die Motivation der Spieler beherrschte er perfekt, sondern viele andere Kleinigkeiten. Dazu war er taktisch und strategisch keineswegs schwach und wie auch in der Trainingsmethodik wohl unterbewertet. Dennoch dürfte die Psychologie den größten Stellenwert bei Ferguson eingenommen haben. Besonders die Überzeugung seiner Spieler von ihnen selbst war wohl sein größtes und konstantestes Merkmal über all diese Jahre.

Du bist der Beste! Und du bist der Beste! Und du bist der Beste!

In der Psychologie gibt es ein Konzept namens „Selbstwirksamkeitserwartung“. Im Grunde bedeutet es, dass man sich zutraut in einer bestimmten Situation eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und/oder ein spezifisches Ziel zu erreichen. Es ist also nicht gleichzusetzen mit dem Selbstvertrauen, welches eher etwas Allgemeineres darstellt. Im Sport ist die Selbstwirksamkeit enorm wichtig, um bestimmte Aufgaben und Anforderungen (beispielsweise innerhalb eines Fußballspiels) erfüllen zu können.

Auch wenn Ferguson der Begriff selbst („self-efficacy“ im Englischen) womöglich nicht einmal geläufig ist, so war er enorm fokussiert darauf den Spielern den Glauben an sich selbst zu vermitteln. Insbesondere ihnen im Rahmen von bestimmten Zielen und Aufgaben betonte er die spezielle Qualität seiner Spieler – vor der Mannschaft oder in Einzelgesprächen –, um sie auf die kommenden  Herausforderungen einzustellen.

Neben der erhöhten Wahrscheinlichkeit durch das größere Selbstvertrauen hatte diese Vorgehensweise noch einige andere interessante Effekte. Im Training konnte Ferguson den Spielern hohe Ziele vorgeben und an ihren Ehrgeiz und an ihr Selbstbewusstsein appellieren, diese Ziele zu erfüllen und sie auch erfüllen zu können. Ohne Letzteres ist sämtliches Training obsolet bzw. wird alibihaft ausgeführt. Desweiteren entstand ein größerer Konkurrenzkampf, da sich kein Spieler schlechter als der andere halten sollte und hielt.

Ferguson führte zum Beispiel sogar mit einem Jugendspieler ein Einzelgespräch und trichterte ihm ein, er sei besser als Cristiano Ronaldo. Wieso kam Ferguson überhaupt auf diese Idee? Er hatte beobachtet, dass der Jungspieler ehrfürchtig Cristiano beim Essen vor sich gelassen hatte – das Einzelgespräch folgte umgehend.

Zusätzlich entstand eine Siegermentalität im ganzen Team. Jeder hielt sich für den besten und für einen Teamplayer. Die Atmosphäre war fordernd, ehrgeizig und wo man sich umsah, konnte man ehrgeizige Spieler voller Selbstvertrauen um sich herum beobachten, die sich aber gegenseitig unterstützten. Kam ein neuer Spieler in den Verein, wurde ihm dieser Glaube an die eigene und somit auch an die kollektive Qualität sofort eingeimpft, falls er nicht schon so ein „Siegertyp“ war.

Um seine Spieler einschätzen zu können, hatte Ferguson sich sogar ein großes Repertoire an Prüfungen angeeignet.

Versteckte Tests der Spieler

Wie schon die Anekdote mit dem Jungspieler, der sich doch gefälligst für so gut und talentiert wie Cristiano Ronaldo halten soll, gezeigt hat, besitzt Ferguson eine hervorragende Beobachtungsgabe und beeindruckende Daueraufmerksamkeit. Ehrfurcht in einem Haufen von Spielern an einem Buffet zu erkennen, traut man womöglich nicht jedem zu. Viele solcher unscheinbaren, aber für Ferguson speziellen Vorfälle nutzte er zur Analyse der Persönlichkeitsstruktur seiner Spieler. Andere Tests waren allerdings deutlich geplanter.

Ferguson 2011: Wahrscheinlich ist das Klatschen bewusste Manipulation des gegnerischen Linksaußen.

Ferguson 2011: Wahrscheinlich ist das Klatschen bewusste Manipulation des gegnerischen Linksaußen.

Einer sah wie folgt aus: Nach einem Spiel bietet Ferguson einen Spieler zum Einzelgespräch ins Büro. Sobald der Spieler ins Zimmer kommt, geht das Licht aus und ein Video springt an. Ein großer Fehler des Spielers in dieser oder einer der vergangenen Partien wird gezeigt, woraufhin der Spieler die Szene selbst analysieren soll. Neben der inhaltlichen Komponente nimmt Ferguson insbesondere Rücksicht darauf, wie sich der Spieler verhält. Beschuldigt er andere Mitspieler? Relativiert er seinen Fehler? Gelobt er sofort Besserung? Auf welche Weise tut er es? Wie sehen seine Mimik und Gestik aus?

Die Antwort dient in ihrer Gesamtheit als introspektives und projektives Verfahren zur Persönlichkeitsbeeinflussung und –manipulation des Spielers. Die Selbstanalyse des Spielers und die Beurteilung des Spielers, was Ferguson mit dieser Art der Analyse erreichen möchte, werden ebenso wie seine Reaktion insgesamt betrachtet.

Ähnliches praktizierte Ferguson auch schriftlich. Immer wieder ließ er vorrangig Jugendspieler kleine Tests ausfüllen, wo per Paper&Pencil-Verfahren nach guten und schlechten Spielen, besonderen Eigenschaften und ähnlichem gefragt wurde. Ferguson war immer auf der Suche nach enorm kritischen, selbstkritischen und dennoch ehrgeizigen und selbstbewussten Spielern. So schnitt die legendäre „Class of 92“ um Beckham, Giggs und Co. bei diesen Tests als Jugendspieler enorm gut ab, weil sie schlichtweg überkritisch und in der Kritik enorm selbstorientiert waren.

Der selbstkritische, die Teamleistung internalisierende, dabei aber stabile und mit positiv adaptivem Coping versehene Spieler wurde von Ferguson bewusst gesucht.  In der Psychologie gibt es auch das Konzept des „High Achiever“. Diese konzentrieren sich in ihren Aktionen nicht darauf, Fehler zu vermeiden, sondern Erfolg zu suchen. Auch das war von Fergusons explizit erwünscht.

Diese Charaktereigenschaften im Verbund mit dem vermittelten Glauben an die eigene Qualität oder das Erreichen einer enorm hohen Qualität erzeugten einen interessanten Ketteneffekt.

Es ist wichtig, was man glaubt, nicht, was ist

Man stelle sich vor, man ist überzeugt davon auf ein sehr hohes Level kommen zu können, ist aber noch davon entfernt und geht davon aus, man gibt zurzeit keine guten Leistungen ab. Gleichzeitig ist man sich aber sicher, dass man es sicher kann; existiert eine bessere Motivation für ein intensives Training?

Die Motivation ist intrinsisch, langfristig und durch das immer wieder neue Vorgeben von höheren Zielen ist der Entwicklung keine wirkliche Grenze gesetzt. Genau damit spielte Ferguson: Es geht immer besser, auch wenn es schon gut ist, und jeder Spieler kann das noch höhere Level erreichen. Ferguson trichterte seinen Spieler ein, es wäre eine Schande, wenn man auf dem jetzigen Leistungsniveau verbleiben würde.

Einzelne Anekdoten (teilweise aus der Literatur und sogar aus dem Kriegswesen übernommen), Ansprachen und eine gute Mischung aus Lob und Kritik sorgten für dieses Mindset und diese Denkstrukturen in Fergusons Mannschaften – insbesondere im Verbund mit der hohen Selbstwirksamkeitserwartung jedes Einzelnen und im Kollektiv. Das zeigt folgende Geschichte von Gary Neville sehr schön:

‘Three or four times a season he’ll make the same speech – and it never fails to work. “Look around this dressing room,” he’ll say, “Look at each other and be proud to be in this together.” He’ll point to an individual. “I’d want him on my team, and him, and him.” By the time he is finished, you can feel the hairs on the back of your neck standing to attention. Your skin will be covered in goose bumps. Your heart will be thumping. Before you go out, he’ll stand at the dressing room door. No player leaves without him being there pre-match and at half-time. You walk past him and he shakes the hand of every player and every member of staff. He doesn’t have to say anything. He’s the boss, probably the greatest manager ever in this country. What more motivation do you need?’

Niemand zweifelt daran, dass er seine Mitspieler im Team haben möchte. Und das Wissen davon wird vor dem Spiel noch verstärkt. Gleichzeitig kann er einzelne Spieler ansprechen, ohne sie aus dem Team herauszuheben. Und selbst wenn er es tut: Na und? Jeder Spieler sieht sich als genau den Spieler, den er gerade herausgehoben hat. Kurzum – das ist eine absolut geniale Ansprache.

Verstärkt wird der Effekt durch die aufgehängten Poster von früheren Kapitänen, alten Erfolgen und das Erzeugen von einem Mythos um den Verein selbst. Uniteds Spieler erhielten zum Beispiel auch Geschichtsstunden, erfuhren alles über den tragischen Flugzeugunfall  der Busby Babes in den 50ern, beschäftigten sich durch das gemeinsame Besuchen des Grabmals damit und letztlich war es auch die Uniformität (gleiche Trikots bei Auftritten, bestimmte Regeln für alle, etc.), welchen die Identifikation mit dem Verein selbst verstärkten.

‘Remember who you are, remember that you are Manchester United players. Remember what you did to get here, now go and do it one more time. And you’ll win.’ – Eine von Fergusons Ansprachen

Dazu wurde um den Verein durch konstante Affirmation eine Aura erzeugt: Von Siegeswille, Überlegenheit, Tradition, bestimmten Charaktereigenschaften und vielem mehr. Ferguson soll sogar vor Spielen auf europäischem Boden im Training ein uraltes United-Trikot getragen haben, um die Spieler an die Tradition des Vereins zu erinnern und sie auf Europa einzustimmen.

Gemeinsam mit der Selbsteinschätzung des Spielers, den hohen individuellen und kollektiven Zielen war der Verein als fundamentaler Rahmen enorm wichtig zu einer langfristigen und durchgehenden Motivation der Spieler. Desweiteren ermöglicht es, die Selbstkonsistenz der Spieler (positiv) zu manipulieren und mithilfe kognitiver Dissonanz zu beeinflussen.

Asymmetrisches 4-4-2/4-3-3 gegen Real

Asymmetrisches 4-4-2/4-3-3 gegen Real

Was bedeutet das? Bei der Theorie der Selbstkonsistenz geht man davon aus, dass eine Person versucht die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Jede Person hat ein „Selbst“, welches aus vielen rollen- und situationsvariablen „Selbstbildern“ besteht. Jeder Mann verhält sich vor Freunden anders als vor Bekannten und in der Arbeit sieht es wieder anders aus. Die Unterschiede können hierbei laut empirischer Evidenz viel größer sein, als gedacht. Die extremsten Beispiele dürften (je nach Definition von aktiven Selbstbildern) die Experimente von Milgram, Zimbardo und Jones sein.

Innerhalb dieser Selbstbilder, so die Theorie, möchte man konsistent bleiben. Das bedeutet, sich an bestimmte Prinzipien halten, sich langfristig nicht zu widersprechen und insgesamt kongruent zu sein. Die Selbstkonsistenz kann aber angegriffen werden, wenn man den eigenen Erwartungen nicht gerecht wird. Das Spielen mit dem Zweifeln-lassen an der Selbstkonsistenz und Schaffen neuer Motivation war Fergusons Spezialgebiet. Funktionierte es nicht mehr oder kratzte jemand am erzeugten Rahmen, welcher den anderen Spielern das nötige Fundament für diese Manipulation gab, musste er gehen.

Disziplin und Fluktuation zur Qualitätssicherung

Die Anekdote mit der Party von Sharpe und Giggs aus dem Trainerporträt zeigt, wie konsequent Ferguson das Befolgen der internen Spielregeln nahm. Nach der Party forderte er von Lee Sharpe gar das Ende seiner Beziehung mit seiner damaligen Freundin und den Umzug in ein neues Haus, bei Giggs ging der Monatslohn flöten und er wollte die Mutter des jungen Spielers anrufen; wovor Giggs panische Angst zu haben schien.

„Schließe die Spieler nie ins Herz, weil sie dich bescheißen werden“ – Jock Stein zu Ferguson

Seine Beobachtungsgabe nutzte Ferguson ebenfalls. Anhand der Rasur, der Wochentage und des Trainingsplans konnte er häufig bei jungen Fußballern nachverfolgen, ob sie am Abend zuvor feiern waren. Das Annagen von Fergusons Autorität und seinem Status als Respektsperson wurden aggressiv im Keim erstickt. In Fergusons Anfangszeit wurde der Kapitän noch vor Saisonbeginn verkauft, weil er hinter Ferguson eine unanständige Geste gemacht hatte. Ein anderer Spieler überholte Ferguson auf der Autobahn und erhielt eine Geldstrafe.

Auch nachlässiges Training und leblose Mannschaftsleistungen wurden von Ferguson gnadenlos zusammengeschrien. Allerdings wäre es falsch, wenn man Ferguson als Disziplinfanatiker bezeichnet. Vielfach konnte er sehr umgänglich sein. Das „Hairdyertreatmant“ – das Anschreien eines Spielers aus nächster Nähe – gab es viel seltener als von vielen vermutet.

„Es ist nicht falsch, seine Contenance wegen den richtigen Beweggründen zu verlieren.“ – Jock Stein zu Ferguson

Nur bestimmte Aktionen verdienten diese Behandlung vereinzelt, nach Aussage vieler Spieler kam es häufig monatelang nicht vor. Oftmals gab es von Ferguson sogar aufbauendes Lob nach Rückständen oder ganz ruhige Ansprachen, wenn die (kämpferische) Leistung akzeptabel war.

Ferguson konnte zwar situativ zum Magath werden, doch hatte auch andere Facetten. Mit Giggs gab es über die ganzen Jahre hinweg einen überaus scherzhaften und freundschaftlichen Umgang, für Beckham war er lange Zeit eine Vaterfigur und für seine gesamte Familie wie ein Freund. Erst, als sich Beckham vom Fußball abwandte – Ferguson bemerkte z.B. einen veränderten Umgang mit Kritik und verringerten Einsatz im Training zusätzlich zu inkonstanteren Leistungen –, begannen die Streitereien inkl. der legendären „Ferguson-schießt-Beckham-einen-Schuh-an-den-Kopf“-Geschichte, welche zum Abgang des Superstars führte.

‘If you lose, you’ll go up to collect losers’ medals and you’ll be six feet away from the European Cup,’ Ferguson said as the players prepared themselves for the second half. ‘But you won’t be able to touch it. I want you to think about the fact you’ll have been so close to it and for many of you that will be the closest you’ll ever get. And you will hate the thought for the rest of your lives. So just make sure you don’t come back in here without giving your all.’ – Ferguson zu seinen Spielern in der Halbzeit des 99er-Finales

Die konsequenten Verkäufe oder gar teuren Kündigungen wie einst mit Kapitän Roy Keane warne ebenfalls ein Markenzeichen Fergusons. Das rechtzeitige Eingreifen bei möglichen langfristigen Unruhestiftern im Gesamtgefüge stand über jeder Leistung und jedem Status. Einen neuen Superstar konnte man kaufen, einen harmonischen, ruhigen und ehrgeizigen Kader allerdings nicht. Dies sorgte im Verbund mit ständiger personeller Fluktuation für die langjährigen Erfolge Fergusons außerhalb und auf dem Platz durch immerwährenden Konkurrenzkampf, Harmonie im Kader und Fergusons Status als Autorität.

‘Not one of you can look me in the eye, because not one of you deserves to have a say.’ – Ferguson zu seinen Spielern nach einer schwachen Halbzeit

Desweiteren gab es bei United immer einen durchgehenden, graduellen Prozess. Im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften kam es dadurch kaum vor, dass United an älteren Spieler zu lange festhielt. Immer wurde analysiert, wie würde dieser Spieler in drei Jahren aussehen. Ist er fit? Kann er seinen Status innerhalb der Mannschaft aufrechterhalten? Was passiert, wenn er das nicht kann? Wie entwickeln sich die anderen Spieler? Wie könnten die Systeme in den nächsten Jahren durch die personellen Veränderungen aussehen?

Innerhalb dieses langfristigen Plans wurden immer wieder Zwischenziele gesetzt.

Variable Zielsetzung als praktisches Mittel für alle Situationen

Ein enorm wichtiges Konzept in der Sportpsychologie ist es, dass man sich operative Ziele setzt. Rein strategische Ziele oder das Trainieren ohne ein bestimmtes Ziel führen zu geringerer Motivation und geringerer Trainingsintensität, welche sich letztlich schon mittelfristig in der Leistung widerspiegelt. Ferguson nutzte darum vielfach das Setzen von konkreten kurzfristigen Zielen im Verbund mit bestimmten langfristigen Zielen ein, um seine Spieler in allen Aspekten an der Stange zu halten und zu hoher Disziplin und Intensität in allem zu motivieren, ob Training, Spiel oder auch außerhalb des Platzes.

Interessant ist auch die Wechselwirkung davon mit der Effektivität des Trainings selbst. Glaubt man Fußballkonditionstrainern wie Jan van Winckel und seinem Team („Fitness in Soccer“) oder Raymond Verheijen („The Original Guide to Football Periodisation“), so ist eine spielähnliche Intensität (oder höher) unabdingbar, um ein intensives Fußballspiel – taktisch, technisch und körperlich – umsetzen zu können.

Dies kombinierte Ferguson mit dem Setzen von Leistungs-, Prozess- und Ergebniszielen. Spieler erhielten schon in jungen Jahren langfristige Ziele, wohin sie sich entwickeln sollten (Leistungsziele). Oder, um das Modell von Elliot (1999) zu nutzen, sie erhielten sowohl annähernde Lern- als auch annähernde Leistungsziele für Fähigkeiten und Meilensteine in ihrer Karriere, welche sie erlernen und erreichen sollten. Mittelfristig gab es Prozessziele, welche bestimmte Ziele im Ablauf zu einem bestimmten (meist kollektiven) Erreichen darstellen. Was muss passieren, um dieses Jahr Meister zu werden, ist beispielsweise ein mögliches Fundament für das Bilden von Prozesszielen.

Entscheidend waren aber die vielen kurzfristigen Ergebnis- und Handlungsziele. Diese waren auf die nächste Zeit gemünzt – von einer bestimmten Sequenz von Spielen bis sogar zu einzelnen Trainings – und dienten der kurzfristigen Motivation der Spieler. Damit wurden die Spieler im Verbund mit der Trainingsarbeit selbst, der Videoanalyse und der taktischen Einstimmung auf den Gegner für die kommenden Partien vorbereitet.

Außerdem ist es auffällig, wie präzise sich Ferguson an das „SMART“- bzw. das „SMARTER“-Modell hielt. Dieses Wort ist eine kleine Richtlinie zum korrekten Bilden von Zielen. SMARTER steht hierbei für Folgendes:

Besonders die letzten Punkte sind im Fußball extrem wichtig. Die Analyse und Re-Analyse der Leistungen und der Ziele sind wichtig, um beim Bilden neuer Ziele die anderen fünf Anforderungen erfüllen zu können. „E“ und „R“ in diesem Schema werden häufig auch als „ethnisch“ und „rewarding (belohnend)“ oder „ressourcenorientiert“ definiert, was Ferguson ebenfalls berücksichtigte.

Dieses Geben von immer wieder neuen und spezifischen Zielen innerhalb eines größeren Rahmens zur persönlichen Entwicklung des Spielers sorgte auch dafür, dass sie den Fokus wechseln konnten. Nach Spielen konnte im Training durch das Geben von neuen Zielen von der letzten Partie, z.B. nach Niederlagen, abgelenkt werden. Ferguson war nach Niederlagen selten sauer oder aggressiv, sondern richtete den Blick seiner Spieler (und von sich selbst) sofort mit Optimismus in die Zukunft.

Dieser Perspektivenwechsel verhinderte, dass sich die Spieler von Misserfolgen beeinflussen ließen. Im Trainingsgelände von United gab es sogar eine Zone, welche vorrangig diesem Perspektiven- und Fokuswechsel diente.

Ein Auszug aus dem Buch „How to think like Sir Alex Ferguson: The Business of Winning and Managing Success”:

Another effective solution is to have a transition zone. The coaches at Manchester United do this to help their players block off distractions from their home life and focus on playing football. They draw a white line about ten yards behind the training pitches. The area behind the line is the ‘thinking zone’. In the thinking zone, the players receive feedback from the coaches about the aims of the session. Once they have figured out what they want to do, they cross the line into the ‘play zone’. Before they cross the line, the players must begin focusing on the session and forget any distractions. The coaches start the session with an exercise which requires the players to keep possession of the ball. As each player arrives on the field, he must try to win the ball from the previous one. When this well-established routine has fully switched on all the players, the coaches know they are focused and ready for quality practice.

Ein weiteres Beispiel, wie Ferguson nicht nur die Psyche seiner Spieler positiv beeinflusst, sondern auch das Training und die Trainingsintensität. Zusätzlich baut Ferguson noch ein paar interessante Aspekte ins Training, in seine Einzelgespräche und in die Ansprachen mit ein.

Fokussierung einzelner Spieler und adaptive Kritik

Seine Spieler erhielten zum Beispiel Lob für bestimmte Eigenschaften oder für bestimmte Vorreiterrollen. Das war besonders bei kämpferischen Aspekten der Fall. Wenn man einzelne Spieler für ihren Einsatz lobt und dies passend macht, zum Beispiel aus jedem Mannschaftsteil einen Akteur, können sich die anderen Spieler an diesem Akteur orientieren. Andererseits wird dieser Spieler seinen Einsatz und seine Laufbereitschaft noch intensiveren und fokussieren. Er hat nicht nur Lob als Motivation zur Aufrechterhaltung erhalten, sondern fühlt sich diesbezüglich von seinen Mitspielern beobachtet und fühlt sich auch verantwortlich durch seine Vorbildwirkung. Öffentliche Kritik der Spieler gab es allerdings nicht. Kritische Punkte wurden in Einzelgesprächen oder anonymisiert angesprochen.

Ein Motivationstrick Fergusons war auch folgender: Nach dem ersten Meistertitel verkündete Ferguson, er wisse, drei Spieler würden die Mannschaft in der kommenden Saison im Stich lassen. Dazu hielt er drei Kuverts nach oben und sprach davon, dass die Namen der fraglichen Spieler sich in diesen Kuverts befinden. Die Ablenkung vom Meistertitel war perfekt und jeder Spieler musste sich trotz der Erfolge konzentrieren, um nicht als Buhmann im Team zu gelten.

Barcelona vs ManUtd, 1994

Barcelona vs ManUtd, 1994

Interessanterweise zeigte Brendan Rodgers, wie situativ man solche Spielchen anwenden muss. Der Trainer von Liverpool kopierte diesen Trick von Ferguson und wendete ihn in seiner Anfangszeit bei Liverpool an. Das geht allerdings komplett an der Sache vorbei. Einerseits fehlt mit dem Meistertitel ein direktes Motiv, andererseits ist es bei ihm weder authentisch noch passend, weil bei Liverpool noch kein solches Umfeld wie bei United durch Ferguson damals entstanden ist. Und: Inkonstantere und schwächere Mannschaften werden deutlich häufiger Enttäuschungen haben. Rodgers hätte also eher einen Serienbrief verfassen müssen.

Ferguson hingegen war ein Meister der situativen Anwendung. Stellte er einen Spieler nicht auf, so führte er das vor versammelter Mannschaft auf kleinere Gründe zurück, häufig die Taktik. Danach folgten unter vier Augen Einzelgespräche und Ferguson beantwortete, wieso der Spieler nicht aufläuft und was ihm sonst einfiel. Diese intelligente Art zu kritisieren zeigte er auch öffentlich und nach Spielen.

Bei Louis van Gaal in seiner Zeit bei Bayern sprach man diesbezüglich auch von „azyklischer Kritik“. Nach guten Spielen wurde kritisiert, um die Motivation hochzuhalten und die Arbeit an kleineren Aspekten weiterhin zu fokussieren. Bei schlechteren Partien gab es wiederum positive Kritik. Die Spieler werden damit aus der Schussbahn genommen, es soll keine schlechte Stimmung entstehen und Optimismus vor der nächsten Aufgabe verbreitet werden.

Im Training selbst war Ferguson sogar ausschließlich positiv, wie er selbst sagt:

‘There is no room for criticism on the training field. For a player – and for any human being – there is nothing better than hearing, “Well done.” Those are the two best words ever invented in sports. You don’t need to use superlatives.’

Der letzte Satz ist hierbei ebenfalls wichtig. Superlativen und spezifisches Lob sorgen für eine vermeintlich vom Trainer erzeugte Hierarchie der Fähigkeiten der Spieler und generell einem Ranking der Wichtigkeit von Eigenschaften, welches Fergusons Vermittlung von Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen an seine Spieler widersprechen würde.

Jeder Spieler ist individuell und für (s-)eine bestimmte Rolle im Team unersetzlich. Ferguson wusste das, weil er auch über die Wichtigkeit von dem Einfluss von Taktik auf die Psychologie und umgekehrt wusste. Bestimmte Spielertypen eigneten sich für besondere Situationen schlichtweg taktisch und/oder psychisch besser, auch wenn dieses Spiel nur einmal in zwei Jahren stattfinden sollte. Und Ferguson war ein Meister darin, mit diesem Wissen Gegner zu zerstören.

Der Gott der taktik- und strategiepsychologischen Manipulation

Ferguson sprach jüngst in einem Interview davon, was das Geheimnis hinter der sogenannten Fergie-Time eigentlich ist. Zur Info: Als Fergie-Time wird jene Zeit bezeichnet, welche Schiedsrichter Manchester United angeblich zu viel an Nachspielzeit geben und in der United schon zahlreiche Spiele gedreht hat bzw. gedreht haben soll. Studien haben zwar ergeben, dass United nur marginal und nicht signifikant mehr Nachspielzeit als andere Topteams erhalten hat, doch der Mythos lebt bis heute.

Vor einigen Tagen erklärte Ferguson, dass er absolut keine Ahnung hatte, wie viele Nachspielzeit gespielt werden sollte oder gespielt wurde. Er deutete schlichtweg auffordernd auf seine Uhr, um die Schiedsrichter und den Gegner zu beeinflussen. Sahen die Gegner ihn im Verbund mit dem Mythos Fergie-Time und Uniteds Aufholjagden im Kopf mit der Uhr an der Seitenlinie dastehen, gerieten sie laut Ferguson bereits in Panik.

Diese Panik wiederum beeinflusste ihre Spielweise und sorgte für mehr Fehler, wodurch United durchaus häufiger treffen konnte und der Mythos zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wurde. Taktikpsychologie beobachtete Ferguson gar 1999 im CL-Finale:

‘The Bayern players had lost all positional discipline: they were like men staggering away from a plane crash. I knew that they’d gone, mentally.’

Die Verbindung zwischen mentaler Instabilität und positioneller Disziplin zu machen, ist durchaus beeindruckend und selten. Viele fokussieren sich in ihren Analysen auf nur eines davon, doch meist interagieren Taktik und Psychologie miteinander. Fergusons legendäre „Mind Games“ mit anderen Managern waren ebenfalls durch diese Denkweise angetrieben.

Aussage wie „wir sind in der zweiten Saisonhälfte besser“ waren nicht (nur) für die Presse und für die eigene Mannschaft gedacht, sondern sollten den gegnerischen Trainer und das gegnerische Team negativ beeinflussen und sie zu Fehlern in der taktischen und strategischen Ausrichtung verleiten. Interessanterweise war es ausgerechnet Ancelotti in seiner kurzen Zeit bei Chelsea, der mit der simplen Aussage „sind wir auch“ den Effekt neutralisierte und womöglich sogar eher Druck auf United ausübte; immerhin war er nach Fergusons Aussagen einer der ersten exklusive Mourinho, den man mit so etwas kaum beeinflussen konnte.

Taktik- und strategiepsychologische Aspekte ließ Ferguson außerdem bewusst ins Training einbauen. So gab es Trainingsspiele, in der sich eine Mannschaft von Beginn an in Rückstand befand und es nur noch ein bestimmtes Zeitlimit gab (welches variierte), um das Spiel noch zu drehen. Dadurch wurde die verteidigende Mannschaft in der Strafraumverteidigung und im Konterspiel geschult, die angreifende Mannschaft hingegen sollte lernen konstruktiv und zielorientiert anzugreifen, dabei aber abgesichert und ruhig zu bleiben. Ferguson vermittelte als bewusst die Kontrolle des Spielrhythmus in unterschiedlichen Phasen an seine Mannschaft.

Die rein psychologische Komponente in dieser Übung ist ebenfalls beachtlich – z.B. das Coping nach weiteren Gegentoren oder die Effekte auf beide Teams bei gelungener Aufholjagd. Ferguson war nach eigener Aussage der Meinung, dass Glück kein Zufall ist, sondern durch die Begebenheiten erzwungen wird. Man solle versuchen, alles zu kontrollieren, was man nur irgendwie kontrollieren kann – und der Rest wird sich ergeben und ist irrelevant für die Einschätzung von Leistungen und für langfristigen Erfolg.

Statistiken der letzten Ferguson-Jahre zeigten passenderweise, dass Manchester United teilweise konträre Muster in Rückstand und bei Vorsprung im Vergleich zu anderen Mannschaften aufwies. Die absolute Schusszahl im Spiel erhöhte sich bei Rückständen z.B. nicht. United packte somit nicht die Brechstange aus, sondern spielte ruhig weiter und glaubte weiterhin an den eigenen Erfolg, ohne panisch auf lange Bälle oder die Brechstange zugunsten vieler, aber schwieriger und weniger erfolgreicher Abschlüsse Chancen auszupacken.

Ein von Ferguson häufig im Training und in Ansprachen genutztes Mantra setzte sich hier durch und in den Köpfen seiner Spieler fest:

‘Manchester United never get beaten. We may occasionally run out of time but we never believe we can be beaten.’

Alleine die Nutzung strategie- und taktikpsychologischer Aspekte im Training macht Ferguson in gewisser Weise zu einem Vorreiter in der Trainingsmethodik. Auch anderes ist hier sehr positiv.

Langsame Periodisierung, ballorientiertes Training und Rotation

Im Gegensatz zu vielen anderen Trainern, besonders in den 70ern, 80ern und 90ern, ließ Ferguson in der Aufbauphase vor der Saison keineswegs extrem hart trainieren. Stattdessen wurde die Kondition der Spieler langsam aufgebaut und gemächlich an dem physischen Rüstzeug für die neue Saison gearbeitet; eine Trainingsphilosophie, wie sie führende Fußballkonditionstrainer wie die bereits erwähnten Verheijen und van Winckel in den letzten Jahren erst propagieren.

Desweiteren war Ferguson einer der ersten Verfechter der Rotation im britischen Fußball. Einzelne Akteure wurden sowohl aus taktischen als auch aus physischen Gründen immer wieder geschont und die Aussicht lag darauf, dass man in den entscheidenden Spielen und Phasen der Saison auf die besten Spieler in einem körperlich guten Zustand zurückgreifen kann.

Außerdem trainierte Ferguson seine Mannschaft meist in Spielformen, die vereinzelt sogar extrem komplex werden konnten. Zwei beispielhafte Trainingsübungen Fergusons mit sich erhöhender Komplexität finden sich zum Beispiel hier. Eine andere Übung zur Strafraumverteidigung wurde beispielsweise so praktiziert, dass die vier bis sechs verteidigenden Spieler im Strafraum durchgehend von mehreren gegnerischen Teams gefordert wurden, die im Wechsel in Unterzahl und Überzahl angriffen. Sie mussten schnell ihren Fokus wechseln, den dynamisch auf sie zukommenden gegnerischen Angriff analysieren, miteinander kommunizieren und den Angriff möglichst gut verteidigen.

Die attackierenden Mannschaften lernten wiederum auf unterschiedliche Art und Weise anzugreifen und Unter- oder Überzahlen variabel auszuspielen. Dazu gesellten sich viele individualtaktische Übungen, einzelne (heutzutage als überholt geltende) isolierte Übungen zu bestimmten Techniken und zur Physis sowie das Einstudieren gruppen- und mannschaftstaktischer Abläufe.

In den letzten Jahren seiner Karriere fand man aber Ferguson kaum noch auf dem Trainingsplatz vor. Schon lange Zeit zuvor hatte er begonnen sich weniger aktiv mit der Trainingsarbeit zu beschäftigen – ein versteckter Geniestreich.

Beobachter, Organisator und Delegator

Auf den ersten Blick erscheint es (zumindest hierzulande) konterintuitiv, dass ein Trainer das Training nicht verfolgt, aber weiterhin für Transfers, Aufstellungen und die taktische Ausrichtung verantwortlich ist. Fakt ist aber nur, dass Ferguson das Training nicht leitete. Dennoch hatte er einen maßgeblichen Einfluss auf das Training, u.a. die Planung der Entwicklung der Spieler, die Trainingssteuerung und die grundsätzliche Ausrichtung der Übungen im Verhältnis zur gewünschten Spielweise.

Desweiteren hatte Ferguson eine beobachtende Rolle. Sein Büro lag so, dass er das Trainingsgelände immer komplett im Auge hatte. Situativ konnte er herausstürmen und bestimmte Dinge korrigieren, sich über bestimmte beobachtete Dinge austauschen oder schlichtweg die Spieler von seinem Fenster aus anschreien, wenn ihm etwas missfiel. Positiver Nebeneffekt: Die Spieler fühlten sich andauernd beobachtet, auch wenn sie es nicht waren. Nachlassen nicht möglich. Stünde Ferguson auf dem Platz, könnte er wie auch die anderen Trainer nicht alles überblicken und würde Konzentrationsmängel übersehen.

Gleichzeitig erhielt Ferguson dadurch mehr Zeit für andere Sachen. Die Zeit im Büro nutzte er neben der Beobachtung auch zur Analyse des Gegners, von Trends in der Liga, zum Scouting von Spielern, zur Reflektion des Feedbacks seiner Assistenten und zur Analyse der Vorgänge innerhalb des Vereins. Andere Trainer müssen dies mit der alltäglichen Arbeit in Einklang verbinden, wodurch viele Sachen im Verein übersehen oder falsch eingeschätzt werden.

Zusätzlich erhielten die von ihm eigens ausgewählten Assistenten mehr Verantwortung, mehr Selbstbewusstsein bzw. Selbstwirksamkeit und Erfahrung. Der Trainerstab konnte das Alltagsleben selbst kennenlernen und daraus Wissen ziehen, welches sie mit Ferguson teilten. Dennoch erhielten sie eine grundsätzliche Struktur, wie Trainings auszusehen haben.

Fergusons Trainingsstruktur

Die meisten Trainings begannen mit Passübungen, meistens Rondos und rondo-ähnlichen Übungen, bevor bestimmte Abläufe im Ballbesitz und Passspiel einstudiert wurden. Danach folgten die bereits erwähnten Übungen zum Bespielen des Strafraums, zum Raumgewinn und Angriffsvortrag sowie dem Verteidigen davon. Als vorletzter Baustein diente eine isolierte Abschlussübung, welche wohl auch für Regeneration, Abwechslung und schlichtweg Spaß dienen sollte, bevor zum Abschluss noch in einer größeren Spielform an der Mannschaftstaktik und dem Kombinationsspiel in spielnahen Voraussetzungen gearbeitet wurde.

„Der denkende Spieler“ nach Ferguson sollte sich im Training so viel wie möglich bewegen, es gab in den Übungen kaum Standphasen, dazu wurde fast alles mit Ball und im Bezug auf eine bestimmte Aufgabensituation aus dem Spiel gemacht. Ziel: Das Kreieren von Verständnis der Bewegungen untereinander und die passende taktische Kommunikation. Ergänzt wird dies mit Individualtrainern wie dem Coerver-Coach René Meulensteen, der Spieler noch individuell in bestimmten Punkten fokussiert ausbildet.  Im Sinne der „integrativen Methode“ (ähnlich der taktischen Periodisierung oder Roger Sprys „Functional Integrated Training“) wird aber auch das Einzeltraining an die jeweilige Position, die Zone und die positionsspezifischen Situationen angepasst.

Die grundsätzliche Struktur wird täglich mit neuen Übungen ausgefüllt, der Trainerstab trifft sich morgens und plant die genaue Umsetzung des jeweiligen Trainingstags im Bezug auf die taktischen, spielerischen und medizinischen Erkenntnisse der letzten Tage. Daraus werden die Trainings gebildet, welche Ferguson selbst als „Problemlöseaufgaben“ bezeichnete. Das Erstellen solcher Trainingsübungen – „Problemlöseaufgaben“ – benötigt aber auch taktische und strategische Kompetenz.

Diese wird bei Ferguson nämlich häufig unterschätzt, doch absolut zu Unrecht.

Inselbegabungen in der Taktik

Aberdeen im Aufbau gegen den HSV - eine weitreichende, effektive und unorthodoxe Anpassung

Aberdeen im Aufbau gegen den HSV – eine weitreichende, effektive und unorthodoxe Anpassung

Obwohl er hierbei keineswegs schwach war, ist Ferguson natürlich kein herausragender Trainer in puncto in-game-Gruppentaktikanpassungen wie Guardiola; was kaum ein Trainer auf dem Niveau kann und generell überaus schwierig ist, obgleich Ferguson vereinzelt mit guten Einwechslungen und Formationen die Abläufe sehr treffend verändern konnte. Dies ging zwar meist in Richtung der Mannschaftstaktik und war nicht wie bei Guardiola das Spielen mit bestimmten Staffelungen, dennoch effektiv.

Ebenso wenig war Ferguson ein großer Innovator, auch wenn er einzelne unorthodoxe Ideen hatte und seinen Konkurrenten in der Liga nie wirklich nachstand, exklusive Mourinhos Zeit bei Chelsea und Laudrups Swansea vermutlich. Im Trainerporträt bemühte ich deswegen den Begriff „Meta-System-Deuter“, da Ferguson sehr schnell auf sich entwickelnde Trends in seiner Umgebung anpassen und diese übernehmen oder mit einer eigenen Anpassung neutralisieren konnte.

Bei der Gegneranalyse war Ferguson aber interessant und unüblich gleichzeitig. Der Gegner wurde bis aufs Mark seziert, doch die taktischen Anpassungen hielten sich in Grenzen. Wieso? Weil sich Ferguson nach eigener Aussage lieber auf die eigene Mannschaft konzentrierte. Deswegen suchte man sich nur die wichtigsten Punkte zum Bespielen des Gegners, die den Gegner allerdings zusammenfallen lassen sollten. Ganz nach dem Motto:  Taktik? Wieso nicht einfach gewinnen?

Dadurch entstanden ganz merkwürdige Anpassungen, wie zum Beispiel das Unterbrechen ganz spezieller Passmuster in bestimmten Zonen durch eine Veränderung Bewegungsspiel, wodurch das gesamte Konstrukt zusammenfällt – das hat man nämlich explizit gegen Wengers Arsenal einst gemacht. Auch die Feuchtigkeit des Bodens und erhöhter Nutzen von Schnelligkeit in Laufduellen nach Schnittstellenpässen wurde zum Beispiel bei einem Spiel gegen einen Mittelfeldteam durch die späte Einwechslung des frischen Giggs bespielt.

Gepaart wurde dieses Zerstören des gegnerischen Gebildes durch das Attackieren von oftmals winzigen Schlüsselpunkten mit hervorragender strategischer Ausrichtung.

Ferguson, König der Strategie

Um diese kleinen Schlüsselpunkte zu attackieren, nutzte Ferguson meistens bestimmte Spieler in besonderen Rollen (von 2007 bis 2009 stellte er häufig Cristiano Ronaldos Position und Rolle von Spiel zu Spiel um). Viel stärker war aber Ferguson in noch abstrakteren und grundsätzlicheren Punkten. Er band die speziellen Eigenschaften einzelner Spieler meist schon von Beginn an so in das System ein, dass er keine gegnerspezifischen Anpassungen benötigte – die Durchschlagskraft und Effektivität waren bereits gegeben. Auch viele andere strategische Punkte sorgten für konstante und weitestgehend anpassungslose Überlegenheit.

Fergusons Teams spielten meistens kompakter als die Gegner, besonders in den 80ern und 90ern war der Vorteil gegenüber der Konkurrenz in Schottland und England gegeben. Dazu visierten sie die richtigen Zonen an und kontrollierten die wichtigsten Räume des Feldes. Obwohl sich Ferguson insbesondere in seiner Zeit bei United über das Flügelspiel und die Flügelstürmer definierte, war die Mitte fast immer besetzt, gut gestaffelt und wurde zum Einbringen der Flügel genutzt.

Im taktiktheoretischen Artikel über die Halbräume schrieb ich passenderweise Folgendes:

In gewisser Weise sind die Halbräume darum die “Verbindungszone” unter den unterschiedlichen Zonen, während man die Mitte eher als “Organisationszone” sehen könnte; die Flügel hingegen eignen sich speziell für Durchbrüche. Theoretisch wäre eine Unterteilung unterschiedlicher Zonencharakteristiken unter Berücksichtigung bestimmter Spieleigenarten (Ballzirkulation, Verteidigungsart, etc.) eine interessante Idee für einen zukünftigen Artikel.

Fergusons Mannschaften befolgten diese ungefähre Zonencharakteristik, natürlich mit einem Fokus auf die Durchbrüche entlang der Flügel. So sprach Ferguson selbst davon, dass die Kontrolle der Mitte und Besetzung der Mitte mit spielstarken und intelligenten Spielern für eine gute Mannschaft unabdingbar ist. Spieler wie Keane, Scholes, aber auch Butt, Ince und Carrick sind unterschiedliche Typen, welche jedoch allesamt die Anforderungen an zentrale Mittelfeldspieler nach dieser Definition erfüllen.

Die Flügelstürmer wurden vor allem deswegen fokussiert, weil durch das freie Aufrücken und Agieren der Flügelstürmer die Mitte (vorerst) zurückhaltender besetzt und dadurch simpel abgesichert werden konnte. Gleichzeitig konnten die Flügelstürmer aber befreiter aufspielen und ihre speziellen Stärken (Dribbling, Flanken, etc.) fokussierter einbringen. Ballverluste auf dem Flügel konnten außerdem gut zugestellt werden, Gegentore nach Kontern wurden reduziert.

Diesbezüglich erwähnte Ferguson, dass das effektive Spielfeld im letzten Drittel beziehungsweise neben den Strafräumen für ihn nicht die gesamte Breite wie im ersten und zweiten Drittel darstellt. Ferguson soll sogar im Training die Ecken des Spielfelds diagonal zum Strafraum hin abgeschnitten haben und zur verbotenen Zone erklärt haben. Bei den Flanken von Fergusons Teams zeigte sich dies zum Beispiel überaus eindeutig (hierbei großen Dank an Max Odenheimer von Statsbomb, welcher diese Grafik in diesem tollen Artikel eingebaut hatte):

fergie crosses

fergie crosses

Ferguson hat also trotz seines enormen Flankenfokus‘ eine ähnliche Ansicht zur Flanken wie Spielverlagerung: Nämlich eine kritische. Flanken müssen so scharf wie möglich aus strafraumnahen Zonen (beziehungsweise von innerhalb des Strafraums) kommen oder einige andere wichtige strategische Komponenten aufweisen.

Diese weiteren Komponenten waren eine passende Strafraumbesetzung, gute Sichtfelder durch eine intelligente Diagonalität beim Spielen von Flanken oder schlichtweg flache und halbhohe Flanken. Vermutlich war die Berücksichtigung dieser strategischen Punkte Fergusons größtes Erfolgsgeheimnis, insbesondere für die Durchschlagskraft seiner Mannschaften.

Die Mannschaften Fergusons zeichneten sich dadurch aus, dass sie Flanken situativ intelligent nutzten. Neben der Hereingabe von den Seiten bei Nähe zum Strafraum wurden vielfach auch frühe Diagonalflanken hinter die Abwehr aus dem Halbfeld genutzt. Gegen eine tiefe Abwehr ist eine Halbfeldflanke in den Strafraum ineffizient und bevorzugt die gegnerische Abwehr, gegen eine herausrückende und/oder hohe Abwehr kann der lange Diagonalball hinter die Abwehr bei passender Bewegung in die Tiefe der Stürmer, der zentralen Mittelfeldspieler und ein Einrücken des ballfernen Flügelstürmers enorm gefährliche Torchancen kreieren.

Flache Flanken wiederum sind für die angreifende Mannschaft einfacher zu verwerten, halbhohe Flanken sind am schwierigsten zu verteidigen. Die richtige Mischung und die Fokussierung einzelner Varianten bei bestimmten Gegnern oder gar eigenem Spielermaterial könnten enorm gefährlich werden. Am besten verkörpert Fergusons Ausrichtung aber das Bespielen von guten Sichtfeldern und passender Staffelung. Aberdeens Erfolg in Europa 1983 ist – wie man in der morgigen Analyse sehen wird – weitestgehend auf enorme Präsenz im Strafraum und sehr gute Organisation bei den langen, raumgreifenden Pässen vom Flügel und im Mittelfeld zurückzuführen.

Späte Vertikalsprints von zentralen Mittelfeldspielern aus dem Rückraum in den Strafraum, diagonale Pässe von der Grundlinie aus nach hinten, das gleichzeitige Besetzen der Mitte, des ersten und zweiten Pfostens und die schiere Anzahl an hereinstürmenden Akteure waren bei den meisten Ferguson-Mannschaften eines der Markenzeichen – und sind von fast jeder Mannschaft der Welt bei guter Umsetzung kaum zu verhindern.

Dazu wurden die speziellen Begabungen einzelner Spieler im letzten Drittel gut eingebunden, insbesondere die Abschlussbewegungen und die bevorzugten Situationen im Abschluss. Auch in der Ballzirkulation davor wurden schon grundsätzlich bestimmte Aspekte verfolgt: So waren die Angriffsrichtungen und Passmuster zonenübergreifend, wodurch der Gegner Probleme beim Verschieben und im Verbund mit den Bewegungen Uniteds auch beim Übergeben hatte. Die Zirkulation in einem Bereich des Feldes mit schneller Verlagerung und Überladung im anderen Bereich wurde ebenso oft genutzt wie lange Verlagerungen.

fergiegoalchart

fergiegoalchart

Zudem waren Fergusons Mannschaften traditionell bei Kontern und bei Standards extrem gut. Im Konterspiel wurden saubere und einstudierte Abläufe mit ausreichend dynamischen Spielern genutzt, während es bei Standards viele unterschiedliche Ausführungsvarianten gab. Durch die Bewegungen wurden immer wieder Spieler freigeblockt, Räume geöffnet oder schlichtweg mit der Wahrnehmung der gegnerischen Mannschaft gespielt. So führten bei United einige Male sogar zwei Spieler den Freistoß aus – und zwar gleichzeitig.

Diese strategische Überlegenheit und das Befolgen vieler von anderen Trainern unterschätzter fundamentaler Punkte sorgten letztlich auch für skurrile Zahlen bei der Analyse von Fergusons Mannschaften.

Exkurs: Der Albtraum für jeden Statistiker

In den letzten Jahren seiner Amtszeit fielen Fergusons Mannschaften bei der sogenannten „Total Shots Ratio“ klar ab. Die Totel Shots Ratio bezeichnet einen Wert, bei dem die Anzahl der eigenen Schüsse durch die summierte Anzahl der eigenen und gegnerischen Schüsse  dividiert wird. Dadurch erhält man einen Prozentwert, der den Anteil der eigenen Schüsse pro Spiel angibt. Dieser Wert gilt nach James Graysons und viele andere Studien als sehr stabil und prädiktiv. Bei Ferguson hingegen versagte der Wert.

Fergusons Meinung über TSR

Fergusons Meinung über TSR

Die Erklärung hierfür ist einfach: Ferguson war einer von sehr wenigen Trainern, bei dem die Chancenqualität schlichtweg im Schnitt viel höher war als bei der Konkurrenz. Seine Teams konzentrierten sich nicht auf eine Vielzahl von Schüssen, sondern auf eine geringe Anzahl von Schüssen mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit. Unter anderem waren „Score Effects“ dafür verantwortlich. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Chancenverwertung beim TSR-Modell je nach “Game State” (Führung, Rückstand, Führung mit zwei Toren, etc.) in Relation zum Ergebnis steigt oder fällt. Verantwortlich dadurch ist der gegnerische Druck beim Abschluss. United ging unter Ferguson oft früh in Führung, nutzte diese “Score Effects” sehr gut aus und seine Mannschaften suchten desweiteren immer nach sehr guten Abschlusspositionen und -situationen. Schlechte Chancen wurden nicht abgeschlossen, es wurde dann weitergespielt und dem Gegner die Chance auf Ballbesitz und Konter genommen.

Ferguson ist außerdem fast der einzige britische Trainer, welcher auch das „Expected Goals“-Modell übertrifft. Expected Goals steht für erwartete Tore, wo aus jedem Schuss durch die Natur des Schusses – beispielsweise die Distanz zum Tor, die Art der Vorlage, die Art des Schusses, den Schusswinkel und die Art und Anzahl der Aktionen vor dem Schuss – die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs berechnet wird. Die Gesamtzahl der Schüsse der letzten Jahre wurde hierbei genommen, um für diese Wahrscheinlichkeit einen konkreten Wert zu schätzen.

Uniteds Übertreffen dieses Modells wird von vielen auf das herausragende Ausführen von Standards, die individuelle Qualität und schlichtweg das Glück zurückgeführt. Viele Statistikanalysten/-blogger führten dies zumindest zu gewissen Teilen auf reines Glück zurück, ob Richard Whittall, Neil Charles oder der herausragende Daniel Altman. Nur wenige andere wie James Yorke, Paul Riley oder letztens Max Odenheimer argumentieren gegen das Glücksargument.

Bei näherer Betrachtung und Analyse der Artikel zu diesem Thema scheint es allerdings wahrscheinlich zu sein, dass Ferguson schlichtweg bestimmte Mittel nutzte, die im Modell der Expected Goals nicht berücksichtigt werden. Ein eklatanter Punkt können bereits Datenerfassungsfehler sein: Neben der individuellen Qualität fließen auch Eigentore oder nicht-abgeschlossene Chancen nicht in das Modell ein. Die Eigentore werden dann zwar häufig aus beiden Wertungen genommen, United könnte aber unter Ferguson beispielsweise viele Situationen wegen der Suche nach noch qualitativeren Chancen schlichtweg nicht abgeschlossen haben. Das sind dann gefährliche Situationen, welche aber nicht in die Prädiktion kommender Leistungen miteinfließen.

Meine These ist somit, dass durch ein paar mangelnde Faktoren (wie z.B. Druck, Kompaktheit, etc.) nicht alle Chancen mit einem ExpG-Wert von bspw. 15% wirklich diesen Wert besitzen. United hatte unter Ferguson die Fähigkeit, dass sie die schwächeren Chancen ausließen, nicht abschlossen und nach besseren suchten, deren reeller Wert über dem Durchschnittswert für die von ExpG gemessenen Faktoren lag. Eine schwächere Mannschaft beherrscht diese Fähigkeit nicht und darf sich auch nicht erlauben, Chancen wegzuwerfen. Im ExpG liegen sie dann bei 0.15:0.15, obgleich diese Chancen keineswegs den gleichen Wert haben und United sich außerdem mehrere solcher Möglichkeiten erspielte. Bei (den seltenen) Rückstanden würden sie solche Chancen allerdings womöglich verstärkt früher abschließen und ihren ExpG dadurch erhöhen.

Eine höhere Chancenqualität bei geringerer Schussanzahl sorgt aber für langfristig mehr Punkte in einer Saison. Hat eine Mannschaft einen Expected-Goals-Wert von 2.0 in einem Spiel und der Gegner ebenso, aber Mannschaft A benötigte dafür nur zwei Schüsse und Mannschaft B zehn, so wird über eine Saison hinweg Mannschaft A mehr Punkte holen. Das mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen – und viele Zuseher eines solchen Spiels würden Mannschaft B wohl klar überlegen finden –, doch bei Simplifizierung ist es nur logisch. Hätte eine Mannschaft eine 100%ige Chance jedes Spiel, aber nur eine davon, würden sie in jedem Spiel ein Tor erzielen. Man könnte zwar nie höher als 1:0 gewinnen und würde einige derbe Niederlagen einstecken, aber langfristig hätte man deutlich mehr Punkte.

Deswegen habe ich ein paar kleine Simulationen einer sehr guten gegen eine schwächere Mannschaft mit variablen ExpG-Werten und Schussanzahl 10‘000mal durchlaufen lassen, welche folgende Szenarien ergab:

a)      Eine Mannschaft mit 50 Schüssen bei 4% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Team mit 10 Schüssen und 5% Erfolgswahrscheinlichkeit holt im Schnitt gegen dieses Team 2.39 Punkte;

b)      Eine Mannschaft mit 40 Schüssen bei 5% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Team mit 10 Schüssen und 5% Erfolgswahrscheinlichkeit holt im Schnitt gegen dieses Team 2.4 Punkte;

c)       Eine Mannschaft mit 20 Schüssen bei 10% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,41 Punkte;

d)      Eine Mannschaft mit 10 Schüssen bei 20% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,45 Punkte;

e)      Eine Mannschaft mit 5 Schüssen bei 40% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,52 Punkte;

f)       Eine Mannschaft mit 2 Schüssen bei 100% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,82 Punkte;

Bei der ersten Mannschaft in Szenario a) gibt es in 13,75% der Spiele mehr als 3 Tore, bei selbiger Mannschaft in Szenario b) 11,77% der Spiele mehr als 3 Tore, in Szenario e) hingegen nur in 8.62%, und in Szenario f) natürlich in 0% der Spiele. Grundsätzlich hat man dadurch zwei Verteilungen, wobei Team A einen höheren ExpG als Team B hat. Desweiteren hat ein Team mit einem ExpG von 2 bei 2 Schüssen natürlich 0% Wahrscheinlichkeit weniger als 2 Tore zu schießen, bei 5 Schüssen sind es schon 33,7%, bei 10 Schüssen 37,58%, bei 20 Schüssen 39,17% und bei 50 Schüssen gar 40,05%. Durch die Reduzierung der Varianz (weniger Schüsse mit sehr hohem ExpG) reduziert man die Fälle, in dem Team B durch Glück doch gewinnt. Diese Gif zeigt die Verteilung als Histogramm:

Torverteilung nach 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20, 30, 40 & 50 Schüssen

Torverteilung nach 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20, 30, 40 & 50 Schüssen

Ansatzweise realistisch sind bei Topteams durchaus Unterschiede von 30 Schüsse mit 6,7% vs. 7 Schüsse mit 33,5%: In ersterem Fall holt man 2.4 Punkte pro Spiel, in Letzterem 2.5 bei schlechterer Tordifferenz. In einer 38er-Saison kann dies schon 3-4 Punkte ausmachen (3.8 im Schnitt).

Die Punktausbeute und der Saisonverlauf „litten“ also positiv unter der Suche nach hochqualitativen Chancen, die Tordifferenz aber negativ. Dennoch reicht diese Erklärung nicht aus, um die Absurdität von Fergusons letzten Jahren bei konstanten Erfolgen zu erklären. Fergusons strategische Fähigkeiten hingegen helfen eher; korrekte Sichtfelder, die passende Anlaufdynamik zum Ball beim Abschluss, der gegnerische Defensivdruck, der eigene Defensivdruck bei gegnerischen Chancen und synergetische Staffelungen im gegnerischen Strafraum fließen in das Modell nicht ein.

Allerdings finden sich einige Artikel, welche sich mit diesen Aspekten beschäftigen. Paul Riley fand zum Beispiel heraus, dass United im Strafraum über ein besseres „Spacing“ durch mehr Spieler in dieser Zone hatte. In diesem Artikel bei SBNation von Benjamin Pugsley findet man außerdem etwas zur enormen Effizienz bei Ecken, während Odenheimer letztens bei Statsbomb in einem Zweiteiler die Fokussierung auf ganz bestimmte Abschlusszonen und eine besondere Art zu flanken analysierte.

Auch weitere Punkte fehlen im ExpG-Modell, so machte ich zum Beispiel einen Statistikanalysten jüngst auf die Passlänge des Assists aufmerksam, wodurch das Modell leicht positiv aufgewertet werden konnte. Außerdem ist der Abschluss einzelner Spieler trotz konträrer Ansichten womöglich doch auf die individuelle Qualität zurückzuführen, wie dieser Artikel von Devin Pleuler zeigt.

Ferguson war auch hervorragend beim individualtaktischen Ausbilden von Abschlussfähigkeiten, beim Scouting von abschlussstarken Spielern und beim Analysieren von gegnerischen Torwartbewegungen; so sprach er zu seinen Spielern davon, dass man im 1-gegen-1 gegen Neuer flach schießen soll, weil Neuer recht früh und hoch springt; United traf dadurch in einem CL-Spiel gegen Schalke.

Diese Masse an solchen kleinen Vorteilen sorgte für Fergusons große Überlegenheit und zeigt, wie herausragend er in allen Aspekten wirklich war.

Was Ferguson über Statistiken und Glück zu sagen hatte, weiß man übrigens auch.

Fazit: Effizienzgott

Am besten schildern die Vergleiche von Ferguson und seinen Trainerkollegen in der Liga im Bezug auf das Übertreffen der Erwartungen in finanzieller Hinsicht, wie gut Ferguson wirklich war. Obwohl es schwieriger ist, bei einer sehr guten Mannschaft mehr als erwartet herauszuholen als vom Budget prophezeit wird, tat Ferguson dies jahrelang.

Diese tolle Analyse von Sihan Zheng zeigt den Wert Fergusons für seine Mannschaft. Im Artikel finden sich diese zwei sehr interessanten Grafiken:

Hier wird das Jahresgehalt der Mannschaften mit der erreichten Punktzahl verglichen. Die orangen Punkte stellen United dar; das Abschneiden übertrifft als die Erwartungen. Noch deutlicher wird es in dieser Grafik:

In jeder einzelnen Saison lag United deutlich über der erwarteten und vom Jahresgehalt projizierten Punktzahl. Auch wenn die Methodik nicht ganz stimmig ist, so ist das Fazit des Artikels beeindruckend – Ferguson hat United über die Jahre an die eine Milliarde Pfund eingespart.

Auch viele andere Studien kamen auf ähnliche Ergebnisse in puncto Finanzen. Zach bei Transferpriceindex hat Ferguson in seiner Studie noch vor Mourinho und Wenger auf Platz 1, auch Roger Pielke jr. und Bell, Brooks und Parkham deduzierten, dass Ferguson einer von wenigen Trainern sei, welche die Erwartungen konstant übertroffen haben. Ich zitiere aus letzterem Artikel:

The best managers relative to expectations are Alex Ferguson and Guus Hiddink, equal on 0.72 more points on average per match than would have been expected. Next are Arsène Wenger, José Mourinho and Rafa Benítez with around 0.56 more points than expected

At the other end of the spectrum, for Alex Ferguson, Arsène Wenger, David Moyes, Guus Hiddink, José Mourinho, Rafa Benítez and Sam Allardyce, not a single one of the 10,000 randomly generated managers was able to outperform them.

Dies zeigt, wie gut Ferguson wirklich war. Die grundlegenden Ursachen für seine enorme Qualität war wohl die passende Vermittlung des „Wieso“ an seine Spieler. Taktisch, strategisch, psychologisch – egal, was seine Spieler taten, sie hatten einen Grund dafür. Dies sorgte für eine stabile Organisation mit viel Zielorientiertheit und den passenden Rahmenbedingungen für die vielen Erfolge. Gleichwohl passte sich Ferguson immer an die Gegner an, ohne sich aber von Spiel zu Spiel auf alle spezifischen Punkte einzustellen. Angepasst wurde nur, was relevant war – und durch strategische Punkte immer das richtige Gegenmittel zu haben, ist wie die Linkshändigkeit im Tennis oder Boxen ein automatischer Vorteil im Vorhinein.

Ergänzt wurde dies durch Fergusons geniale motivationalen Künste. Seine variablen Ansprachen trafen fast immer den Nerv der Spieler. Mal war er sauer, mal motivierend, in anderen überließ er sie sich aber Selbst oder diskutierte die Leistung betont ruhig. Nach Niederlagen gab es aber keine „Hairdyertreatments“, hier war Ferguson entsprechend der Erkenntnisse moderner Führungspsychologie ruhig, Optimismus verbreitend und zukunftsorientiert.

Der Autor von Soccernomics, Simon Kuper, schrieb außerdem, dass Ferguson nicht nur ein guter, sondern auch ein begeisterter Zuhörer war. Von allen möglichen Informationsquellen sammelte Ferguson und nutzte diese; interne Informationen wurden auch genutzt, um Spieler besonders zu beeinflussen. Gepaart mit seiner Beobachtungsgabe und seinem enormen Ehrgeiz konnte sich Ferguson alles, was er benötigte und nicht schon intuitiv wusste, aneignen oder sich mit den passenden Leuten umgeben.

Der Mythos Ferguson ist also schlichtweg Ehrgeiz, Charakter und Intelligenz – wie herrlich passend.

Das Buch “How to think like Sir Alex Ferguson: The Business of Winning and Managing Success” von Damian Hughes diente neben der eigenen Recherche, einigen Studien (unter anderem jene aus Harvard von Elberse), Fergusons beiden Autobiographien, seinen Pressekonferenzen und der eigenen genauen Analyse von Aussagen von und zu Ferguson als wichtigstes Material für diesen Artikel. Danke auch an Statistikexperte Tobias Wagner alias TW / Tehweh, welcher mit Rat und Tat durch Grafiken, Korrektur bei meinen Simulationen durch eigene analytische Berechnungen, Programmierungen in MatLab und Feedback behilflich war.  

Teamanalyse Dynamo Kyivs 1975 anhand der Partie gegen den FC Bayern

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Valeriy Lobanovskiy gilt bis heute als einer der Pioniere des Fußballs. Taktische und statistische Analysen, konsequente Einforderung von professioneller Disziplin und Teamwork, neue Erkenntnisse in der Trainingslehre, aber auch viele taktische Dinge wie die positionsorientierte Raumdeckung oder das organisierte Pressing mit unterschiedlichen Pressinghöhen und –intensitäten können auf ihn, Ernst Happel und Rinus Michels sowie einzelne Vorgänger (z.B. Branko Zebec oder Viktor Maslov) zurückgeführt werden.

In jenen 70er-Jahren entstand die Maßanfertigung für den modernen Fußball und Lobanovskiy war einer der Grundpfeiler jener Entwicklung, die sich erst mit Arrigo Sacchi sukzessiv und breitflächig im Weltfußball manifestierte. 1975 war dabei ein besonderes Jahr für den Fußball und Lobanovskiy persönlich: Sein Dynamo Kyiv gewann nicht nur als erstes Team der Sowjetunion einen großen europäischen Titel, nämlich den Pokal der Pokalsieger gegen Ferencvaros, sondern krönte sich im europäischen Supercup mit einem Triumph gegen den damals zweifachen Meisterpokalsieger Bayern München zum besten Team Europas.

Um diesen Sieg und somit auch die Fortschrittlichkeit Lobanovskiys zu verstehen, blicken wir in unserer Retroanalyse auf den Hinspielerfolg; ein überraschender 1:0-Auswärtssieg im Münchner Olympiastadion stellte die Weichen für den Gewinn des prestigeträchtigen Supercups.

Bayerns Aufstellung

So wollten die Bayern beginnen, doch ...

So wollten die Bayern beginnen, doch …

Der Favorit und amtierende Meisterpokalsieger aus München startete mit einem 1-3-3-3-System, wie es für sie damals üblich war. Dabei spielten sie ohne Franz „Bulle“ Roth, Johnny Hansen, ohne Conny Thorstensson und auch ohne Uli Hoeneß, die verletzungsbedingt fehlten. Hoeneß, der im Vorjahr in 34 Spielen 28 Scorerpunkte erzielt hatte, wartete auf eine Meniskusoperation – es war jene Verletzung, die er sich im Finale gegen Leeds United zugezogen hatte und deren Nachwehen schließlich seine Karriere beenden würden.

Im Sturm erhielt auch deswegen der noch 19jährige Karl-Heinz Rummenigge auf rechts seine Chance, während links Klaus Wunder in die Mannschaft rückte. Beide spielten als relativ klassische Flügelstürmer, wobei Rummenigge einige Male aus diesem taktischen Schema ausbrach und diagonaler zum Tor hin orientierte. Der dribbelstarke Wunder hingegen klebte auf seiner Linie und suchte die Flanken. Auch im Zentrum gab es einige Veränderungen.

Jupp Kapellmann spielte als zentraloffensiver Akteur und wohl am ehesten als das, was man als „klassische Zehn“ bezeichnen würde. Er sollte die Mittelstürmer bedienen, ging immer wieder in die Halbräume und organisierte das Spiel, wobei er in diesem Aspekt ineffektiv war – das Mittelfeld von Kyiv verhinderte längere Zeiten am Ball und isolierte ihn oftmals vom Aufbauspiel, wodurch er kaum zum Tragen kam.

Auf der „Doppelsechs“, spielten Bernd Dürnberger, der ansonsten in der Verteidigung auflief, während Rainer Zobel hinter ihm vor Georg Schwarzenbeck und Franz Beckenbauer auflief. Dürnberger spielte einen sehr einfachen Ball: sichere Kurzpässe, Ballsicherheit und defensive Aufmerksamkeit gehörten zu seinen Stärken, doch nach vorne kam wenig von ihm. Auch Zobel konnte kaum überzeugen, hatte aber vorrangig defensive Aufgaben, wie auch die Außenverteidiger.

Diese gingen zwar situativ mit nach vorne und versuchten sich primär mit Halbfeldflanken (Udo Horsmann) oder Unterstützung im Mittelfeld (Josef Weiß), sollten aber defensiv sicher stehen. Weiß hatte im Meisterpokalfinale den Weltklassespieler Billy Bremner ausgeschaltet und spielte nun auf rechts gegen den linksorientierten Zehner von Dynamo Kyiv, nämlich Weltklasseakteur Leonid Buryak.

Horsmann auf links hatte es mit Petro Slobodyan zu tun, der als rechter Mittelfeldspieler immer wieder in die Spitze ging und sich als zweiter Stürmer neben Oleg Blokhin positionierte. Dieser wechselte von seiner Rolle als Mittelstürmer immer wieder auf die linke Seite, wo er situativ seine eigentliche Rolle als linker Flügelstürmer bekleidete. Schwarzenbeck verfolgte Blokhin dann, während Franz Beckenbauer sicher stand und dadurch den Bayern eine hohe defensive Stabilität verschaffte. Allerdings war diese Anordnung etwas improvisiert.

Die ursprüngliche Idee Dettmar Cramers

Horsmann war beispielsweise eigentlich als rechter Verteidiger geplant. Im Normalfall spielte bei Kyiv Buryak deutlich zentraler, Slobodyan war ein Edelreservist und Blokhin war eher halblinks vorgesehen. Zumeist hatte Blokhin eine Mischrolle aus linkem Flügelstürmer und einem Mittelstürmer, doch Lobanovskiy hatte bewusst umgestellt.

Darum musste Horsmann auf die linke Seite wechseln, um Slobodyan abzudecken – Weiß, der gegen Leeds wie erwähnt noch den zentraleren Bremner gedeckt hatte, musste also auf die für ihn ungewohnte Außenposition, was ihn in der Offensive sichtlich behinderte. Ein weiterer Dominoeffekt: Dürnberger, der Linksverteidiger, ging in die Mitte.

Lobanovskiy hatte damit schon eine Schlacht gewonnen, denn die Bayern mussten sich früh in der Partie stark anpassen und waren in ihrer offensiven Effektivität beschnitten. Gleichzeitig waren die Sowjets im Mittelfeld enorm kompakt.

Dynamo Kyivs 4-5-1/4-1-4-1/4-4-1-1

Wie man es vielleicht vermutet hatte: Dynamo spielte mit nur einem wirklichen Stürmer, nämlich dem Weltklassestürmer und eigentlichem Linksaußen Oleg Blokhin, der mitunter auch als das sowjetische Pendant zu Johan Cruijff bezeichnet wurde. Es gab durchaus gewisse Parallelen zwischen den beiden.

... wegen der Manndeckungen begann man so.

… wegen der Manndeckungen begann man so.

In einer Mannschaft voller hervorragender Spieler stachen sie beide hervor, sie hatten gewisse Freirollen in Offensive und Defensive, wodurch sie sich frei bewegen konnten. Gelegentlich sah man Blokhin im Aufbauspiel zurückfallen, einmal kippte er sogar zwischen Linksverteidiger Valeriy Zuyev und dem linken Innenverteidiger Stefan Reshko ab. Ansonsten fungierte er als umschaltender und ausweichender Stürmer, der Räume für Slobodyan und Buryak öffnen sollte. Eine falsche Neun, sozusagen.

Slobodyan rückte dabei auch in diese Rolle als verkappter Stürmer, weil der zweite Stürmer im eigentlichen 4-4-2 Kyivs, Vladimir Onishchenko, zweifacher Torschütze im Finale gegen Ferencvaros, fehlte. Nicht nur die Bayern hatten einige namhafte Ausfälle zu beklagen, Kyiv musste neben Onishchenko auch auf Vladimir Muntyan verzichten. Letzterer war ein großer Verlust, weil er defensiv wie offensiv sehr stark war, ungemein technisch stark und pressingresistent, wodurch er als box-to-box-Spieler im Mittelfeld sowie als Spielgestalter im zweiten Drittel für Gefahr sorgte.

Diese Aufgaben übernahmen in dieser Partie Anatoliy Konkov und Viktor Kolotov, welche vor der Abwehr agierten. Konkov war dabei der nominell defensivere Akteur und jeweils einer der beiden war der einzige Mittelfeldspieler, der sich bei den Kontern nicht miteinschaltete. Generell war er mit Linksverteidiger Zuyev und Innenverteidiger Reshko einer der wenigen, die sich offensiv zurückhielten. Besonders beeindruckend war neben Weltklasselibero und Spielgestalter im ersten Drittel Mikhail Formenko die Spielweise von Oleksandr Damyn.

Oleksandr Damyn, der offensive Rechtsverteidiger

Bereits in den späten Fünfzigern hatte sich in Brasiliens Nationalmannschaft langsam die Tradition des aufrückenden Rechtsverteidigers gebildet. Es war Carlos Alberto bei der Weltmeisterschaft 1970, der diese Rolle mit seinem Treffer gegen Italien im WM-Finale symbolisch perfektionierte. Fünf Jahre später schien Lobanovskiy dies kopiert zu haben, denn Damyn (eigentlich ein Mittelfeldspieler und Bankwärmer) begann auf der rechten Außenbahn und der eigentliche Rechtsverteidiger, Vladimir Troshkin, spielte überraschenderweise rechts im Mittefeld.

Dabei sicherte Troshkin immer wieder für Damyn bei dessen Vorstößen ab und übernahm seine Position. Konter konnten darum gegen Dynamo Kyiv kaum effektiv durchgebracht werden, während Damyn selbst bei eigenen Kontern gefährlich wurde oder im Aufbauspiel mit Dynamik nach vorne ging. Insbesondere mit den diagonalen Laufwegen Slobodyans und dem Wegziehen von Schwarzenbeck durch Blokhin auf die linke Seite sollten so Räume geschaffen werden.

Hierbei ist besonders auffällig und bewundernswert, wie abgestimmt die einzelnen Mechanismen im System Dynamo Kyiv unter Lobanovskiy waren. Troshkin erfüllte seine Rolle unauffällig, aber mit Bravour, Damyn wirkte keineswegs wie ein Bankdrücker und auch die Bewegungen der Stürmer an jene der Verteidiger waren überaus passend. Hinzu kam noch die Asymmetrie in dieser Spielweise, denn auf links gab es eine solche Organisation nicht.

Zuyev blieb tief und rückte selten auf, stattdessen verschob die Kette leicht in das entstehende Loch auf rechts und sicherte zusätzlich ab. Dies bedeutete nicht nur zusätzliche defensive Sicherheit, sondern auch offensive Freiheiten für die Schlüsselspieler. Blokhins Verschieben nach links und die Rolle von Buryak kamen dadurch situativ besser zum Tragen.

Buryak, die verkappte Nummer Zehn

Ein weiterer der Spieler von internationalem Format (im damaligen medialen Ansehen) war Leonid Buryak, eigentlich ein nomineller Zehner, allerdings wie die heutigen Kreativspieler mit enormer Laufstärke und Dynamik auf den ersten Metern ausgestattet. Und ähnlich wie viele moderne Zehner agierte auch er von der Seite aus – immer wieder rückte er von seiner breiten Position nach innen, spielte als Spielgestalter oder übte seine Kreativität direkt vom Flügel aus.

Für damalige Zeiten war das eine eher unübliche Rolle. Normalerweise spielten die Flügelstürmer relativ breit und hatten defensive wie offensive Aufgaben in den damals üblichen 4-3-3, 4-2-4 und 4-4-2-Systemen, die allesamt aus dem 4-2-4 stammten, die sich wiederum aus dem WM-System entwickelten. Kurz gesagt: Die eigentlichen Flügelstürmer wurden nach hinten gezogen und halfen hinten mit, wodurch Asymmetrien entstanden.

Eine Zehn auf dem Flügel gab es eigentlich selten.  Solche Akteure gab es meist in Südamerika zu sehen, einmal mehr war Brasilien mit Roberto Rivelino als linkem Flügelstürmer bei der Weltmeisterschaft 1970 ein Vorreiter anderer Entwicklungen. Lobanovskiy führte dies weiter aus, er installierte ein asymmetrisches 4-4-2 mit Buryak als äußerem Flügelstürmer, der immer wieder gefährliche Läufe Richtung Tor startete und dadurch gegen die oftmals manndeckenden Gegensysteme Räume öffnete.

Kam Buryak über die Halbräume, gab es eine variable Besetzung des linken Flügels, welche von unterschiedlichen Spielern praktiziert wurde. Entweder einer der Sechser schob auf die Seite oder Blokhin ließ sich fallen, während Zuyev tief blieb. Dadurch gab es auch bei Verwaisen des Flügels, also einer NichtBesetzung zwecks zentralen Überzahlen, eine stabile Absicherung. In diesem Spiel hatte Rummenigge dadurch kaum eine Chance auf erfolgreiche Konter, was womöglich auch Lobanovskiys Ziel war. Doch Rummenigge war nicht der einzige Schlüsselspieler, der nur wenig Einfluss ausüben konnte.

Das Beckenbauer‘sche Aufrücken

Bis heute sind Franz Beckenbauers Ausflüge nach vorne aus seiner Libero-Position legendär. Sie waren ein Überbleibsel seiner Zeit als Mittelfeldspieler, wo er immer wieder den Raum attackierte, in die Vertikale sprintete und Angriffe einleitete. Beckenbauer war dabei einer jener Spieler, die alles für eine Rolle als taktgebende Mittelfeldspieler mitbringen: Herausragende Spielintelligenz, überlegene Athletik, wunderbare Technik und die Ausstrahlung eines Grandseigneurs.

Dennoch war er als Verteidiger besser aufgehoben, individuell wie auch für das Kollektiv. Mit seiner Beweglichkeit und den langen Phasen mit Ball am Fuß konnte er zwar punktuell für Gefahr sorgen – und dies auch sehr oft –, doch eine durchgehende Spielkontrolle und das organisatorische Planen von Angriffen wäre seinem taktischen Naturell vermutlich zuwider gewesen. Dafür war Beckenbauer zu attackierend und vertikal, wenn er in der Nähe des letzten Drittels Raum mit Ball am Fuß vorfand. Als Libero konnte Beckenbauer situativ das Spiel beeinflussen, erkannte diese Räume und stieß nicht nur mit Ball am Fuß nach vorne, sondern teilweise sogar ohne Ball als nachrückender Akteur mit Sprints über vierzig bis fünfzig Meter in den Strafraumrückraum.

In dieser Szene ist es Schwarzenbeck(!), der nach einer Kombination von Beckenbauer auf Weiss und von Weiss zurück in die Mitte den Ball erhält, zwei Spieler austanzt und auf Kapellmann durchsteckt. Dieser versucht die diagonal hinter die Abwehr startenden Müller und Rummenigge einzusetzen, doch die sich zusammenziehende Abwehr Kyivs fängt den Ball ab.

In dieser Szene ist es Schwarzenbeck(!), der nach einer Kombination von Beckenbauer auf Weiss und von Weiss zurück in die Mitte den Ball erhält, zwei Spieler austanzt und auf Kapellmann durchsteckt. Dieser versucht die diagonal hinter die Abwehr startenden Müller und Rummenigge einzusetzen, doch die sich zusammenziehende Abwehr Kyivs fängt den Ball ab.

Als Libero konnte er weiters als wichtiger Spieler im Aufbau und Koordinator im ersten Spielfelddrittel seine technische Stärke nutzen und das Spieltempo ankurbeln. Defensiv war er dank  seiner Dynamik ohnehin über jeden Zweifel erhaben und lief viele Bälle ohne Grätsche ab. Dies bedeutete, dass er die eroberten Bälle und abgefangenen gegnerischen Pässe auch sofort sichern und behaupten konnte,  wodurch es nicht nur weniger Standards in Tornähe gab, sondern auch mehr sofortige Gegenangriffe, an denen er sich im Idealfall beteiligen konnte.

Beckenbauers Pressingresistenz verhinderte Ballverluste und mit seinem guten Dribbling konnte er viel Raum in kurzer Zeit überbrücken. Abgesichert wurde es zumeist von den zwei ballnahen Spielern beziehungsweise Schwarzenbeck und einem aus dem zentralen Mittelfeld oder den beiden Außenverteidigern. Gegen Dynamo Kyiv kamen diese Vorstöße aber kaum zum Tragen, was an mehreren Aspekten lag.

Die Kyiver spielten mit einer Raumdeckung, was den Raum für Beckenbauer bei seinen Vorstößen einengte. Normalerweise weichten seine Vordermänner ihm instinktiv aus, wodurch sie ihm Räume öffneten, was an der gegnerischen Manndeckung lag. Jeder Gegner hatte einen bayrischen Gegenspieler und verfolgte ihn mannorientiert; Beckenbauer visierte dann schlicht die sich öffnenden Räume an.

Gegen die Raumdeckung von Dynamo klappte dies nicht. Sie konnten entweder mit ihren offensiven Akteuren bereits früh gegen Beckenbauer aus ihrer eigentlichen Position herausrücken und ihn unter Druck setzen, was zwar nicht in Ballverlusten, aber zumeist in einem Abbruch des Angriffes resultierte. Alternativ ließen sie ihn nach vorne aufrücken, standen dann aber tief und massiert mit zwei Viererketten oder eben einer flachen Fünf im Mittelfeld, weswegen Beckenbauers Vorstöße ins Nichts gingen. Seine Pässe waren zwar kreativ und gefährlich, jedoch war der Raum bei den tiefstehenden Ukrainern zu eng, um die Pässe effektiv verwerten zu können.

Lobanovskiys Dynamo Kyiv war nämlich keineswegs eine „Pressingmaschine“, welche durchgehend in einem Angriffs- oder Mittelfeldpressing agierte, wie es heutzutage vielfach vermutet wird. Teilweise standen sie sogar überaus tief.

Dynamos überraschendes Pressing

Entgegen dem weit verbreiteten Mythos der unaufhörlich pressenden und ultra-offensiven Dynamo-Mannschaft war das damalige Bild von ihnen ganz anders geprägt. Dynamo Kyiv galt als gefährliche Kontermannschaft, herausragend im Umschalten und insbesondere ein schwieriger Gegner für größere Vereine. Sie spielten zwar in der heimischen Liga gegen unterlegene Teams mit einem Angriffspressing, doch bei schwierigeren Gegnern und in speziellen Partien wie dieser schoben sie ihre Pressinglinie weiter nach hinten.

Zumeist spielten sie dann in einem tiefen Mittelfeldpressing, welches zwischen fünf und vier Mittelfeldspielern wechselte. Vorrangig war es ein flexibles 4-4-1-1-Pressing, in welchem ein Mittelstürmer die Speerspitze an vorderster Front darstellte. In dieser Partie war es Oleg Blokhin, der ansonsten öfters als Linksaußen oder hängende Spitze agierte. Hinter dem Mittelstürmer gab es eine fluide Besetzung; es wich immer einer aus der Mitte oder den Flügel (in dieser Partie Buryak, Kolotov oder Slobodyan) eine Ebene nach vorne und versuchte das gegnerische Aufbauspiel in bestimmte Zonen zu leiten. Im 4-5-1/4-1-4-1 in dieser Partie war der Effekt noch stärker.

Dynamo Kyiv im 4-1-4-1 mit enormer Kompaktheit, horizontal wie vertikal. Beckenbauer schiebt in den Sechserraum vor, die Außenverteidiger und Schwarzenbeck sichern zu dritt ab.

Dynamo Kyiv im 4-1-4-1 mit enormer Kompaktheit, horizontal wie vertikal. Beckenbauer schiebt in den Sechserraum vor, die Außenverteidiger und Schwarzenbeck sichern zu dritt ab.

Die Kette hinter dem herausrückenden Akteur verschloss den durch das Herausrücken geöffneten Raum und formierte sich in einer Viererlinie. Die Kompaktheit und insgesamt ein ballorientiertes Verschieben waren ebenfalls schon gegeben. Dabei war die Raumdeckung weitestgehend positionsorientiert und ging zumeist auf den Außen oder bei schnellen Vertikalsprints der Bayern in eine stärkere Mannorientierung über. Bayerns bis heute sehr unterschätzter Mittelfeldspieler Jupp Kapellmann wurde von Lobanovskiys Mannen gesondert beachtet. Kyivs Spieler deckten ihn variabel mannorientiert und hielten ihn immer in der Nähe eines Spielers, um den Bayern die zentrale Verbindung nach vorne zu nehmen.

Interessant war gegen die Bayern besonders die Wechselwirkung zwischen dem Herausrücken aus der Position, dem Linienspiel in einer Vierrereihe und dem Augenmerk auf Jupp Kapellmann. Das eigentliche 4-5-1-Pressing Kyivs wurde womöglich deswegen oft zu einem 4-1-4-1, in welchem sich einer der drei zentralen Mittelfeldakteure situativ fallen ließ und vor der Abwehr als freier Mann spielte. Davor spielte dann eine Viererreihe, die von Blokhin defensiv unterstützt wurde. Häufig wurde dadurch aus dem tiefen Mittelfeldpressing ein Abwehrpressing. Dieses Wechselspielchen konnte sich aber auch nach vorne fortsetzen.

Positionsorientierte Raumdeckung, situative Mannorientierungen und das Herausweichen

Auffallend war, dass die Kyiver aus ihrer tiefen Anordnung immer wieder Befreiungen durch das Spiel ohne Ball in die Höhe suchten. Sie standen in ihrem positionsorientierten und formativ flexiblen 4-5-1 da und verschoben horizontal wie vertikal sehr kompakt. Teilweise verdichteten sie ihren Defensivblock sogar noch extremer, als es heutzutage praktiziert wird und profitierten wiederum davon, dass der Gegner den Ball selten so schnell zirkulieren ließ, wie es heutiger Standard wäre.

Dadurch verschlossen sie die Mitte und konnten dennoch nicht über Außen ausgespielt werden. Wenn der Gegner es mit Tiefensprints in freie Räume versuchte oder langen Seitenwechseln, agierten sie ballnah situativ mit Manndeckungen und verfolgten einzelne Spieler. Dies zerriss die Formation Kyivs zwar etwas, war aber effektiv, um gegnerische Angriffe zu neutralisieren.

Falls der Gegner aber den Ball zirkulieren ließ, um durch konstantes Hin und Her Räume zu öffnen, reagierte Dynamo Kyiv überaus aggressiv. Einzelne Spieler wichen immer wieder aus ihrer Position, näherten sich dem Gegner an und falls dieser bei der Ballverarbeitung zu lange brauchte oder ihm ein Fehler unterlief, sprinteten sie durch und pressten. Dann schob zumeist auch der ballnahe Außenspieler mit und es entstand eine 4-3-3-Formation, welche die Bayern und ihr Passspiel zum eigenen Tor lenkte. Kyiv konnte aufrücken und positionierte sich wieder in ihrem üblichen Mittelfeldpressing.

Den Bayern fehlte es damit an allen Ecken und Enden an der nötigen Kreativität: Beckenbauers sporadische Vorstöße waren zu wenig, Kapellmann konnte nicht die Bindung nach vorne schaffen und durch die Verletzung Hoeneß‘ fehlte ein weiterer Kreativposten. Müller und Rummenigge waren dadurch aus dem Spiel genommen. Zwar versuchten auch Horsmann und Schwarzenbeck für Gefahr zu sorgen, doch sie waren glücklos in ihren Versuchen und wurden von der gegnerischen Raumdeckung abgefangen. Gleichzeitig spekulierten die Ukrainer exakt auf solche Ausflüge, um dann ihr markantes Konterspiel ins Rollen zu bringen.

Dynamos offensives Umschaltspiel

Selten waren Mannschaften wegen ihres Konterspiels so gefürchtet, wie jene Teams Valeriy Lobanovskiys. Hierbei gab es mehrere Gründe. Der wichtigste dürfte die Offensivkompaktheit gewesen sein. Sämtliche Mittelfeldspieler schoben in die Spitze auf und agierten mit Vertikal- und Diagonalsprints, wodurch sie gegnerische Manndeckungen teilweise komplett zum Zusammenbruch zwangen.

Lediglich einer aus Konkov oder Kolotov blieb tief vor der Dreierabwehr und diente als Anspielstation nach hinten. Selbst der eher passive Vladimir Troshkin schob mit nach vorne, blieb aber immer in der Nähe von Damyn und sicherte dessen Räume dahinter ab. Durch die Pärchenbildung war dies allerdings flexibel. So ging Troshkin einige Male nach vorne, während sich stattdessen Damyn zurückfallen ließ. Eine sehr gute Idee, um gegnerische Manndeckungen zu zerschlagen.

Das Problem mit Bayerns Manndeckungen: Kyivs Spieler macht den Passweg auf Blokhin auf und Kyiv überwindet problemlos mit einem Pass auf Blokhin 25 Meter. Der Passgeber ist übrigens der mit Ball aufgerückte Libero.

Das Problem mit Bayerns Manndeckungen: Kyivs Spieler macht den Passweg auf Blokhin auf und Kyiv überwindet problemlos mit einem Pass auf Blokhin 25 Meter. Der Passgeber ist übrigens der mit Ball aufgerückte Libero.

Es waren diese organisierten langen Vertikalsprints, die Kombinationsstärke und Kompaktheit beim kollektiven Aufrücken, das die Lobanovskiy-Elf so stark machte. Sie schalteten schnell um, überbrückten mit vielen Akteuren den Raum dynamisch und konnten dann qualitativ hochwertige Chancen herausspielen. Mit Blokhin hatten sie auch einen Akteur, der intelligent Räume öffnete oder auch im Dribbling Bälle behaupten konnte.

Interessant war dabei, wie Kyiv dank dieser hohen Anzahl an aufrückenden Spielern auch im Konterspiel auffächern konnte. Im Normalfall erzeugen konternde Teams situative Engen, wie es beispielsweise Mainz 05 aktuell mit den einrückenden und flexiblen Flügelstürmern tut (zumindest in ihrem 3-4-3).

Kyiv hingegen spielte auch beim Konterfokus teilweise enorm breit, ohne aber an die Verbindungen der Spieler zueinander zu verlieren. Mit den vielen nach vorne schiebenden Akteuren in der Mitte konnten sie auf den Seiten problemlos auffächern. Die Gefahr eines Ballverlustes war gering die vielen in der Offensive genutzten Akteure erhöhten die Schwierigkeit für die verteidigende Mannschaft. Auch gegen raumdeckende Mannschaften hatten sie durch Verbreiterung der Schnittstellen eine effektive Spielweise und waren extrem schwer aufzuhalten.

Auffällig war hierbei ebenfalls eine Asymmetrie. Kolotov blieb oft zentral und Konkov ging dann auf halblinks und rückte auf, wodurch die linke Seite situativ besetzt wurde, wenn Buryak sich im Angriffsvortrag frei und zentral bewegte. Mit Slobodyan und Buryak besetzten sie die Halbräume, konnten flexibel und situativ die Flügel besetzen und zeigten sich somit außerordentlich modern – die Vergleiche mit dem totalen Fußball von Ajax‘ in den frühen 70ern werden schlagartig verständlich. Auch im Spielaufbau fiel Kyiv mit einigen interessanten Bewegungen auf.

Kyivs Aufbauspielkreisel

Nicht nur in der Offensive, der Defensive, dem Umschaltspiel und im Pressing waren sie flexibel, sondern auch im Aufbauspiel, dem fünften großen Aspekt einer Mannschaft. Neben Blokhin, der wie erwähnt einige Male nach hinten abkippte und ansonsten durch konstante Bewegungen Räume öffnete, zeigten sich auch die anderen Spieler überaus beweglich.

Kolotov holt sich immer wieder vor der Abwehr den Ball ab und versuchte das Spiel zu organisieren. Troshkin wurde im Spielaufbau geflissentlich übergangen, während sich Konkov oftmals nach halbrechts bewegte. Er nutzte den Raum hinter dem aufrückenden Damyan und bildete mit Buryak auf links weitere Kreativspieler neben Organisator Konkov in der Mitte.

Durch diese Bewegung wurden also entweder Räume eröffnet oder zwei der kreativeren Spieler in der Mitte befreit, während Troshkin sich bereits zwecks späterer Absicherung breiter im rechten Halbraum positionierte.

Slobodyan wurde durch die Bewegung von Damyan und Konkov befreit, konnte sich sehr hoch und mittig positionieren, wodurch man situativ einen Zweiersturm erzeugen konnte oder eben Blokhin Richtung Buryak verschieben und sogar das Sturmzentrum kurzzeitig verwaisen lassen konnte. Mit dieser enormen Bewegung sowie dem aufrückenden und spielgestalterischen Formenko waren sie überaus fluid.

Interessanterweise waren sie in der Anfangsphase noch eine Stufe variabler, um die gegnerischen Manndeckungen aus den Angeln zu heben. So schob beispielsweise Reshko einige Male im Aufbauspiel nach vorne und ließ Formenko alleine hinten. Dies lag daran, dass sich Gerd Müller zuerst an Reshko orientierte, der diesen dann schlicht wegschob und den Libero von sämtlichen Pressingmöglichkeiten der Bayern befreite.

Formenko konnte auch deswegen enorm weit und lange mit Ball am Fuß marschieren. Dies ermöglichte ihm gezielt offene Räume anzuvisieren und intelligente wie strategische Pässe zu spielen. Mit Blokhins Zurückfallen und der hohen Bewegung im Mittelfeld wurden die Bayern sporadisch ins Chaos getrieben. Die Mittelfeldspieler, welche sich in der Horizontale frei bewegen durften und immer wieder vertikal starteten, erhöhten die Probleme der Bayern. Diese gingen teilweise deswegen auch in Raumdeckungen einzelner Spieler über, vorrangig die drei Stürmer und die zwei höheren Mittelfeldspieler.

Dennoch kamen sie mit der Bewegung nicht klar und eroberten die meisten Bälle (tief) in der eigenen Hälfte. Kyivs bewegliche Spielweise gab ihnen nicht nur mehr Sicherheit im Spielaufbau, sondern sie waren auch im Stande den Gegner effektiv zu attackieren, ob er mit oder ohne Pressing oder auch mit Raumdeckung statt Manndeckung agierte.

Lob und Kritik an den Münchnern

In der bisherigen Analyse haben wir immer wieder die Probleme der Bayern in die jeweiligen taktischen Erklärungen des Kyiver-Systems einfließen lassen. Kapellmann kam kaum zum Tragen, Rummenigge und Wunder spielten sich an der Linie fest und Gerd Müller wurde kaum mit Bällen gefüttert. Das ein oder andere Mal ließ sich der Nationalstürmer auch deswegen weit nach hinten fallen, suchte die Ballkontakte und wollte beim Angriffsvortrag helfen, doch seine Unterstützungen waren zumeist wegen der Einbindung und der Raumdeckung Kyivs ineffektiv.

Auch die vereinzelten Positionswechsel in der Mitte des Feldes bei den Bayern sollten nicht den gewünschten Erfolg bringen. Weiß bzw.  Dürnberger, Kapellmann und Zobel bewegten sich relativ frei und wurden auch von Beckenbauer sowie vereinzelt Schwarzenbeck unterstützt. Sie scheiterten aber immer wieder an der gegnerischen Abwehr, dem Pressing und den situativen Engen, aus denen sie nur selten herausfanden. Zumeist gingen die Bälle jedoch nach hinten und der Angriff musste neu aufgebaut werden.

Doch trotz all dieser offensiven Probleme muss auch ein Lob an die Bayern ausgesprochen werden. Sie waren zwar taktisch klar unterlegen, aber tappten nur selten in die Fallen Kyievs und kümmerten sich um einen behutsamen Spielaufbau ohne unnötige Ballverluste. Langes, blindes Gebolze wie von vielen Mannschaften in diesen Jahren und auch den kommenden zwei Dekaden, gab es kaum zu sehen.

Durch den ruhigeren Spielaufbau waren sie zwar nur selten im gegnerischen Strafraum präsent, aber konnten die Kyiver Konter über längere Zeit vermeiden und kamen nur selten in defensive Schwierigkeiten. Insbesondere Schwarzenbeck erledigte seine Arbeit gegen Blokhin herausragend, der sowjetische Weltklassestürmer war weitestgehend abgemeldet und konnte nur selten zum Dribbling in vollem Sprint ansetzen.

Dettmar Cramer, über den Max Merkel einst sagte, seine Analysen und Matchpläne seien acht Pfund Papier schwer, hatte sich gut auf die Lobanovskiy-Truppe eingestellt. Die Konter wurden schnell und gut abgefangen, die Manndeckungen waren passend gewählt und es waren auch Ansätze eines Pressings erkennbar.

Diese Pressingansätze gab es vorrangig im Mittelfeld, da man auch hier das Auftun von Löchern für die schnellen Überfallangriffe der Ukrainer tunlichst vermeiden wollte. Der Dreiersturm ließ sich nach hinten fallen und spielte relativ tief, wodurch sie in gewisser Weise eine Art Raumdeckung spielten, sich aber natürlich an den aufrückenden Gegner orientierten. Auch im Mittelfeld gab es lose Manndeckungen, die übergeben wurden. Lediglich in der Abwehr beziehungsweise im ersten Spielfelddrittel bei den Abwehrspielern war die Manndeckung sehr strikt, rigid und starr.

Trotzdem fehlte es den Münchnern an zündenden Offensivideen, Gefahr im Strafraum und Kreativität. Es schien wie eine Frage der Zeit, bis Dynamo einen Konter erfolgreich beenden würde und somit das Momentum auf ihre Seite ziehen könnte. Darum veränderte sich nach der Halbzeit etwas im Spiel des Favoriten.

Dettmar Cramers Reaktion

Franz „Bulle“ Roth, der schussgewaltige box-to-box-Spieler im Mittelfeld und auch auf den Flügeln, hatte wegen einer Zerrung vorerst auf der Bank Platz genommen. Ein unglückliches Testspiel vor dem Spiel gegen Kyiv hatte seine Verletzung verschlimmert, anstatt ihm Spielpraxis zu geben. Nach der Halbzeitpause war es dennoch soweit: Der zweifache Endspieltorschütze im Meisterpokal 1975 sollte die Entscheidung bringen und die Abstände zwischen Angriff und Mittelfeld verkleinern.

Dürnberger musste für ihn weichen. Seine Bewegungsmuster waren gegen diesen Gegner und in diesen Spielsituationen etwas unpassend und nicht durchschlagskräftig genug. Mit Zobel hatte man außerdem eine alleinige Absicherung für die offensivfokussierten Roth und Kapellmann, wodurch man Kyiv noch weiter nach hinten schieben wollte. Dies sollte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, endlich über die Mitte Druck machen zu können oder eben Roths Schussstärke zu nutzen. Auch die Flanken sollten verstärkt genutzt werden.

An sich eine gute Idee, doch der ukrainische Jahrhunderttrainer passte seine Mannschaft nach der Halbzeit ebenfalls an.

Lobanovskiys Veränderungen nach der Halbzeit

Dynamo Kyiv erhöhte nun die Schlagzahl, offensiv wie defensiv. Slobodyan rochierte immer wieder auf links hinaus nach der Halbzeit. So sollten die Manndeckungen der Münchner ausgehebelt werden, was ansatzweise gelang: Horsmann folgte seinen Gegenspieler auch auf die andere Seite. Buryak fand sich ebenfalls öfter auf rechts und wurde jetzt etwas überraschend von Schwarzenbeck übernommen; Lobanovskiy Versuch Cramer eine Falle zu stellen, gelang nicht vollends, doch die erhöhten Bewegungen sollten sich später noch auszahlen.

Situativ konnten die bayrischen Abwehrspieler ihre strikten Manndeckungen auflösen. Weiss rückt hier aufmerksam nach vorne und wird den erst noch kommenden Pass abfangen. Beckenbauer übernimmt den freien Gegenspieler.

Situativ konnten die bayrischen Abwehrspieler ihre strikten Manndeckungen auflösen. Weiss rückt hier aufmerksam nach vorne und wird den erst noch kommenden Pass abfangen. Beckenbauer übernimmt den freien Gegenspieler.

Außerdem passte Lobanovskiy die Extremität des Pressingrhythmus an. Einige Male presste Kyiv sehr hoch und aggressiv, in vielen Situationen gab es aber ein noch tieferes und passiveres Abwehrpressing als in der ersten Hälfte. In einer Situation unmittelbar nach der Halbzeitpause stand man zum Beispiel in einem extrem kompakten 4-4-1-1 am eigenen Strafraum. Drei Spieler standen dabei in einem Haufen bei Bayerns Ballführenden, die vier Verteidiger standen sogar allesamt im Strafraum und fast am Elfmeterpunkt aufgereiht. Generell hatte Kyiv überraschend viele extrem tiefe und kompakte Staffelungen, wo man heutzutage eher Di Matteo in einem CL-KO-Spiel als Trainer vermuten würde.

Neben der Defensive stach aber auch das defensive Umschaltspiel ins Auge.

Taktische Fouls von Kyiv im defensiven Umschaltmoment

Ein besonders interessanter und in der zweiten Halbzeit fokussierterer Aspekt war die Spielweise von Kyiv nach Ballverlusten. Gegenpressing war situativ erkennbar, aber Kyiv bewegte sich nach Ballverlusten meist schnell wieder zurück auf die Positionen. Nur der ballnächste Akteur versuchte konstant den Gegner zu behindern oder im Idealfall zu foulen. Dies war weder mannorientiert noch positionsorientiert gespielt, sondern nach dem Motto: „Wer zuerst kommt, foult zuerst“.

Diese taktischen Fouls waren sicherlich mit einer der Gründe für das Funktionieren des regulären Pressings, des Defensivspiels und auch der Offensive bei den Ukrainern, welche bisweilen sehr offensiv aufrückten. Sie konnten auch deswegen ihre Pressinghöhe variieren: Spielte der Gegner vor solchen Attacken einen Pass, ging er meist nach hinten. Kyiv konnte dann seine Rückwärtsbewegung abbrechen und sich noch in der gegnerischen Hälfte neu formieren.

Dieses Variieren der Pressinghöhe im Spielverlauf – im Gegensatz zu der durch den Gegner erzwungenen Veränderung durch ein aggressiveres Aufbauspiel – war wohl auch ein taktisches Novum, welches von Valeriy Lobanovskiy eingeführt wurde und die damaligen Offensivmechanismen der Gegner massiv be- und verhinderte.

Exkurs: Pressing aus einer Manndeckung heraus

Interessant war, dass die Bayern unter Dettmar Cramer zwar weitestgehend mit einer Manndeckung, aber auch mit Ansätzen eines Pressings agierten. Das passt zum Charakter Dettmar Cramers. Dieser galt in jenen Jahren als „Fußballprofessor“ und hatte (wohl auch zu Recht) eine hohe Meinung von sich selbst. So ist beispielsweise folgendes Zitat von ihm überliefert:

„Was macht ihr aus der Raumdeckung, das ist doch das Einfachste der Welt!“ – Dettmar Cramer bei einer Trainertagung in den 80ern (laut der ZEIT)

Dennoch vermittelte er seiner Mannschaft anno 1975 nicht die Raumdeckung. In der Bundesliga sollte sich in den nächsten Jahren die Raumdeckung inklusive Pressing durchsetzen. Gyula Lorant führte die Raumdeckung u.a. bei Eintracht Frankfurt ein und sie, zumindest als Mischsystem aus Mann- und Raumdeckung, setzte sich in der Bundesliga durch. In der Nationalmannschaft war sie hingegen weiterhin nur wenig wert und wurde von Altmeister Helmut Schön nicht konstant genutzt.

„Die Deutschen haben die intelligentesten Spieler, aber in der Nationalmannschaft spielen sie den dümmsten Fußball.“ – Gyula Lorant im Spiegel

Doch obwohl die Deutschen die intelligentesten Spieler hatten und auch Dettmar Cramer als Fußballprofessor galt, spielten seine Bayern in der Bundesliga jener Zeit vergleichsweise rückständig. Sie dominierten zumeist wegen ihrer individuellen Überlegenheit, der Klasse von so überaus intelligenten und kombinationsstarken Akteuren wie Gerd Müller und Franz Beckenbauer sowie fortschrittlichem Training. Auch das vereinzelte, aber nicht kollektiv organisierte Pressing war hilfreich, dennoch gab es Kritik an Cramer, der sich wie folgt äußerte:

„Solange ich nicht die dafür geeigneten Spieler habe, ist meine Ansicht von der besseren Taktik einen Dreck wert.“ – Dettmar Cramer im Spiegel

Wahre Worte. Cramer ließ seine Mannschaft auch darum bewusst in der Manndeckung spielen, weil man den Gegnern individuell überlegen war. Gleichwohl gab es einzelne Spieler, die zwar nicht in einer reinen Raumdeckung spielten, aber den Gegner übergeben konnten und ihren Mann verlassen konnten. Ob sie dabei ihren Deckungsschatten bewusst oder zufällig genutzt haben – oftmals scheiterte es, was auf letzteres vermuten lässt –, ist nicht eindeutig. Daum war das Pressing auch nicht so effektiv, wie es hätte sein können.

Dennoch hatte Cramer zumindest ansatzweise Recht, dass er der Manndeckung treu blieb. Gyula Lorant sollte ebenfalls in seiner kurzen Zeit beim FC Bayern an der erfolgreichen Vermittlung der Raumdeckung scheitern, erst Nachfolger Pal Csernai, welcher dem Mischsystem aus Mann- und Raumdeckung im sogenannten „U“-System weitestgehend abschwor, hatte beim deutschen Rekordmeister damit Erfolg. Doch sogar Csernai hatte mit der Umsetzung Probleme, wie wir im Artikel zu Aberdeens Giant Killing 1983 sehen können.

Allerdings ist die theoretische Idee eines effektiven und organisierten Pressings aus einer Mannorientierung heraus eine überaus interessante. Möglich wäre es dies zu praktizieren, auch wenn es der unlogische Schritt ist: Sobald man ins Pressing übergeht, werden (häufig) Gegenspieler frei. Übernimmt immer der aus der Tiefe kommende Spieler beim kollektiven Forechecking nach vorne, dann können lange Bälle direkt eine Überzahl in gefährlichen Zonen erzeugen. In Verbund mit einem Libero würde sogar das Mittel der Abseitsfalle von der pressenden Mannschaft selbst neutralisiert werden.

Wie sonst kann man es also praktizieren? Eine Möglichkeit wäre es, die Manndeckungen nicht nach hinten zu übergeben, sondern in die Horizontale. Soll heißen: Wenn sich die Offensivspieler zum Pressing lösen und zum Ball schieben, agieren sie mit ihrem Deckungsschatten und verhindern Anspiele. Während sie laufen, verschiebt das Kollektiv nicht, sondern nur die ballfernen Spieler rücken zum nächstfreien Gegner ein und übernehmen den freigewordenen Spieler.

Praktisch attackieren dann der linke Außenverteidiger, der linke Außenstürmer und der Mittelstürmer, während der rechte Außenstürmer und der rechte Außenverteidiger die beiden ballfernsten Gegenspieler stehen lassen und sich in die Mitte orientieren, wodurch eine Kettenreaktion entsteht. Ein kollektiv intelligentes und fehlerloses Spiel wäre zwar möglich, aber wohl weder so einfach noch so effektiv wie bei der Raumdeckung.

Cramer praktizierte es zumeist so, dass die hinteren Akteure eine meist starre Manndeckung hatten, die mittleren eine lose Manndeckung mit Anlaufen bei Ballannahme und die Offensivspieler sich in einer Dreierreihe hinter oder gar einer Viererreihe mit Müller positionierten. Sie hatten zwar einen Gegenspieler, standen aber weit weg und ließen den Gegner im ersten Spielfelddrittel in Ruhe. Dafür konnten sie dann den Manndeckern im Mittelfeld helfen und ein situatives und lokales Pressing im Mittelfeld aufbauen.

„Fußball ist ein Spiel von Zeit und Raum.“ – Dettmar Cramer

Fazit

Mit diesem 0:1-Auswärtserfolg nach Tor von Oleg Blokhin hatte Dynamo Kyiv alle Karten in der Hand. Im Gegensatz zu heute gab es noch ein Rückspiel in der Ukraine, welches die Bayern einen Monat später ebenfalls verlieren sollten. Kyiv trat in dieser Partie mit Muntyan und Onishchenko auf, Lobanoskiy stellte also auf ein reineres 4-4-2 um –die taktisch überaus wirkungsvollen, aber spielerisch etwas schwächeren Damyan und Slobodyan fielen aus der Startaufstellung. Oleg Blokhin traf prompt zwei Mal und es war somit ein nie gefährdeter Erfolg gegen die Münchner, welche in dieser Saison abermals den Meisterpokaltitel holen sollten.

Lobanovskiy und Dynamo Kyiv unter seiner Ägide hingegen fristen bis heute eine Mischung aus Schattendasein und Anerkennung in der Fußballwelt. Erst 1974 war Lobanovskiy zu Kyiv gekommen und hatte zuvor ohne groß aufzufallen bei Dnipro Dnipropetrovsk gearbeitet. Siebzehn Titel sollte er in den nächsten 19 Jahren holen, unter anderem acht sowjetische Meisterschaften, dem Weltpokalsieg gegen die Münchner Bayern sowie zwei Siegen im Pokal der Pokalsieger (1975 und 1986, jeweils mit Oleg Blokhin).

Viermal war er Trainer der sowjetischen Nationalmannschaft, welche er 1988 ins EM-Finale führte. Gegen Ende seiner Laufbahn war er wieder bei Dynamo unterwegs, wo er 1999 die Bayern in der Champions League abermals ärgern sollte. In seiner letzten Amtsperiode, die sich immerhin über fünf Jahre erstreckte, hatte Dynamo Kyiv eine Siegquote von annährend 80%. Ein beeindruckender Wert für einen Mann, der den modernen Fußball nicht nur vorwegnahm, sondern auch nach über 30 Jahren im Trainergeschäft (1975 wäre er der jüngste Bundesligatrainer gewesen, als  er die Bayern herausforderte) war er auf dem laufenden Stand der Dinge. Bis heute ist Lobanovskiy von Mythen umgeben und seine Erfolge nicht klar einzuordnen. Seine Mannschaften und Zitate zeigen aber, wie viel Ahnung der Mann gehabt haben musste:

„Modern football is the game of speed and imagination. The essence of football is numerical superiority in different areas of the pitch. The first requirement for the player is to quickly switch from defense to offense and vice versa.” – Valeriy Lobanovskiy

Dettmar Cramer andererseits sollte nicht ganz in solchen hohen Ehren gehalten werden. Der „Fußballprofessor“ hatte einige Parallelen zu Lobanovskiy, ohne aber ein solch pragmatischer Visionär zu sein. Bereits mit 23 Jahren war Cramer Cheftrainer des Westdeutschen Fußballverbandes. Diesen Posten hatte er 15 Jahre inne bevor er zum DFB ging, um dort als Assistenztrainer der Nationalmannschaft zu arbeiten. Er tingelte daraufhin durch die Welt, hospitierte und wurde schließlich Trainer beim US-Verband. Letztlich erlag er dem Ruf der Bundesliga erst, als der FC Bayern anklopfte.

Als Nachfolger von Udo Lattek hatte er anfangs einige Probleme, doch seine Erfolge (zwei Meisterpokalerfolge und der Weltpokal 1976) brachten die Kritiker zum Verstummen. 1977 wurde er trotzdem mit Gyula Lorant von der Eintracht getauscht. Beide Trainer sollten bereits nach einer Saison den jeweiligen Verein  wieder verlassen. Der Weltenbummler Cramer ging nach Japan und wird dort heute noch als Begründer des modernen Fußballs gefeiert; eine Ehre, die ihm in Deutschland verwehrt wird. Womöglich zu Unrecht. Eines der Zitate Cramers kann man sogar bis heute problemlos für den Fußball in allen Leistungsebenen nutzen:

„Um Tore zu schießen oder zu verhindern, braucht man den Ball. Wo der Ball ist, muss man mehr Spieler haben als der Gegner. Es gilt, die Spieler für die Kleingefechte um den Ball zu schulen.“ – Dettmar Cramer, 1986